Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND-HUIA Nordinsel 26.Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Von Mutter's und Vater's Seite bin ich die 3.Generation hier in NZ. Sie kamen aus England, Irland und Schottland. Wir haben nur Kontakt mit den Verwandten in Schottland. Leider habe ich bis jetzt diese Länder nicht besuchen können, möchte jedoch gerne mal hin.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

In Neuseeland habe ich eine große Familie und mehr Kontakte zu Mutter's Seite. Sie leben überwiegend im Norden der Insel. Ich bin in Auckland geboren, habe noch 2 Schwestern; die Eine ist älter, die Andere jünger. In mei- ner Kindheit bin ich öfters mit der Familie umgezogen. Vater arbeitete damals als Mecha- niker für PanAm; so lebten wir auch eine Weile in Sydney/Australien. "Gelandet" sind wir dann schließlich wieder hier, im Königsland, in Ratahi, ein sehr schöner Platz in Neu- seeland; dort habe ich die längste Grundschulzeit verbracht. Rückblickend empfinde ich mich jedoch als Auckländer. Meine seelische Heimat ist der Norden, Kaitaia, wo die meisten meiner Verwandten leben. Dort war ich häufig in den Schulferien auf der Farm meiner Großfamilie, habe mich dort außerordentlich wohl gefühlt. Unser Familienleben war gut, es hat mir gefallen. Meine Eltern waren aufgeschlossene Menschen. Ich kann mich an nichts Unangenehmes erinnern, außer das wir in die Kirche mußten. Das fand ich nicht gut! In die Schule bin ich gerne gegangen - die anderen Kinder, das Lernen, der Sport - ja, das war ok. Rugby habe ich am liebsten gespielt. Zuerst wollte ich Pilot werden. Dann bin ich jedoch nach der Schule auf die Uni hier in Auckland und fing an Pädagogik zu studieren. Mein Vater arbeitete später als Automechaniker und wir hatten nicht viel Geld. Er starb, als ich 17 war. So mußte ich mein Studium selbst fi- nanzieren, bis auf eine kleine Beihilfe vom Staat. An der Uni war anfänglich alles neu und aufregend - in unserer Familie oder der Umgebung haben damals nicht viele studiert. Am Anfang des Studiums habe ich es sehr genossen, so viele neue, interessante Leute zu treffen. Das war eine großartige und exzellente Zeit für mich! Mutter heiratete dann wieder; ich zog von zu Hause aus, suchte mir eine Bleibe. Nach einiger Zeit verlor ich die Lust am Studium und beschloss auf die Südinsel zu gehen, dort zu arbeiten und Geld zu verdienen. Ich habe damals an einem Staudamm mit gebaut... Party's waren zu dieser Zeit außeror- dentlich wichtig - die Kneipen schlossen ja schon um 6 Uhr nachmittags! So spielte sich dann viel Privat ab. Nach Auckland kam ich zurück, weil ich auf eine große Party ein- geladen war! Dort traf ich mit 20 Jahren Diana und es hat gefunkt. Wir zogen mit anderen StudentenInnen zusammen in ein wunderschönes, großes, altes Stadthaus mit viel Platz. Auch das war eine tolle Zeit! Ich beschloss wieder zur Uni zu gehen, um meinen Ab- schluss in Mathe und Geografie zu machen. Diana wurde schwanger und wir heirateten, zogen in ein kleines, ärmliches Haus. Das war eine harte Zeit für uns, wenig Geld, kein Auto ...! Wir waren damals beide erst Anfang 20, also noch sehr jung und hatten wenig Zeit uns besser kennen zu lernen, bevor das 1.Kind kam. Nachts habe ich Schichtdienst gemacht mit allen möglichen Jobs, tagsüber studiert. Wir zogen dann noch einige Male um, bis unsere Wohnsituation besser war, bekamen unser 2.Kind. In den 60iger-70iger Jahren haben wir dann wie Hippies gelebt, sind auf's Land in eine Kommune gezogen, die wir mit gegründet haben. Das war eine spannende und lehrreiche Zeit! Wir haben auch einen Kinderladen und eine Schule auf die Beine gestellt - die Schule existiert heute noch!

Ich habe in dieser Zeit auch gelernt Ledersandalen herzustellen, machte eine Ausbildung als Programmierer. Dazu hatte ich offensichtlich Talent, denn ich lernte schnell und mache es bis heute, weil es mir Spaß macht! Mal war ich angestellt, mal arbeitete ich als Hono- rarkraft. Das war in der Zeit, wie es mit den Computern los ging, mit guten Chancen und gutem Geld. Diane und ich waren offen für alternative Lebenstile, alte und neue Philo-sophien, alternative Kindererziehung. Das hat unser Leben bis heute begleitet, auch auf der Suche nach geeigneten Schulen für unsere Kinder. Den Kinderladen haben wir übri-gens überwiegend mit Maori-Eltern aufgebaut. Auch das war eine gute Erfahrung, mit neuen Wertevorstellungen, Freundschaften bis heute! Mit den Leuten aus der Kommune sind wir ebenfalls bis heute befreundet. Die gruppendynamischen Prozesse in der Kom-mune und im Kinderladen waren für mich spannend im positiven Sinn, aber auch konfliktträchtig! Nach 10 Jahren beschlossen wir nach Christchurch auf die Südinsel zu ziehen, wegen einer speziellen Privatschule für die Kinder. Diese hatte ein ähnliches Konzept wie das englische Summerhill. Wir lebten dort 2 Jahre allein wie "normale" Bürger in einem Haus, also eine große Umstellung für uns alle. Mit der Schule lief das jedoch nicht, wie wir uns das vorgestellt haben - es war uns nicht genug lebensnah. Wir befürchteten, die Kinder würden den Anschluss verlieren. Unser jüngster Sohn geht jetzt hier auf eine Steiner-Schule und wir sind sehr zufrieden. Vor unserem "Rückzug" auf die Nordinsel wurde unser 3. Kind geboren. Wir zogen auf die Insel Waihiki bei Auckland, hatten ein Haus für uns und sehr gute Nachbarschaftskontakte. Diana hat sich dort am wohlsten gefühlt. Ich hatte eine feste Anstellung als Programmierer in der Stadt. Das bedeutete früh morgens raus und spät nach Hause kommen. Für mich war das also nicht so gut und so zog ich mit dem 2.Sohn wieder in eine WG. Diane und ich haben uns damals auch nicht gut verstanden. 2 Jahre später kam sie dann mit den anderen Kindern nach.

Eine weitere Ehekrise brachte mich mit der Tochter eine zeitlang nach Bali/Indonesien. Mit den Kindern kam ich immer gut klar; ich kann mir auch vorstellen Hausmann und Vater zu sein! So lebte ich auch dort eine Weile mit der Tochter. Diana und mir hatte die Trennung gut getan (an eine formale Scheidung haben wir nie gedacht). Wir zogen nun alle zusammen in dieses Haus, leben hier seit 3 Jahren, sind sesshafter geworden, haben unser Nomadentum "auf Eis gelegt"!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Den Aufbruch in NZ in den 60/70iger Jahren mitgemacht zu haben! Die vielen Ort's - und Wohnungswechsel, die Menschen, die ich getroffen habe, neue Talente bei sich zu entdecken, die Ehekrisen zu bewältigen - alles sehr gute und wichtige Lebenserfahrungen. Auch wenn es manches Mal anstrengend war, möchte ich die Zeit nicht missen!

4. Welche Ziele, Pläne hast Du für die Zukunft?

Beruflich noch eine Weile als Program- mierer arbeiten; das ist noch ausbaufähig bei interessanten Firmen. In diesem Zusammen- hang möchte ich gerne auf den Pazifischen Inseln arbeiten. Später dann in den Norden hoch ziehen, selbst ein eigenes Haus bauen und einen Garten anlegen.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Schon in der Schulzeit viele gute Kontakte mit Maori. Allerdings hat sich unser Kontakt auf die Schulstunden/ Pausen und das Spielen außen beschränkt; in die Familien kam ich weniger. Maori hatten jedoch immer eine große Anziehungskraft und eine starke Ausstrahlung auf mich, wirkten geheimnisvoll. Unsere Lehrer waren bis auf einen, alles "Weiße". Sie waren nicht immer gut auf die Maori zu sprechen, haben sie oft mies behandelt. Das Buch "Beeing Pakeha" von Michael King drückt meine Erfahrungen und Gefühle als "Pakeha" = Weißer in NZ sehr gut aus. Es ist ein wichtiges Buch und wie er bin ich der Meinung, dass wir in Neuseeland mehr nebeneinander her leben, als miteinander! In meiner Familie fängt es jetzt an, sich durch Heiraten zu mischen und das finde ich gut. Dann habe ich natürlich am Arbeitsplatz übergreifende Kontakte mit KollegenInnen und mit Kunden. Ich stelle fest, dass wir alle schon sehr unterschiedlich drauf sind - Inder- Innen, Samoans, Fiji's, Tongan's, Cook-Islander, die verschiedenen, asiatischen Gruppen und nicht zuletzt die verschiedenen europäischen Gruppierungen. Mir gefällt's; ich finde das sehr reizvoll und habe damit keine Probleme.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Eine schwierige Sache, ver- schiedene Rassen "unter einen Hut" zu bekommen! Zum Einen finde ich Unterschiede gut, weil es Ergänzungen geben kann; wie bei Mann und Frau kann es auch eine bessere Ba- lance sein. Zum Anderen gibt es natürlich auch mehr Konfliktsituationen, die neben Fein- gefühl auch Kommunikationsbereitschaft und guten Willen von allen Seiten erfordern. Der größte Konflikt in NZ, der zwischen Maori und Pakeha, beunruhigt mich am meisten. Da sind miese Geschehnisse in der Vergangenheit nicht bereinigt. Ich finde richtig, dass die Maori sich wehren und abfordern, dass ihre Wertesysteme akzeptiert und respektiert werden. Es spitzt sich gerade zu und die Rolle der Presse gefällt mir nicht, die Art und Weise wie sie darüber berichtet. Wenn ich die reißerischen Überschriften sehe - das heizt doch die Atmosphäre noch mehr an! Ich halte das in dieser Situation für verantwor- tungslos und gefährlich. Mich verwirrt dieses Verhalten - wir brauchen jetzt ernsthafte Leute auf "beiden Seiten", die einen kühlen Kopf bewahren, versuchen baldmöglichst gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden ...

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen