Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND Nordinsel 11.März 1995

Persönliche Daten:


1. Seit wann lebst Du in NZ?

Wie ich 20 Jahre alt war, kam ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach Auckland der Nordinsel Neuseeland's, um bessere Lebens- und Berufschancen zu haben. Wir alle haben eine Daueraufenthaltsgenehmigung für dieses Land. Die Staatsbürgerschaft will ich vorerst nicht beantragen. Meine Vorfahren sind alle TongalesenInnen. Ich komme von der Insel Haiapai. Wir haben noch Verwandte da und eine Schwester lebt heute in Tonga. Seit meinem Wegzug habe ich Tonga 2 mal privat und mehrere Male beruflich besucht.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Wir in Tonga habe große Familiensippen, jedoch keine Stammenszugehörigkeit, wie z. B. die Maori. Tonga ist bis heute ein unabhängiges Königreich, im Moment haben wir einen König. Für mich ist es wichtig zu wissen, woher ich komme, was mich geprägt hat. Unsere Vorfahren haben jedoch nicht die große Bedeu- tung, wie für die Maori. Ich bin auch westlich orientiert, trage z. B. europäische Kleidung, auch an hohen Festtagen. Wir sind 4 Kinder in unserer Familie, 2 Mädchen und 2 Jungen; ich bin die Älteste. Da wir in einer Großfamilie aufgewachsen sind, mit Großeltern, Tanten und Onkel's, die sich alle um uns kümmerten, hatte ich eine unbeschwerte Kind- heit und eine sehr warmes "Nest". Ich habe nur gute Erinnerungen! Meine Familie war sehr religiös und die methodistische Kirche war wichtig als sozialer Treffpunkt für alle. Als Kind war für mich Gott und Religion etwas abstraktes, ich konnte nicht viel damit anfangen! Die Gottesdienste liefen immer gleich traditionell ab und ich fand es eher langweilig und bin halt mit, weil es für die Eltern und die Verwandten wichtig war.

In die Schule bin ich sehr gern gegangen. Die FreundeInnen und das Lernen haben mir großen Spaß gemacht! Als Mädchen wollte ich zuerst Filmstar, dann Detektivin und spä-ter eine politische Führerin werden ...Tatsächlich ging ich dann mit 20 auf die Uni nach Dunedin, der alten Universitätsstadt auf der Südinsel NZ's. Dort habe ich Kunst, Englisch und Rechtswissenschaften studiert. Dunedin war ganz anders als Auckland, wo viele Is-lander und Maori leben. In Dunedin waren polynesische Leute wirkliche Exoten. Natür-lich bekam ich auch Rassismus zu spüren. Das hat mich jedoch nicht tangiert. Mein Familienbackground und mein Studium hatten mich so selbstsicher gemacht, dass ich das ignorieren konnte! Nach dem Studium arbeitete ich 2 Jahre in einer Anwaltskanzlei und fing dann bei einem christlichen Radiosender in Auckland als Sprecherin an. Später habe ich mit Anderen ein Konzept für einen Radiosender "Pazifische Inseln" entwickelt und umge- setzt, also den Sender gewechselt ... Mit 34 traf ich dann Mark, meinen Mann, beim Sender. Vor unserer Heirat waren wir einige Zeit getrennt, haben uns aber dann wie- der zusammengetan. Klar war, dass wir auch Kinder haben wollten und haben uns vor unserer Ehe intensiv mit unseren Zielen und Wünschen, unseren 2 Kulturen auseinander- gesetzt. Hilfreich war, dass wir beide Christen sind. Unsere Familien reagierten auf unsere Heirat gelassen; wir haben eine gute Beziehung zueinander. Die Meisten leben hier in A.; wir sehen uns oft, haben engen Kontakt. Seit der Geburt des Sohnes bin ich zu Hause, freue mich, dass ich Zeit für ihn habe. Das finden Mark und ich wichtig.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Zu lernen, zu studieren und dann, in Dunedin diese Konfrontation mit der europäischen Kultur! Das war schon sehr aufregend und interessant. Trotzdem habe ich dort zeitweise meine Familie vermisst. Ganz beeindruckend war für mich die Entdeckung, dass Religion und Kirche etwas sehr Lebendiges sein kann. Ich ging in D. in apostolische Gottesdienste und wurde Christin! Alles füllte sich mit Leben, denn die Leute die ich dort traf, waren praktizierende Christen und versuchten das zu leben, wovon sie sprachen. Das hatte mich sehr beeindruckt! Mark arbeitet ja auch für die Kirche als Jugendpfarrer. Für uns ist die Kirche der zentrale Mit- telpunkt unseres Lebens.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Ich habe Lust, demnächst wieder halbtags in den Beruf einzusteigen, als Anwältin oder beim Radiosender, ich weiß es noch nicht so genau, denn Mark und ich wollen mehr Kinder haben. Später wollen wir nach England oder Deutschland, ein Kirchenprojekt aufbauen.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Durch unsere übergreifende Heirat zu erst mal in unseren Familie und da läuft es sehr gut. Ich liebe eine gute Mischung von unterschiedlichen Menschen und Rassen - ein großer Lernprozess, der neue Energien und Impulse gibt. Interessant ist auch für mich, dass ich mich mit den Maori nicht so verbunden fühle, wie mit den Islandern! Für mich sind Maori auch Neuseeländer, sprechen Englisch als Hauptsprache, für uns Islander ist Englisch eine Fremdsprache. Allerdings erlebe ich die Maori hier in der Stadt anders, als in ländlichen Gebieten Neuseeland's. Dort sind sie mir näher, mit ihrer Wärme und ihren großen Familien. Insgesamt habe ich mehr Erfahrungen mit Islandern. Amerikaner und Australier sind mir oft zu laut, zu rüde und unsensibel, im Vergleich mit Europäern. Also es gibt wirklich Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen und das finde ich interessant!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Insgesamt sehr gut! In Neuseeland gibt es für alle Menschen Chancen und das finde ich ganz prima. Auch wenn ich mit der Familie nach Europa gehen will, ist klar für mich, dass ich nach NZ zurückkommen werde. Ich habe ein Heimatgefühl zu diesem Land und es ist meine Zukunft! Die momentane Situation zwischen den Maori und den Pakeha - das ist so eine Sache. Ich sympathisiere mit den Maori, denn es ist mit Sicherheit nicht in Ordnung, von anderen Menschen, mit besseren Waffen überrannt und vereinnahmt zu werden und das ist in NZ in der Vergangenheit geschehen. Wir haben jedoch heute andere Zeiten und so gesehen, haben die Maori mit Sicherheit auch profitiert, denn von der Regierung wird eine Menge für sie getan! Ich habe Probleme mit den politischen Aktivisten, die immer radikaler werden und mehr und mehr fordern. Auch die Art und Weise, wie sie das tun, gefällt mir oft nicht. Das ist jedoch eine Minderheit, die ich als verbittert und häufig als unrealistisch empfinde. Hier in NZ hat es viel Platz und viele Möglichkeiten für alle Menschen. Also unter die Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen und begangenes Unrecht vergeben lernen! Nur so ist eine gemeinsame Gegenwart und Zukunft meiner Ansicht nach möglich.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen