Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview HICKS BAY Nordinsel 27. Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Von Mutter's Seite habe ich Maori-Vorfahren, die fast 1000 Jahre hier in Aotearoa leben. Sie kamen mit Kanu's aus dem Südpazifik, Polynesien. Von Vater's Seite habe ich auch englische Vorfahren und da bin ich 5. oder 6.Generation. Einer von ihnen war Anwalt, ein anderer Kaufmann. Heute haben wir auch Holländer und Deutsche in unserer Familie. Leider war ich noch nie in England! Mein Mann und ich wollen gerne einen Besuch machen. Auch die polynesischen Inseln kenne ich nicht, ich war überhaupt noch nie weg von Aotearoa! Meine Maori-Heimat will ich unbedingt sehen; das ist ganz wichtig für mich.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Woher ich komme und was mich geprägt hat - das sind elementare, wichtige Dinge. Viele Menschen wissen nichts über sich, das macht sie schwach! Meine Eltern lebten nach meiner Geburt nur noch 5 Monate zusammen, bevor sie sich trennten. Beide heirateten wieder und so habe ich von Mutter's Seite 3 Stief- schwestern und von Vater's Seite 3 Stiefbrüder. Wir kennen uns, haben Kontakt. Ich wuchs bei meiner Großmutter in Taaroa an der Ostküste der Nordinsel auf. Großmutter war für mich sehr wichtig, sie lehrte mich als Maori zu leben und mehr, was ich an meine Kinder weiter gegeben habe. Mein Kindheit war voll Leben; ich habe gejagt, Honig und Kräuter gesammelt. Es gab immer etwas zu tun und alles spielte sich in der Natur ab. Dabei habe ich enorm viel gelernt. Die Schule hat mir gefallen, ich war wissbegierig. Ich habe dort auch kochen und nähen gelernt, was mir viel Spaß machte. Später habe ich dann alles für meine Familie selbst genäht; das half uns viel Geld sparen und war eine gute Sache! Unglücklicher Weise hatte meine Großmutter, wie andere Familien in NZ in der Zeit des 2.Weltkrieges, weniger Geld und es wurde gespart. So mußte ich nach einem Jahr Gymnasium die Schule verlassen, um Geld zu verdienen! Das war das einzige Mal, wo als Kind unglücklich war. Zu gerne wäre ich weiter auf die Schule gegangen ... Großmutter war sehr religiös und ich wurde christlich erzogen, mit Morgen- und Abendandachten. Meine Erziehung war sehr gut, meine ich - Andere zu lieben und zu respektieren, zu helfen und in der Gemeinde mitarbeiten - das waren die Werte, die sie mir vermittelt hat. Ich habe mein Leben danach ausgerichtet. Nach der Schule hat mich ein uns bekannter Arzt ohne Ausbildung in ein Krankenhaus vermittelt und ich habe dort 1 1/2 Jahre als Pflegerin gearbeitet. Das waren ganz neue Erfahrungen für mich und anschließend wollte ich in Gisborne eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Aber zum 2. Mal hat das Geld nicht gereicht und ich war traurig. So mußte ich auch diesen Wunsch aufgeben. Ich ging auf eine Farm, habe gekocht und die Kinder gehütet. Das war keine schlechte Zeit, denn die Leute waren lieb und ich habe etwas gelernt. Es war jedoch zu weit weg von der Stadt. Ich konnte da nur alle 3 Monate einen Besuch machen und das war mir zu wenig. Ich landete in Gisborne, in einem Gästehaus, habe geputzt und gewaschen. Dann bekam ich eine Stelle als Pflegerin im Krankenhaus und nach einem Jahr bin ich mit 19 zurück in mein Städtchen als Kinderbetreuerin. Hier habe ich dann auch meinen zu- künftigen Mann kennen gelernt. Seine Eltern hatten einen kleinen Laden. Wir gingen tanzen, lernten uns besser kennen und haben nach 3 Monaten geheiratet, da war ich 21. Wir hatten eine Farm und die Kinder kamen. Das war nun wirklich wieder viel Neues für mich - der Ehemann, die Farm, der Haushalt, die Kinder, sehr aufregend! Wir haben jeden Pfennig gespart, um den Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren, sie auf eine gute Schule schicken zu können. Auch mein Mann hatte nie eine qualifizierte Ausbildung machen können und darunter gelitten. Für uns war es ein riesen Lernprozess, mit Geld wirtschaften zu lernen. Die Kinder hatten neben der Schule Jobs, haben in den Ferien gearbeitet. Alles Geld wurde zur Seite gelegt für die Ausbildung. Und wir haben es geschafft, alle Kinder gingen nach Auckland auf ein gutes Internat! Manu und ich hatten uns auch vorgenommen, nie vor den Kindern zu streiten und wir haben sie christlich erzogen.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Der Familie die Priorität zu geben und uns zusammen zu halten. Das alles war bei der vielen Farmarbeit nicht leicht. Hatten wir Zwistigkeiten, haben wir zusammen gesprochen und wir haben uns gegenseitig geholfen. Eine gute Ehefrau und Mutter zu sein, fand ich nicht immer leicht! Zurückblickend war es ein großes Abenteuer, mit allen guten und schlechten Sei- ten. Auch meinen eigenen Weg zu gehen, war nicht immer leicht. Andere Menschen ver- suchten Einfluss zu nehmen, mich in andere Richtungen zu dirigieren. Dann sich selbst treu zu bleiben! Vorbilder waren für mich die Schwestern und Ärzte im Krankenhaus. Gerne erinnere ich mich auch an einen Lehrer, der uns französische Lieder beibrachte und dann natürlich meine Lehrerin, die uns kochen und nähen beibrachte. Sie war eine patente Frau! Nach 16 Jahren zu Hause entschloss ich mich wieder "rauszugehen" und arbeitete 8 Jahre in einem Motel in der Nähe, hatte die Aufsicht über die Angestellten. Dann wurde hier an unserer Schule eine Kunstlehrerin für Maori-Kultur und Sprache gesucht und ich habe die Stelle bekommen! Seitdem lehre ich in Teilzeit und es macht mir einen riesen Spaß mit den Kindern zu arbeiten! Nach einer Weile wurde die Kunst gestrichen und ich hatte neben dem Sprachunterricht noch einen Verwaltungsjob, wo ich mit 58 lernte mit dem Computer umzugehen Auch das gefällt mir, meine Neugier auf Wissen und Bildung ist ungebrochen! 1986 wurde ich dann als 1.Frau hier in unserer Kirche Pastorin. Anfäng- lich war auch das schwer, weil viele skeptisch waren, einschließlich meiner Familie. In der Zwischenzeit sind alle mit mir sehr zufrieden! Ich arbeite gerne mit neuen Techniken und bereite mich mit Computer und Bandgerät vor. Auch meine Pastorinnenarbeit befriedigt mich sehr; ich kann so vieles bewirken ... Meine Familie fand meinen Weg oft verwirrend, aber mit der Zeit haben sie mich unterstützt und mitgeholfen. Ich wollte immer eine unabhängige, eigene Person sein und nicht nur die Ehefrau und Mutter von ...

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Ich habe nebenbei endlich mein Fernstudium angefangen und mache unter Anderem gerade mein Diplom in Maori-Sprache. Manchmal fehlt mir jedoch der direkte Austausch mit den anderen Studen- tenInnen - das wäre noch lebendiger. Ich möchte 100 Jahre alt werden, habe noch Zeit zum Lernen ... Hier in unserer Gemeinde möchte ich mit anderen Menschen zusammen auch noch einiges verändern. Es fehlen bezahlte Arbeitsplätze in der Region; die Jugend- lichen hängen oft rum, bekommen keine Arbeitserfahrung. Ich arbeite ich mit der Regier- ung zusammen, um strukturellen Möglichkeiten und Maßnahmen zu entwickeln.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Nun, viele Touristen aus aller Welt wollen unser Marae und unsere Kirche sehen. Es macht mir Spaß die Führerin zu sein, mit ihnen zu reden, mich mit ihnen auszutauschen. Dabei lerne ich sehr viel! Dann natürlich mit den Pakeha, die hier leben. Da gibt es wirkliche Unter- schiede zwischen uns. Maori sind z. B. mehr WIR-bezogen und starke Gruppenmenschen, teilen ihre Habe untereinander, Weiße mehr ICH-bezogen und individualistischer, trennen ihr Hab und Gut. Zeit spielt für beide Gruppierungen auch eine unterschiedliche Rolle und vieles mehr ...

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Für mich ist klar, das Maori und Pakeha gemeinsam weiter machen! Wir müssen kooperieren, schon deswegen, weil wir heute alle gemeinsame Wurzeln haben, vermischt sind. Mit Geld allein ist jedoch das Unrecht aus der Vergangenheit nicht zu tilgen! Ich denke manchmal das ist ein Witz, was da gerade bei uns in NZ läuft, Maori mit viel Geld abspeisen zu wollen. Unglaublich! Respekt, Toleranz, Nächstenliebe und Vergebung - das sind die Werte, die bei uns oft zu kurz kommen, aber unbedingt notwendig sind, um auch jetzt und in Zukunft zusammen ohne Schuldgefühle zu leben!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen