Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview TOKOMARU BAY Nordinsel 25. Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Die Leute von Vater's Seite kamen aus England, Australien und Deutschland - da bin ich die 3.Generation. Mutter's Seite kam aus Frankreich und Deutschland und hier bin ich die 4.Generation in NZ. Wir haben nur Kontakt nach England. Ich war noch nie in Europa, vielleicht später mal ... Für mich ist Neuseeland meine Heimat!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Ich denke, dass das sehr wichtig ist. Es ist interessant zu wissen, woher man kommt, was alles so in einem steckt! Das erklärt manchmal einiges ...Wir waren zu Hause 4 Kinder, 2 Mädchen, 2 Jungens - ich bin die Älteste und die Kleinste! Wir sind in einer Kleinstadt, an der Ostküste der Nordinsel aufgewachsen. Mein Vater ist Häuserbauer, meine Mutter Künstlerin, die zu Hause arbeitet. Sie spinnt, webt und strickt und ist in unserer Region sehr bekannt. Sie ist nicht gerne Hausfrau, wie alle Frauen unserer Familie! Wir sind gerne selbständig und unabhängig. So war bei uns die Atmosphäre anders als in den konventionellen Familien. Die Eltern gingen ihren eigenen Weg, kümmerten sich nicht um die Meinung anderer Leute. Damals fanden wir Kinder unser Leben normal. Vater war eigentlich unsere "Mutter", er kochte und las uns Geschichten vor, als wir klein waren. Mutter konnte mit kleinen Kindern nicht viel anfangen; wir wussten das, haben es akzeptiert. Sie war ehrlich und wir fanden das ok. Erst wie wir älter wurden, uns mit ihr unterhalten konnten, haben wir mehr miteinander gemacht. Wir haben zu Hause mit geholfen - jeder hat alles gemacht, spezielle Rollenzuteilungen gab es nicht. Zurückblickend waren meine Eltern für mich sehr positive Rollenmodelle - beide haben ihren Job gerne gemacht und hatten Spaß daran. Beide haben sich auch nicht in die klassischen Geschlechterrollen zwängen lassen. Ich finde das gut, denn ich kann mich nicht erinnern, als Kind etwas vermisst zu haben! Die Schule hat mir gefallen. Ich war wissbegierig, wurde jedoch zu wenig gefördert. Kein Wunder, denn ich war lange Zeit sehr ruhig und schüchtern, fiel nur als "Leseratte" auf, die viele Bücher in unglaublich kurzer Zeit verschlang. So dachten alle, ich werde einmal Bibliothekarin. Für mich war jedoch klar, dass ich draußen in der Natur arbeiten wollte; immer in einem Raum zu sein konnte ich mir nicht vorstellen. Eine Berufsvorstellung hatte ich nicht. Beides war für mich wichtig, fit im Kopf und körperlich fit zu sein. Sprinten und schwimmen mochte ich, heute mehr das Trecking im Busch. In Sport-Teams war ich nie, weil ich immer zu klein war. So ging ich meine eigenen Wege, habe mich selbst gefordert, ehrgeizig und zäh! Es überrascht mich immer wieder, zu was für Leistungen ich in der Lage bin. Nach der Schule war ich Opossumjägerin, habe Zäune gebaut, bin Bulldozer gefahren, hatte oft mehrere Jobs nebeneinander in meiner Heimatregion. Eine Ausbildung habe ich nie gemacht, sondern durch´s Tun gelernt, von anderen Tips bekommen, abgeguckt, selbst ausprobiert. Ab 21 war ich praktisch selbständig, vorher in Teilzeit angestellt. Die Leute, vor allem die Männer, haben natürlich am Anfang erst mal gestaunt, wenn ich als Frau und mit meiner Größe "Männerarbeit" machen wollte oder tat. Ich bin's gewohnt und es macht Spaß, verdutzte Gesichter zusehen, wenn ich z. B. aus einem Bulldozer steige (vorher hatten sie mich wegen meiner Größe nicht auf dem Sitz gesehen!), oder mit Baumstämmen und dem Sägewerk hantiere, meiner jetzigen Arbeit. Ich muss jedoch sagen, dass ich immer Männer fand, die mir auch eine Chance gaben, diese Arbeiten auszuprobieren, die mir ihr Wissen weitergaben und mir Mut machten. Sie haben jedoch große Schwierigkeiten von mir als Frau technisches Wissen anzunehmen; das geht ihnen gegen ihre Männerehre! Irgendwann habe ich dann einen Bulldozer und ein mobiles Sägewerk gekauft, als Selbständige Auftragsarbeiten angenommen. Das lief erst mal ganz gut, bis kurz hintereinander ein Erdbeben und ein starker Sturm kam. Viele Bäume knickten um, ich kam nicht mehr nach und meine ganze Organisation brach zusammen. Ich hatte gerade einen Auftrag verloren, da rief jemand aus der Forstverwaltung an und ich bekam einen 5-Jahresvertrag, um Gummibäume zu zersägen. Nach 2 Jahren mußte ich das aufgeben, weil endlich klar war, woher meine Allergie kam. Eine Sub-stanz des Harzes machte mir Schwierigkeiten. Ich habe den Vertrag aufgelöst, andere Aufträge bekommen. Die ganze Zeit habe ich hart gearbeitet, nie richtig ausgeschlafen, keine Zeit für andere Dinge gehabt. Seit einigen Jahren habe ich 3 - 4 angestellte Waldarbeiter. Ich kaufe das Holz und wir verarbeiten es. Ich habe eine neue, größere Sägemühle gekauft und konnte sie bar bezahlen. Die hat z. B. 56 000.--DM gekostet und ich bin stolz das geschafft zu haben! Ich arbeite nun auch in anderen Regionen, wie hier an der Ostküste, weil ich da größere Auftrage bekommen kann. Ich habe dann im nächsten Ort ein Zimmer, jedoch trotzdem Anfahrtswege von mindestens 1 Stunde zu meinem Arbeitsplatz. Das ist ok, ich liebe Autofahren! Neuerdings verkaufe ich auch das Holz und mache die Buchhaltung. So lebe ich mal hier mal da und über Langeweile kann ich nicht be-klagen ... Du fragst nach Freundschaften, Liebschaften. Ich hatte 10 Jahre eine Beziehung zu einem Mann, der für mich sehr wichtig war. Auch er hat viel gearbeitet, war viel unterwegs - mit ähnlichen Arbeiten, wie ich sie mache. Wir sahen uns manchmal nur einmal in 14 Tagen, für uns hat es jedoch lange Zeit "gestimmt" - wir sind beide starke Individualisten. Da wir beruflich viel gemeinsam hatten, war da viel Verständnis für einander.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Die Freundschaft mit dem besagten Mann. Er hat mir immer Mut gemacht, viel neues zu probieren, nicht mehr so schüchtern zu sein, meinen Weg zu gehen. Mit zunehmendem Alter schätze ich es, meine eigene Chefin zu sein, mein eigenes Geld zu haben, zu machen was ich will. Ich brauche meine Unabhängigkeit - das habe ich mit der Zeit herausgefunden. Ja, dann natürlich mein tolerantes Elternhaus, das mich und meine Geschwister nicht in vorgeschriebene Rollen presste ... Du hast mich auch gefragt, ob es für mich kein Widerspruch ist, gerne in der Natur zu wandern und dann Bäume "kaputt" zu machen. Ja, in früheren Zeiten wurden in NZ wahllos Bäume geschlagen, um Holz zu verkaufen. Es gibt hier ganze Landstriche, die völlig kahl sind! Dagegen bin ich selbstverständlich; ich finde das unmöglich, nur aus Profitgier zu handeln. Heute stehen jedoch viele Bäume unter Naturschutz und nur bestimmte Arten dürfen wirtschaftlich genutzt werden - also für mich und meine Arbeit kein Widerspruch. Ich halte Naturschutz für ganz wichtig!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte den Betrieb noch etwas vergrößern, in diesem Geschäft noch eine Weile arbeiten. Dann reizt es mich später mal nach Kanada zu gehen, wegen der Größe des Landes, der vielen Wälder und Seen. Wie schon gesagt, es macht mir Spaß, tagelang allein durch die Wälder zu streifen ... Und irgendwann sesshaft werden, ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen, wo weiß ich noch nicht. Heiraten, Kinder bekommen, das muss nicht sein. Eine gute Freundschaft jedoch, die nicht einengt - da bin ich nicht abgeneigt!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

In der Nachbarschaft und in der Schule bin ich mit Maori aufgewachsen - keine Probleme, sondern gute Erinnerungen. Einige meiner Waldarbeiter sind Maori. Unterschiede? Ja, mit Maori muss ich behutsamer umgehen, als mit Pakeha. Einige können direkte Kritik nicht gut vertragen, haben Minderwertigkeitskomplexe. Außerdem ist ihnen die Dunkelheit unheimlich, sie glauben an Geisterwesen. Und dann haben sie einen anderen Umgang mit der Zeit. Ich finde das nicht störend. Von zu Hause habe ich gelernt, andere Menschen zu respektieren - wir haben ja alle so unsere Marotten! So kommen wir gut zusammen klar. In meiner Familie gibt es neuerdings Maori und eine Schwägerin ist Chinesin. Sie findet übrigens uns Menschen hier in NZ viel zu laut, im Gegensatz zu ihren Leuten!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Prima, wenn dieser Landkonflikt zwischen den Pakeha und den Maori nicht wäre! Ich finde das alles ziemlich verwirrend und auch nervend. Leute, die z. B. 1/4 Maori-Blut in sich haben, wollen jetzt Maori sein, weil sie vom Staat Geld bekommen können. Das finde ich manchmal direkt komisch ... Ich liebe mein Land und die Menschen; Platz ist auch für alle da, also hoffentlich ist das Hickhack bald vorbei!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen