Sterben und Tod aus buddhistischer Sicht

Die Menschheit besteht nicht nur aus Anhängern des sogenannten aufgeklärten Weltbildes, die sich nur zu gern als Gipfel der intellektuellen Evolution verstehen. Vor allem in der, von Europa aus betrachtet, östlichen Hemisphäre unserer Erde, pflegen deren Bewohner Anschauungen, die eine grundlegend andere Auffassung von der Bedeutung unseres Erdendaseins und dem Abschied davon pflegen. Aus deren Sicht betrachtet ist der Sterbevorgang weit über den Hirntod hinaus an das geistige Bewußtsein gebunden. Demnach ist eine Organexplantation ein massiver Eingriff in die spirituelle Entwicklung z.B. eines Buddhisten und von daher abzulehnen. Hierzu ein paar Zeilen aus dem Buch ,Der XIV. Dalai Lama – Logik der Liebe‘ (ISBN 3-442-30558-6):

,,Da die Bewußtseinsverfassung zum Zeitpunkt des Sterbens unmittelbare Auswirkungen auf die Kontinuität im nächsten Leben hat, ist es wichtig, jene Bewußtseinsverfassung in Todesnähe durch geistige Praxis zu prägen. [...] Was aber kurz vor dem Tod passiert, hat eine ganz besonders große Kraft bei der Prägung des künftigen Bewußtseins. [...] Was ist das Wesen oder die Natur des Todes? Er ist das Ende oder das Aufhören des Lebens. [... Es heißt, dass das] Leben die Grundlage für Wärme und Bewußtsein sei, während der Tod das Ende dieser Funktion bedeute. Das heißt also: Wir sind lebendig, wenn dieser zeitliche, grobstoffliche Körper mit dem Bewußtsein verbunden ist. Trennen sich beide, ist das der Tod. Man muß zwischen grobstofflichem, subtilem [feinstofflichem] und äußerst subtilem Körper und Bewußtsein unterscheiden. Der Tod ist die Trennung des Bewußtseins von dem grobstofflichen Körper. Das äußerst subtile Bewußtsein kann sich aber nicht von der äußerst subtilen Ebene des Körperlichen trennen, denn letztere ist nichts anderes als die innere Energie [oft als >Wind< bezeichnet], die Träger dieses Bewußtseins ist. Es werden verschiedene Umstände des Todes beschrieben. Einer ist, daß man stirbt, wenn die Lebenszeit abgelaufen ist, ein anderer, daß man stirbt, wenn die [als Seinskraft wirkende] positive Bewußtseinsformung verbraucht ist, und ein dritter, daß man durch einen Unfall stirbt. [...]

In Todesnähe gibt es vage Anzeichen dafür, welche Wiedergeburt man annehmen wird. Das Erkennungsmerkmal ist die Art und Weise, wie sich die Wärme im Körper sammelt. Bei einigen Menschen beginnt der Prozeß der Wärmeverdichtung oder des Wärmeverlustes in den oberen Körperpartien. Bei anderen beginnt dieser Prozeß in den unteren Körperpartien. Es ist weniger vorteilhaft, wenn sich die Wärme von oben nach unten bewegt, und es ist ein gutes Zeichen, wenn sie von unten nach oben aufsteigt.

Manche Menschen sterben friedvoll. Andere sterben unter Schrecken. Sterbende nehmen verschiedene angenehme und unangenehme Erscheinungen wahr.

[...] Äußere Anzeichen sind die Austrocknung der Körperflüssigkeiten, d. h., der Mund wird trocken, die Augenflüssigkeit vermindert sich, und die Augenbewegung läßt nach. Innerliches Zeichen dieses Stadiums ist [...]die Vision von Raucherscheinungen.

Im dritten Stadium löst sich das Aggregat der Wahrnehmung auf. Dabei nimmt die Kraft des Feuerelements ab, als Basis des Bewußtseins zu dienen, wobei nun diese Funktion stärker auf dem Luftelement liegt. Äußeres Anzeichen ist die Verminderung der Körperwärme. Im Denken des Sterbenden findet auch eine Veränderung statt: Das Gedächtnis für Dinge, die nahestehende Menschen betreffen, verschwindet. Innerliches Zeichen ist die visuelle Erscheinung von leuchtkäferartigen Erscheinungen oder Lichtreflexen.

Im vierten Stadium löst sich das Aggregat der karmischen Bildekräfte auf, und gleichzeitig kann das Luftelement kaum noch als Basis für das Bewußtsein dienen. Außeres Anzeichen ist der Stillstand des Atems. Die innere visuelle Wahrnehmung verändert sich dergestalt, daß nun die leuchtkäferartigen Lichtreflexe immer subtiler werden und nur als Empfindung eines rötlichen Glühens wie von einer Flamme zurückbleiben.

Meistens wird dieser Moment als Eintritt des Todes betrachtet, denn der Herzschlag hat aufgehört, und die Atemfunktionen sind zum Stillstand gekommen. Ein Arzt würde den Betreffenden für tot erklären. Nach unserer Tradition jedoch ist der Betreffende noch im Sterbeprozeß. Er ist noch nicht tot. Die mit den Sinnen verbundenen Bewußtseinskräfte haben zwar aufgehört, aber das mentale Bewußtsein ist durchaus noch da. Das bedeutet aber nicht, daß man noch zum Leben zurückkehren könnte.

[...] Die allgemeine Eigenart des Geistes ist reine Lichthaftigkeit und Erkenntnis, die alle Bewußtseinskräfte durchdringt. Des Geistes Wesen ist reine Lichthaftigkeit, die durch nichts getrübt wird; seine Funktion ist es, etwas zu erkennen, und dies beruht auf der Erscheinung irgendeines Objekts.

[...] Während des Sterbeprozesses aber haben sich die Grundlagen für diese weniger subtilen sinnlichen Bewußtseinskräfte - das Sehen, das Hören usw. - aufgelöst. Die Folge davon ist, daß die Bewußtseinskräfte, die mit ihrer entsprechenden Basis verbunden sind, ebenfalls aufhören. Innerhalb der Bewußtseinsstruktur, die zu rückbleibt, gibt es aber immer noch vier Ebenen unterschiedlicher Subtilität, und deshalb gibt es vier weitere Stadien der Auflösung des Bewußtseins nach den vier früheren Stadien der Auflösung der Elemente. [...]Wenn die achtzig begrifflichen Vorstellungskomplexe zusammen mit ihren Trägerenergien zerfallen, ist inneres Zeichen für dieses Stadium das Aufdämmern einer weißen Erscheinung. Dies ist der Bewußtseinszustand der lebendigen Erscheinung im weißen Spektrum. [...] Äußere Anzeichen gibt es hier nicht mehr. [...]

Während der Zerfallsphasen ist es wichtig, sich des Prozesses bewußt zu sein. Je bewußter man alle Stadien erlebt, um so größer ist die Fähigkeit, daß man sich nach der Wiedergeburt an das vorige Leben erinnern kann. Das ist wie die Tatsache, daß wir vor dem Schlafengehen am Abend den festen Entschluß fassen können, am nächsten Morgen zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen und nach dem Aufwachen etwas Bestimmtes zu tun. Obwohl wir uns während des Schlafes nicht an diese Vorsätze erinnern, wachen wir auf Grund der früheren Intention tatsächlich zur bestimmten Zeit auf und wissen sofort, was wir zuerst tun wollten. In gleicher Weise sollte man während der Phasen des Sterbens, in denen die Bewußtheit anhält, darauf bedacht sein, die geistigen Fähigkeiten bei voller Wachheit zu halten.

Stirbt jemand, dem es körperlich wohlergangen ist und bei dem der Sterbeprozeß keine außergewöhnliche physische Verschlechterung bewirkt, bleibt er in jenem Geisteszustand des Klaren Lichtes für etwa drei Tage. Während dieser Zeit bleibt diese subtilste Form des Bewußtseins noch im alten Körper anwesend. Einige außergewöhnliche Menschen, die durch ihre Praxis in ihrem Leben in der Lage gewesen sind, das Wesen des Geistes zu erfahren, und Praktiken geübt haben, die sich mit den Kanälen, Energien und Kraftkon zentrationen befassen, sind in der Lage, den Sterbeprozeß bewußt zu erleben und die Stadien wiederzuerkennen, so daß sie das Aufdämmern des Klaren Lichtes bei voller Bewußtheit erleben. Durch geistige Kontrolle können sie in diesem Stadium eine Woche oder sogar einen Monat lang verweilen, wie sie es wünschen. [...] wie jemand, der schläft - ohne zu atmen, wie ein Leichnam, jedoch ohne zu riechen.

Tritt in dem subtilen Geist des Klaren Lichtes die kleinste Unruhe auf, wird dieses Stadium beendet. Das Bewußtsein verläßt den alten Körper, und der gesamte Prozeß läuft nun in umgekehrter Reihenfolge ab. Man kommt zurück auf die Bewußtseinsebene des Bewußtseinszustandes der Vollendungsnähe [...]

Wenn man im Bereich des Verlangens oder dem Bereich der Form wiedergeboren werden muß, d. h. eine Wiedergeburt annimmt, die ein Zwischenstadium erfordert (antardbhava, bar do), beginnt der Zwischenzustand in dem Moment, da die Bewußtseinsebene des Bewußtseinszustandes der Vollendungsnähe im schwarzen Bereich erreicht ist. Wird man im Bereich der Formlosigkeit wiedergeboren, gibt es keinen Zwischenzustand.

Für jene, die durch einen Zwischenzustand gehen, endet dieser mit der Verbindung zu einem neuen Lebensstadium. In diesem Moment geht man wieder durch die acht Zeichen des Todes hindurch, die in dem Aufdämmern des Bewußtseins des Klaren Lichtes des Todes gipfeln. Wird man in einem Mutterleib wiedergeboren, so geschieht die Verbindung zu dem neuen Leben im Leib der Mutter gleichzeitig mit dem Dämmern des Bewußtseinszustandes der Vollendungsnähe im schwarzen Bereich, das nach der Erscheinung des Klaren Lichtes des Todes im Zwischenzustand einsetzt. So beginnt also das Leben in gewisser Weise mit dem Geist des Klaren Lichtes."

| index | neustart | home |

layout by peter bechen