Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview KAIKOURA Südinsel 9. Januar 1994

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Meine Vorfahren leben hier seit der "Erschaffung" der Südinsel. Ein Kanu kam aus dem Himmel auf die Erde - Pauraki. Das ist die Kurzversion der Schöpfungsgeschichte meines Stammes! Dann gibt es natürlich viele Ursprungsgeschichten über die Herkunft der Ma-ori, von Asien bis Südamerika ..., eine geschriebene Geschichte haben wir nicht, sie wurde immer weiter erzählt. Da spielt als Ursprung der gesamte pazifische Raum/Polynesien eine plausible Rolle. Ich bin glücklich, einige Inseln besucht zu haben. Überall wurden verschiedene Dialekte gesprochen, alle haben jedoch die selbe Sprache, z. B. auf den Cook-Inseln, Fiji, Hawai etc ...

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Wurzeln sind fundamental, sie geben mir die Ge-wißheit wer ich bin, woher ich komme, geben mir den Platz, wo ich hin gehöre und machen es so leichter für mich hin zu gehen, wo ich will. Wo Dein Kopf ist, ist auch Dein Herz! Ich bin glücklich hier geboren zu sein, wo auch meine Vorfahren lebten und mich in ihren Spuren bewegen kann. Das macht mich stolz und ist sehr befriedigend für mich. Es gibt mir bestimmte Vorrechte und Privilegien, mich in ganz Aotearoa in einem Marae vorzustellen, als ein Mitglied meines Stammes und Eingang zu finden. Wir waren zu Hause 10 Kinder, eine sehr große, liebevolle Familie. Maori-Familien sind meist groß, so auch die meines Vater's und meiner Mutter. Das bedeutet immer auch viele Verwandte! So ist es selten ruhig im Haus. Bei uns geht es lebhaft zu, z. B. hatten wir an Weihnachten Besuch von Verwandten aus allen Richtungen NZ's. Wir waren in unserem 3 Bedroom-Haus insgesamt 45 Personen für 1 Woche! Einige haben auch im Zelt geschlafen und das ging prima - für uns normal! Wir sind in der Lage es uns mit diesen Umständen sehr gemütlich zu machen, weil wir es so gelernt haben. Mein Lernprozess als Kind/ Jugendlicher wurde unter Anderem von der formalen Schule geprägt, die ich oft als langweilig empfand! Wann Captain Cook hier in Neuseeland gelandet ist, hat mich z. B. nie sonderlich interessiert, die polynesische Kultur hätte mich mehr gereizt ... Auch über kooperatives Verhalten mußte ich nicht viel dazulernen - bei unseren Großfamilien lernst du das von klein auf; bei uns zählt der Stamm! Das Lernen im Alltag fand ich spannender und prägender als Lebenserfahrung. Der dritte Lernstrang war über die Familie, die FreundeInnen. Da kommen die 3 Stränge zusammen, die mich geprägt haben. Ich bin mit 17 von der Schule und arbeite. Eine Ausbildung im klassischen, europäischen Sinn - ein Diplom habe ich nicht. Ich fand das nicht wichtig. Am meisten hat mich beruflich der Bereich Erholung-Freizeit-Lebenstüchtigkeit = Lifeskill interessiert. Ich war immer ange-stellt, habe unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, auch in der Verwaltung und im Bereich wirtschaftliche Entwicklung. So habe ich auch in einigen Projekten mitgearbeitet und seit einiger Zeit nun hier bei dieser Maori-Firma, die vor Ort Ausflüge für TouristenInnen organisiert und durchführt. Wir haben uns auf die Wale und Delphine spezialisiert, arbeiten eng mit dem Naturschutz zusammen. Es ist ein besonderes Konzept und ein besonderes Unternehmen, in dieser Form einmalig in NZ. Die Firma ist ein gemeinnütziges Unternehmen, vom hiesigen Maori-Stamm gegründet und finanziert, um Arbeitsplätze zu schaffen. Die Firma hat jetzt insgesamt 30 Angestellte, 2/3 Maori und 1/3 Pakeha und ich bin der Geschäftsführer. Unser Team ist prima, wir arbeiten gut zusammen. Das Konzept geht auf, wir alle sind stolz darauf. Bei den Pakeha hat unsere Firma allerdings erst mal Verwirrung und Skepsis ausgelöst. Es ist immer noch ungewöhnlich, dass Maori sich im Wirtschaftsleben in dieser Art und Weise einbringen.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Für mich ist es ein großer Erfolg, meine Stammes-, meine Familien- und meine beruflichen Interessen ver-binden zu können, bei der Entwicklung mit zu helfen., z. B. hier die Firma erfolgreich zu leiten. Dann meine Frau zu heiraten - es konnte mir nichts besseres passieren! Bei der Geburt meines 1.Sohnes dabei zu sein, was für ein Erlebnis ... Mein erstes Kind war mein bester Lehrer - was habe ich alles gelernt, überhaupt Vater zu sein. Und ich habe den besten Vater, die beste Mutter der Welt; ich bin sehr glücklich und zufrieden!!!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Das ist einfach - ich versuche mein Bestes zu geben und das Vertrauen des Stammes zu erfüllen. Auch wollen wir noch mehr Arbeitsplätze schaffen; die sind hier in der Region immer noch rar. Privat möchte ich meine Kinder zur Unabhängigkeit erziehen, das heißt sie besuchen neben der formalen Schule eine Kulturgruppe im Marae, wo sie z. B. auch die Maori-Sprache lernen. Ich kann nicht Maori sprechen, habe es nie gelernt. Mein Vater wurde in der Schule körperlich gezüchtigt, wenn er Maori sprach - es war verboten unsere eigene Sprache zu sprechen! Das wollte er seinen Kindern ersparen ... Gott sei Dank ist das heute eine andere Zeit.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Ich bin erzogen worden Menschen zu respektieren. Beruflich habe ich es meistens mit Pakeha zu tun, Menschen/Touristen aus allen europäischen Kulturen. Mit Menschen, die wirklich hier leben und arbeiten wollen, habe ich keine Probleme. Die habe ich mit denen, die hier nur Land kaufen und damit Profit machen wollen. Solange Menschen sich engagieren, kümmern sie sich auch ...

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Menschen, die sich nicht einbringen wollen, sollten bei uns keine Macht und Einfluss im Land haben, z. B. nicht über mich, meine Familie, meinen Stamm bestimmen können. Mir ist wichtig, dass die alten Konflikte zwischen Maori und Pakeha geklärt werden, bevor neue Konflikte importiert werden! Wir haben die letzten 150 Jahre zusammen gelebt, viele Heiraten haben statt gefunden und so schlecht, verglichen mit dem Rest der Welt, läuft es bei uns nicht. Eine KIWI-Kultur hat sich entwickelt, unabhängiger vom britischen Empire. Das finde ich gut, das gibt eine stärkere Identifikation mit dem Land und das ist wichtig!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen