Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND Nordinsel 13. April 1995

Persönliche Daten:

1. Seit wann lebst Du in NZ, woher kamen Deine Vorfahren und hast Du mal deren Länder besucht?

1962 kam ich mit 26 von West-Samoa nach Neuseeland/Auckland und lebte hier für 2 Jahre bei meinen Verwandten. NZ war und ist für uns Menschen aus West-Samoa das Land, wo"Milch und Honig" fliesst, weil es hier Arbeitsplätze für uns gibt. Meine Vorfahren stammen alle aus West-Samoa (es gibt auch Ost-Samoa, das zu USA gehört!). Offiziell habe ich kein "fremdes Blut" in meinen Adern, aber alle sind sicher, daß in Mutter's Linie deutsches Blut ist. Meine Heimat war erst eine englische, dann eine deutsche Kolonie, später versuchten uns die Neuseeländer zu besetzen. Das hat sich alles im 18. und Anfang des 19.Jahrhunderts abgespielt! Mit den Deutschen waren meine Leute, im Gegensatz zu den Engländern und Neuseeländern, zufrieden, da sie kooperierten, z. B. gemeinsam mit uns Plantagen bewirtschafteten. Sie sind heute noch sehr beliebt und viele haben deutschen Namen ... Ich habe meine Heimat bis jetzt nur 1 mal besucht, 1991 nach fast 30 Jahren! Es war so aufregend für mich, mein Dorf, meine Kindheitsplätze wieder zu sehen! Viel verändert hatte sich nicht und ich habe auch noch Verwandte da, also alles noch sehr vertraut ...

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Für mich sind meine Wurzeln sehr wichtig. Wo immer ich bin und Menschen aus West-Samoa treffe, sind das Wurzeln, denn wir sind alle miteinander verwandt! Wir setzen uns dann erst mal zusammen, reden über unser Dorf, unsere Leute und bekommen so heraus, wie wir versippt und verzweigt sind ... Wie ich von der Heimat weg bin, war ich zuerst schrecklich krank vor lauter Heimweh! Obwohl 3 Brüder von mir in NZ lebten, war das doch eine "weiße" Gesellschaft, in der ich mich eigentlich bis heute fremd fühle. Ich empfinde es immer wieder als Stress, mich in einer europäischen Gesellschaft zu bewegen, fühle mich lange nicht so wohl, wie in meiner Heimat. Meine Ursprungsfamilie ist sehr gross, wie alle Familien bei uns. Wir sind 12 Kinder, 4 Mädchen und 8 Jungen: ich bin die Drittälteste. Eine Schwester starb vor meiner Geburt. Wir lebten in einem Dorf und unsere Eltern pflanzten, wie alle, Früchte und Gemüse, waren Bauern. Was übrig blieb, verkaufte Mutter auf dem Markt. Vater hat Bilder gemalt und sie auch verkaufen können. Wir Kinder halfen mit und so war das kein schlechtes Leben, obwohl ich lieber mit anderen Kindern gespielt hätte! Wir hatten viel Freiraum, um uns zu bewegen und das war schön. Unsere Erziehung war christlich; meine Eltern waren in der der Adventisten-Kirche und wir hatten Samstags Gottesdienst! Unser Leben veränderte sich nach und nach, als Vater an Krebs erkrankte und lange nicht mehr arbeiten konnte, bervor er starb. Von da an mussten Mutter und wir noch mehr arbeiten. Ich war damals 13. Ansonsten war unser Dorf sehr friedlich; es gab keine Überfälle, keine Diebstähle und gab es Streit, haben alle geschlichtet. Alles, was wir hatten, wurde geteilt. Wir waren ja alle miteinander verwandt und das gab uns auch immer die soziale Sicherheit. Wenn wir dann Geld verdienen, geben oder schicken wir einen Teil nach Hause. Ich kann bis heute meine Sprache sprechen! Die Schule fand ich nicht so gut, obwohl mir das Lernen leicht fiel. Ich habe das Stillsitzen gehasst, die Disziplin! Wir Kinder gingen erst auf die Grundschule im nächsten Dorf und dann in's christliche Internat, wo wir lebten und das Gymnasium besuchten. Auch da gab es mir zu viele Re-geln und Disziplin. Ich bin ein Mensch, der sehr viel Freiheit haben will. So ist es mir schwergefallen, mich an die Regeln zu halten! Mit 19 Jahren ging ich nach Fiji auf's College und habe da einen Wirtschaftskurs mit Buchaltung, Steno und Schreib-maschine belegt. Mein Bruder war auch da und dort trafen wir andere, junge Leute von allen möglichen Inseln der Umgebung, wie von Tahiti, Tonga, den Cook-Island's etc. Das war aufregend und Heimweh hatte ich nicht, denn wir waren uns irgendwie alle sehr vertraut. Aber auch da zuviel Disziplin im StudentenInnenheim, indem wir lebten!

Ich ging nach meinem Abschluss erst mal nach West-Samoa zurück und habe 1 Jahr in der Verwaltung einer Schule, danach 1 Jahr bei der Verwaltung der Post gearbeitet. Dann entschloss ich mich nach Neuseeland zu gehen, dort zu arbeiten. In Auckland lebte ich mit einem meiner Brüder in einer Wohnung und hatte zum ersten Mal in meinem Leben mehr Freiheiten, wie andere junge Frauen und Männer zu treffen, mit ihnen zu reden, zu dis-kutieren und auszugehen. Das war eine prima Zeit! Ich arbeitete bei einer Kirche in der Verwaltung; dort wurden Jugendliche betreut. Während eines Urlaub's in Tokorua, wo ich eine Cousine besuchte, traf ich meinen späteren Mann, der dort als Mechaniker arbeitete und sich einsam fühlte. Wir freundeten uns an, verliebten uns ineinander. Er ist Österreicher, nach Australien ausgewandert und als Mechaniker immer mal wieder zwischen Australien und Neuseeland hin und her gependelt, auf Montage ging. Meine Familie war über unsere Heiratspläne nicht erfreut, fanden uns zu unterschiedlich von unserer Her-kunft. Wir 2 "flüchteten" nach Australien, haben da geheiratet und 7 Jahre in Adelaide und Umgebung gelebt. Unsere 2 Töchter kamen dort auf die Welt. Es hat mir ganz gut gefallen, aber es waren keine Samoan's da - nie habe ich welche getroffen! - und hatte mal wieder Heimweh nach meiner Familie, meinen Leuten. Manchmal sprach ich laut mit mir selbst, um meine Sprache nicht zu verlernen ... Ich half an Wochenenden bei Freunden im Schnellimbiss und mein Mann jobbte als Mechaniker bei verschiedenen Firmen. Er war gut, alle lobten ihn, aber er hat damals schon getrunken und das fiel auf.

Nach 7 Jahren sind wir alle nach NZ zurück und ich war glücklich, zumindest einen Teil meiner Familie wieder um mich zu haben! Dann hatten wir die Chance beruflich nach Samoa zu gehen. Mein Mann ging voraus, hat dann aber wegen der Trinkerei seinen Job verloren. Es wurde immer schlimmer mit ihm, er hat sich jedoch geweigert, eine Entziehungskur zumachen, obwohl wir deswegen in immer größere Schwierigkeiten kamen. Er kam oft nicht nach Hause und eines Tages sagte ich, er könne auch ganz wegbleiben. Seit dem lebten wir getrennt, ließen uns dann später scheiden. Es gibt in Neuseeland Gott sei Dank eine Sozialhilfe, ohne die wären die Kinder und ich oft nicht über die Runden gekommen! Ich lebe nun insgesamt 25 Jahre in Neuseeland! Meine Töchter haben hier geheiratet und "neuseeländische" Kinder bekommen. Einer meiner Schwiegersöhne ist halb Amerikaner - halb Islander, der Andere eine Mischung zwischen Frankreich und England! Einer meiner Enkelsöhne, Erhard, habe ich zu mir genommen und aufgezogen. Er ist jetzt 14 und wird bei mir bleiben, bis er "flügge"geworden ist! Vor 2 Jahren bekam ich mit 55 die Chance einen Sozialarbeiterinnen-Lehrgang zu machen. Das Lernen hat Spass gemacht, auch die unterschiedlichen KollegenInnen, die ich im Kurs getroffen habe, waren interessant. Im Moment mache ich im Sozialministerium, in der Abteilung Jugendhilfe, ein 1/2-jähriges Praktikum und ein Weiteres liegt noch vor mir. Auch habe ich die Möglichkeit, an der Uni bei einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Ehe war für mich eine Enttäuschung, aber ich wollte es so. Manchmal überlege ich, wie alles gekommen wäre, wenn ich einen Samoan geheiratet hätte ... Ich komme dann immer wieder zu dem Schluss, dass es nicht an den Rassenunterschieden gelegen hat - da haben mein Mann und ich uns ganz gut "zusammengerauft". Es war das Trinken hat ihn und unsere Ehe zerstört! Der Besuch in der Heimat, der war schön - ich erinnere mich noch gerne. Mir ist damals aufgegangen, was ich an anderen Wohnplätzen manchmal vermisst habe - die schönen, alten Bäume in meinem Dorf. Dann meine liebe, starke, mutige Mutter, was sie alles geleistet hat!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Meinen Enkelsohn weiter "grossziehen", schauen, dass er eine gute Ausbildung macht und nicht unter die Räder kommt. Das geht hier in Auckland schnell, bei den Jugendlichen von den Island's! Er möchte Arzt werden, ist ehrgeizig. Dann muss ich mich wohl entscheiden, was ich beruflich machen will. Der Sozialarbeiterinnen-Job ist soziale Sicherheit, eine festen Arbeitsplatz. Der Job an der Uni ist auf 1 Jahr befristet, jedoch auch sehr interessant! Schön ist in meinem Alter beruflich noch etwas Neues machen zu können, gleich 2 gute Angebote zubekommen! Wenn ich Geld habe, werde ich die Heimat besuchen, vielleicht im Alter zurückgehen ...

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Über den Stress, für mich als Islanderin in einer europäischen Gesellschaft zu leben, habe ich gesprochen. Ich fühle mich hier mehr geduldet, als akzeptiert und respektiert. Auch unsere Kinder in einer "weißen" Kultur grosszuziehen, ist nicht immer einfach. Dann natürlich unser multikultureller Familien-Mix! In der Nachbarschaft wohnen, ausser mir, ausschließlich "Weiße". Zu anderen Islandern habe ich Konatakte, natürlich zu vielen Samoan's - sie sind mir von ihrer Lebensart natürlich näher, als die "Weißen". Mir macht es jedoch auch Freude, mich mit dir zu unterhalten, mich auszutauschen. Gerne würde ich mit dir in Samoa mein Heimatdorf besuchen, dir alles zeigen! Ich bin offen für Men-schen, ihre Kulturen und Sitten. Leider war ich nie in Europa; auch die Familie meines Mannes in Österreich kenne ich nicht. Dazu hat immer das Geld gefehlt.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Neuseeland hat uns die Chance gegeben, unser Geld zu verdienen und die Möglichkeit unsere Kinder gut auszubilden! Wahrscheinlich geht es uns gut hier; mir fehlt der Vergleich zu anderen Ländern. Insge-samt denke ich, können wir Leute von den Island's zufrieden sein. Ich bin der Überzeugung, dass die Kinder und Enkelkinder hier in Neuseeland eine Zukunft haben.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen