Stadtbahn Stuttgart
Leserzuschrift
vom 18. Februar 2012 10.18:
Sehr geehrter Herr
Bechen,
danke für Ihre sehr informativen Artikel zur Stadtbahn.
Aktuell wollte ich Sie auf diese Meldung aufmerksam machen,
http://www.stuttgarter-zeitung.de/~.html
"Der Unfall vom
Riedsee ist der vierte schwere Schlag für die SSB in dieser Woche.
Drei Menschen starben bei Unfällen mit Stadtbahnen, ein Mann wurde
schwer verletzt."
3 Tote in einer Woche - man darf sich fragen, ob die Verantwortlichen
jetzt irgendwelche Gegenmaßnahmen planen, oder ob die Vorfälle einfach
unter "Kollateralschäden" abgelegt werden.
Freundliche Grüße,
(Name ist der Redaktion bekannt)
Meine Antwort hierzu:
Dankeschön,
sehr geehrter Herr ....,
für Ihre vertrauensvolle Zuschrift. Ich habe mir erlaubt, deren Inhalt
an verschiedenen Stellen meiner SSB - Beiträge von vor drei Jahren und
mehr als mahnende Aktualisierung einzubauen. Falls Sie Ihren Namen
dabei erwähnt wissen wollen, lassen Sie es mich bitte wissen. Leider
ist davon auszugehen, dass es kein Umdenken geben wird, weder im
Rathaus noch bei der SSB. Die Tücke liegt halt in der Technik und der
Haltung zu dieser bzw. in der Achtung des Lebens im Allgemeinen und zu
Menschen im Besonderen. Solange solches in Geld auszudrücken ist,
gehts halt weiter wie gehabt. Selbst wenn viele aufstehen, und sogar
solche, die Einfluss haben, gewinnt letztlich immer der so genannte
Sachzwang und vermeintliche Fortschritt.
Ihnen wünsche ich in jedem Fall alles Gute, schöne Momente und vor
allem Gesundheit.
Liebe Grüße aus dem Schwarzwald
Zuschrift vom August 2003:
Sehr geehrte/r [...],
[auf Ihren Seiten] fand ich einen sehr kritischen Text zum Stuttgarter
Stadtbahnsystem. Gleich vorneweg: auch ich bin kein Freund überzogener
Tunnelbauten und derartiger Dinge, dennoch möchte ich im folgenden
eine Anmerkungen/Richtigstellungen abgeben, die ich in Ihren
Überlegungen in dieser Form doch deutlich vermisse:
[Stadtbahn Stuttgart:]
Sie stellen die Behauptung auf, es würden seit dem stadtbahnmäßigen
Ausbau deutlich mehr Unfälle mit Personen- und Sachschaden
passieren. Wodurch können Sie das belegen? Leider vermisse ich
entsprechende Zahlen in Ihrem Text.
Dass diese Unfälle heute zudem
schwerer ausfallen, mag teilweise (!) zutreffen, mir fällt hier ein
vor einigen Monaten passierter Unfall ein, bei dem ein Pkw zwischen
Stadtbahn und Bahnsteig geriet. Was Personenunfälle angeht sei aber
gesagt, dass zwar die äußeren Verletzungen durch den Stadtbahnwagen
(da eher jemand ganz darunter geraten kann), eventuell heftiger
sind. Die Wirkung - oft der Tod - dürfte aber die gleiche sein wie
bei derartigen Unfällen mit regulären Straßenbahnen. In meiner
Heimatstadt Augsburg, wo ausschließlich normale Trams verkehren,
kommt es auch immer wieder zu Personenunfällen, auch hier geraten
die Opfer meist unter das Fahrzeug - selbst die
Niederflurfahrzeugen, die dann evtl. aufklettern! So makaber es
klingen mag, ob da dann noch die zerstörende Wirkung der Räder dazu
kommt, ist im Grunde schon egal. Gleichwohl: Es wäre
selbstverständlich begrüßenswert, die Fahrzeuge mit zusätzlichen,
die Unfallfolgen mildernden Einrichtungen auszustatten. Allerdings
müssten diese erst erfunden werden.

aus Straßenbahn Nahverkehr Magazin 2005;
http://www.geranova.de.
- Die Gelenkwagen des Typs GT 4 wurden, laut
Ihrer Aussage, viel zu billig verkauft. Hier muss ich leider
fehlende Betriebwirtschaft-Kenntnisse unterstellen, denn: Diese
Wagen waren etwa 30 Jahre in Stuttgart im Einsatz, bevor sie
verkauft wurden. Sie waren also längst abgeschrieben, da dieser
Zeitraum der übliche Nutzungszeitraum für Straßenbahnen ist.
Dass
ein längerfristiger Einsatz dieser Wagen nur nach umfangreicher
Modernisierung sinnvoll und machbar ist, zeigen alle verfügbaren
Beispiele: Die in Stuttgart zurzeit [bis 2007]
noch eingesetzten Wagen wurden renoviert, mit neuer Verkabelung,
Innenausstattung, ... ausgestattet. Hier in
Augsburg werden gerade jetzt die ersten 20, 1992 aus Stuttgart
übernommenen GT 4 ausgemustert. Diese waren nicht ganz so umfassend
renoviert worden, wie die später zugekauften
20 Wagen oder eben die Fahrzeuge in Stuttgart, Halle/Saale,
Halberstadt usw. Der Verkaufspreis lag - was durchaus üblich ist -
auf Niveau des aktuellen Metallwertes des Fahrzeugs, also bei etwa
19.000 DM [ca. 9.500 Euro]. Soviel hätte die
SSB vom Schrotthändler auch bekommen. Mehr für diese Fahrzeuge zu
bezahlen, wäre keinem Verkehrsbetrieb möglich, da die öffentlichen
Diskussionen auch bei den 19.000 DM meist fatal ausfallen,
obwohl
die Konstruktion der Fahrzeuge überaus fortschrittlich und
wirtschaftlich ist - aber eben noch modernisiert werden muss, bevor
ein sinnvoller Einsatz der Wagen möglich ist. Es war also für die
SSB völlig egal, ob die Wagen auf den Schrott wandern oder eben
verkauft werden. Fest steht nur: es war an der Zeit, sie entweder zu
ersetzen oder zu modernisieren. Man entschied sich für ersteres,
weil man eben auf das Stadtbahnsystem gesetzt hatte und - was nicht
zu vernachlässigen ist - für Neubeschaffungen staatliche Zuschüsse
zur Verfügung stehen (i. d. R. 50%), während Modernisierungen
komplett vom Verkehrsunternehmen selbst getragen werden müssen.
Die Kosten eines DT - 8-Zuges
schätze ich auf etwa 1,5 - 2 Mio. Euro. Dies Fahrzeug ist so lang
wie ein Doppelzug aus GT 4-Wagen. Zum Vergleich: Die komplett
modernisierten GT - 4-Doppelzüge für Augsburg kosteten etwa 1,5 Mio.
DM pro Zweier - Zug. Ziehen sie bei den Stuttgarter Neuwagen 50%
Zuschuss ab, kommen sie auf die beinahe gleiche Summe - mit dem
Ergebnis, ein Fahrzeug mit 30 jähriger Lebensdauer zu erhalten,
verglichen mit etwa 15 Jahren beim modernisierten GT 4. Was ist nun
wirtschaftlicher?
[ Kontrafrage: Was ist umweltfreundlicher?]

Sollten Sie sich jetzt fragen,
warum Städte wie Augsburg dieses Geld dann in die alten Wagen
investierten: Es gab vor einigen Jahren keine wirklich ausgereiften
Niederflurfahrzeuge (noch 1996 war das so!), bei schon bestellten
Wagen kam es oft zu langen Lieferverzögerungen. Deshalb musste auf
die Gebrauchtwagen zurückgegriffen werden, auch wenn sie auf lange
Sicht nicht unbedingt billiger sind als Neufahrzeuge.
Hochflurfahrzeuge wie der Stuttgarter DT 8 hingegen waren technisch
unproblematisch - mit ein Grund, warum die Entscheidung zum
damaligen Zeitpunkt in Stuttgart nicht falsch war.

S[tadt] - Bahn Karlsruhe:
Hier verkehren z. T. auch "mittelflurige" Stadtbahnwagen.; eine
wirklich Unterscheidung zwischen Stadt- und S-Bahn ist in Karlsruhe
kaum möglich; die S - Bahn ist im Grunde die Stadtbahn, die ins
Umland fährt, weitgehend auf DB - Gleisen. Hierfür müssen
Vorschriften der Eisenbahn Bau- und Betriebsordnung beachtet werden
- u. a. müssen die Fahrzeuge hier höheren Druckbelastungen (z.B. bei
einem Aufprall) standhalten, da sie z. T. auf den gleichen Gleisen
verkehren wie deutlich schwere Lok bespannte Züge der Deutschen
Bahn. Dass man in Karlsruhe dieses System wählte, lag daran, dass
der Hauptbahnhof dezentral zur Innenstadt liegt, Fahrten vom Umland
in die Stadt waren also sehr unattraktiv, weil immer noch einmal
umgestiegen werden musste (vom Regionalzug auf die Tram /
Stadtbahn). So kam die Idee auf, einfach ein durchgängiges System zu
schaffen - der Erfolg ist durchschlagend, die Fahrgastzahlen
bestätigen bei jeder Streckeneröffnung diese Konzept.

[S(tadt) - Bahn Stuttgart:]
In Stuttgart dagegen entschloss man sich schon in den
60er-Jahren für eine "U - Strab", also eine teilweise unterirdisch
verkehrende Straßenbahn zu bauen, mit der Option, später Fahrzeuge
bis hin zum U-Bahn-Format einsetzen zu können. Davon sind die
heutigen Stadtbahnwagen des Typs DT 8 weit entfernt, sowohl was
Länge als auch Breite betrifft. Dass diese DT-8-Züge für die
Steigungen zu schwach sind, ist wohl absoluter Nonsens: Die
Fahrzeuge verfügen über einen Allachsantrieb. Zum Vergleich: Die
steigungstauglichen GT - 4-Gelenktrams dagegen hatten nur je zwei
von vier Achsen angetrieben, zudem waren sie insgesamt deutlich
schwächer motorisiert (und hatten allerdings auch ein geringeres
Gewicht, was z. B. aus geringer Breite - 2,20 m statt 2,50 m beim DT
8 - resultiert.
Wo ich Ihnen voll zustimme, ist
die Umständlichkeit der Hochbahnsteige. Als 1985 die ersten DT 8
beschafft wurden, war technisch aber nichts anderes möglich. In
Kürze wird die SSB ausschließlich DT - 8-Fahrzeuge einsetzen - und
so, wie schon früher ähnlich - einen weitgehend einheitlichen (also:
Kosten sparenden) Wagenpark haben. Irgendwann werden diese Züge zur
Ausmusterung anstehen ( in 20 - 40 Jahren ). Dann könnte, da in
diesem Zeitraum ebenfalls wieder der komplette Wagenpark erneuert
werden muss, sicherlich auf Mittelflurfahrzeuge (Einstieg z.B. auf
40 cm über Schienenoberkante) umstellen und das gesamt Netz
entsprechend anpassen.
Insgesamt frage ich mich nach der Lektüre Ihres Textes, was sie mit
diesem überhaupt bezwecken wollen. Gut, Kritik am etwas "klotzigen"
Stadtbahnsystem, das wird klar. Andererseits kritisieren aber auch
schon die Beschaffung der Tramgelenkwagen des Typs GT 4 ( gebaut
1959 - 64, 350 Stück ). Diese fuhren übrigens bis in die 1970er -
Jahre ebenfalls mit Schaffnerbesetzung. Die bemängelte fehlende "Lebensqualtität"
durch den Wegfall offener Türen im Sommer ( was seit langem aus
Sicherheitsgründen nicht mehr möglich ist, ebenso wie bis zur Mitte
[auf]schiebbare Fenster bei Tramwagen, weil es schwerste Unfälle bei
Begegnungen gab, wenn sich Fahrgäste zu weit herausbeugt hatten)
kann ich nicht ganz nachvollziehen. Natürlich hat eine "klassische"
Straßenbahn mehr Charme als eine Stadtbahn, aber wie sie selbst
sagen: Fahrzeit- und Komfortgewinn sind bei der Stadtbahn doch
beträchtlich. Dass man in Stuttgart sicherlich einige unterirdische
Strecken, die nicht unbedingt nötig gewesen wären, gebaut wurden
sehe ich auch so. Und dass einige Straßenbahnlinien, die in den 60er
- und 70er - Jahren verschwunden sind, erhaltenswert gewesen wären,
ist ebenso klar. Nur: Seien Sie bitte froh, dass der Stadt Stuttgart
überhaupt ein derart leistungsfähiges Nahverkehrssystem geblieben
ist. Denn andernorts wurde vor etwa 30 Jahren nur zu gern der
Schienenverkehr demontiert, komplett auf Busse umgestellt, mit dem
Ergebnis, dass keiner mehr mitfährt. Genutzt hat dies nur der Auto-
und Straßenbaulobby. Gerade für Stuttgart ist daher erstaunlich,
dass soviel Schiene erhalten geblieben ist.

Trotz Fahrgastverlusten durch Tramlinien - Stilllegungen erobert
sich die SSB-Stadtbahn immer neue Kunden vom Auto zurück. Nebenbei:
Der Takt wurde meist ausgedünnt, weil die Tram nicht mehr so stark
benutzt wurde (Autofahren war finanzierbar und modern geworden).
Und: Die SSB zählt heute zu den vorbildlichsten und auch
wirtschaftlichsten Verkehrsbetrieben!
Es würde mich freuen, wenn Sie einige Äußerungen in
Ihrem Text überdenken würden - vielleicht höre / lese ich ja mal von
Ihnen?
Für weitere Auskünfte stehe ich
Ihnen gerne zur Verfügung.
Beste Grüße aus Augsburg,
Bernd Schiffler
Meine Antwort auf diese
außergewöhnlich konstruktive Zuschrift:
Sehr geehrter Herr Bernd Schiffler,
ich freue mich sehr über Ihre
Zuschrift zu meinem Artikel über die Stadtbahn in Stuttgart. Mir
imponiert hierbei vor allem Ihr qualifiziertes Wissen über die
Stadtbahnfahrzeugtechnik und deren Entwicklungsgeschichte.
Grundsätzlich stellt ein kritischer Artikel über den ÖPNV in Städten
für mich ein innerer Widerspruch dar. Autolärm und die dazu
gehörenden Abgase belasten die Lebensqualität der Menschen in hoch
verdichteten Ballungsräumen wie Stuttgart ins nahezu Unerträgliche.
Vor allem die elektrisch betriebenen Stadt- oder Straßenbahnen
stellen hier eine grundsätzliche Alternative dar, von den mehr
sportlicheren Fortbewegungsmitteln wie dem Fahrrad einmal abgesehen.
Es kann also nicht mein Interesse sein, indirekte Werbung etwa für
das Auto zu kreieren.
Dennoch gibt es auch bei der
Produktion der Stadtbahntechnologie Entwicklungen, welche den
emotionalen und instinktiven Eigenarten und Bedürfnissen von uns
Menschen zu wenig Beachtung schenken. Bei der Planung von
Fortbewegungsmitteln steht unserem anerzogenen Denken gemäß zunächst
vor allem die Funktionalität und das wirtschaftlich und technisch
Machbare im Vordergrund. Priorität hat zum Beispiel die
Geschwindigkeit, da dieses Verkehrsmittel eben eher für die Fahrt
zur Arbeit, als zum beschaulichen Genuss benutzt wird. Der
Zeitfaktor muss also garantiert sein, entsprechend ist die
Verkehrsführung und das Verkehrsmittel gestaltet. In Stuttgart
bedeutet dies, nach eigener Aussage der SSB in der Stuttgarter
Zeitung vor einigen Monaten anlässlich der Neugestaltung des
Hölderlinplatzes, dass die Stadtbahnwagen zur Langsamfahrt unter 10
Stundenkilometer antriebstechnisch überhaupt nicht geeignet seien,
da sonst die Fahrt sich sehr ruckelig gestalten würden. Dabei wäre
gerade die Langsamfahrt ein günstiges Mittel der Unfallverhütung an
all jenen Plätzen, an denen sich die Wege der Fußgänger und der
Bahnen unmittelbar kreuzen. Das diesem Zeitfaktor nur durch die
Anlage von Trassen Rechnung getragen werden kann, wird ja vor allem
durch die Unberechenbarkeit des Autoverkehrs verursacht, und stellt
somit keine Mutwilligkeit dar. Solche Streckenführungen werden sogar
gerade aus den Reihen der Alternativen befürwortet. Doch gerade [z.
B.] im Stuttgarter Westen wird genau diese Form der
Bahnverkehrsunterstützung zum Dilemma. Die abgeschirmten
Schienenstränge werden zu Schneisen, trennen ganze Stadtteile für
die zu Fuß gehenden Anwohner, die mal eben über die Strasse gehen
wollen, um im gegenüber liegenden Lädchen einkaufen zu könne. So
greift eines ins andere, so erzwingt nunmehr auch dieses
Verkehrssystem neue Lebensweisen und schafft die Notwendigkeit zu
mehr Verkehr, weil dann irgendwann letztlich nur noch in der City
oder am Stadtrand auf der grünen Wiese eingekauft werden kann. Nicht
alle Stadtbewohner sind junge fitte Menschen.
Speziell für Stuttgart weiß ich, dass es durchaus möglich und sogar
reizvoll ist, hier innerstädtisch auf das Verkehrsmittel Auto
komplett zu verzichten. Meinem Eindruck nach, nimmt die
Bahnbenutzung sogar zu. Auch durch die besonderen Preisangebote
(halbjähriges VVS-Studententicket) und den Verkehrsverbundausbau
trägt die SSB hierzu bei (nicht zu vergessen auch die sicherlich
kostspielige Renovierungsentscheidung zu Gunsten der Nostalgie [z.
B.] in Form der Seilbahn zum Waldfriedhof). Dies wird auf lange
Sicht dann auch zu kürzeren Verkehrsintervallen führen, was wiederum
die Akzeptanz erhöht. Diesem Trend möchte ich nicht entgegenwirken.
Und doch weiß ich eben auch, dass
gerade die derzeitig verwendete Stadtbahntechnologie in einigen der
älteren Stadtteile Stuttgarts erhebliche Probleme bereitet. Und da
fragt es sich dann, was oder wen muss ich an was oder wen anpassen?
Stuttgarts alte Stadtteile sind eng, kurvig und teilweise steil. Die
heutigen Bahnen dort benötigen möglichst gerade Streckenführungen.
Die alten Bahnen sind an diese Bedürfnisse einfach durch ihre damals
technisch bedingte Kleinheit angepasst gewesen, heute geht man eher
den umgekehrten Weg. Der Botnanger Sattel kann nicht mehr angefahren
werden [statt dessen wurde ein Tunnel durch den Berg gebohrt]. Dies
bringt sicherlich mehr Verkehrsruhe dorthin, doch der Betrieb muss
hier nun von Diesel - Bussen aufrecht erhalten werden. Es ist also
ein Verbindungsglied verschwunden, der Weg vom Hausflur zur Bahn ist
meist länger geworden.
Es ist wohl auch nicht
verwunderlich, dass sich eben gerade in den engen Straßenschluchten
die meisten Unfälle der Bahn mit unachtsamen Fußgängern in den
letzten Jahren ereignet haben. So zum Beispiel die Schülerin, die
vor ihrer Schule tödlich überfahren wurde, die alte Frau im Osten,
die der einfahrenden Bahn nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt
hat, oder der junge Mann, der unaufmerksam den Z-Übergang benutzt
hat. Alle diese Menschen sind ganz einfach nicht genügend an dieses
Verkehrsmittel angepasst. Vielleicht könnte eine Schulung hier
Abhilfe leisten, oder eben auch andere passive oder aktive
Schutzeinrichtungen.
Natürlich haben Sie recht, wenn
Sie darauf verweisen, dass sich auch schon bei den alten Bahnen
schwere Unfälle ereignet haben, durch deren Autonähe sogar häufiger
als in unseren Tagen. Doch wenn sie sich die Zeitungsarchive
vornehmen, fällt eben auf, dass gerade in unseren Tagen es gehäuft
zu Unfällen mit Fußgängern als Verkehrsteilnehmern kommt. Dennoch
möchte ich versuchen, den relativierenden Charakter der
diesbezüglichen Textpassagen neu zu über arbeiten. Denn es geht vor
allem darum, für die Unfallursachen zu sensibilisieren und nicht
etwa Panik zu erzeugen. Leider ist mit Sensationsgier auch hier mehr
zu bewirken, als mit rein sachlicher Argumentation, die dann
interessenspezifisch zerredet wird.
Die Stadtbahn ist ein
hochtechnisches Verkehrsmittel. Alles ist genau durchdacht und
geplant worden. Da frage ich mich, warum ist es nicht möglich, die
Bahnsteigkante genau auf die Bahneinstiegshöhe auszurichten?
Definitiv hat ein Rollstuhlfahrer
beim Einstieg hier seine Schwierigkeiten. Dabei liegt der Sinn der
Hochflurbahnsteige doch gerade darin, dass der Einstieg vereinfacht
wird? Erst in diesen Tagen habe ich im ersten Stock unseres Hauses
die Balkongeländer zwecks Renovierung entfernt. Die Sicherheit
leidet natürlich erheblich darunter. Doch genau dies ist die
Situation der erhöhten Bahnsteige, wohl bemerkt nicht nur in
Stuttgart und nicht erst in unseren Tagen und nicht nur bei der
Stadtbahn. Doch wir können uns doch wirklich mal Gedanken darüber
machen, ob wir nicht zu leichtsinnig waren, indem wir dies bislang
nicht bedacht haben. Natürlich ist Leben immer lebensgefährlich,
aber es ist eben auch einmalig und oftmals unwiederbringlich.
Die Entwicklung von
Sicherheitssystemen kann sogar Arbeitsplätze schaffen. Schwieriger
ist es da schon mit dem Zwang zur Eile, diesen zu ändern, bedeutet
wohl schon eine tiefsinnigere gesellschaftliche Umorientierung. Nach
einer solchen würden dann auch die von mir eher nostalgisch
angesprochenen Sperrgitter an offenen Türen für heiße Tage wieder
ihren Sinn bekommen, die, zugegebener Maßen, in ihrer ursprünglichen
Form aus den Fünfzigern bis etwa Mitte der Siebziger keineswegs als
ungefährlich zu bezeichnen sind.
Die von mir gewählte Formulierung des Verramschens bezieht sich
nicht auf die rein ökonomische Betrachtung des
Veräußerungsprozesses.
Sie, Herr Bernd Schiffler, haben sich die Mühe gemacht, sich
ausführlich mit der Stadtbahnproblematik auseinander zu setzen. Ich
vermute mal, dass Sie auch beruflich mit diesem Metier zu tun haben
oder gehabt haben. Ich möchte gern Ihren Leserbrief von mir
unkommentiert auf meiner Seite zur Stadtbahn in Stuttgart ins
Internet mit einstellen, so dass jeder Leser sich seine eigenen
Meinung bilden kann. Und falls Sie weitere Informationen hierzu
beisteuern möchten, von denen Sie glauben, dass sie für unsere Leser
interessant sind, stehe ich Ihnen stets aufgeschlossen gegenüber.
Vielleicht haben Sie auch Einblick in die Bemühungen der
Konstrukteure und Betreiber der Bahnen, den ÖPNV sicherer und
natürlich auch attraktiver zu gestalten und wollen darüber
berichten. [...]
Mit freundlichem Gruß verbleibt Ihnen
aus dem nördlichen Schwarzwald
Peter Bechen
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