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WAS ERLEBT EIN
KOMAPATIENT?
aus:
Das Geschäft mit dem
Tod
(ISBN 3-491-72442-2)
von
<Richard Fuchs>
Viele der auch heute noch
gebräuchlichen Begriffe in der Medizin haben ihren Ursprung im
klassischen Altertum Griechenlands; so auch der Begriff »Koma«. Koma
bezeichnete einen tiefen, festen oder auch unerweckbaren Schlaf, es
konnte auch ein Fiebersymptom oder Tempel - Heilschlaf sein. Nach
heutiger Auffassung bedeutet Koma:
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»schwerster Grad der quant.
Bewußtseinsstörung, bei der der Patient durch äußere Reize nicht
mehr zu wecken ist«.
Das Klinische Wörterbuch Pschyrembel beschreibt
hiernach eine Vielzahl von Krankheitsbildern und deren Ursachen. Sie
reichen
- vom Präkoma, einer Stoffwechselentgleisung ohne
Bewußtseinsstörung, die in ein Koma überzugehen droht,
- über ein
diabetisches,
- hepatisches,
- pylorisches,
- urämisches, ein durch Schock
verursachtes,
- säuglingstoxologisches,
- thyreotoxisches,
- zerebrales
Koma,
- bis hin zum Wachkoma (apallisches Syndrom).
Goma
depassé = »Hirntod«
Die französischen Wissenschaftler P.
Mollaret und M. Goulon prägten 1959 den Begriff »coma depassé«
(endgültiges Koma). Sie bezeichneten damit den irreversiblen Ausfall
der Himtätigkeit. Erst mit der Einführung der künstlichen
Langzeitbeatmung konnte der Zustand Coma depassé beobachtet werden.
Die Autoren setzten coma depassé allerdings nicht mit dem Tod des
Menschen gleich.
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Das
geschah erst, als die Harvard Ad - hoc - Kommission 1968
diesen Begriff aus pragmatischen Gründen in
»Hirntod« umdekorierte. Der Begriff »Hirntod«
wurde zu dem Zeitpunkt als Tod des Menschen
eingeführt, als nach der ersten Herztransplantation
1967 in Kapstadt 1968 auch in den USA rund 70
Herztransplantationen vorgenommen worden waren und ...
... Ärzte
sich gegen den Vorwurf eines Tötungsdeliktes und eine
entsprechende Strafverfolgung zur Wehr setzen mußten.
Denn
nach der ersten Herztransplantation am 3. Dezember
1967 hatten Zeitungen gefordert, Christiaan Bamard vor
dem Internationalen Gerichtshof des Mordes anzuklagen. |
Das Problem war schnell erkannt und
wurde ad hoc gelöst. In dem Harvard - Report der Ad - hoc -
Kommission
heißt es schlicht, einfach und vorauseilend:
»
Unsere primäre
Absicht ist,
das irreversible Koma als neues Todeskriterium
zu definieren« ;
und zum Schluß:
»Obsolete Kriterien zur Definition des
Todes
können zu Kontroversen
bei der Beschaffung von Organen
für
Transplantationen führen.«
40.000 Menschen jährlich bis zu zwei
Wochen im Koma
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Insgesamt rund 40.000 Menschen fallen im
Bundesgebiet jährlich ins Koma, davon 20.000 ein bis zwei Wochen, etwa
17.000 Betroffene jährlich drei bis vier Wochen und etwa 3.000
Betroffene jährlich sechs Monate und länger. Ein Drittel aller
Betroffenen kehrt durch schnelle und gute Rehabilitation wieder ins
normale Leben, in Schule oder Beruf zurück; ein Drittel aller
Betroffenen lebt zuhause, von der Familie betreut und gepflegt oder in
Einrichtungen. Die Krankheit »Apallisches Syndrom« kann Monate und
Jahre andauern.
Die Rehabilitation ist umso wirksamer, je früher
sie beginnt, je systematischer PatientInnen stimuliert werden und je
intensiver vertraute Personen daran beteiligt sind.
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Koma wird nicht nur als bloßer
pathologischer Zustand gesehen, sondern als eine »sinnvolle Antwort
auf ein schweres Trauma (Krankheit / Kränkung), das eine neue, andere
(befremdliche) menschenmögliche Lebensform hervorbringt«. Dieser
Zustand kann, wie der Neurochirurg Andreas Zieger in seinen
Seminarunterlagen zitiert, »kulturanthropologisch mit dem
Bewußtwerden des Menschen verbunden werden«, wie die folgenden
Entwicklungsstufen der Bewußtwerdung: archaisches Bewußtsein,
magisches Bewußtsein, mystisches
Bewußtsein und mentales Bewußtsein
zeigen. Parallelen bietet auch der Vergleich mit Ursprung,
Ausgangspunkt und Ende menschlichen Seins, mit Werden und Vergehen.
Cicero sagte: »Der Schlaf ist das Bild des Todes.«
Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit im
Koma
Zur Frage der Wahmehmungs- und
Erlebensfähigkeit im Koma gibt es Antworten von Betroffenen, aber auch
Fremdeinschätzungen durch Beobachtungen von Ärzten, Therapeuten und
<Pflegekräften>. Die Patienten haben Erinnerungen an diese Zeit, sie
nehmen wahr, empfinden, träumen, erleben und lernen. 37% von
Patienten eines Zentrums für Notfallmedizin berichten
über Erinnerungen aus der Zeit,die Außenstehende als Koma beurteilt
haben, 53 % von Patienten mit durchlaufendem Koma einer
Neurohabilitationsklinik berichten über Erinnerungen aus der Zeit des
Komas. Sie berichten über die verlorene Erfahrbarkeit und
Beherrschbarkeit über den eigenen Körper. Veränderung des
Körperbildes: »Ich wußte nicht, wo mein Körper anfängt und
aufhört.« Sie haben Zweifel an eigener Lebendigkeit, erleben das
Eingesperrtsein, u. U. als Strafe für eigenes Fehlverhalten. Sie
vernehmen Gerüche und Geräusche, tröstende Berührungen wie auch
schmerzhafte Eingriffe, Gespräche wie die über Prognosen oder
negative Äußerungen oder Besuche vertrauter Menschen. Sie entwickeln
Beziehungen zu Pflegekräften, z. B. einer Lieblingskrankenschwester,
haben ein Empfinden für beruhigende Situationen, aber auch Angst
davor, die Beatmungsmaschine könne nicht genug Sauerstoff geben. In
Träumen und Phantasien werden Ärzte mit Masken als »Verbrecher, die
einen umbringen wollen« verkannt; das Klopfen der Maschinen wird als
»marschierende Soldaten« verkannt. Eine Patientin träumte, daß
alle ihre Familienangehörigen und Freunde plötzlich starben und projizierte so die Bedrohtheit ihres eigenen Lebens auf andere.
Das intuitive Verhalten von komatösen
PatientInnen kann lebensbedrohliche Folgen haben, wenn sie sich tot
stellen. Der Patient reagiert auf ein schweres schockartiges Erlebnis,
ohnehin mit einer tiefgreifenden gesamtkörperlichen Stillegung, einer
Hemmung, einem »Totstellreflex« oder einer »Katastrophenreaktion«.
Ein Patient berichtete z. B. von einer mittelalterlichen
Schlachtszene, die er erlebte. Alles, was sich noch bewegte, wurde von
marodierenden Rittern erstochen. Er stellte sich tot. Alle Handlungen
des Pflegepersonals fühlte er als bedrohlich und gegen sich
gerichtet, weshalb er sich auf sein Innerstes zurückzog und
regungslos erstarrte. Wenn sich nun Ärzte dem Patienten mit dem Ziel
nähern, eine klinische »Himtod«Diagnose zu stellen - die im
übrigen sehr schmerzhaft ist - ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß
sich der Patient aus Furcht davor totstellt. Der Arzt findet dann bei
dem regungslosen Patienten das bestätigt, was er erwartet, und das
hat so oder so tödliche Folgen. Eine zusätzliche apparative
Untersuchung ist nicht verpflichtend. Rund 90 % der »Hirntod«-Diagnosen
werden in der Erwartung gestellt, man habe damit einen potentiellen
sogenannten »Organspender« entdeckt.
Transplantationsmediziner behaupten
immer wieder - obwohl sie es in Wirklichkeit nicht wissen
- ein »hirntoter«
Patient sei tot und habe, weil die Gehimtätigkeit ausgefallen ist,
keine Empfindung mehr. Prof. Dr. med. W. Lauchert,
Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation
(DSO) bestätigt allerdings in einem Schreiben an die Pastorin Ines
Odaischi vom 25.9.2000:
»Es ist in der Tat nicht zu belegen, daß
eine für himtot erklärte Person tatsächlich über keinerlei Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit,
verfügt.«
Daß ein Interessenvertreter der DSO sich sprachlich so
verrät, ist erstaunlich und müßte zwangsläufig zu einem Moratorium
in der Transplantationsmedizin führen. Denn hier gibt Lauchert
unumwunden zu, daß es sich ...
-
um Personen und nicht um Leichen
handelt, daß diese Menschen
-
für tot erklärt werden,
offensichdich also nicht wirklich tot sind und
-
nicht belegen kann,
ob die Personen wirklich
kein Wahmehmungsvermögen mehr haben.
An
dieser Stelle erübrigt sich der Hinweis, daß es kaum mit letzter
Sicherheit möglich ist, den Funktionsausfall aller Hirnregionen
nachzuweisen, solange die »Person« intensivmedizinisch betreut wird.
Heute wissen wir, daß das Rückenmark
als integraler Bestandteil des Zentralnervensystems Sensibilität und
Motorik des Körpers steuert. Aktivitäten des Körpers und andere
Fähigkeiten setzen keineswegs und ausschließlich eine intakte
Gehirntätigkeit voraus. Wie neuere Forschung zeigt, dienen das
Rückenmark und der Vagusnerv als eine Art Standleitung für die
Kommunikation zwischen dem Kopfhirn und dem neu entdeckten »zweiten
Hirn«, dem Bauchhirn, oder besser gesagt in umgekehrter Reihenfolge.
Dieses zweite Gehirn, so haben Neurowissenschaftler herausgefünden,
ist quasi ein Abbild des Kopfhirns - Zelltypen, Wirkstoffe und
Rezeptoren sind exakt gleich (siehe linke Spalte)
Einblick in die Lerngeschichte im Koma
Der Neurochirurg Dr. Andreas
Zieger,
Oldenburg, berichtete 1996 in einer Anhörung des
Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages über Beobachtungen
von Komapatienten. Zunächst beantwortete er die Frage nach dem
Todeszeitpunkt des Menschen, indem er sagte: »Ob Herztod oder Himtod,
jede Definition des Todes ist eine willkürliche Grenzziehung in das
Kontinuum des Sterbeprozesses eines Menschen.« Und weiter heißt es:
»Aus unserer eigenen Forschungstätigkeit an Komapatienten auf der
Intensivstation weiß ich, daß Komapatienten auf äußere Ereignisse
und soziale Stimuli, wie zum Beispiel den Besuch von Angehörigen,
eindeutig antworten. (...) Überlebende können sich an
Komasituationen rückerinnem und in Hypnose sogar ihre alten
Körperpositionen wieder einnehmen. Das gibt uns Einblick in die
Lerngeschichte im Koma. Es ist also nicht wissenschaftlich erwiesen,
daß ein als himtot definierter sterbender Mensch keine archaischen
Empfindungen mehr hat. Das Erlöschen der Schmerzreaktion reicht nicht
aus, wie man aus der Narkoseforschung weiß. Das mit dem
Hirntodkonzept verbundene Leib - Seele - Problem ist also ungelöst. Es
ist auch mit genauen Meßmethoden nicht hundertprozentig genau zu
bestimmen, wann das Gehirn abgestorben ist. Eigentlich müßte das
gesamte Rückenmark mit eingeschlossen sein, weil es Teil des
integrierenden Zentralnervensystems des Menschen ist. Das Rückenmark
integriert Sensibilität und Motorik fast des gesamten Körpers. Es
kann nicht wissenschaftlich ausgeschlossen werden, daß es nichts mit
der Integration des autonomen Selbst zu tun hat. (...) Mit dem
Tieferwerden des Komas erlöschen immer mehr Himstammreflexe, während
spinale Reflextätigkeiten erhalten bleiben. Diese motorische Leistung
und Verhaltensphänomene, wie sie bei Hirntoten in Form von Umarmungen
und Schreibbewegungen zu beobachten sind, sogenannte Lazarusphänomene,
werden entsprechend der Logik des Himtodkonzeptes als bedeutungslose Reflexe und
Automatismen,
Spinalisationen abgewertet.«
Locked -
in - Syndrom und apallisches
Syndrom
Das Locked - in - Syndrom (engl. eingesperrt) bezeichnet die Unfähigkeit,
sich bei erhaltenem Bewußtsein sprachlich oder durch Bewegungen
verständlich zu machen; lediglich Verständigung durch Augenschluß
ist möglich.
Aus früheren Tierversuchen wurde
geschlossen, daß Patienten mit apallischem Syndrom keine Empfindungen
mehr haben, weil diese an die Tätigkeit der Großrinde gebunden sind,
schreibt der Neurochirurg Andreas Zieger.64 Und weiter: »Apallisches
Syndrom« heißt ja:
kein
Hirnmantel, keine Rindenfunktion
Das ist der klassische defektmedizinische Ansatz. Der stimmt nach
neuen Erkenntnissen nicht mehr. Das Gehirn ist ein soziales
Organ. Es muß der ganze Patient mit seinem sozialen Bezugssystem
betrachtet werden. Bewußtsein läßt sich nicht nur einem Hirnteil
zuordnen, sondern ist eine im Gehirn verteilte Funktion. Und es gibt
verschiedene Ebenen des Bewußtseins. Es drückt sich manchmal auch
nur in kleinen Regungen und Bewegungen aus. Diese Erkenntnis hilft uns
nun weiter, mit diesen Patienten früh Kontakt aufzunehmen und in
Beziehung mit ihnen zu kommen. Ich erforsche den Dialogaufbau mit
diesen Patienten, nicht ihre Ausgrenzung.
Auch bei Menschen in Narkose ist die
Wahrnehmung keineswegs immer völlig abgeschaltet. Das zeigten
medizinische Tests in den 80er Jahren: Zu diesem Zweck band man
narkotisierten Probanden den rechten Arm ab, so daß das
Betäubungsmittel hier nicht wirken konnte. Dann forderte man sie per
Zuruf auf, diesen Arm zu heben; die Hälfte der Patienten hob ihn
tatsächlich.
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