Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

 

Interview HAMILTON Nordinsel 12.Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Ich weiß sehr wenig über meine Vorfahren, denn meine Familie hat leider keinen Familien- stammbaum, aus dem das zu ersehen wäre. Ich bin in der Gegend von Dargaville geboren. So ist mir nur über den Großvater mütterlicherseits bekannt, dass er dort Farmer war und welchem Maori-Stamm er angehörte. Von dieser Großmutter weiß ich, dass sie aus Roto- rua kam. Über Vater's Leute weiß ich nichts! Meine Eltern haben sich getrennt, wie ich 2 war und meine Mutter und ich sind Richtung Auckland gezogen. Über europäisches Blut in der Familie ist mir nichts bekannt.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig; ich möchte unbedingt mehr über meine Herkunft heraus bekommen! Auch wegen meiner Tochter, um ihr etwas darüber erzählen zu können. Marcus, mein Mann, ist zwar hier in NZ geboren, seine Vorfahren stammen jedoch von den Cook-Islands und er weiß viel mehr über seine Familie, als ich. So möchten wir gerne seine Heimatinseln besuchen. Über meine Familie gibt es nicht viel zu sagen. Ich habe noch einen jüngeren Bruder und aus Mutter's zweiter Ehe habe ich noch 2 jüngere Stiefschwestern. Ich mußte sehr früh schon auf meine Geschwister auf- passen, war ihre zweite Mutter. Das war oft ätzend und hat mir meine Kindheit vermiest! Häufig fühlte ich auch überfordert. Meine Eltern hatten beide Alkoholprobleme, waren meist in der Kneipe zu finden und ich war da halt für die Kleinen zu Hause verantwortlich. Mutter war auch oft krank. Mit meinem Vater habe ich wenig Kontakt. Auch er ist wieder verheiratet, hat 5 Kinder in der zweiten Ehe. Unser Verhältnis ist miserabel; er kam zwar zu meiner Hochzeit, unser Treffen war jedoch nicht erfreulich ...

In die Schule bin ich nicht gerne - habe schlecht gelernt, war immer müde. Es war mir oft alles zu viel! Zu Hause und in der Schule war ich eine Rebellin, bin oft in Opposition gegangen, hatte eine Antihaltung. Gerne hätte ich mal mit jemand über meine Probleme geredet, aber da war niemand, der mir zu gehört hätte. In meiner Familie wurde so gut wie nie miteinander gesprochen. Wir zogen dann nach Hamilton. Mit 17 bin ich von der Schule und wollte zur Polizei, wie mein Onkel. Wie ich dann aber die Bewerbungs-formulare sah, war ich sicher, keine Chance zu haben und gab diesen Wunsch auf. So machte ich einen Computerkurs für Sekretärinnen und weitere Trainings in einer Übungs-firma. Mit 18 war ich mit der Ausbildung fertig und bekam einen Job als Verkaufsassistentin, der wirklich interessant war. In dieser Zeit löste sich meine Familie in Hamilton auf. Vater, Mutter und die Kleinen gingen nach Wellington, mein Bruder ging in den Norden zurück. Ich habe sie alle so furchtbar vermisst, hatte Heimweh nach ihnen! Ich bin dann hier in H. mit einer Freundin zusammengezogen, habe gearbeitet, das Nachtleben entdeckt und Freundschaften ge-schlossen. Mit 19 habe ich Marcus, meinen späteren Mann, in einer kirchlichen Jugendgruppe kennen gelernt, die er geleitet hat. Die Gruppe fand ich faszinierend; dort wurde gesungen, getanzt und ich fühlte mich da sehr wohl. Mit Marcus konnte ich endlich reden! Er hat mich ernst genommen und mir zugehört. Ich wurde dann schwanger und war aber nicht begeistert darüber, Marcus ging es ähnlich. Sollte ich das Kind bekommen oder einen Schwangerschaftsabbruch machen lasen lassen? Ich war sehr unsicher in Bezug auf die Zukunft. Dann habe ich mich für das Kind entschieden, Marcus und ich haben geheiratet und einen eigenen Hausstand gegründet. Das war nun viel Neues, die Veränderung meines Körpers, das Kind in mir und mit Marcus zusammenleben. Wir freuten uns nun auf unser Kind. Ich habe schon sehr früh mit meiner Tochter im Bauch geredet und den Bauch viel gestreichelt, wollte ihr mehr Liebe geben, als ich bekommen habe! Bis zum 7.Monat habe ich in meinem Job gearbeitet und mich dann auf die Geburt vorbereitet. Wie es losging, war ich allein; Marcus ist Truckfahrer und auch viel Nachts unterwegs. Ich bin in die Klinik und es gab Komplikationen - ein Kaiserschnitt mußte gemacht werden. Die Tochter war ok, aber mir ging es nicht gut und so mußten wir länger in der Klinik bleiben. Ich war dann heilfroh, wieder zu Hause zu sein, weg von der mir unangenehmen Klinikatmos-phäre. Es hat lange gedauert, bis ich wieder fit war. Alles fiel mir schwer; ich hatte lange Schmerzen, da die Narbe sich entzündet hatte und konnte die Kleine nicht so lange stillen wie ich wollte. Erst jetzt, nach 2 Jahren, fühle ich mich körperlich wieder richtig wohl! Ich liebe die Kleine und genieße es, mit ihr zusammen zu sein, Zeit für sie zu haben.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Das Kommunikationsloch in meiner Familie. Erst jetzt kann ich mit meiner Mutter manchmal reden. Für mich ist das ganz wichtig! Nach und nach bekomme ich auch mehr über ihre Kindheit und die Beziehung zu meinem Vater heraus. Ich möchte das in jedem Fall mit meiner Familie anders handhaben. Marcus und dann meine Tochter zu bekommen - ich bin so glücklich mit ihnen!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Mehr über meine Wurzeln heraus- finden und mit Marcus seine Wurzeln auf den Cook-Islands erforschen! Dann möchte ich ein besseres Verhältnis zu meiner Mutter bekommen - das ist notwendig und sehr wichtig für mich. Mehr Kinder? Ja, später vielleicht, möglicherweise welche adoptieren. Beruflich möchte ich ja auch gerne wieder einsteigen. Auch das ist mir wichtig wegen der Kontakte und auch um eigenes Geld zu haben.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Na mit Marcus und seiner Familie, die ich sehr mag. Ich meine, die Islanders sind lebenslustiger als wir Maori. Sie hören gerne Musik, tanzen gerne, sind gelassener im Alltag, mehr als alle Anderen, die ich kenne, Auch das Essen ist anders, manchmal mag ich es, manchmal nicht. Die Islander sind auch nicht so abergläubisch wie wir Maori! Konflikte haben wir bis jetzt nicht.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Die Konflikte mit den Maori und der Regierung bekomme ich nur am Rande mit, persönlich bin ich davon nicht betroffen. Hamilton ist eine gute Stadt für unterschiedliche Menschen und Rassen; hier gibt es wenig Rassismus. Ich weiß aber, dass es an anderen Orten in NZ nicht so gut läuft. Die Leute dort sollten sich mehr bemühen! Ansonsten interessiert mich Politik im Moment nicht so sehr. Mir ist gerade meine persönliche Zukunft mit Marcus und der Tochter wichtiger. Marcus und ich sind ja noch fast in den Flitterwochen ...

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen