Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND-HUIA Nordinsel 6. April 1995

Persönliche Daten:

1.Woher und wann kamen Deine Vorfahren, hast Du deren Länder mal besucht?

Ich komme aus Griechenland und bin die 1.Generation in Neuseeland! 1964 wanderte ich mit 19 allein in NZ ein, kam auf dem Flugplatz Wellington an. Die neuseeländische Regierung warb damals auch in Griechenland um Arbeitskräfte, bot freien Flug, Unter-kunft, Verpflegung und Gehalt, mit Verpflichtung, 2 Jahre für die Regierung zu arbeiten. Ich hatte auch die Möglichkeit nach USA, Kanada, Südafrika oder Austalien auszuwandern. Auf die Frage der Sachbearbeiterin im Ministerium in G., warum auch unter diesen vielen Möglichkeiten ausgerechnet NZ gewählt habe, war meine Antwort: "Ich möchte soweit als möglich von Griechenland weg, in ein Land, wo wenig Menschen griechischen Ursprungs sind, um mir dort ein eigenes, unabhängiges Leben aufzubauen! Ich flog dann mit 50 jungen, griechischen Frauen über Australien nach NZ. In Melbourne stiegen 44 aus und 6 flogen weiter, darunter ich! Auf dem Flughafen in Wellington wurden wir von einem griechischen Botschaftssekretär in Empfang genommen. Ohne zu fragen, wie es uns nach dem langen Flug gind, wies er uns mit barschem Ton darauf hin, dass wir uns nicht auf Prostitution einlassen sollten! Ich fand das unsensibel und schockierend, wie vieles was ich von Griechenland kannte. Wir wurden auf verschiedene Orte verteilt und als Arbeitskräfte eingegesetzt. Alle weiteren Menschen, die ich traf, waren freundlich und hilfsbereit und so wußte ich, dass ich im richtigen Land gelandet war ... Ich habe es nie bereut und nach einiger Zeit die neuseeländische Staastbügerschaft angnommen. In Griechenland war ich zwischenzeitlich 4 mal, einmal sogar für 2 Jahre. Diese Reisen in meine Vergangenheit waren notwendig, um mein Leben aufzuarbeiten.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?Existenziell wichtig!

Ich mußte erst mühsam etwas über meine Vorfahren und Eltern herausfinden um eine eigene Idendität zu bekommen! Mutter und Vater sind auf Zakinthos geboren und aufgewachsen, eine von sieben kleinen Inseln, gegenüber von Italien. Mutter's Leute sollen aus Ägypten sein, Vater's Leute aus Bayern, in Deutschland. Angeblich sind sie im Hofstaat eines bayrischen Prinzen auf die Insel gekommen und geblieben. Die sieben Inseln wurden von Italien einem griechischen König als Hochzeitsgeschenk vermacht; die Königshäuser in Europa sind ja alle mit-einander verwandt! Schriftliche Unterlagen hierüber gibt es nicht; sie sind bei einem Erdbeben zerstört worden. Eines ist jedenfalls klar, dass die Inseln öfters ihre "Besitzer" gewechselt und mehrere Völker sich dort aufgehalten haben, also eine buntes Gemisch verschiedener Kulturen ...

Mein Vater war verwitwet und hatte aus erster Ehe 2 Kinder. Seine Frau war an TB gestorben, die damals weit verbreitet war. Niemand sprach jedoch darüber, da Menschen mit dieser Krankheit wie Aussätzige behandelt wurden. So wußte auch mein Vater nicht, dass seine 1.Frau schon TB hatte, bevor sie geheiratet haben! Er suchte dann eine 2.Frau, hauptsächlich der Kinder wegen. Die Wahl fiel auf meine Mutter, die schon 1 Jahr später nach meiner Geburt starb. Nach längerem Hin und Her wurde ich schließlich wieder zurück in das Dorf meiner Mutter gebracht, zu ihrer Mutter, die mich grossziehen sollte. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, wo meine Mutter begraben ist! Zu jener Zeit waren Mädchen in Griechenland nicht sehr begehrt in den Familien. Sie mussten mit einer teueren Hochzeitsgabe ausgestattet werden, einem komplett eingerichteten Haus, der Bettwäsche, dem Geschirr etc., um von einem Mann geheiratet zu werden! Ich war also Ballsast, wurde abgeschoben. Dort, im Dorf meiner Mutter, lebte ich bis zu meinem 5.Lebensjahr, als einziges Kind weit und breit, hatte niemand zum spielen. Da die Atmosphäre im Haus der Großmutter düster und traurig war - sie trug auch immer schwarze Kleider. Ich war ich meist draußen in der Natur und streifte umher, sprach mit den Tieren, den Pflanzen und erschuf mir eine Traumwelt, um zu überleben. Ich war im Dorf nur als die Tochter von ....... bekannt, nie sprach jemand meinen Namen aus! Mit 5 Jahren sollte ich in die Schule kommen. Die war in der Hauptstadt der Insel, zu weit weg, um jeden Tag hin und her zu fahren und die Familie beschloss, mich in ein Kin-derheim auf's Festland zu schicken. Ich bekam zum ersten Mal Schuhe - vorher war ich barfuß gelaufen - und neue Kleider. So kam ich nach Larissa, wo ich die nächsten 10 Jahre bleiben sollte. Wir waren 500 Mädchen; es gab riesige Schlafsääle, militärischen Drill und alle hatten alle dieselbe Uniform. Wir lernten nähen, sticken, weben, stricken, kochen und andere Dinge, die für die Hausarbeit notwendig waren. Natürlich hatten wir auch Schulunterricht. In dem Heim waren auch Waisen, die zur Adoption freigegeben waren und Kinder wie ich. Das Ganze stand unter dem Patronat der königlichen Familie. Schlecht war es dort nicht. Ich lernte, nach anfänglicher Scheu, mit anderen Kindern um-zugehen, mich mit Worten auszudrücken. Was wir nicht bekamen war Liebe und Zuneigung! Die einzige gute Erinnerung, die ich an diese Zeit habe, ist eine Lehrerin, die sehr viel gereist war und uns Kindern lebhaft ihre Reiseerlebnisse schilderte. Das fand ich toll und ich habe sie bewundert! Die ganzen 10 Jahre bekam ich nie Besuch von meiner Familie. Bis auf eine Tante, die Schwester meiner Mutter, die ab und zu schrieb und mir Päckchen mit Rosinen schickte, hatte ich keinen Kontakt. Niemand fragte, ob es mir gut geht, wie ich mich fühle ... Mit 9 Jahren bekam ich TB, war eine Zeit lang sehr krank, bin fast daran gestorben. Im Heim wurde das zuerst gar nicht wahrgenommen, später kam ich in's Hospital, wurde isoliert. Nach einigen Wochen ging es mir besser und ich durfte in's Heim zurück, bekam eine spezielle Aufbaukost mit Fleisch und Milch. Von diesem Zeitpunkt an fuhren wir alle in den Sommerferien zur Erholung in ein Kinderheim am Meer, um Luftveränderung zu haben. Übrigens starb mein Vater an TB, wie ich 11 Jahre war. Er hatte sich bei seiner ersten Frau, ohne es zu wissen, angesteckt und dann auf mich übertragen. Ich war gut in der Schule und sollte weiter auf's Gymnasium. Meine Stiefschwester holte mich dann mit 15 nach Athen und ich lebte dort eine Weile mit ihr und dem Stiefbruder in einer Wohnung. Für mich war es die Hölle; sie spielte sich autoritär als meine Mutter auf und war gleichzeitig eifersüchtig auf mich. Sie schlug und terrorisierte mich, einmal bin ich sogar zur Polizei geflüchtet! Nach dem Gymnasium wollte ich gerne studieren, aber dafür war kein Geld da. Zu diesem Zeitpunkt bekam ich den Tip, nach Übersee auszuwandern. Das war meine Chance, denn in Griechenland hielt mich nichts. Ich war stolz auf mich, alles allein geschafft zu haben und zu überleben, ohne jemals ein gutes Wort, ein Lob zu hören! Meine Papiere waren in Ordnung und ich entschied mich für NZ .

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

In NZ blühte ich auf, begann mich langsam zu erholen. In kurzer Zeit holte ich meine nicht gelebte Kindeit und Pubertät nach. Hier gab es den Freiraum den ich brauchte. Ich arbeitete 1 1/2 Jahre für die Regierung in allen möglichen Jobs und für gutes Geld. Dann ging ich nach Auckland, nahm mein Leben selbst in die Hand und suchte mir Arbeit und Wohnung. Meine erster Job war in einem Laden, alle weiteren waren dann in der Verwaltung, bis vor 2 Jahren. Es hat mir Spass gemacht und ich habe gutes Geld verdient. Im Moment arbeite ich 2 Tage in Vollzeit in der Woche in einem Kristall-Shop, vertrete die Eigentümer, wenn sie nicht da sind. Auch das macht mir Freude, weil ich immer mehr Interesse an Mineralien bekommen habe, an deren heilende Kräfte glaube. Ich habe nun mehr Zeit für mich und kann meine spirituellen Interessen mehr ausleben. Mein "Draht" zur Natur ist ja von Kindheit an stark ausgeprägt und mich faszinieren diese Energien immer mehr. Da will ich also einiges ausprobieren, weiss auch, dass ich heilende Kräfte habe, anderen Menschen helfen kann. Eine Gebühr verlange ich für meine Sitzungen nicht. Was war noch wichtig in meinem Leben? Die Lehrerin, von deren Reiselust ich mich habe anstecken lassen. Ich habe all die Orte besucht, wo sie auch war, bis auf New York. Das reizt mich nicht!

Meine 2 Ehemänner - von beiden habe ich viel gelernt, beide waren/sind wichtig für mich. Meinen ersten Mann hier in NZ als "Blindes Rendevouz" auf einer Party zu treffen und festzustellen, dass er zur selben Zeit wie ich, nur in NZ in einem Kinderheim aus ähnlichen Gründen aufgewachsen ist. Ich habe ihn nicht geliebt, fühlte mich jedoch wohl mit ihm. Wir heirateten und bekamen eine Tochter. Nach 12 Jahren ließen wir uns scheiden, weil unsere Wertesysteme und Lebensvorstellungen zu unterschiedlich waren. Die Tochter wollte beim Vater bleiben, was anfänglich hart für mich war. Ich habe jedoch ihren Wunsch respektiert und da sie weiter in Auckland lebte, konnten wir uns oft sehen. Wir haben eine gute Beziehung bis heute.

Bei meinem letzten Verwaltungsjob habe ich Julien, meinen 2.Mann getroffen. Wir lebten 10 Jahre zusammen, bevor wir vor 3 Jahren geheiratet haben. J. war auch schon verhei. ratet und hat einen Sohn aus erster Ehe. Er ist Engländer und aus ähnlichen Gründen wie ich aus seinem Land "geflüchtet". Vor 2 Jahren haben wir dieses schöne Anwesen hier gekauft und fühlen uns sehr wohl. Wir reisen beide gerne und oft. So hat mich <Julien> auch schon 2 mal nach Griechenland begleitet. Einmal blieben wir 2 Jahre und haben da auch gearbeitet, eine Ferienanlage gemanagt. Er war auch dabei, wie ich meine Familie wieder besucht und Wurzelforschung betrieben habe. Das waren für mich wichtige Erlebnisse, denn ich habe damals die Familie mit meinem Unmut und meiner Frustration konfrontiert. Sie war übrigens sehr erstaunt darüber, fand es toll, dass sie mir überhaupt die Möglichkeit zum Leben gegeben haben. Sie hatten von mir erwartet, dass ich ihnen Geld schicke für das, was sie für mich "getan" haben! Da gab es dann einige harte Auseinandersetzungen und heute ist es so, dass ich ihnen verziehen habe, auch mal entspannte Zeiten mit ihnen erleben kann. Ich habe meinen Frieden gefunden. Eine ältere, mütterliche Freundin in NZ, die meine Mutterinstinkte erkannte und förderte, war auch wichtig für mich. Das war vor der Geburt meiner Tochter. Ich konnte sehr gut mit ihr über alles mögliche reden.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Liebe, Gesundheit und glücklich sein, das ist das, was ich mir wünsche. Dann anderen Menschen zu helfen, da wo ich helfen kann und noch mehr Zeit für diese Seite meines Lebens haben.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Ich habe keine Probleme mit Menschen oder verschiedenen Rassen. Ich habe meine moralischen Werte, wie gegenseitigen Respekt und Toleranz ... Versucht jemand, dem mit physischer oder psychischer Gewalt zuwider zu handeln, finde ich das nicht gut, egal welcher Rasse oder Gruppe der Mensch zugehört. Jeder Mensch ist etwas Besonderes! Ich liebe Menschen, achte sie ...

6. Wie siehst Du die Zukunft in NZ im Zusammenleben?

NZ ist ein wundervoller Platz, ich lebe gerne hier. Hier habe ich eine Chance bekommen und sie genutzt. Ich glaube, dass in NZ viele Menschen ihr Land nicht so schätzen, weil sie keinen Vergleich mit anderen Ländern und Kulturen haben. Der Rassenkonflikt zwischen den Maori und der Regierung ist eine Frage der Zeit, meiner Ansicht nach. Er wird mit Sicherheit weitergehen, vielleicht sogar eskalieren, bevor er sich beruhigt. Einflüsse von aussen werden dazubeitragen. Es gab auch schon Konflikte zwischen "alten" und "neuen" Asiaten, zwischen Islandern und Maori laufen Konkurrenzen ab. Niemand kann Veränderung aufhalten. Ich will Gerechtigkeit und Fairness im Land. Wenn die Maori ein spezielles Ministerium haben, warum nicht auch ein griechisches, ein deutsches?

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen