Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview Insel LOMBOCK/Indonesien 10. September 1994

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder besucht?

Die Vorfahren von Mutter's Seite kamen aus Schottland, Vater's aus Irland. Von beiden Seiten bin ich die 3.Generation in Neuseeland. Bis jetzt habe ich diese Länder nicht besucht - wichtiger sind mir Menschen, z.B. Geschichten über sie, Photo's ...

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig, denn die haben mich ja stark geprägt! Meine Eltern und die Großeltern waren z. B. sehr religiös und wir gingen jeden Sonntag in die Kirche. Ob du als Kind wolltest oder nicht, es war Tradition und wir Kinder haben die elterliche Autorität akzeptiert. Die einen Großeltern betrieben mit großem Eifer die Poststelle am Ort. Das war eine wichtige Position in der Gemeinde und für uns Kinder toll, die Ferien dort zu verbringen! Meine Eltern und die 2 älteren Brüder sind natürlich auch wichtig in meinem Leben, besonders mein Vater. Er spielte die zentrale Rolle, war immer auch ein positives Vorbild für mich. Vater war höflich und tolerant, aufgeschlossen für andere Menschen, Religionen und Philosophien, ein richtiger Gentleman! Meine Mutter hat er verwöhnt und im Haushalt mitgeholfen, sich um uns Kinder gekümmert; sehr ungewöhnlich zu dieser Zeit für NZ! Ich glaubte lang, alle Männer seien so wie er und war enttäuscht, dass es nicht so ist. Rückblickend finde ich meine Erziehung in einem wichtigen Bereich nicht gut. Meine Eltern hatten intellektuell keine hohe Erwartungshaltung an mich; sie haben von meinen Brüdern mehr Leistung in der Schule erwartet. Im Nachherein finde ich es schade, denn ich hätte gerne mehr Förderung im Bildungsbereich gehabt! Ich ging früh von der Schule ab und machte, wie viele Frauen zu dieser Zeit, eine Ausbildung zur Sekretärin. Bis zu meiner Heirat habe ich in diesem Beruf gearbeitet.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Die zukurzgekommene Bildung und das Zerbrechen meiner Ehe. Die Scheidung, vorallem was davor abgelaufen ist, war ein gewaltiger Schock für mich. Ich brauchte lange, um das Alles zu verdauen; den Kindern ging es ähnlich. Mein erster Mann hat mich jahrelang mit meiner "besten" Freundin betrogen, die im selben Ort mit Mann und Kindern wohnte. "Alle" wussten es, nur ich nicht! Das war demütigend, auch der Vertrauensbruch von der Seite meines Mannes, so unehrlich und hintenherum ... Da war nichts mehr zu retten. Ich be-schloss mit den Kindern mein Leben neu zu ordnen; am selben Ort, was sehr schwer war! Meine Eltern waren ebenso geschockt, vorallem meine Mutter. Sie hat sich geschämt, dass "so etwas" in ihrer Familie passiert, der Nachbarn wegen. Vater war mehr schockiert über das Verhalten meines Mannes. Von dieser Seite kam also wenig moralische Unterstützung und die hätte ich damals dringend brauchen können! Die Unterstützung habe ich dann in grossem Maße von "echten" Freundinnen erfahren. Das hat mir in den Jahren nach der Scheidung sehr geholfen und wieder Mut gemacht. Mit Männern wollte ich lange nichts zu tun haben ... Der erste Mann, in den ich mich nach der Scheidung verliebt habe, war mein späterer Ehemann! Aber nun der Reihe nach. Erst mal ging ich mit einer Freundin für 14 Tage nach Bali/ Indonesien Urlaub machen, mich von der Familienmisere zu erholen. Ich verliebte mich in die Insel und beschloss, mit mehr Zeit zurückzukommen. Ein halbes Jahr später war ich alleine wieder da und blieb 2 Monate. Ich reiste herum und es war herrlich, habe alles sehr genossen! Auch schaute ich nach einem Ort, wo ich mir vorstellen konnte zu leben, denn in der Zwischenzeit hatte ich beschlossen, ganz nach Bali überzusiedeln. 4 Tage vor meinem Rückflug nach Neuseeland traf ich DoDeck vor einem Restaurant. Wir schauten uns an und hatten beide das Gefühl, uns ewig zu kennen; ein sehr starkes, emotionales Erlebnis! Das war für mich wie ein Schock, denn auf eine neue Liebe war ich nicht eingestellt. Meine Gefühle waren enorm stark - ich weinte auf dem ganzen Rückflug! Klar war nun, dass ich Distanz brauchte, um herauszufinden, wie es nun weitergehen sollte ... Wir schrieben uns, hatten weiter in Kontakt. Ich war damals 40, DoDeck 31, also auch von daher eine ungewöhnliche"Mischung". Der Umzug nach Bali war ja schon vorher eine beschlossene Sache und so verkaufte ich mein Haus, leitete alles in die Wege. Die Töchter wollten mitkommen, die Söhne beschlossen bei meinem Cousin zu bleiben. Auf Bali traf ich Do dann wieder und nach einer Weile lebten wir "inoffiziell" zusammen. Vater war schon vor dem ersten Bali-Besuch gestorben und dann starb auch meine Mutter. Ich ging mit den Töchtern für einige Zeit nach NZ zurück, um den Hausstand aufzulösen und mit meinen Brüdern den Nachlass zu regeln. Da kam ein Brief von Do mit ganz förmlichen Heiratsantrag. Er wollte der Tradition halber heiraten, da in Indonesien bis heute nicht üblich ist, unverheiratet zusammenzuleben. Ich wollte in jedem Fall zurück, ich liebte ihn und so stimmten wir zu, die Töchter und ich! Wir haben christlich in Neuseeland geheiratet und dann noch einmal auf Lombok, wo seine Familie lebt, mit einer Hindu-Zeremonie. Meine Schwiegereltern und die 4 Geschwister von DoDeck haben uns liebevoll in die Familie aufgenommen; es sind ganz feine Menschen und ich habe eine wirkliche Dame zur Schwiegermutter, eine pensionierte Lehrerin. Übrigens erinnert mich mein Mann an meinen Vater, auch er ist elegant und höflich, ein Gentleman! Wir leben nun mit den Töchtern in Padangbai auf Bali, in einem kleinen Ort, gegenüber der Insel Lombock und fassen neue Wurzeln! Hier leben auch Verwandte von DoDeck; seine Mutter stammt von hier.

Beruflich stieg ich, des Geldes wegen, nach der Scheidung erst mal wieder im Büro ein und machte in der Abendschule nebenbei noch eine Ausbildung zur Englischlehrerin. Das wurde mir als alleinstehende Mutter vom Staat in NZ finanziert. Natürlich hat mir das Lernen Spass gemacht und ich habe genossen mich weiterzubilden! Der Beruf gefiel mir, vorallem mit Menschen arbeiteten, anstatt mit Sachen. Ausserdem machte ich an Wochenenden eine Zusatzausbildung in RAKI, einer speziellen Massageform. Ja, in den Jahren nach der Scheidung habe ich sehr viel gemacht. Morgens als Sekretärin gearbeitet, Mittags Massagen gegeben und Abends die pädagogische Ausbildung. Für mich damals eine sehr ausgewogene Balance - alles stimmte! Ich hatte wieder Freude am Leben und meine Kinder unterstützten mich. Ich entdeckte auch meine spirituelle Seite; tanzen und singen tat mir gut. Die Scheidung hat mich gezwungen, mein Leben von Grund auf zu überprüfen. Zwar hat mir die Art und Weise, die dazu führte, nicht gefallen, aber das Ergebnis ist verblüffend! Es war die große Chance für mich, meinem Leben eine neue Richtung zu geben. Zurückblickend bin ich mit meinem Lebensverlauf zufrieden.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Beruflich bin ich auf Bali auch als Englischlehrerin eingestiegen. Die ersten Kontakte sind geknüpft, die ersten Referenzen liegen vor. Das ist gut, ich möchte jedoch mehr machen, auch des Geldes wegen. Die finanzielle Unabhängigkeit ist mir wichtig, und meine stillen Reserven schmelzen ...

Als mittel und längerfristiges Ziel haben DoDeck und ich gemeinsame Pläne. Er ist Touristenführer und ich kann Englisch, habe auch Spass am Umgang mit Menschen. So wollen wir gemeinsam etwas touristisches aufziehen - was, ist noch nicht so ganz klar - wir sind gerade beim Ideen sammeln.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

In Neuseeland hatte ich nur beruflich mit Maori-Frauen zu tun, habe einige sehr schätzen gelernt. Jetzt natürlich die Einheimischen hier - auf Bali sind es Hindu's, auf Lombok überwiegend Moslem's. Da ist viel Neues und Fremdes, sehr aufregend und auch manchmal frustrierend, wegen der Sprachbarrieren. Zu Hause ist es nicht einfach. Auch da gibt es manchmal wegen der Sprache Missverständnisse oder unterschiedliche Wertungen des Alltaggeschehens. Manchmal lachen wir darüber, manchmal ärgern wir uns, werden wütend! Da wir uns aber mögen und uns verstehen wollen, reden wir über die Ursachen, die Gefühle. Das bringt mehr Verständ-nis, ermöglicht Lösungen zu finden.

6. Wie siehst Du die Zukunft im Zusammenleben unterschiedlicher Rassen?

Insgesamt finde ich es wichtig, offen für andere Menschen, andere Kulturen zu sein, denn wir können viel voneinander lernen! Das gilt für hier, das gilt für Neuseeland, für die ganze Welt. Wichtig finde ich auch, alte Wurzeln nicht zu verleugnen, aber auch in der Lage sein, neue Wurzeln zu fassen. Gerne hätte ich 2 Staatsbürgerschaften, was leider nicht möglich ist. So behalte ich vorerst die Neuseeländische, hoffe, dass sich da etwas an den gesetzlichen Spielregeln ändert. Ich habe übrigens noch viele und regelmäßige Kontakte mit Neuseeland, zur Familie, zu Freunden, freue mich über jeden Besuch riesig! Und für Notfälle haben wir ein Rückflugticket ...

Dieses Interview "fällt" aus dem Rahmen, da Trish nicht in Neuseeland lebt. Hier ist die umgekehrte Situation - sich als Neuseeländerin in eine nichteuropäische Kultur einzuleben. Ausserdem war Trish der erste Mensch von NZ, den ich auf dieser Reise traf und ich empfand das als gutes Omen für mein Buchprojekt!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen