Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND Nordinsel 27. März 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Von Vater's Seite bin ich Maori. Sein Stamm hat vor ca. 1000 Jahren an der Ostküste der Nordinsel gesiedelt, also sehr alte Wurzeln! Vater zog dann später nach Wanganui, wo ich geboren bin. Er ist in einer Zeit in NZ aufgewachsen, wo es in der Schule nicht erlaubt war die Maori-Sprache zu sprechen, Kinder geprügelt wurden, wenn sie es sprachen. Es war eine Zeit, wo die Maori-Kultur einen minderwertigen Stellenwert im Land bei der weißen, europäischen Mehrheit hatte. Seine Kindheit muss manchmal schrecklich gewe- sen sein, hat ihn geprägt. Die Maori-Vorfahren kamen aus dem polynesischen Raum, wie aus Hawai, Tahiti, Fiji, den Cook-Islands ... Mutter ist eine "Weiße" oder Pakeha, wie es heute heißt. Sie hatte englische, norwegische und spanische Ahnen. Aus ihrer Geschichte ist nicht viel bekannt, da haben wir "Löcher". Von der europäischen Seite bin ich die 3. Generation in NZ. Diese Seite der Familie hat einige Pfarrer, Künstler und Psychologen in der Familie, ist philosophisch, musisch und sehr exzentrisch! Ein Großvater hat zum Beispiel Geigen gebaut und gespielt. In der Familie wurde immer viel musiziert. In Polynesien habe ich nur die Cook-Islands auf meiner Hochzeitsreise besucht. Das war aufregend für mich - wir sprechen ja die selbe Sprache, die Leute dort jedoch viel schneller als wir Maori. Es hat mir gut gefallen und ich möchte gerne auch die anderen Inseln besuchen. Europa kenne ich nicht - es reizt mich, auch diese Seite meiner Wurzeln näher an zuschauen! Ich weiß so wenig über diese Kulturen und deren Wertesysteme ...

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig; ich muss wissen wer ich bin, was mich alles geprägt hat! Das finde ich sogar besonders wichtig, wenn du 2 Kulturen in dir hast. Die Gefahr, außer Balance zu kommen ist groß! In meiner Ursprungsfamilie sind wir 5 Kinder, 1 Mädchen und 4 Jungens; ich bin der Zweitjüngste. Mein Vater arbeitete für das Ministerium für Maori-Angelegenheiten und in den ersten 10 Jahren meines Lebens zogen wir aus beruflichen Gründen von Wanganui nach Christchurch, dann nach Hamil- ton und wieder zurück nach W., wo wir dann sesshaft wurden. Da wir in dieser Zeit keine Verwandten um uns herum hatten, war unsere Familie besonders eng zusammen. Ich kann mich an tolle Spiele mit meinen Geschwistern erinnern. Ich habe Vater als verbittert und frustriert über die Maori-Angelegenheiten in Erinnerung. Er versuchte wohl etwas zu ändern, aber es dauerte ihm alles zu lange, ging nicht voran. Als Kinder hatten wir Mühe ihn zu verstehen, zu begreifen. Wir wussten zwar, dass seine Kindheit nicht angenehm für ihn war, er sprach jedoch nicht viel darüber. Überhaupt wurde bei uns rückblickend viel zu wenig gesprochen; ich war ein extrem schüchternes Kind, konnte mich ganz schlecht mit Worten ausdrücken. Das mußte ich später erst mühsam lernen. Dabei ist das so wichtig für menschliche Beziehungen! Mutter war sehr religiös, war Sonntagsschullehrer-in in der Kirche. Natürlich sind wir auch alle in die Kirche gegangen. Vater war da ambi-valent, tendierte eher zur alten Maori-Kultur und Spiritualität, ging jedoch auch mit in die Kirche. Klar war für uns Kinder, dass unsere Eltern uns liebten, das haben wir nie in Frage gestellt. Die Schulzeit war schrecklich für mich, ich habe sie gehasst! Als schüchterne Kind war es schlimm Antworten im Unterricht geben zu müssen, die Aufmerksamkeit aller zu haben! Ich war ein Einzelgänger, wollte in Ruhe gelassen werden ... Trotz-dem hatte ich einige gute Freunde und war gut in der Schule, unter den Ersten. Schon da habe ich am liebsten Musik gemacht, Gitarre gespielt.

Ich bin dann erst mal auf die Uni und fing an Physik zu studieren. Nach einem Jahr war klar, dass ich das nicht weiter machen kann. Das Einzige, was mir in diesem Jahr wirklich Spaß machte, war in einer kirchlichen Jugendband mitzuspielen. Da gab es auch eine nationale Band, gemischt mit Maori und Pakeha, die für 1 Jahr durch die Lande zog. Mit 18 beschloss ich mitzuziehen, obwohl Vater nicht begeistert davon war! Mutter fand das gut. Dieses Jahr war wichtig für mich. Das neue, aufregende Tournee-Leben und dann lernte ich Libby kennen, meine spätere Frau; sie war die Bandsängerin. Und ich setzte mich zum ersten mal richtig mit Religion aus- einander, da wir auch religiöse Lieder spielten und sangen. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich, hat meine Sichtweisen verändert! Nach dem Jahr suchte Jeff, der Direktor der kirchlichen Jugendarbeit, ein Team für die Jugendarbeit in Tauranga, an der Bay of Plenty. Libby und ich entschlossen uns mitzugehen und blieben 4 Jahre. Wir waren 6 Leute im Team und lernten ein Projekt zu organisieren, um zusetzten und zu etablieren! Das war viel Arbeit und viel neues Lernen, vor allem in der Verwaltungsarbeit. Wir hatten auch Spaß, unser Team war gut und wir hatten Erfolg! Finanziert wurden wir von der Wohlfahrt, wie auch die Tournee im Vorfeld und die Arbeiten, die noch folgen ... Libby und ich haben auch in T. geheiratet.

Wie ich 22 war, starb Dad und wir sind nach Wanganui zurück. Jeff hatte damals die Idee eine Maori-Band zu gründen, sie auf Tournee zu schicken. Er fragte uns, ob wir die Band leiten wollen. Wir sagten ja, unter der Bedingung, dass wir beide in Wanganui für 1 Jahr ein Maori-Studium machen konnten. Er war einverstanden, fand die Idee sehr gut. Für mich war es wichtig, mich mehr mit meiner Maori-Seite auseinander zusetzen, mehr über die Maori-Vergangenheit zu erfahren, auch im Zusammenhang mit der Geschichte meines Vater's. Das war ebenfalls ein prägendes Jahr, mehr über die alte Kultur und die Maori-Sprache zu lernen. Sehr aufregend und verführerisch, sich alte Zeiten wieder herbei zu sehnen, zu träumen! Dann auch den realistischen Blick auf das Heute und die Zukunft, mit der ganzen Entwicklung einer modernen, technologischen Welt. Wie das unter "einen Hut" kriegen? Das eben treibt viele Maori-Jugendliche um, bringt sie manches Mal zum Verzweifeln, bis zum Freitod. Nach diesem Jahr fühlte ich mich stabiler und besser in Balance, zwischen 2 Welten zu leben. Wir gründeten die Maori-Band, tingelten 1 Jahr durch ganz NZ, spielten in Schulen, an Universitäten, vor alten Leuten und in Marae's. Der Erfolg war umwerfend und wir waren gerührt, aber auch stolz auf das, was wir mit Musik vermitteln konnten! Und wir fühlten uns sehr privilegiert, im Vergleich zu anderen Menschen, unser Hobby, unseren Glauben und unsere Arbeit verbinden zu können. Zur gleichen Zeit war auch eine gemischte Band von uns unterwegs. Es gab dann Schwierig-keiten, weil die Mitglieder oft überfordert waren, nicht gut auf die Tournee vorbereitet waren. Danach haben Jeff, sein Sohn und ich in Auckland eine Musik-Schule gegründet, die jetzt seit zwei Jahren besteht. Alle Tournee-Erfahrungen wurden in die Konzeption eingebaut. Ich lebe nun in Auckland mit meiner Familie, bin in der Schule für den musikalischen Teil verantwortlich, gebe auch Unterricht in Gitarre und Bandarrangement. Auch das war harte Arbeit, bis alles "stand"! In der Zwischenzeit ist die erste Gruppe mit 34 Leuten fertig mit der Ausbildung und gerade mit einem 3-stündigen Programm auf Tour. Es läuft prima! Übrigens war ein Konzeptpunkt auch eine paritätische Band aus Polynesiern, inklusive Maori und Europäern zusammen zu stellen. Das war nicht so leicht, denn wir mußten lange suchen, bis wir alle Musiker zusammen hatten!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Ich bin traurig, dass mein Vater nicht mehr lebt. So gerne würde ich mich mit ihm über Maoridom reden, über die Erfahrungen aus meiner Arbeit, aus seiner Arbeit und mich mit ihm austauschen. Ich denke, wir sind ein großes Stück weiter gekommen, unsere Kultur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen! Meiner Mutter habe ich auch viel zu verdanken, ihre Liebe und Unterstützung. Ebenso Jeff - er hat meine Talente gefördert, mir vertraut, mich viel ge-lehrt. Und Libby, meine Liebe, die auch ein großes Talent für Organisation hat, ohne die ich manchmal verloren wäre! Meine wunderbaren Schwiegereltern in Wellington die, bevor sie mich kennenlernten, keinen Kontakt zu Maori hatten und mich zwar verunsichert, jedoch wohlwollend in die Familie aufnahmen. Das fand ich großartig und wir verstehen uns prächtig. Und natürlich meine süße Tochter - was für ein Erlebnis, sie aufwachsen zu sehen. Durch sie sind wir sesshafter geworden, führen nicht mehr ein so unruhiges Leben.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Weniger in der Schule zu arbeiten und mehr im Tonstudio. Schon seit einem halben Jahr arbeite ich morgens im Studio, nach- mittags in der Schule. Ich möchte ein qualifizierter Toningenieur werden, will das von Grund auf lernen; überhaupt will ich exzellente Musik machen, das ist mein Ziel! Mich auch um die Erziehung meiner Tochter kümmern, dass sie mit ihren 2 Wurzeln in Balance kommt, sie akzeptieren und lieben lernt. Mich noch mehr mit alter Maori-Kultur aus- einander setzten und die Sprache besser lernen, was nicht so einfach ist. Wenn Du nach Deutschland gehst, sprechen alle Deine Heimatsprache! Ich muss als Erwachsener in die Schule, um meine Sprache zu lernen ... Und irgendwann möchte ich nach Europa!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Na, die Vielfältigsten, alle Möglichkeiten, die es in NZ gibt! Privat leben wir es ja nun in unseren Familie vor, dass es geht, das Zusammenleben! Dann am Arbeitsplatz etc. Gute, sehr gute Erfahrungen. Ich liebe die Vielfalt und finde sie außerordentlich inspirierend.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich bin, wie Christus, für friedliche Lösungen und für gewaltfreien Widerstand, wenn Menschen nicht gehört wer- den, wenn sie sich missachtet, übergangen, sich nicht gerecht behandelt fühlen! Ich finde es jedoch auch wichtig, aktiv eine positive Veränderung herbei zu führen, konstruktiv in der Gesellschaft mitzuarbeiten und da kann jeder bei sich selbst anfangen! Nur maulen und meckern bringt nichts. Mit Politik habe ich so meine Probleme, vieles ist mir zu abstrakt und zu undurchsichtig, ganz einfach verwirrend und unklar. So wünsche ich mir mehr Transparenz in wichtigen Dingen, die Neuseeland, "mein" Land betreffen!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen