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MEDIZIN IN DER SACKGASSE

Wie lange noch sind
Gesundheitskosten finanzierbar?


von

RICHARD FUCHS

Sachbuchautor

E-Mail: richfuchs@t-online.de

 

 

RICHARD FUCHS
Sachbuchautor
E-Mail: richfuchs@t-online.de

(geb. 1937), Düsseldorf, verheiratet mit der Journalistin und Buchautorin Ursel Fuchs, beschäftigt sich als Sachbuchautor kritisch mit vordringenden Technologien im Bereich Ernährung, Biomedizin, Organtransplantation, Gentechnologie, Neo-Eugenik, wie auch mit deren Versprechungen, Risiken, Nebenwirkungen und kommerziellen Hintergründen.

Er ist Autor von
 

  • Tod bei Bedarf.
    Mordsgeschäfte mit Organtransplantationen
    ,
    Ullstein Report, Berlin 1996.
     

  • weitere Informationen zum Autor Richard FuchsCo-Autor von
    Sterben auf Bestellung - Fakten zur Organentnahme,
    emu-Verlag, Lahnstein 1997.
     

  • Gen Food. Ernährung der Zukunft?,
    Ullstein, Berlin 1997
     

  • Gemeinsam mit Prof. Dr. jur. K. A. Schachtschneider Herausgeber und Autor von
    Spenden was uns nicht gehört.
    Das Transplantationsgesetz und die Verfassungsklage,
    Rotbuch Verlag, Hamburg 1999.
     

  • Functional Food. Medikamente in Lebensmitteln.
    Chancen und Risiken.
    Verlag Gesundheit, Berlin 1999.
     

  • Das Geschäft mit dem Tod.
    Plädoyer für ein Sterben in Würde
    .
    Patmos Verlag, Düsseldorf 2001.
     

  • Die Monopolisierung unserer Nahrung,
    in: Prof. Dr. Eberhard Hamer/Eike Hamer (Hrsg.):
    Wie kann der Mittelstand die Globalisierung bestehen,
    Aton Verlag, Unna Herbst 2005.
    Erweiterte 2. Auflage unter dem Titel:
    Der Welt-Geldbetrug,
    Unna 2007.
     

  • Mitherausgeber u. -autor von: Agro-Gentechnik:
    Die Saat des Bösen.
    Die schleichende Vergiftung von Böden und Nahrung
    .
    emu Verlag Lahnstein., Herbst 2006.
    Aktualisierte 2. Auflage, Frühjahr 2007.
     

  • Gemeinsam mit Ursel Fuchs:
    Vitaminbomben, Nahrungsergänzung, Functional Food.
    Versprechungen, Risiken, Nebenwirkungen
    ,
    emu Verlag Lahnstein, Herbst 2006.
     

  • Neu-Erscheinung:
    Life Science.
    Eine Chronologie von den Anfängen der Eugenik
    bis zur Humangenetik der Gegenwart
    .
    LIT Verlag Münster, April 2008.

<Informationen über Richard Fuchs>
 

MEDIZIN  IN  DER  SACKGASSE
              Wie lange noch sind Gesundheitskosten finanzierbar?



Die in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsene statistische Lebens in den westlichen Industrienationen könnte den Schluss nahe legen, die genetische Ausstattung des Menschen habe sich kontinuierlich verbessert. Folglich würden die Menschen Gesundheitsleistungen nur noch im geringen Umfang in Anspruch nehmen müssen. Obwohl die demografischen Prognosen und die vielbeschworene Entwicklung der Alterspyramide vordergründig diesen Schluss nahe legen, sind dennoch Zweifel angebracht. Denn Fachärzte verschiedener Fachrichtungen diagnostizieren heute zunehmend selbst- oder umweltverursachte wie auch vom Arzt verursachte Erkrankungen bei immer mehr jüngeren Menschen, die bisher vorwiegend bei älteren Patienten anzutreffen waren. Deshalb muss in Zukunft nicht nur mit einer rückläufigen Entwicklung der Lebenserwartung gerechnet werden, sondern auch mit einer schleichenden Degeneration des Menschen bei gleichzeitig steigenden Gesundheitskosten. Denn schon heute wird die höhere Lebenserwartung nicht selten erkauft um den Preis einer Multimorbidität, begleitet von einem hohen therapeutischen Aufwand. Mit dieser Medizin werden dem Leben mehr Jahre geschenkt, aber nicht immer den Jahren mehr Leben.

 

Obwohl diese Kosten aufgrund der ständig steigenden Nachfrage nach Gesundheitsgütern auf Sicht nicht mehr finanzierbar sind, soll Gesundheit das Handelsprodukt der Zukunft werden, folgt man dem Paradigma des ehemaligen Generaldirektors der Weltgesundheitsorganisation WHO, Hiroshi Nakajima: Gesundheit müsse von der Peripherie ins Zentrum der Wirtschaft rücken, vollberechtigte Handelsware und Konsumgut werden (Le Monde Diplomatique, 2. 3. 1999). Dabei eröffnet die Gentechnik ganz neue und zusätzliche Märkte und nicht selten uneinlösbare Gesundheitsversprechen. In ganzseitigen Tageszeitungsanzeigen der Deutschen Chemischen Industrie war 1992 zu lesen: "Nur mit Gentechnik haben wir im Kampf gegen Krebs, Aids und Herzinfarkt eine Chance." Das Spiel mit der Hoffnung sollte ein günstiges Klima in der Bevölkerung und Politik erzeugen. Diese Versprechen konnte zwar nicht erfüllt werden, doch die Kampagne erzeugte eine nachhaltige Wirkung. Nun glaubt eine breite Mehrheit der Bevölkerung an die Gesundheitsverheißungen der Gentechnik. In der Werbung spricht man in solchen Fällen von Bedarfweckung für ein Produkt oder eine Dienstleistung für die es keinen Markt gab, in diesem Fall für einen neuen aber auch kostenintensiven Markt der Biomedizin, Molekularbiologie und Genetik. Der so genannte McKusick-Katalog der "Mendelian Inheritance in Man" (MIM) ist die entscheidende medizinische Standarddatenbank, die seit 30 Jahren Auskunft gibt über die Anzahl erblicher Erkrankungen. Die Zahl der in diesem Katalog verzeichneten Krankheitsbilder, für die genetische Ursachen bekannt sein sollen, betrug im Jahr 1992 5000, stieg Ende 1998 auf 10 000 und lag 2003 bei über 14 000 Einträgen. Das heißt allerdings, dass die Schere zwischen diagnostizierbaren Krankheiten oder Dispositionen und Therapieangeboten immer weiter auseinander klafft.

 

Das "gesunde Geschäft mit den kranken Kassen" zählt mit Milliardenumsätzen in Deutschland zu den stärksten Wirtschaftszweigen und liegt im europäischen Vergleich ganz vorne. Noch teurer und ineffizienter zugleich, mit einer Finanzierung in Höhe von etwa 14 Prozent des "Bruttosozialproduktes" (das ist der Wert aller im Inland erzeugten Güter und Dienstleistungen), ist das Gesundheitswesen der USA. Geld allein bietet allerdings keine Garantie für Gesundheit. Dass mit niedrigeren Ausgaben im Gesundheitswesen ein besserer Gesundheitszustand der Bevölkerung erzielt werden kann, beweisen andere Länder mit der höchsten Lebenserwartung ihrer Bevölkerung, wie beispielsweise Italien oder Japan.

 

 

SIND KRANKHEITEN SCHICKSAL?

Gesundheitspolitik scheint inzwischen einen anderen Weg zu betreten, den der Prävention, Vermeidung von Erkrankungen, kurz gesagt, vorbeugen statt heilen. Diesem Kontext etwa sind Rauchverbote in Restaurants und Gaststätten, Warnhinweise auf Zigarettenschachteln oder genauere Deklarationen auf Verpackungen von Industriekost mit zuviel Fett und gehärteten Fetten zuzuordnen. Denn Lungenkrebs, Herz-Kreislauf- und Gefäßschäden können durch Rauchen entstehen, Dickdarmkrebs oder Altersdiabetes durch falsche Ernährung. Das sieht auch das Statistische Bundesamt so, wenn aufgrund der erhoben Daten festgestellt wird, dass mehr als ein Viertel aller Gesundheitskosten zu Lasten ernährungsbedingter Krankheiten geht. Genussgifte wie Zigaretten und Alkohol, aber auch Umweltgifte und Tablettenmissbrauch schaden der Gesundheit, der Verzicht darauf hilft individuelles Leid vermeiden und Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Schließlich sind auch der überwiegende Teil, der Gesundheitsschäden, die eine teure Transplantation notwendig machen, hausgemacht. Das aber ist eine Erkenntnis, die von Verantwortlichen der Gesundheitspolitik nicht unbedingt wahrgenommen wird. Zu groß ist der Einfluss von Lobbyisten auf die Volksvertreter, zum Beispiel der Pharmaindustrie. Statt dessen wird mit einem erheblichen Werbeaufwand für die Organspende geworben.



Hierzulande haben gesundheitliche Schäden, die durch ärztliches Handeln bzw. durch Nebenwirkungen von Medikamenten verursacht wurden, ein beträchtliches Ausmaß erreicht. Bei rund 25 Prozent aller Patienten, die zum Beispiel als Folge einer Niereninsuffizienz dialysepflichtig werden, ging ein jahrelanger Schmerzmittelmissbrauch voraus, natürlich mit einem hohen Anteil an Selbstmedikation. Eine Dialysebehandlung wäre in etwa 50 Prozent aller Fälle vermeidbar oder erst viel später erforderlich, wenn auf Schmerzmittel verzichtet würde, diätetische Maßnahmen beachtet, der Lebenswandel geändert und Nierenschäden von Ärzten rechtzeitig erkannt und behandelt würden. Weil dies aber vielfach nicht geschieht, steigt die Zahl der Dialysepflichtigen in Deutschland jährliche um rund sieben Prozent. Die Kosten für Dialyse und Organtransplantationen betragen mehrere Milliarden Euro. Die Gewinner dieser Fehlentwicklung sind Ärzte und in jedem Fall die Pharmaindustrie.



Der belgische Forscher Marc E. de Broe, Antwerpen, berichtete im Oktober 1996 auf einem Nephrologie-Kongress über eine Studie, die er verfasst hatte: Er untersuchte mehr als 200 durch Schmerzmittel geschädigte Nierenkranke aus 15 Ländern. Bis auf sieben gestanden alle die jahrelange Einnahme von Kombinationsschmerzmitteln ein (FAZ, 16. 10. 1996). Mischpräparate, die häufig als nützlich und harmlos angepriesen werden, verursachen nicht selten genug gerade das, was man zu beheben versucht und gelten als besonders nierenschädigend. "Effiziente" Mittel, um Leber und Niere zu schädigen, sind zudem nicht nur die altbekannten Drogen, sondern auch Partydrogen wie "Ecstasy". In den USA finden Schlankheitspillen, sogenannte "Appetitzügler", einen rasenden Absatz. Sie enthalten stimulierende Substanzen vom Amphetamintyp. Als Dealer treten dabei diesmal nicht die Drogenhändler auf, sondern Fitness-Clubs, Modegeschäfte und Schönheitsfarmen. Die Schädigungen vollziehen sich in einem schleichenden Prozess, dessen Folgen nicht gleich überblickt werden. Wenn aber der Schaden entstanden ist, nehmen das Anspruchsdenken und der Wunsch nach "Reparatur" zu.

 

 

WIE TEUER
WAREN TRANSPLANTATIONEN DAMALS?


Bis Ende 1995 hatte jedes deutsche Transplantationszentrum seine eigenen Abrechnungsmodalitäten. Selbst den einzelnen Verwaltungen war nur selten bekannt, welche Umsätze mit Transplantationen getätigt werden oder wie viel eine Transplantation kostet. Diese Beliebigkeit sollte mit der Einführung der sogenannten "Fallpauschalen" am 1. 1. 1996 ein Ende haben, denn bis dahin war die Datenlage in den einzelnen Transplantationszentren zur Ermittlung der durchschnittlichen Kosten für eine Transplantation völlig unzureichend: Von insgesamt 34 Zentren waren nur etwa fünf in der Lage, Zahlen zu liefern. Und auch Krankenkassen waren diesbezüglich überfordert.



Die Ermittlung der "Fallpauschalen" bei Organtransplantationen war das Ergebnis eines Forschungsprojekts, das das Bundesministerium für Gesundheit drei Unternehmensberatungs-Gesellschaften in Auftrag gegeben hatte: dem Projektteam der "DKI - Deutsches Krankenhausmanagement Beratungs- und Forschungsgesellschaft mbH", der "GEBERA - Gesellschaft für betriebswirtschaftliche Beratung mbH" und dem Projektteam "IfG - Institut für Gesundheitsökonomik". Für die Erhebung und Auswertung der Zahlen war das Basisjahr 1993 maßgebend. Die Arbeit erwies sich als schwierig, da selbst in den wenigen Kliniken, die bereitwillig kooperierten, die Datenlage zu mangelhaft war, um eine Kalkulation mit der gewünschten Differenzierung durchzuführen. Bei Lebertransplantationen differierten die Fallkosten zwischen 151.210 und 195.910 DM, bei Nierentransplantationen lagen sie zwischen 79.352 und 105.401 DM und bei Knochenmarktransplantationen zwischen 164.774 und 331.697 DM.

 

 

WIE TEUER
SIND TRANSPLANTATIONEN HEUTE?


Im Transplantationsgesetz heißt es: Die Organentnahme und alle mit ihr zusammenhängenden Maßnahmen müssen unter Achtung der Würde des Organspenders in einer ärztlichen Sorgfaltspflicht entsprechenden Weise durchgeführt werden. Dieser Satz soll Vertrauen schaffen, wenn auch das Versprechen uneinlösbar ist. Mit Beachtung der Menschenwürde hat der Umgang mit einem Menschen, dem Organe entnommen werden, nichts zu tun. Denn letztlich wird der zu Beginn einer Organentnahme noch lebende komatöse Patient während der OP getötet. Während bei jeder anderen Operation Patienten zur Abwehr von Schmerzen narkotisiert werden, soll laut einer Richtlinie der Bundesärztekammer bei Organentnahmen darauf verzichtet werden. Dabei ist keineswegs auszuschließen, dass der noch lebende, wehrlose Patient Schmerzen empfindet. Als besonders belastend beschrieb eine Anästhesistin im Deutschen Ärzteblatt (Dr. Friederike Schlemmer, 16.07.2001) die undankbare, belastende und schwierige Aufgabe, den Herzkreislaufstillstand nach erfolgter Explantation herbeizuführen. Obwohl die Organentnahme bei einem "hirntoten" Patienten alles andere als menschlich ist, hat die Transplantationsmedizin dennoch einen hohen Anspruch an Humanität, obwohl es sich hierbei nicht zuletzt auch um einen handfesten Wirtschaftsfaktor handelt. Letzteres sollen folgende Zahlen belegen:

 

Ein guter Schnitt -
das Geschäft mit dem Skalpell


Eine Herztransplantation kostet seit dem 1. Januar 2005 78.513,-- Euro (Fallpauschale), eine Lebertransplantation mit Langzeitbeatmung 64.302,-- und eine Lungentransplantation 81.426,-- Euro, wobei die Organe zu Anfang der Wertschöpfungskette, mit oder ohne Einwilligung des sogenannten "Spenders" bzw. Opfers, zum Nulltarif zur Verfügung stehen. Rund 95 Prozent der sterbenden Patienten haben ihre Einwilligung in eine Organentnahme nicht gegeben. Da inzwischen die Leistungen der "Organbeschaffung" nicht mehr mit den (44) Transplantationszentren abgerechnet werden können, und diese nicht mehr Bestandteil der Fallpauschale sind, müssen dafür zusätzlich die Leistungsträger, d. h. Krankenkassen der Organempfänger aufkommen.

 

 

Weder Datenschutz
noch ärztliche Schweigepflicht


Am 1. Dezember vor 10 Jahren (1997) trat das Transplantationsgesetz in Kraft. Da mehr Organe beschafft werden sollten, schrieb der Gesetzgeber eine Regelung vor, die bei Datenschutzbeauftragten Entsetzen hervorrufen müsste: Hier heißt es:

 

"Die Transplantationszentren und die anderen Krankenhäuser sind verpflichtet, untereinander und mit der Koordinationsstelle zusammenzuarbeiten. Die Krankenhäuser sind verpflichtet, den endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms von Patienten, die nach ärztlicher Beurteilung als Spender vermittlungspflichtiger Organe in Betracht kommen, dem zuständigen Transplantationszentrum mitzuteilen, das die Koordinationsstelle unterrichtet."

 

 
Obwohl diese Regelung sowohl den Datenschutz als auch die ärztliche Schweigepflicht (§§203 u. 204 StGB) "im übergeordneten Interesse" ad absurdum führen, hat sie nicht den von der Transplantationsmedizin gewünschten Erfolg gebracht. Nur rund 60 Prozent der Klinikverwaltungen setzen sich aktiv für Organspende ein. Die Bevölkerung ist nach wie vor skeptisch. Eine Umfrage ergab, dass eine Mehrheit der Befragten antwortete, bei der Organtransplantation "gehe es nicht alles mit rechten Dingen zu".



Die Zusammenarbeit zwischen den Transplantationszentren und den in ihrem Einzugsbereich liegenden "Spenderkliniken" war immer wesentlich. Bisher war es eine freiwillige Kooperation, gefördert durch finanzielle Zuwendungen. Da die Meldepflicht der Krankenhäuser zunächst in Gestalt einer lex imperfecta ausgestattet wurde, da ihre Verletzung weder durch Strafandrohung noch mit Bußgeld sanktioniert ist, sollten für Krankenhäuser und auch Krankenhausärzte die finanziellen Anreize deutlich erhöht werden.

 

 

Neue Regelung für Aufwandserstattungen für Spenderkrankenhäuser

In einem Rundschreiben vom 5. April 2007 von der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft (DKG) und der DSO heißt es:

 

Eine leistungsgerechte und transparente Aufwandserstattung soll entscheidend zur Förderung der Organspende beitragen.

 

 
Die Vergütung der Kosten erfolgt über ein Modulsystem, das Zahlungen an Spenderkrankenhäuser für die zur Aufrechterhaltung der Homöostase (Aufrechterhaltung des sog. inneren Milieus des Körpers, d. V.) notwendigen räumlichen, sächlichen und personellen Ressourcen vorsieht. Im Einzelnen wurden zwischen den TPG-Vertragsparteien folgende Pauschalen für den Budgetzeitraum 2007 bis 2009 der DSO fortgeschrieben:
 

Modul

Einorgan-/Nierenentnahme

Vergütung

2.090,-- Euro

Multiorganentnahme  3.370,-- Euro
Abbruch während der Intensivstationsphase wegen Ablehnung  200,-- Euro
Abbruch während der Intensivstationsphase nach Zustimmung  1.270,-- Euro
Abbruch im OP  2,090,-- Euro

 

Sofern Ärzte des Krankenhauses während der Dienstzeit im Rahmen ihnen gestatteter Nebentätigkeiten die Hirntodfeststellung im Auftrag der DSO vornehmen, wird diesen von der DSO ein Betrag in Höhe von 255,65 Euro (inklusive etwaiger Zusatzuntersuchungen) erstattet. (...) Sollte die Abrechnung vom Krankenhaus stellvertretend für die betreffenden Ärzte vorgenommen werden, ist sicherzustellen, dass die Aufwandserstattung für die Erbringung der ärztlichen Leistungen im Auftrag der DSO, den betreffenden Ärzten ausgezahlt wird.

 

 
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass allein die Zustimmung zur Organspende in der Intensivstationsphase mit über 1000 Euro zusätzlich gegenüber der Ablehnung belohnt wird. So eine Art Prämie und eine besondere Herausforderung der Ärzte an ihre Überzeugungsarbeit mit Angehörigen, die sich in dieser Situation in einem Ausnahmezustand befinden und deshalb nicht in der Lage sind, eine wohlüberlegte und verantwortbare Entscheidung treffen.

 

 

Der Tod vor dem Tod als Geschäftsgrundlage

So nützlich und zuweilen lebensrettend in der Regel die medizinische Versorgung im Krankenhaus ist, so gefährlich kann der Aufenthalt in Grenzsituationen werden. Mit dem "Hirntod"-Konzept eröffnen sich dagegen Handlungsoptionen für das Klinikpersonal mit einer gegenteiligen Wirkung. Die Feststellung des sogenannten "Hirntodes" führt in der Regel zum Behandlungsabbruch, also zur passiven Sterbehilfe, oder zu einem fremdnützigen Eingriff, indem ein Chirurgenteam den Patienten durch die Organentnahme tötet.



Die Informationen nehmen in aller Regel Koordinationsbüros der DSO in den Transplantationszentren entgegen. Die gesetzlich geregelte Meldepflicht der Krankenhäuser betrachtete der ehemalige Geschäftsführer der DSO, Dr. Thomas Zickgraf als "Eintrittskarte in alle Krankenhäuser". Die Mitarbeiter der DSO übernehmen im Rahmen ihrer Dienstaufgabe - "Organbeschaffung" - die professionelle Überzeugungsarbeit bei trauernden Angehörigen.



Das heißt, kein Patient auf der Intensivstation, der die Kriterien des sogenannten "Hirntodes" erfüllt, kann verhindern, dass seine Daten gegen seinen Willen weitergeleitet werden, mit der Maßgabe der baldigen Kontaktaufnahme mit den Angehörigen, um die Einwilligung in eine Organentnahme einzuholen.

 

 

7640,-- Euro für Organbeschaffung,
6085,-- Euro für Flugkosten


Die Dienstleistung "Organbeschaffung" ist seit dem Jahr 2000 gesetzlich geregelt und wurde der "Deutschen Stiftung Organtransplantation" (DSO) monopolistisch übertragen. Sie erhält je transplantiertem Organ eine Organisationspauschale in Höhe von 7640,-- Euro (Stand 2002 - 2003). Bei extrarenalen Organen (z. Zt. Herz, Leber, Pankreas, Darm) fällt zusätzlich eine Pauschale von 6085,-- Euro für solche Flugkosten an, für die ein eigenständiger Flug durchgeführt wurde. Auch diese Kosten übernimmt die Krankenversicherung des Organempfängers. Im Jahr 2006 wurden rund 4000 Organe von 1259 "hirntoten" Menschen verpflanzt. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass der Monopolstatus der DSO und deren Millionenumsätze ins Wanken geraten. Einen Vorschlag, auf dem Beschaffungsmarkt für menschliche Organe mehr Wettbewerb zuzulassen machte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Durch mehr Wettbewerb erwartet die DKG außerdem ein höheres "Spendenaufkommen".



Demgegenüber regte der DSO-Vorstand an, auch über Organspenden nach Herztod nachzudenken. Sieht man von der Qualität dieser Organe ab, würde das die Zahl der potentiellen "Organspender" erheblich erhöhen: Denn die Zahl der Sterbenden, die das Kriterium "Hirntod" erfüllen - ca. 5000 jährlich von insgesamt rund 900 000 Sterbefällen in Deutschland (ca. 0,6 Prozent) - lässt sich nicht beliebig erhöhen. Von diesen 5000 Sterbenden scheidet wiederum eine erhebliche Zahl aus den verschiedensten Gründen aus.



Die Idee, eine neue Zielgruppe als potentielle Organspender zu gewinnen, ist nicht neu. In über 50 US-amerikanischen Transplantationszentren werden nach dem "Pittsburgher Protokoll", einer standesrechtlichen Richtlinie, auch nach Herzversagen Organe entnommen. Da aber die Organe nach dem Ausfall der Herz-Kreislauf-Funktion sehr schnell unbrauchbar werden, ist Eile geboten. Deshalb kam man zu der Übereinkunft, dass zwei Minuten nach Feststellung des klinischen Todes Organe entnommen werden dürfen. Um die Zahl der Transplantationen um weitere 20 bis 25 Prozent zu steigern, ließen die Ärzte in Pittsburgh Schwerstkranke auf eigenen Wunsch oder mit Zustimmung der Angehörigen kontrolliert sterben, um nach 120 Sekunden Herzkreislauf- bzw. Atemstillstand ihre Organe entnehmen zu können. Die amerikanische Soziologin, Prof. Renée Fox (University of Pennsyvania/Philadelphia, kommentierte das Pittsburgher Protokoll in einem Essay:

eine gemeine Art eines medizinisch rationalisierten Kannibalismus, die verboten werden müsste.

 

 

Milliardenumsätze mit Immunsuppressiva

In Zeiten der Marktwirtschaft wird die Transplantationsmedizin nicht nur durch den Bedarf gesteuert, sondern auch von den kommerziellen Interessen der Akteuren, nicht zuletzt auch von der Pharmaindustrie, die mit dem Verkauf von Immunsuppressiva Milliardenumsätze tätigt. Nur so erklärt sich z. B. die Tatsache, dass ein wesentlicher Teil der Herzempfänger unter Verzicht einer Transplantation mit einer konservativen Behandlung genauso lange gelebt hätte.



Das Schulungsprogramm für die Transplantationskoordinatoren und Ärzte wurde lange Zeit von Sandoz (heute Novartis), dem Hersteller von Sandimmun, dem Marktführer immunsuppressiver Medikamente, finanziert. Die Marketingüberlegung war, jeder überzeugte Angehörige eines "Hirntoten", bringt auf der Organempfängerseite einen lebenslangen Konsument der teuren Medikamente. Nach Aussagen des Novartis-Chefs Daniel Vasella sind die Marketing-Ausgaben fast doppelt so hoch, wie die für Forschung.



Auch die Konkurrenz schläft nicht, wie zum Beispiel der japanische Pharmakonzern Fujisawa. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelte sowohl in der Europazentrale dieses Konzerns, als auch in sieben Transplantationszentren deutscher Großstädte, wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit. Es waren Überweisungen an Ärzte im fünfstelligen Bereich aufgefallen, um Transplantationsmediziner geneigt zu stimmen, das Immunsuppressivum Prograf zu verschreiben. Bei Prof. Walter Land vom Klinikum Großhadern in München klingelten die Ermittler sogar zu Hause. Schon vorher hatten die Fahnder einen Vertrag zwischen Fujisawa und Land entdeckt, der dem Chirurgen allein für ein Jahr 20 000 Euro für Studien und Anwendungsbeobachtungen sicherte.



Anders als bei anderen Medikamenten bestimmt der operierende Arzt in der Klinik ein für alle Mal, welches Präparat der Organempfänger nehmen wird. Es sind also wenige Spezialisten in den Transplantationszentren, die über Milliardenumsätze der Pharmakonzerne entscheiden.

 

Lesen Sie hierzu auch:

Wann ist der Mensch Tod? 
Eine Kurzgeschichte des "Hirntodes"

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