Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

 

VORWORTE

Das Buch MENSCHEN IN NEUSEELAND ist Keri Hulme gewidmet, einer berühmten Autorin und Schriftstellerin des Landes. 1991 las ich ihr Buch "Unter dem Tagmond". Ich war fasziniert und mein altes Interesse an Neuseeland war wieder geweckt. Als junge Frau wollte ich mit Mann und Kindern in dieses Land auswandern; das Vorhaben wurde dann wegen einer Familienangelegenheit gestoppt und lange Zeit dachte ich nicht mehr daran. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, beschloss ich 1993 mit einer "alten" Schulfreundin einen Besuch zu machen. Wir mieteten einen Wagen und fuhren 4 Wochen auf der Nordinsel herum. Ich verliebte mich in Land und Leute ... Beim Abflug auf dem Auckländer Airport war klar - ich komme zurück mit sehr viel mehr Zeit und allein.

Schon nach relativ kurzer Zeit war ich wieder da und dieses Mal für 6 Monate. Ich hatte beschlossen ein "Sabbatjahr" zu machen - schenkte mir zu meinem 50. Geburtstag eine einjährige Weltreise! In diese hatte ich Neuseeland mit eingebaut. Während des 2.Trips 1994/95 besuchte ich Keri Hulme, machte mit ihr ein Interview für den deutschen Buch- markt. Sie ist nicht nur eine exzellente Schreiberin, sondern war auch eine hilfreiche Kollegin, die interessiert mein Buchprojekt unterstützte. So lieh sie mir ihre alte Schreib- maschine und gab mir hilfreiche Kontaktadressen für meine weitere Arbeit in NZ. Danke Keri und Kia Ora - alles Gute!

Im Voraus möchte ich den Menschen meinen Respekt aussprechen, die sich für das Buch zur Verfügung stellten und mir ein Interview über ihr Leben gaben, ehrlich waren und sich mit einer Veröffentlichung einverstanden erklärten. Dazu gehörte Mut!

Das Buch ist für Menschen gedacht, die sich als BesucherInnen mehr über Land und Leute informieren wollen und auch für die, die im Sinn haben, eventuell nach Neuseeland auszuwandern! Es ist selbstverständlich auch für Menschen, die nicht so reiselustig sind, aber trotzdem an der Welt interessiert sind!

Wie kam ich auf die Idee, dieses Buch zu machen?

Seit ich mich erinnere, war ich an Menschen und Gesellschaften interessiert; sie üben eine große Faszination auf mich aus! Natürlich eignet sich Neuseeland mit seinem multikulturellen Mix besonders gut für Studien. Nun denken Sie bestimmt, dass es ja noch andere Siedlungsländer gibt, wie z. B. die USA, Kanada oder Australien mit ähnlichen "Mischung". Stimmt, Neuseeland hat jedoch eine spezielle Geschichte! Die Ureinwohner, die MAORI, haben im Gegensatz zu den Ureinwohnern anderer Länder, nie in Reservaten gelebt! Schon beim ersten Besuch fand ich die "Mischung" sehr reizvoll - alte, polynesische Kultur und alte, europäische Kultur, mit weiteren Einflüssen aus verschiedenen, asiatischen Ländern. Die 2 Hauptgruppen im Land sind jedoch die MAORI und die EinwanderInnen europäischen Ursprungs - die Pakeha. Hier zuerst ein kurzer, geschichtlicher Rückblick zur Besiedlung Aotearoa´s oder Neuseeland´s. Die Maori kamen vor ca. 1000 Jahren mit ihren Kanu´s aus dem südpazifischen Raum, aus Polynesien nach AOTEAROA, dem Land der großen, weißen Wolke, wie sie das Land nannten. Über die Ursache ihrer "Völkerwanderung" wird bis heute spekuliert, auch ist ihr genauer Ursprungsort unklar. 12 Maori-Stämme landeten auf der wärmeren Nordinsel an der Bay of Plenty bei OPOTIKI und verteilten sich entlang der Ostküste. Nach polynesischer Tradition teilten sich die Stämme mit der Zeit in kleinere Untergruppen und bevölkerten nach und nach die ganze Nordinsel Neuseeland´s. Unter den Stämmen gab es kriegerische Auseinandersetzungen; 2 Stämme verzogen sich auf die Südinsel und siedelten im Norden bei Neslon und Kaikoura. Die Nord- und Südinsel Neuseeland´s war vor der Ankunft der MAORI unbewohnt, entgegen anders lautender Angaben in älteren Geschichtsbüchern des Landes oder manchen Reiseführern. Angeblich sollen sie die vor ihnen auf den Inseln lebenden Menschen aufgefressen oder vertrieben haben. Vor Jahren wurde jedoch von Forscher-Innen nachgewiesen, dass nur die kleinen Chatham-Islands, gegenüber Christchurch auf der Ostseite der Südinsel, besiedelt waren. Daraufhin wurden vor 10 Jahren die neusee-ländischen Geschichts- und Schulbücher geändert, jedoch schwirrt der alte Wissensstand immer noch in den Köpfen herum und/oder wird weiter verbreitet.Da die Maori zunehmend und mit Erfolg für ihre Interessen kämpf(t)en, das heißt u. a. das enteignete Land zurückfordern und bekommen, wird ihnen von den Nachfahren der weißen EinwanderInnen, den PAKEHA immer wieder vorgeworfen, dass sie ja auch Leute vertrieben hätten, also auch keine "besseren Menschen seien als ......". Somit seien ihre Ansprüche nicht gerechtfertig! Die Bezeichnung MAORI = Menschen von den Inseln oder ISLANDER, wurde übrigens von den Weißen für die polynesischen UreinwohnerInnen geprägt, um sie als Menschenstamm klassifizieren zu können.

Soweit bekannt, betrat 1642 der holländische Seefahrer Abel Tasman als erster Weißer mit seiner Schiffsbesatzung neuseeländischen Boden - bezeichnete das Land als New Zealand. Die Maori waren nicht begeistert und schlugen sie in die Flucht. Erst nach 127 Jahren tauchte James Cook auf und nahm die Inseln für die britische Krone "in Besitz". Er hatte mehr Glück als Tasman, denn an Bord seines Schiffes befand sich ein Mann aus Tahiti, der sich mit den Maori verständigen konnte und die Schiffsbesatzung als Freunde ankündigte - so wurden sie als Gäste empfangen! Es vergingen dann noch 30 Jahre, ehe die ersten Wal- und Robbenfänger folgten und Handelsstationen aufbauten. Händler und SiedlerInnen aus England und anderen euro-päischen Ländern folgten nach und nach; das war Ende des 18. Jahrhunderts. Damals wurde New Zealand von der Krone als australische Kolonie betrachtet. Ab 1907 war es eine "Dominion" des bitischen Empire und erst 1840 kam der Vertrag von WAITANGI zustande, ein Abkommen zwischen der Krone und 46 Maori-Häuptlingen, den nach und nach weitere Häuptlinge unterschrieben. Die Ureinwohner des Landes verpflichteten sich vertraglich, ihr Land ausschließlich an die Krone zu verkaufen. Dafür bekamen sie die Garantie "auf die uneingeschränkte, exklusive und ungestörte Nutzung ihres Grundeigentums, ihrer Wälder, Fischgründe und anderer Ressourcen, gleich ob es sich um kollektives Stammesland oder individuelles Eigentum handele". Auch wurde den Maori alle Rechte und Privilegien britischer StaatsbürgerInnen zugesichert. Das hört sich gut an; es ist insgesamt ein fortschrittliches Vertragswerk, verglichen mit den Verträgen der UreinwohnerInnen USA´s, Kanada´s oder Australien´s. Viele Weiße Neuseeland´s waren und sind jedoch mit dem "großzügigen Vertrag" nicht glücklich; so wurde der dann auch häufig von ihnen gebrochen. Den Maori wurde gegen ihren Willen vorher und nachher immer wieder Land enteignet, ohne sie dafür zu entschädigen. In den Schulen war ihnen unter Prügelstrafe verboten ihre Sprache zu sprechen.

Ihren GötterInnenglauben und ihre Legenden, ihre unterschiedlichen Wertevorstellungen, wie die Natur zu respektieren, einen anderen Umgang mit Zeit und Arbeit zu pflegen oder Geld nicht einen so hohen Wert beizumessen, wurde und wird von den Weißen oft milde belächelt oder mit rüden Worten herabgesetzt. Häufig wurden und werden sie als primitiv, dumm, dreckig und faul bezeichnet und ihre Bildungschancen waren lange Zeit gering, da sie andere Formen des Lernens gewöhnt waren und weniger gefördert wurden. Diese Ge- schichte ist nicht ungewöhnlich - sie findet sich bei allen Ureinwohnern in den USA, Kanada, Australien und dem Kontinent Südamerika wieder! So ist dann auch nicht verwunderlich, dass die Maori bei den Ausbildungen, den Erwerbs-arbeitsplätzen, den Karrierechancen etc. an unterster Stelle der Statistiken standen und immer noch stehen, ähnlich wie bei den UreinwohnernInnen anderer Einwanderungsländer. Bei den Geburten- und Gesundheitsrisiken, der Kriminalität standen und stehen sie an oberster Stelle ... Erst seit 1975 können die Maori gegen die Diskriminierungen und Ungleichbehandlungen klagen, bzw. ungeklärte Landkonflikte beim damals eingerichteten Ministerium für Maori-Angelegenheiten klären lassen. Dis dahin war es ein mühsamer Weg der "kleinen Schritte" und des langen Atems, der erst Erfolg zeigte, nachdem mehrere Maori-Generationen das weiße Bildungssystem erlernt hatten und die Weißen mit ihren eigenen "Bildungswaffen" schlugen. Vorrausgegangen war ein großes Stammestreffen, wo die gemeinsame Strategie zur Erhaltung ihrer Kultur diskutiert wurde und die Ent-scheidung für die Einklagung des Waitangi-Vertrages fiel. Maori-Abgeordnete im Parlament und Maori-AnwälteInnen erreichten nach 130 Jahren eine Geseztesänderung, durch die Änderung einer Präambel - und seit dem klagen sie mit Erfolg. Es gibt jedoch immer noch Benachteiligungen gegenüber der Weißen Neuseeland´s, z. B. ist es für sie erst seit 2 Jahren möglich eigene Projektgelder bei der UNO oder anderen Entwicklungshilfeorganisationen zu beantragen. Im Moment laufen mehrere Arbeitsplatzbeschaffungsprojekte auf dem Land, da es für Maori nach wie vor fundamental wichtig ist, bei ihren Familien und in der Natur zu leben; isoliert in den Städten gehen sie kaputt.

Die volle Souveränität von Großbritannien erhielt Neuseeland erst 1947; es ist jedoch nach wie vor Mitglied des britischen Commonwealth und immer noch stark an das "Mutterland" orientiert; z. B. ist es nur möglich Bildungsurlaub für England zu bekommen. Das Land hat heute 3.3 Millionen EinwohnerInnen und 70% der Bevölkerung lebt auf der Nordinsel, 30% auf der Südinsel. MAORI machen 13% der Bevölkerung aus, also eine relativ starke Minderheit, im Vergleich zu Australien mit 0.5%. Da sie immer noch sehr traditions- und stammesbewußt sind, konnten sie, trotz zeitweiser erzwungener Anpassung an das weiße System, ihre Identität bewahren und sind in der Regel außerordentlich stolz darauf MAORI zu sein. Ihre Sesshaftigkeit (NomadenInnen sind schneller zu spalten!) und der Leidensdruck hat den verschiedenen Stämmen geholfen, ihre politischen Ziele zu vereinigen und gemeinsam für ihre Kultur und ihre Rechte zu kämpfen.

Mit der Zeit kamen nicht nur mehr europäische EinwanderInnen, sondern auch viele AsiatenInnen, meist aus China. Weitere Menschen kamen und kommen von den polynesischen Inseln = ISLANDER, wie West-Samoa, Tonga, Fiji, den Cook-Islands etc. nach Neuseeland, da es auf diesen Inseln an bezahlten Arbeitsplätzen mangelt. Mit den MAORI machen sie heute fast 30% der Bevölkerung aus. Böse Zungen behaupten, dass die mehrheitlich weiße Regierung aus politischem Kalkül mehr und mehr "Farbigen" die Daueraufenthaltsgenehmigung = Permanent Residence gibt, um die Stärke der MAORI zu brechen.

Die NEUEN sind nicht an einer Lösung des Maori-Landkonflikts oder der Erhaltung der Maori-Kultur interessiert, kämpfen für ihre eigenen Interessen. Das zur Besiedlungs- und Einwanderungspolitik des weißen Neuseeland´s.

Zurück zu meinen Reisen. Auf meinen 1.Neuseeland-Trip bereitete ich mich wie üblich vor mit Broschüren vom neuseeländischen Touristenbüro, Reisführern, Landkarten etc. Die schönen Bilder in den Reiseprospekten vom Land entzückten meine Augen und meine Seele. Mein besonderes Interesse galt Photo's von MAORI, der Beschreibung ihrer Kultur. Über die "weiße" Siedlungsgeschichte gab es keine Bilder und kaum etwas zu lesen. Ich wußte eben, dass die Mehrheit der EinwohnerInnenen des Landes "Weiße" sind, meist mit englischen, irischen oder schottischen VorfahrenInnen. Während der Reise wurden wir häufig von den einheimischen "Weißen" gefragt, warum uns Neuseeland so interessiert, warum wir den weiten Weg auf uns genommen hätten ... Oft reagierten sie irritiert über unser starkes Interesse am Maoridom. Das irritierte uns wiederum! Die Leute waren so zwischen 30 und 60; sie verhielten sich höflich bis freundlich, versuchten in jedem Fall unsere Fragen zu beantworten und uns weiter zu helfen. Während unseres Trips durch und über die Nordinsel fanden wir dann auf dem Land kleine, liebevoll eingerichtete Museen, die die weiße Siedlungsgeschichte der Regionen aufzeigten. So wurde unser Wissensdurst dann auch in dieser Richtung befriedigt!

Diese Reaktionen lösten bei mir eine Menge aus: Ich bekam den Eindruck, daß die "Weißen" einen Minderwertigkeitskomplex haben. Im Gegensatz dazu schienen mir die Maori sehr stolz und traditionsbewußt. Sie kannten sich gut in ihrer Geschichte aus, wussten viel über ihre Vorfahren. Auch fragten sie nie, warum wir nach Neuseeland gekommen sind. Für sie war klar, daß ihre Kultur interessant für uns ist! Hier fühlte mich zum 1. Mal in meinem Leben als Europäerin - die alte Geschichte "meines" Kontinents war mir auf einmal bewußt und ich war stolz auf meine Wurzeln! Für mich ein überraschendes und beeindruckendes Erlebnis ... und wie sich dann später herausstellen sollte ein Schlüsselerlebnis mit Folgen! In diesem Zusammenhang wurde mir auch bewußt, dass die "weisse" Geschichte Neuseeland's im Vergleich zu der Europa's noch sehr jung ist, gerade mal 200 Jahre alt! Neuseeland war zudem lange Zeit eng mit dem britischen Empire liiert, hatte die englische Kultur übernommen. Erst in der 2.Hälfte dieses Jahrhunderts gingen sachte Autonomiebestrebungen los, die auch mit der Entwicklung einer eigenen Kultur einhergingen. So fing ich also schon beim 1. Besuch an, "Weiße" über ihre Vorfahren und deren Ursprungsländer auszufragen und viele der Älteren wussten nicht viel darüber. Die Jüngeren waren offensichtlich mehr an ihren Wurzeln interessiert, wollten unbedingt nach Europa oder waren schon dort gewesen. All das machte mich nachdenklich und es fiel mir ein, dass z. B. in Deutschland nach dem 2.Weltkrieg, die älteren Generationen nicht sehr an der Vergangenheit interessiert, sondern mehr zukunftsorientiert waren; so auch meine Eltern. Die Nachkriegsgenerationen wollten mehr über die Vergangenheit wissen; das stieß jedoch bei den Älteren oft auf Unverständnis und Ablehnung (nicht nur wegen des den Auswirkungen des 3. Reiches). Das hatte übrigens Konsequenzen - ein spürbarer Autoritätsverlust der Alten begann und setzt sich bis heute fort! Ich meine, eine Vergleich mit der Siedlungsgeschichte der klassischen Einwanderungsländer ist spannend. Die EinwandererInnen waren so beschäftigt, ihre Existenzen aufzubauen, da war die Zukunft selbstverständlich wichtiger als die Vergangenheit; ähnlich wie in den Nachkriegsjahren in Deutschland. Offensichtlich ist es Luxus, sich in aller Ruhe die Zeit zu nehmen und zurückzublicken, erfordert wahrscheinlich existenziell abgesicherte, friedliche Umstände.

All diese Überlegungen waren die Folge des für mich unerwarteten Minderwertigkeitskomplexes! Nun komme ich noch einmal auf den für mich reizvollen, multikulturellen Mix in Neuseeland zurück. Überall, wo wir uns auf der ersten Reise bewegten, hatten wir den Eindruck, dass es hier eine "gemischte" Nachbarschaft, Arbeitsplätze und ein Miteinander im Pub gab. Nur am East Cape, auf der Nordinsel, waren so etwas wie Rassenunruhen, ein offener Landkonflikt zwischen Maori und PAKEHA = Weiße/Fremde, der bei unserem Besuch nicht geklärt war. Dieser schien schon länger anzuhalten, denn der Konflikt war atmosphärisch spürbar, wie in Kneipen, in Gesprächen ...

Ich finde es normal, daß schon wenn 2 Menschen gleicher Rasse zusammen leben oder arbeiten, Konfliktpotential gegeben ist. Um so grösser ist das Konfliktpotential bei unter-schiedlichen Rassen und Kulturen. Wenn ich daran denke, wie unterschiedlich wir Menschen schon in Deutschland, in den verschiedenen Regionen sind und dann die Menschen aus den Ländern Europa's ...! So erstaunt mich, dass es nicht öfters "kracht"! Was letztendlich für mich zählt, ist wie mit Konflikten umgegangen wird, welche Streitkultur gepflegt wird. Die Tatsache, dass in Deutschland in Firmen und Verwaltungen Seminare zum Thema "Konfliktmanagement" und "Eine neue Streitkultur - Konfliktgespräche" angeboten werden, zeigt auf, dass dies auch ein Problem in unserer Arbeitswelt ist. Wie sollte es auch kein Problem sein? In Deutschland, und ich bin sicher, auch in anderen Ländern, haben wir weder zu Hause - im Privatleben, noch in der Schule gelernt, wie wir Konflikte an- sprechen sollen, wie damit umgehen. Wertesysteme "weißer" Kulturen erziehen zum Einzelkampf und zur Konkurrenz, nicht zur Kooperation! So kommt es dann auch im privaten und beruflichen Alltag durch "Solofights" schneller zur Konfrontation und alle wundern sich, dass Teamarbeit meist nicht oder schlecht funktioniert! Hierzu eine Geschichte - einem positives Beispiel: Folgendes passierte auf der Insel LOMBOK, bei meinem Besuch im September 94 in Indonesien und hat mich sehr beeindruckt. Eines Morgens ging ich auf den Markt. Ich stand gerade an einem Gemüsestand und schaute mir die Auslagen an, als hinter mir 2 Männer lautstark anfingen zu streiten und aufeinander losgingen. Zu meiner Überraschung drängten sich sofort mehrere Leute - Frauen und Männer dazwischen, trennten die beide Streithähne, hielten sie fest und redeten auf sie ein! Da ich die Sprache nicht verstand, versuchte ich heraus zu bekommen, was gesprochen wurde. Erstaunlich - die Eingreifenden forderten die Kontrahenten auf, jetzt wieder miteinander zu reden, nicht mehr zu kämpfen - sensationell! In Deutschland hätte sich ein Kreis mit passiven ZuschauerInnen gebildet, vielleicht eine mutige Person die Zivilcourage gehabt einzugreifen, mit dem Risiko selbst "getroffen" zu werden. Hier hatten mehrere eingegriffen und damit das Risiko minimiert in den Kampf verwickelt zu werden; sie hatten soziale Verantwortung übernommen, ohne Vorwürfe, ohne Schuldzuweisungen! Für mich war klar, daß das Wort jetzt und die Neutralität den Ausschlag gegeben hat! Phänomenal - was für eine Streitkultur!!! Die Kampfhähne beruhigten sich tatsächlich. Ich ging beeindruckt nach Hause zu meiner Hindu-Gastfamilie, erzählte von meinem Erlebnis. Sie lachten und berichteten, dass solche Begebenheiten immer wie folgt ablaufen: finden die Streitenden keine Ende oder prügeln sich, würden alle Anderen so reagieren - die soziale Gemeinschaft sei ja dadurch gestört!!! Ist dann immer noch kein Ende des Streits, bekämen sie eine neutrale Person zur Seite; die helfe wieder ins Gespräch zu kommen ...

Genau da setzt die "neue Streitkultur" bei uns an: mehr soziale Verantwortung aller für die Gemeinschaft, keine Verurteilung von Gefühlen und Handlungen, keine Parteinahme und neutrale Hilfsangebote für Gespräche, zur Klärung des Konflikts! Das ist der Versuch, wieder von der ICH- zur WIR-Kultur zu kommen.

 

Zurück nach Neuseeland!

Mein Interesse am Land und den Menschen war so gross, dass der 2.Besuch kurz nach dem Ersten erfolgte, mit der Idee im "Gepäck", mehr Zeit in Studien über diese multikulturelle Gesellschaft zu intensivieren, darüber ein Buch zu machen. Ich nahm mir vor, die Teile des Landes zu besuchen, die wir auf der ersten Reise aus zeitlichen Gründen "ausgespart" hatten. Klar war, ich brauche einen Wagen und so beschloss ich ein altes Gefährt für die 6 Monate zu kaufen. Ich wollte Menschen auf der Straße, in Läden, in Kneipen etc. ansprechen, sie um ein Interview bitten und unter Anderem heraus finden, was sie über den gemeinsamen Alltag in Ihrem Land denken. Wichtig war mir auch, eine gute Balance von den Generationen, vom Geschlecht und den verschiedenen, ethnischen Gruppen im Land zu bekommen. Nach meinem prozentualen Schlüssel kam ich auf 50 Interview's, 30% der Interviews mit Maori, Isländern und Menschen aiatischer Herkunft, 70% mit Menschen europäischen Ursprungs - entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung. Unbekannte Faktoren waren die Kooperationsbereitschaft der Menschen für dieses Buchprojekt, ob meine Zeit von 6 Monaten reichen würde das Projekt durchzuführen und einen Verlag in Neuseeland für die Veröffentlichung zu finden. Das Ergebnis der Interview's wird mit Sicherheit auch meine Überlegung und Entscheidung beeinflussen, vielleicht doch noch nach NZ einzuwandern! Eine schöne Umgebung und ein reizvolles Völkergemisch reichen nicht aus, um mein Heimatland zu verlassen und überzusiedeln! Das politische Klima, die Atmosphäre im Land, das soziale Verhalten der Menschen, speziell auch in Konfliktsituationen, die Stellung der Frauen, Kinder und alten Menschen in der Gesellschaft - das sind unter Anderem auch wichtige Kriterien, die für mich zählen. Mit Sicherheit sind Sie nun gespannt auf das Ergebnis der Interview´s und den Bericht insgesamt, sowie meine Entscheidung!

1.Februar 1995

Whakaangiangi Primary School - East Cape Neuseeland
Stellvertretend für alle Kinder Aotearoa´s - Neuseeland's

KINDER SIND DIE ZUKUNFT EINES LANDES

Da ich weder mit Kindern noch Jugendlichen unter 20 ein Interview gemacht habe, finden Sie am hier das Bild einer "Zwergschule" vom East Cape, mit im Moment 52 überwiegend Maori-SchülerInnen und 5 LehrerInnen. Am 1.Februar 1995 machte ich dort einen Besuch und wurde offiziell mit Liedern und Ansprachen begrüßt, in der Schule herumgeführt. Sie sollen stellvertretend für alle Kinder Aotearoa´s - Neuseeland's stehen, denn Kinder sind die Zukunft eines Landes!

Auch bekam ich eine Einladung für den 3. Februar 1995 zu einem Hui = Versammlung der Maori in Manutuke, dem Stamm der Ngati Rongo Whakaata. Bei dem 2-tägigen Workshop (siehe Bild links = HUI MARAE - WORKSHOP "ZUKUNFT" - IN MANUTUKE) trafen sich Jung und Alt im Marae, um über ihre Wertevortellungen, Ziele, Wünsche, Pläne für die Zukunft zu diskutieren, ob der Stamm das Geldangebot der Regierung zur Abfindung für die Vergangenheit annehmen wolle ... Es war eine große Ehre für mich, als einzige Pakeha = Weiße daran teilnehmen zu können! Da die Zukunft in den Interview's eine wichtige Rolle spielt, steht diese Gruppe - siehe Photo, stellvertretend für alle im Land, die aktiv diesen Prozess mitbestimmen wollen. Während meiner 2 Aufenthalte habe ich nie eine "weiße" Gruppe getroffen oder von einer gehört, die über ihre Zukunft so gezielt diskutierte.

Sollten Sie am Reiseverlauf, den Geschehnissen unterwegs und meiner Entscheidung doch noch auszuwandern mehr interessiert sein, lesen Sie bitte meine Nachworte/Anmerkungen zu den Interviews.


Gute Unterhaltung wünscht Ihnen

Regine Rau


Dieses Buch erschien zuerst im SELBSTVERLAG und wurde von mir selbst vermarktet. Leider hat sich in Neuseeland kein Verlag gefunden. Ich hatte mit einigen Gespräche vor Ort und sie meinten, "Dass NeuseeländerInnen sich doch kennen würden!", also kein Bedarf für so ein Buch sei. Letztendlich stellte sich dann im Gespräch immer heraus, dass ich den "weissen" Verlagen zu Maori-freundlich war! Schade, ich hätte mir mehr Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit, mehr Souveränität gewünscht - stiess auf freundliches Erstaunen und Unverständnis für die Gründe meines Buches, auf viel Unsicherheit im Umgang mit meinen Themen. Dabei ist das Endergebnis der Umfrage insgesamt durchaus positiv für Aotearoa-Neuseeland!

In Deutschland konnte sich keiner der großen Verlage überwinden aus ihren traditionellen Reisebuchreihen "zu tanzen". Kleinere Verlage waren interessiert, allerdings nur bei erheblicher Eigenbeteiligung an den Druck- und Veröffentlichungskosten; außerdem sollte es erst 2 - 3 Jahre später erscheinen! Die Vertragskonditionen waren mir zu riskant; auch das Erscheinen auf dem Buchmarkt dauerte mir zu lange für ein Buch mit aktuellem, politischem Bezug. Schade, daß "Neuseeland" für die Meisten nur einen touristischen Wert hat, an der Entwicklung des Landes und der Menschen wenig Interesse besteht. Ich wünsche mir mehr Offenheit und Neugierde, mehr Mut "weißen" Eroberungszwang, Machtanspruch und Kulturimperialismus und die damit zusammenhängende und oft noch anzutreffende Arroganz zu hinterfragen!


HO HOU TE RONGO - EINHEIT IN FRIEDEN

Oh! Maori und Weiße, vermittelt hier einen menschlichen, guten Willen, Gerechtigkeit, Verständnis zwischen den Rassen und das Streben nach freundlicher Kooperation als einen Versuch mehr Frieden in die Weltfamilie zu bringen.

 

Gedächtnisstein auf dem Hügel in KAIKOURA, der Südinsel NZ´s, bei der alten Maori-Befestigung - TE NIHO PA

Seewarte Juni 1971


 

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen