Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview MANUTUKE Nordinsel 19. Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren und hast Du deren Länder besucht?

Von Maori's Seite kamen sie mit dem ersten Kanu nach Aotearoa, vor ca. 1000 Jahren und siedelten hier an der Ostküste der Nordinsel. Ein Urgroßvater von Mutter's Seite kam im 18.Jahrhundert mit den ersten Siedlern aus Frankreich. Er baute das erste Hotel in Gisborne, hatte auch eine Metzgerei und legte die erste Rennbahn anführte die Pferderennen ein! Er wurde er von der Maori-Familie seiner Frau nicht akzeptiert, muss es schwer gehabt haben. Sie hatten einen Sohn, der ihnen weggenommen und vom Stamm aufgezogen wurde. Ein weiterer Großvater von Mutter's Seite kam aus Schottland. Frankreich und Schottland, da sind meine europäisches Wurzeln. Der überwiegende Teil meiner Vorfahren, auch die von Vater's Seite sind Maori. Deren Ursprungsregion ist Hawaiki, die polynesischen Inseln im Pazifik. Für mich ist es nicht so wichtig dahin zu gehen. Mich interessieren mehr meine europäischen Anteile und ich habe große Lust Europa zu besuchen, nach Frankreich und Schottland zu gehen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig! Meine Eltern habe uns Kinder gelehrt, als Maori stolz zu sein, jedoch nicht zu vergessen, dass wir auch europäische Wurzeln haben, auch diese zu akzeptieren und zu respektieren, auch darauf stolz zu sein! Wir waren zu Hause 13 Kinder, 5 Mädchen und 7 Jungens; ich war die Drittälteste. Ein Bruder starb mit 6. Ich bin in Manutuke geboren, wie mein Vater. Beide Großeltern sind schon vor meiner Geburt gestorben. Alle Maori, die hier am Ort leben, sind miteinander verwandt, alles Familie! Für mich ist das eine sehr schönes Gefühl. Meine Mutter kam aus einem anderen Ort, lebte jedoch von ihrer Heirat bis zum Tod hier. Sie war christ- lich/protestantisch erzogen, aber auch sehr stark mit alter, spiritueller Maori-Kultur verwurzelt. Vater war auch christlich erzogen, nahm das jedoch nicht so ernst wie Mutter. Wir Kinder gingen auf eine christliche Schule, in der es verboten war Maori zu sprechen; das war damals in NZ so üblich. Erst in den letzten Jahren haben wir Maori eigene Grundschulen gegründet, wo unsere Kultur vermittelt wird, so auch unsere Sprache. 2-3 Generationen MAORI haben also ihre Sprache nicht mehr gesprochen; die Meisten von uns können nur Englisch! In unserer Familie gab es keinen materiellen Reichtum, jedoch viel Liebe und Zuneigung. Wir konnten jederzeit zu unseren Eltern kommen, sie hatten immer Zeit für uns, beantworteten Fragen, trösteten uns, nahmen uns in den Arm. Natür-lich schauten alle im Dorf nach uns, also eine behütete Kindheit. Zu Hause hatten wir oft Besuch von Verwandten, aber auch von anderen Gästen. Vater war Politiker; viele Treffen fanden bei uns statt. Wir Älteren durften dann mit im Raum bleiben und zuhören, jedoch nicht sprechen. Das hat uns nicht gestört, denn es war auch so spannend und aufregend! In der Schule hatte ich zuerst Schwierigkeiten, denn ich schrieb mit der linken Hand und das war nicht erlaubt! Jedes mal, wenn der Lehrer mich dabei erwischte, schlug er mir mit einem Stock auf die linke Hand; sie war oft entzündet. Meine Eltern bemerkten das wohl, haben jedoch die Autorität des Lehrers nie in Frage gestellt und akzeptierten damit sein Verhalten. Das war für mich schwer zu verstehen, zu Hause wurde ich nicht geprügelt! Als Mädchen wollte ich Zahnarzt werden - Zähne haben mich leidenschaftlich interessiert. So habe ich die der Geschwister genau untersucht ... Mein Vater wollte jedoch, dass ich Lehrerin werde. Er hat die Papiere für's Seminar besorgt und ich habe sie halt losge- schickt. Die Bewerbung wurde angenommen und ich mußte eine Prüfung machen, wurde gefragt, warum ich Lehrerin werden wolle. Da sah ich eine Chance, "raus" zu kommen und antwortete ehrlich, dass das der Wunsch meines Vaters sei. Leider, oder aus heutiger Sicht Gott sei Dank, haben sich mich trotzdem genommen! Später habe ich Vater mal gefragt, warum er so sicher gewesen sei, dass das der richtige Beruf für mich sei. "Er habe mich lange im Umgang mit meinen Geschwistern beobachtet. Ich hätte Spaß am Spiel, die Geduld ihnen etwas beizubringen und Erfolg damit!" Das war seine Antwort. So bin ich dann mit 18 nach Auckland auf das Lehrerseminar. Ich war zum ersten Mal von zu Hause weg und dann in einer so großen Stadt! Es ging mir schlecht vor lauter Heimweh - ich dachte, 2 Jahre halte ich nie durch ... Meine Eltern haben mich dann besucht und Vater stellte mir frei wieder nach Hause zu kommen, was jedoch einem Aufgeben gleich käme! Da ich ehrgeizig bin, blieb ich. Ja, mein Vater kannte mich sehr gut.

Während meiner Studienzeit, habe ich einige für mich sehr wichtige Menschen getroffen. Ich habe Freunde und Freundinnen gewonnen und der Austausch mit Islandern, Asiaten und Europäern hat mir Spaß gemacht. Ein Dozent war wie ein Vater zu uns, wir konnten mit allem zu ihm kommen. Auch wurde meine Freundin und ich - wir waren die ersten Maori-Studentinnen im Seminar - zum ersten Mal in unserem Leben nicht wie Menschen 2.Klasse behandelt! So war ich nach einiger Zeit auch zufrieden, eine Lehrerin zu werden. Die Ausbildung hat mir wirklich Spaß gemacht und ich bin stolz, dass ich das Alles ge- schafft habe. Mein Vater hat selten gelobt, gab meinem Stolz immer wieder einen Däm- pfer, in dem er mich zur Bescheidenheit aufforderte, gleichzeitig aber meinen Ehrgeiz anstachelte! So ging er mit allen Kindern um und wir waren alle gut in der Schule und gut im Sport. So war ich Kapitän des Frauenhockey-Teams, reiste viel herum. Tennis habe ich auch gut gespielt und viele Preise gewonnen. Meine Eltern waren davon überzeugt, dass Sport wichtig war, dass ein gesunder Körper und ein gesunder Geist zusammen gehörten!

Nach dem Studium fing ich mit 20 als Lehrerin in Manutuke an der Grundschule an, später dann an dem Gymnasium in Gisborne. Mein Beruf macht mir bis heute Freude, weil ich sehr viel bewirken kann. So habe ich auch nur kurz nach der Geburt der Kinder pausiert und dann weiter gearbeitet. Das ging gut, da meine Mutter die Kinder mit betreut hat. Anderen hat das zwar nicht gepasst, haben mich als schlechte Mutter bezeichnet; darum habe ich mich nicht gekümmert. Für mich ist es wichtig, ein eigenes Leben zu führen, eigenes Geld zu haben. In Gisborne war ich die erste Maori-Lehrerin und manche Eltern hat das sehr beunruhigt. Auch im Kollegium waren nicht alle darüber begeistert! Mit der Zeit haben sie sich an mich gewöhnt ...

Mit einer Kollegin hatte ich besondere Schwierigkeiten, weil sie sich im Lehrerzimmer häufig negativ und rassistisch über Maori-Kinder äußerte. Gott sei Dank war sie nur 3 Monate da; für sie war Lehrerin wirklich der falsche Beruf! Die Kinder habe ich nach und nach auch mit der Maori-Kultur vertraut gemacht, sie z. B. in unserer Marae eingeladen. Die fanden das toll, waren für alles offen. Meinen Mann Claude habe ich beim Tanz näher kennen gelernt, ihn mit 21 geheiratet. Unser 2.Kind starb nach der Geburt. So beschlossen wir noch einen Jungen zu adoptieren und haben es nicht bereut.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Das positive Denken meiner Eltern, ihre Liebe zu uns, der Familienzusammenhalt! Auch die Erziehung zur Bescheidenheit und andere Menschen zu respektieren lernen. Da wir Kinder ernst genom- men wurden, konnten wir Fragen stellen und bekamen Antworten. Wir haben auch dis- kutieren und argumentieren gelernt. Das war eine sehr gute Erziehung und die Basis für mein späteres Leben.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Weiter als Lehrerin und auch weiter in der Kommune zu arbeiten. In beiden Bereichen habe ich viel dazu gelernt. Claude und ich wollen in M. eine Rugby-Liga und ein Sportzentrum aufbauen. Dann habe ich Lust, weiter Geschichten, Gedichte zu schreiben, so zum Spaß für mich selbst. Lang- weilig wird es mir nicht; ich bin an vielem interessiert. Allerdings war ich nie eine gute Hausfrau, das ist nicht meine Stärke!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Nun, während meines Studiums mit allen möglichen Gruppierungen. Das fand ich aufregend und inspirierend. Dann in meinen Schulklassen und hier im Marae, wo ich Besucher aus aller Welt herumführe, unsere Geschichte vermittele. Ich glaube, dass mehrere Kulturen zusammenleben können, dass das etwas sehr positives sein kann. Wichtig finde ich, dass es möglich sein muss, ethnische Eigenheiten zu pflegen und sich da gegenseitig zu respek- tieren. Das war für uns Maori in der jüngeren Vergangenheit nicht immer möglich. Die Situation hat sich jedoch verbessert; wir haben einiges zurück gewonnen, z. B. unsere Sprache.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit und Zukunft. Ich glaube, dass ein Zusammenleben und ein Zusammen- arbeiten möglich ist; das ist mir in meinem Beruf gelungen. Menschen, die das nicht wollen, sind in NZ am falschen Platz! Früher, in meiner Kindheit, lebten wir Seite an Seite, heute mehr zusammen und das finde ich gut so.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen