Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview OKARITO Südinsel 8.Dezember 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal die Länder besucht?

Meine Vorfahren von Mutter's und Vater's Seite kamen aus Südchina, der Region Kanton und sie sind um 1890 in Hawai/USA eingewandert. In China haben wir keine Verwandten mehr. Ich habe China 3 mal besucht, unter anderem war ich zu einem längeren Studienaufenthalt dort. Meist hielt ich mich in Nordchina auf, war nur 1 mal 14 Tage in Kanton. Als amerikanische Staatsbürgerin kann ich seit kurzer Zeit bei einer Verheiratung 2 Staatsbürgeschaften haben, wenn ich das will. Im Moment bin ich nicht an einer neuseeländischen Staatsbürgerschaft interessiert. Mit der Daueraufenthaltsgenehmigung habe ich für mich ausreichende Rechte, z.B. kann ich hier in NZ auch wählen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Meine chinesischen Wurzeln und die Traditionen sind stärker als allen Anderen! Die chinesische Philosophie und die Wertesysteme, wie die hohe Stellung der Familie, die Achtung vor dem Alter... Das amerikanische oder neuseeländische Wertesystem ist im Vergleich sehr viel materealistischer. Ich bin auf Hawai geboren und aufgewachsen. Meine Familie ist groß und für mich immer ein starker Rückhalt gewesen. Ich vermisse sie immer noch sehr! Hier bin ich auf mich allein gestellt, muss neue Wurzeln fassen. Seit 3 Jahren lebe ich hier am Ort und die Nachbarn sind sehr freundlich und hilfsbereit. Das erleichtert mir das Einleben in einem neuen Land, in einer neuen Kultur! Vater starb, als ich 12 und mein Bruder 10 war. Er war ein guter Vater und ein guter Arzt, half allen Menschen, auch wenn sie kein Geld hatten! Gott sei Dank wurden wir nach seinem Tod von der Familie aufgefangen und unterstützt. Mutter, die vor der Heirat Lehrerin war, kümmerte sich dann um uns Kinder und den Haushalt. Wir bekamen viel Liebe von zu Hause, die besten Schulen und Ausbildungen. Meine Eltern fanden auch Reisen wichtig und so gehörte das mit zu unserer Ausbildung. Sie haben uns immer vertraut, dass wir das Richtige tun. Ich fand das immer sehr gut, habe ihre Erwartungen erfüllt. Wir Kinder konnten auch jederzeit zu ihnen kommen, immer hatten sie Zeit für uns! Die Eltern waren auch sehr religiös und wir sind katholisch erzogen. Ich habe Kunst und Zeichnen studiert, konnte hinterher damit aber nicht viel anfangen. So machte ich meine erste Berufserfahrung als Sozialhelferin, betreute entlassene Strafgefangene. Da habe ich viel Elend gesehen, einfach grauenhafte Familienverhältnisse! Es war eine schwere, oft frustrierende Arbeit, denn die Meisten waren drogenabhängig. Nach einem Jahr bin ich dann in die Verwaltung übergewechselt. Später habe ich noch bei einem gemeinnützigen Betrieb in der Verwaltung gearbeitet. Nebenbei habe ich Missionsarbeit gemacht. Auch ich war immer stark mit der Kirche verbunden, hatte ich während meines Studiums Bibelstunden. Da habe ich Mike getroffen, einer unserer Dozenten.

3. Deine stärksten Eindrucke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Der Tod meines Vater's war sehr einschneidend in meinem Leben. Danach habe ich mich eine Weile intensiv mit einem Leben nach dem Tod beschäftigt und es tat gut, meine Familie als Rückhalt zu haben. Gleichzeitig machte mich diese Veränderung in der Familie auch unabhängiger und ich beschloss auf Reisen zu gehen. Mutter unterstützte mich mit meinen Plänen. Unter anderen Ländern besuchte ich Russland und China. Mike, meinen Mann, kenne ich schon seit der Studienzeit. Das war damals aber nur ein kurzer, mehr oberflächlicher Kontakt und nach 6 Jahren trafen wir uns wieder, lernten uns besser kennen. Wir sind gute Freunde geworden und haben dann beschlossen zu heiraten, nach dem ich ihn 2 mal in NZ besucht habe. Beim meinem ersten Besuch war Mutter dabei und ich mußte entscheiden, ob ich in Neuseeland leben will oder nicht. Trotz der großer Umstellung in einem anderen Land geht es mir gut. Meine Familie und ich besuchen uns gegenseitig und mein Bruder, der im Moment in Asien ist, kommt auf dem Rückweg vorbei! In Neuseeland habe ich 1 Jahr bei einem Touristikunternehmen gearbeitet. Deren Profit-politik hat mir jedoch nicht so zugesagt. Im Moment bin ich zu Hause, genieße meine Hobby's, wie kochen, den Garten anlegen und pflegen, Kräuter ziehen und überlege, was ich in Zukunft machen will. Außerdem bauen Mike und ich gerade ein zweites Haus an einem See.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Wir möchten Kinder haben und die Familie und unseren Beruf unter einen Hut bekommen, möglichst zu Hause arbeiten! Die Missionsarbeit kommt im Moment zu kurz, Mike und ich unterstützen mit Geld. Da wollen wir beide jedoch in Zukunft wieder mehr praktische Hilfe leisten.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Natürlich mit Menschen aus allen möglichen europäischen Ländern, das ist ja hier die "Hauptmischung" in NZ! Im nächsten Ort leben Leute von den Philipinen, mit denen ich mich gerne unterhalte; sie haben eine ähnliche Philosophie wie wir Chinesen ... Das ist schön, weil vertraut! Maori leben hier keine in der Gegend.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich werde hier, wie in anderen Ländern auch, als Exotin angesehen. Manchmal werde ich auch mit einer Maori verwechselt, mit einer negativen Abwertung verbunden! In den USA wurde ich manchmal als "schwarz" bezeichnet und die Leute wollten mit mir dann nichts zu tun haben ... Einige Menschen sagen einem so etwas ganz klar und direkt ins Gesicht. Da habe ich wenigsten die Möglichkeit, ebenso zu reagieren. Schlimmer noch finde ich die unausgesprochenen Gedanken! Insgesamt habe ich mich daran gewöhnt, eine Exotin zu sein. Nur in China war ich eine von vielen, zumindestens äußerlich! Allgemein denke ich, dass es wichtig ist, uns als unterschiedliche Menschen gegenseitig zu respektieren und voneinander zu lernen. Das geht nur, wenn Menschen sich nicht in "Ghetto's" verschanzen, sondern sich auf das Land und die Menschen einlassen, in dem sie sich niedergelassen haben.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen