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Die »Spender« sind gar nicht tot - sie leben

 

von

<Richard Fuchs>

 

Ich stehe weder als Organspender noch als Organempfänger zur Verfügung. Warum nicht?

 »Hirntote« Patienten leben

Sie zeigen keinerlei sichere Todeszeichen. Darum haben sie aus christlicher, ethischer und rechtlicher Sicht einen Anspruch auf ein rechtlich beschütztes Sterben. Grundsätzlich hat niemand das Recht, ohne höchstpersönliche Selbstbestimmung eines Menschen über ihn zu verfügen. 

Im Falle hirntoter Menschen jedoch wird, obwohl sie nicht mehr einwilligungsfähig sind, zum Nutzen Dritter in 97 Prozent aller Fälle gegen ihren Willen über sie verfügt. 

Da im "Hirntod" sterbende Menschen sich nicht mehr zu wehren vermögen, haben sie einen umso höheren Anspruch auf den Schutz des Staates, je näher der Todeszeitpunkt gekommen ist. Wer so hilflose Patienten mit Todesfolgen schädigt, handelt "heimtückisch" und "grausam" und erfüllt somit strafrechtlich die Qualifikationsmerkmale des Paragraphen 211 des Strafgesetzbuches, das heißt, er erfüllt den Tatbestand des  Mordes.

Das »Hirntod« - Konzept ist verfassungswidrig.

Es ist eine interessengeleitete Verabredung der Transplantationsmedizin und wissenschaftlich nicht haltbar. Das heißt, der Eingriff verletzt in jedem Fall die Würde des Menschen und das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Zweifel daran, ob ein Mensch noch lebt, darf der Gesetzgeber nicht mit einer definitorischen Festlegung erledigen. Mit der Organentnahme wird das Leben eines Patienten mit irreversiblem Hirnschaden auf eine höchst aktive Weise beendet. Kein seriöser Mediziner wird verbindlich erklären können, in welcher Weise das in der Regel unfreiwillige Explantationsopfer den chirurgischen Eingriff mit Elektromesser und Säge erlebt. Blutdruckanstieg, Schwitzen, Rötungen der Haut während des Eingriffs bei dem noch lebenden Patienten lassen vielmehr auf Schmerz- und Angstreaktionen schließen.

 

Wenn Angehörige ihr Einverständnis zur Organentnahme geben, dann spenden sie etwas, was ihnen nicht gehört.

  Eine solche Vereinbarung geht zu Lasten Dritter und ist sittenwidrig. Die Frage nach dem "mutmaßlichen Willen" und der Zustimmung zur Organentnahme trifft den Angehörigen in einem Zustand der Panik und der verminderten Aufnahmefähigkeit. Sie wird im übrigen immer zu früh gestellt, nachdem die ersten klinischen Untersuchungen abgeschlossen sind, aber bevor die (nicht vorgeschriebenen) apparativen Untersuchungenbeginnen oder die zweite klinische Untersuchung abgeschlossen ist. Der Angehörige ist in der Regel ungenügend informiert und daher überfordert.

Durch die Bewirtschaftung von Gewebe und Organen ist ein lukrativer Markt entstanden. Mit jeder Zustimmung von Angehörigen in eine Multiorganentnahme entsteht für die Transplantationsmedizin eine Wertschöpfung von rund einer halben Million Euro. Der Dialyse- und Transplantationsmarkt setzt jährlich rund 2,5 Milliarden EURO um. Der Bedarf an Ersatzorganen wird unersättlich. Darum wird die Transplantationsmedizin immer offensiver in Sachen Organbeschaffung.

Auf Grund der im Transplantationsgesetz geregelten Auskunfts- und Kooperationspflicht ist jeder Klinikarzt ungeachtet der ärztlichen Schweigepflicht und des Datenschutzes verpflichtet, seine nichteinwilligungsfähigen sogenannten »hirntoten« Patienten den nächstgelegenen Transplantationszentren zu melden - überspitzt gesagt, sie zu verraten. 

Die Weitergabe der Patientendaten geschieht im Interesse Dritter. Der Arzt. dessen Auftrag es ist, zum Wohle des Patienten zu handeln, begibt sich damit in einen vom Gesetzgeber angeordneten Pflichtenkonflikt. Er selektiert Patienten mit irreversiblen Hirnverletzungen nach Verwertbarkeitskritenen, anstatt ihnen ein rechtlich beschütztes Sterben zu ermöglichen.

Die Übertragung des Definitionsmonopols zur Feststellung des Todes auf die Bundesärztekammer ist abzulehnen, da diese in erster Linie die Standes- und vor allem die kommerziellen Interessen ihrer Pflichtmitglieder vertritt.

 

siehe hierzu auch

das <Transplantationsgesetz>


und die

< Verfassungsbeschwerde>

 

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Das »Bauchhirn« denkt mit

 

von

<Richard Fuchs>

 

Träume zum Beispiel kommen nicht aus dem Kopfhirn, sondern aus dem Bauchhirn, vermittelt durch die Neurohormone des Verdauungstraktes, die Botenstoffe des Vegetativums. Gefühl und Intuition des Menschen, so lassen jüngste Experimente von Wissenschaftlern vermutet, werden vom »Bauchhirn«, dem »zweiten Hirn«, mitgesteuert: von jenen 100 Millionen Nervenzellen, die den Verdauungstrakt umhüllen - das sind mehr, als im Rückenmark vorhanden sind. Wissenschaftler sagen, das »zweite Gehirn« speichere auf unbewußte Weise Körperreaktionen bei psychischen Prozessen. Wenn diese Botschaften des Bauches abgerufen werden, könnten sie vermeintlich rationale Entscheidungen eines Menschen beeinflussen.

Das Enterische Nervensystem arbeite weitgehend autonom und sende viel mehr Signale zum Kopfhirn, als es umgekehrt von ihm empfange. Wir kennen aus unserem Alltagsleben alle die Entscheidungen »aus dem Bauch«; andererseits auch psychosomatische Erkrankungen des Verdauungstraktes, wenn uns »etwas auf den Magen geschlagen« ist.

 

In einem sind die Wissenschaftler sich einig: »Die größte Ansammlung von Nervenzellen außerhalb des Kopfes erledigt noch mehr als die an sich schon komplexe Verdauungsarbeit. Das zweite Gehirn ist ein Überlebensgarant für Leib und Seele. Es ist eine Quelle psychoaktiver Substanzen, die mit Gemütslagen in Verbindung stehen wie etwa Serotonin, Dopamin, Opiaten. Auch Benzodiazepine werden hier produziert, jene Chemikalien, die Drogen wie Valium deren beruhigende Wirkung geben.« (GEO)

Der Bauch denkt mit. Verhaltensmuster, die vom »Bauchhim« ausgehen, können durchaus in der pränatalen Entwicklung engrammiert worden sein. Bei der Ausbildung von Neuralrohr und -leiste wird beim werdenden Embryo ein Teil der Nervenzellen vom Kopf eingeschlossen, ein anderer wandert in den Bauchraum. Tierversuche haben gezeigt, daß einige Nervenzellen während der Embryonalentwicklung vom Zentralen Nervensystem in den Magen - Darm - Trakt wandern. Manche dieser Neuronen bleiben über das Rückenmark unter Kontrolle des Kopfes, andere scheinen eine eigene Kommandozentrale zu bilden. Was für spätere Rückzugsformen wie im Koma oder Wachkoma als Modell dient, wird vermutlich bereits in der Fetalzeit gelernt.

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Ein »Hirntoter« lebt

 

von

<Richard Fuchs>

 

Protokoll Nr. 17, S. 33-35,
Anhörung des Gesundheitsausschusses
des Deutschen Bundestages 1996

Den allgemeinen Stellungnahmen zu dieser Anhörung lag ein kurzer Bericht eines Mannes bei, dessen Angehörige ihn, als er im Koma lag, vor einer Organentnahme und damit vor dem sicheren Tod gerettet haben. Im folgenden kommt Jan Kerkhoffs, ein leitender Angestellter aus El Melick in den Niederlanden, selber zu Wort:

»Am 18. August 1992 wurde ich, Jan Kerkhoffs, für hirntot erklärt. Mit mir ist folgendes geschehen: Am 13. August 1992 wurde ich an einer Schädelgeschwulst operiert. Die Operation verlief gut, aber am Freitag, dem 14. August, traten unvorhersehbare Komplikationen auf. Beim Entfernen von drei Wunddrainagen entstand in der Operationswunde eine Beschädigung, die eine enorme Feuchtigkeitsansammlung in meinem Schädel verursachte. Mein Zustand verschlechterte sich rapide, und im Laufe des Samstags verlor ich das Bewußtsein. Für meine Frau und meine Kinder, für meine Verwandten, Freunde und Bekannten wurde die Woche zwischen dem 15. und dem 22. August 1992 zu einer Katastrophenwoche.

Es sah so aus, und das wurde auch vom medizinischen Team bestätigt, als ob ich innerhalb der nächsten Tage sterben würde. Am 18. August bekam meine Frau vom Neurochirurgen die Mitteilung: >Frau Kerkhoffs, Ihr Mann ist hirntot<.

Es gäbe noch eine kleine Chance zu überleben, aber dann würde ich unheilbare Gehimschädigungen behalten und gezwungen sein, wie eine > Pflanze< weiterzuleben.

Am Donnerstag, dem 20. August, meldete sich der Hausarzt bei der versammelten Familie und teilte mit: >Jan ist klinisch tot, Sie müssen sich Gedanken über die Frage machen, ob Sie der Entnahme seiner Organe zustimmen<. Meine Frau, sehr unterstützt von meiner Tochter, hat das energisch abgewiesen und den Hausarzt gebeten, ihren Entschluß an das Krankenhaus weiterzuleiten.

Entgegen allen Erwartungen starb ich nicht, sondern erwachte am Samstag, dem 22. August, aus meinem komatösen Zustand.

Meine Verwandten sind fest davon überzeugt, daß ich jetzt nicht mehr am Leben wäre, wenn meine Frau der Organexplantation zugestimmt hätte. Ein schrecklicher Gedanke.

Nach einer sehr intensiven Rehabilitation bin ich heute wie neugeboren und freue mich auf jeden neuen Tag.«

Dieser Fall interessierte mich (Richard Fuchs), ich telefonierte mit Herrn Kerkhoffs und konnte ihn während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm auch persönlich kennenlernen. Besonders bemerkenswert ist Kerkhoffs Erinnerung im Koma an medizinisches Personal, das er zuvor nie gesehen hatte. Nachdem er aufgewacht war, konnte er es genau beschreiben und deren Identität bestätigt finden. Seine Erlebnisse faßte er in dem Buch »Droomvlucht in coma« in holländischer Sprache zusammen.

 

weitere Angaben zum Autor Richard Fuchs

 

WAS ERLEBT EIN KOMAPATIENT?

aus:

Das Geschäft mit dem Tod
(ISBN 3-491-72442-2)

von

<Richard Fuchs>

 

Viele der auch heute noch gebräuchlichen Begriffe in der Medizin haben ihren Ursprung im klassischen Altertum Griechenlands; so auch der Begriff »Koma«. Koma bezeichnete einen tiefen, festen oder auch unerweckbaren Schlaf, es konnte auch ein Fiebersymptom oder Tempel - Heilschlaf sein. Nach heutiger Auffassung bedeutet Koma:

»schwerster Grad der quant. Bewußtseinsstörung, bei der der Patient durch äußere Reize nicht mehr zu wecken ist«.

Das Klinische Wörterbuch Pschyrembel beschreibt hiernach eine Vielzahl von Krankheitsbildern und deren Ursachen. Sie reichen 

  • vom Präkoma, einer Stoffwechselentgleisung ohne Bewußtseinsstörung, die in ein Koma überzugehen droht, 
  • über ein diabetisches, 
  • hepatisches, 
  • pylorisches, 
  • urämisches, ein durch Schock verursachtes, 
  • säuglingstoxologisches, 
  • thyreotoxisches, 
  • zerebrales Koma, 
  • bis hin zum Wachkoma (apallisches Syndrom).

 

 Goma depassé = »Hirntod«

Die französischen Wissenschaftler P. Mollaret und M. Goulon prägten 1959 den Begriff »coma depassé« (endgültiges Koma). Sie bezeichneten damit den irreversiblen Ausfall der Himtätigkeit. Erst mit der Einführung der künstlichen Langzeitbeatmung konnte der Zustand Coma depassé beobachtet werden. Die Autoren setzten coma depassé allerdings nicht mit dem Tod des Menschen gleich. 

!!!

Das geschah erst, als die Harvard Ad - hoc - Kommission 1968 diesen Begriff aus pragmatischen Gründen in »Hirntod« umdekorierte. Der Begriff »Hirntod« wurde zu dem Zeitpunkt als Tod des Menschen eingeführt, als nach der ersten Herztransplantation 1967 in Kapstadt 1968 auch in den USA rund 70 Herztransplantationen vorgenommen worden waren und ...

... Ärzte sich gegen den Vorwurf eines Tötungsdeliktes und eine entsprechende Strafverfolgung zur Wehr setzen mußten

Denn nach der ersten Herztransplantation am 3. Dezember 1967 hatten Zeitungen gefordert, Christiaan Bamard vor dem Internationalen Gerichtshof des Mordes anzuklagen.

 

Das Problem war schnell erkannt und wurde ad hoc gelöst. In dem Harvard - Report der Ad - hoc - Kommission heißt es schlicht, einfach und vorauseilend:

 » Unsere primäre Absicht ist, 
 das irreversible Koma als neues Todeskriterium 
zu definieren« ;

und zum Schluß: 

 »Obsolete Kriterien zur Definition des Todes 
 können zu Kontroversen 
 bei der Beschaffung von Organen 
 für Transplantationen führen.« 

 


 

40.000 Menschen jährlich bis zu zwei Wochen im Koma

 

!!!

Insgesamt rund 40.000 Menschen fallen im Bundesgebiet jährlich ins Koma, davon 20.000 ein bis zwei Wochen, etwa 17.000 Betroffene jährlich drei bis vier Wochen und etwa 3.000 Betroffene jährlich sechs Monate und länger. Ein Drittel aller Betroffenen kehrt durch schnelle und gute Rehabilitation wieder ins normale Leben, in Schule oder Beruf zurück; ein Drittel aller Betroffenen lebt zuhause, von der Familie betreut und gepflegt oder in Einrichtungen. Die Krankheit »Apallisches Syndrom« kann Monate und Jahre andauern. 

Die Rehabilitation ist umso wirksamer, je früher sie beginnt, je systematischer PatientInnen stimuliert werden und je intensiver vertraute Personen daran beteiligt sind.

Koma wird nicht nur als bloßer pathologischer Zustand gesehen, sondern als eine »sinnvolle Antwort auf ein schweres Trauma (Krankheit / Kränkung), das eine neue, andere (befremdliche) menschenmögliche Lebensform hervorbringt«. Dieser Zustand kann, wie der Neurochirurg Andreas Zieger in seinen Seminarunterlagen zitiert, »kulturanthropologisch mit dem Bewußtwerden des Menschen verbunden werden«, wie die folgenden Entwicklungsstufen der Bewußtwerdung: archaisches Bewußtsein, magisches Bewußtsein, mystisches  Bewußtsein und mentales Bewußtsein zeigen. Parallelen bietet auch der Vergleich mit Ursprung, Ausgangspunkt und Ende menschlichen Seins, mit Werden und Vergehen. Cicero sagte: »Der Schlaf ist das Bild des Todes.«


 

Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit im Koma

 

Zur Frage der Wahmehmungs- und Erlebensfähigkeit im Koma gibt es Antworten von Betroffenen, aber auch Fremdeinschätzungen durch Beobachtungen von Ärzten, Therapeuten und <Pflegekräften>. Die Patienten haben Erinnerungen an diese Zeit, sie nehmen wahr, empfinden, träumen, erleben und lernen. 37% von Patienten eines Zentrums für Notfallmedizin berichten über Erinnerungen aus der Zeit,die Außenstehende als Koma beurteilt haben, 53 % von Patienten mit durchlaufendem Koma einer Neurohabilitationsklinik berichten über Erinnerungen aus der Zeit des Komas. Sie berichten über die verlorene Erfahrbarkeit und Beherrschbarkeit über den eigenen Körper. Veränderung des Körperbildes: »Ich wußte nicht, wo mein Körper anfängt und aufhört.« Sie haben Zweifel an eigener Lebendigkeit, erleben das Eingesperrtsein, u. U. als Strafe für eigenes Fehlverhalten. Sie vernehmen Gerüche und Geräusche, tröstende Berührungen wie auch schmerzhafte Eingriffe, Gespräche wie die über Prognosen oder negative Äußerungen oder Besuche vertrauter Menschen. Sie entwickeln Beziehungen zu Pflegekräften, z. B. einer Lieblingskrankenschwester, haben ein Empfinden für beruhigende Situationen, aber auch Angst davor, die Beatmungsmaschine könne nicht genug Sauerstoff geben. In Träumen und Phantasien werden Ärzte mit Masken als »Verbrecher, die einen umbringen wollen« verkannt; das Klopfen der Maschinen wird als »marschierende Soldaten« verkannt. Eine Patientin träumte, daß alle ihre Familienangehörigen und Freunde plötzlich starben und projizierte so die Bedrohtheit ihres eigenen Lebens auf andere.

Das intuitive Verhalten von komatösen PatientInnen kann lebensbedrohliche Folgen haben, wenn sie sich tot stellen. Der Patient reagiert auf ein schweres schockartiges Erlebnis, ohnehin mit einer tiefgreifenden gesamtkörperlichen Stillegung, einer Hemmung, einem »Totstellreflex« oder einer »Katastrophenreaktion«. Ein Patient berichtete z. B. von einer mittelalterlichen Schlachtszene, die er erlebte. Alles, was sich noch bewegte, wurde von marodierenden Rittern erstochen. Er stellte sich tot. Alle Handlungen des Pflegepersonals fühlte er als bedrohlich und gegen sich gerichtet, weshalb er sich auf sein Innerstes zurückzog und regungslos erstarrte. Wenn sich nun Ärzte dem Patienten mit dem Ziel nähern, eine klinische »Himtod«Diagnose zu stellen  - die im übrigen sehr schmerzhaft ist -  ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß sich der Patient aus Furcht davor totstellt. Der Arzt findet dann bei dem regungslosen Patienten das bestätigt, was er erwartet, und das hat so oder so tödliche Folgen. Eine zusätzliche apparative Untersuchung ist nicht verpflichtend. Rund 90 % der »Hirntod«-Diagnosen werden in der Erwartung gestellt, man habe damit einen potentiellen sogenannten »Organspender« entdeckt.

Transplantationsmediziner behaupten immer wieder  - obwohl sie es in Wirklichkeit nicht wissen -  ein »hirntoter« Patient sei tot und habe, weil die Gehimtätigkeit ausgefallen ist, keine Empfindung mehr. Prof. Dr. med. W. Lauchert, Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) bestätigt allerdings in einem Schreiben an die Pastorin Ines Odaischi vom 25.9.2000:

 »Es ist in der Tat nicht zu belegen,  daß eine für himtot erklärte Person tatsächlich über keinerlei Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit, verfügt.«

 

Daß ein Interessenvertreter der DSO sich sprachlich so verrät, ist erstaunlich und müßte zwangsläufig zu einem Moratorium in der Transplantationsmedizin führen. Denn hier gibt Lauchert unumwunden zu, daß es sich ...

  1.  um Personen und nicht um Leichen handelt, daß diese Menschen 

  2.  für tot erklärt werden, offensichdich also nicht wirklich tot sind und

  3.  nicht belegen kann, ob die Personen wirklich
     kein Wahmehmungsvermögen mehr haben. 

 

An dieser Stelle erübrigt sich der Hinweis, daß es kaum mit letzter Sicherheit möglich ist, den Funktionsausfall aller Hirnregionen nachzuweisen, solange die »Person« intensivmedizinisch betreut wird. Heute wissen wir, daß das Rückenmark als integraler Bestandteil des Zentralnervensystems Sensibilität und Motorik des Körpers steuert. Aktivitäten des Körpers und andere Fähigkeiten setzen keineswegs und ausschließlich eine intakte Gehirntätigkeit voraus. Wie neuere Forschung zeigt, dienen das Rückenmark und der Vagusnerv als eine Art Standleitung für die Kommunikation zwischen dem Kopfhirn und dem neu entdeckten »zweiten Hirn«, dem Bauchhirn, oder besser gesagt in umgekehrter Reihenfolge. Dieses zweite Gehirn, so haben Neurowissenschaftler herausgefünden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns - Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich (siehe linke Spalte)


 

Einblick in die Lerngeschichte im Koma
 

Der Neurochirurg Dr. Andreas Zieger, Oldenburg, berichtete 1996 in einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages über Beobachtungen von Komapatienten. Zunächst beantwortete er die Frage nach dem Todeszeitpunkt des Menschen, indem er sagte: »Ob Herztod oder Himtod, jede Definition des Todes ist eine willkürliche Grenzziehung in das Kontinuum des Sterbeprozesses eines Menschen.« Und weiter heißt es: »Aus unserer eigenen Forschungstätigkeit an Komapatienten auf der Intensivstation weiß ich, daß Komapatienten auf äußere Ereignisse und soziale Stimuli, wie zum Beispiel den Besuch von Angehörigen, eindeutig antworten. (...) Überlebende können sich an Komasituationen rückerinnem und in Hypnose sogar ihre alten Körperpositionen wieder einnehmen. Das gibt uns Einblick in die Lerngeschichte im Koma. Es ist also nicht wissenschaftlich erwiesen, daß ein als himtot definierter sterbender Mensch keine archaischen Empfindungen mehr hat. Das Erlöschen der Schmerzreaktion reicht nicht aus, wie man aus der Narkoseforschung weiß. Das mit dem Hirntodkonzept verbundene Leib - Seele - Problem ist also ungelöst. Es ist auch mit genauen Meßmethoden nicht hundertprozentig genau zu bestimmen, wann das Gehirn abgestorben ist. Eigentlich müßte das gesamte Rückenmark mit eingeschlossen sein, weil es Teil des integrierenden Zentralnervensystems des Menschen ist. Das Rückenmark integriert Sensibilität und Motorik fast des gesamten Körpers. Es kann nicht wissenschaftlich ausgeschlossen werden, daß es nichts mit der Integration des autonomen Selbst zu tun hat. (...) Mit dem Tieferwerden des Komas erlöschen immer mehr Himstammreflexe, während spinale Reflextätigkeiten erhalten bleiben. Diese motorische Leistung und Verhaltensphänomene, wie sie bei Hirntoten in Form von Umarmungen und Schreibbewegungen zu beobachten sind, sogenannte Lazarusphänomene, werden entsprechend der Logik des Himtodkonzeptes als bedeutungslose Reflexe und Automatismen, Spinalisationen abgewertet.«

 


 

Locked - in - Syndrom und apallisches Syndrom

 

Das Locked - in - Syndrom (engl. eingesperrt) bezeichnet die Unfähigkeit, sich bei erhaltenem Bewußtsein sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen; lediglich Verständigung durch Augenschluß ist möglich.

Aus früheren Tierversuchen wurde geschlossen, daß Patienten mit apallischem Syndrom keine Empfindungen mehr haben, weil diese an die Tätigkeit der Großrinde gebunden sind, schreibt der Neurochirurg Andreas Zieger.64 Und weiter: »Apallisches Syndrom« heißt ja:

 kein Hirnmantel, keine Rindenfunktion 

 

Das ist der klassische defektmedizinische Ansatz. Der stimmt nach neuen Erkenntnissen nicht mehr. Das Gehirn ist ein soziales Organ. Es muß der ganze Patient mit seinem sozialen Bezugssystem betrachtet werden. Bewußtsein läßt sich nicht nur einem Hirnteil zuordnen, sondern ist eine im Gehirn verteilte Funktion. Und es gibt verschiedene Ebenen des Bewußtseins. Es drückt sich manchmal auch nur in kleinen Regungen und Bewegungen aus. Diese Erkenntnis hilft uns nun weiter, mit diesen Patienten früh Kontakt aufzunehmen und in Beziehung mit ihnen zu kommen. Ich erforsche den Dialogaufbau mit diesen Patienten, nicht ihre Ausgrenzung.

Auch bei Menschen in Narkose ist die Wahrnehmung keineswegs immer völlig abgeschaltet. Das zeigten medizinische Tests in den 80er Jahren: Zu diesem Zweck band man narkotisierten Probanden den rechten Arm ab, so daß das Betäubungsmittel hier nicht wirken konnte. Dann forderte man sie per Zuruf auf, diesen Arm zu heben; die Hälfte der Patienten hob ihn tatsächlich.

Im Koma schwanger

Mit der 40.tägigen »posthumen« Schwangerschaft der 18- jährigen Marion P. in der Universitätsklinik Erlangen wurde plötzlich klar, was Transplantationsmediziner Jahre verschwiegen hatten: Die Leichen leben noch. Hirntod, ein Vierteljahrhundert als Tod des Menschen propagiert, war 1992 ein viel diskutiertes Thema in den Medien und in der Öffentlichkeit. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß für die noch lebende Marion P. am 8. Oktober 1992, drei Tage nach Einlieferung, der Totenschein ausgestellt wurde - zunächst mit der Option auf Entnahme der Organe. Daß die für tot erklärte Schwangere noch 40 Tage intensivmedizinisch betreut weiterleben konnte, nährte die Skepsis in der Öffentlichkeit gegenüber dem »Hirntod«-Konzept.

Nach einem schweren Autounfall am 5. Oktober 1992 sollte Marion P. zunächst als Organspenderin gewonnen werden. Kurz darauf stellten aber Ärzte fest, daß sie in der 15. Woche schwanger war. Weitere 17 Wochen wären notwendig gewesen, um ein lebensfähiges Kind zur Welt zu bringen. Ein ausschließlich von Männern besetztes Gremium unter Leitung von Prof. Johannes Scheele beschloß daraufhin eine Fortsetzung der Schwangerschaft. Die Krankenkasse übernahm die Kosten, obwohl mit dem »Hirntod« das Vertragsverhältnis erloschen war. Nach knapp sechs Wochen fanden die ärztlichen Bemühungen durch eine Abstoßung der Leibesfrucht ein Ende. Zuvor hatten die behandelnden Ärzte noch überlegt, die geschädigte Niere der »toten« Patientin durch eine Transplantation zu ersetzen. Das wäre ein Novum gewesen - die Niere eines »Himtoten« einer »Hirntoten« zu transplantieren.

Der inzwischen verstorbene Philosoph Hans Jonas schrieb 1992 an seinen Freund Prof. Hans-Bernhard Wuermeling: »Keiner von Euch und keiner, der Euren Versuch gutgeheißen hat, darf hinfort dafür sein, einem Gehirntoten unter Beatmung, also >bei lebendigem Leib<, Organe zu entnehmen. Nicht einmal bei vorheriger Einwilligung des Betreffenden.« Jonas, der 1933 aus Deutschland emigrierte, war von Wuermeling, seinem Freund, zum Fall Erlangen befragt worden.

1996 wurde in Rochester bei New York eine Studentin im Krankenbett eines Pflegeheimes vergewaltigt und wurde schwanger. Die junge Frau war seit einem Verkehrsunfall 1986 nicht mehr aus dem Koma erwacht. Sie wird seitdem künstlich ernährt, aber nicht maschinell beatmet. Weil sie sich stets gegen eine Abtreibung ausgesprochen hatte, entschieden die Eltern der 29jährigen, die Schwangerschaft fortzusetzen, obwohl sie durch eine Vergewaltigung durch einen Unbekannten entstanden war.

90% der Wachkoma-Patienten erholen sich wieder. Sind die Patienten jedoch nach einem Jahr immer noch nicht erwacht, so der internationale Standard, brauchen nicht mehr alle Mittel zu ihrer Behandlung ausgeschöpft zu werden. In manchen Fällen erwachten Patienten jedoch sehr viel später, in einem Beispiel sogar erst nach 13 Jahren. Zieger wendet sich deswegen gegen ein »enges defektmedizinisches Verständnis« von Wachkoma-Patienten, denn diese seien »soziale Wesen« mit Erlebnissen und Empfindungen. Es brauche deshalb keine Debatte um die Einstellung von Behandlung, sondern ein besseres Betreuungsangebot, das die Fähigkeiten der Patienten fördere.

 

 

 

aus StZ vom 04. August 2005 Seite 20

<Informationen über Richard Fuchs>

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