Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview HAMILTON Nordinsel 11. Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Meine älteste Schwester kam als Erste von den Cook-Islands nach Wellington und ich folgte mit 19. So sind wir die 1.Generation, meine Kinder, die hier in NZ geboren sind, sind die Zweite. Als Cook-Islander haben wir automatisch die NZ-Staatsbürgerschaft - die Inseln sind ein Teil von Neuseeland. Ich habe meine alte Heimat zwischendurch immer mal wieder besucht, denn ein großer Teil meiner Familie lebt dort. Die Familie meiner Mutter ist von Atutaki/Cook-Islands, ein Großvater stammt von Raietea, der Ursprungs-gegend aller polynesischen Menschen, so auch die der Maori. Deswegen habe ich mich immer als Maori identifiziert! Auf Tahiti habe ich von Mutter's Seite auch Verwandte. Ich besuchte sie vor einigen Jahren - ein tolles Erlebnis ... Wir von den Islands, sprechen alle eine Hauptsprache, aber dann natürlich verschiedene Dialekte, so können wir uns untereinander verständigen. Diese Verwandten kommen mich dieses Jahr im Mai zum ersten mal besuchen! Von meiner Familie leben heute 2 Schwestern, 1 Bruder und ich in NZ. Hier gibt es für uns bessere Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. So habe ich hier ein Teil meiner Familie - das tut mir gut. Wir Islander haben starke Familienbindungen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig, sehr wichtig! So war es notwendig, nach Tahiti zu gehen, um da nach meinen Wurzeln zu schauen. Möglich ist, dass wir auch etwas französisches und chinesisches Blut in den Adern haben. Einige äußere Anzeichen deuten darauf hin; es ist jedoch nicht amtlich! Meine Familie auf den Cook-Islands war eine wunderbare Gruppe. Wir lebten in einem kleinen Dorf am Meer, ernährten uns von Landwirtschaft und Fischerei. Wir Kinder, 7 an der Zahl - 3 Mädchen, 4 Jungen und ich bin die Jüngste - wuchsen in Freiheit und mit Liebe auf. Ich war der Augapfel meines Vaters, war viel mit ihm unterwegs, fischen und reiten, also Dinge, die ein Mädchen damals bei uns üblicherweise nicht tat! Mutter sah das nicht gern, wollte mich mehr im Haus haben, mich für die damals übliche, klassische Frauenrolle ausbilden. Das war mir jedoch zu einengend und Vater hat mich mit meinem Drang nach außen unterstützt. Meine Eltern waren sehr religiös; wir sind Christen und die Kirche, ihre Werte spielten eine große Rol- le. Auch war die Kirche immer ein wichtiger, sozialer Treffpunkt. Dort, unter großen, al- ten Bäumen trafen sich die Sippschaften und palaverten. An alte Werte und Rituale vor der Christianisierung kann ich mich nicht erinnern. Wir hatten jedoch beim Gottesdienst unsere traditionelle Musik und Tänze. Das war immer sehr schön, ich liebte die Zeremon- ien! In die Schule ging ich sehr gerne, ja ich liebte sie gerade zu. Ich lernte mit Begeisterung. Wir hatten interessante Lehrer, meist Männer, was ich prima fand, da ich ja im Vater so ein positives Vorbild hatte. Auch in der Schule wurde viel gesungen und getanzt! Damals war es möglich einen Schüleraustausch mit anderen Inseln zu haben. Leider hat das wegen der Altersvorschriften bei mir nie geklappt. Entweder war ich zu jung, oder zu alt und das war damals eine große Enttäuschung für mich! Nun, ich wollte gerne Lehrerin werden und mit 17 fing ich diese Ausbildung auch an, machte sie 1 Jahr. Dann kam die Einladung meiner Schwester nach NZ zu kommen, da zu leben. Das war keine leichte Entscheidung für mich, denn es bedeutete, die Ausbildung aufzugeben. NZ war jedoch damals für uns Jungen ein attraktives Ziel, das Land der vielen Möglichkeiten! Es reizte mich schon, mal von zu Hause wegzukommen und eigenes Geld zu haben. Mein 1.Job war der einer Näherin in einer kleinen Kleiderfabrik - nähen habe ich immer geliebt - ich habe es bei der Mutter gelernt und einem Onkel, der auch gut zu-schneiden und nähen konnte. Meine Schwester führte mich in den total anderen Lebenstil ein, z. B. den anderen Zeitrhythmus, den Verkehr etc. Am Anfang hatte ich mächtiges Heimweh, habe meine Familie und das Dorf sehr vermisst! Gleichzeitig war es natürlich ein großes Abenteuer. Auch mußte ich mich hier erst mal an die verschiedenen, englischen Dialekte gewöhnen; da gab es viel zu lernen. Mein 2. Job war der einer Assistentin im Verkauf eines Kaufhauses. Dort habe ich auch langsam ein besseres Gefühl für die Men-schen hier bekommen, ihren Geschmack, ihre Wertesysteme, den Arbeitsstil von Kolleginnen und den unterschiedlichen Chefs. Das war ebenfalls ein prima Lernfeld. Dann habe ich eine Zeit lang in einer Maschinenfabrik gearbeitet. Meinen späteren Mann habe ich durch meine Familie kennen gelernt. Es war ein langsamer Prozess; wir haben erst nach 4 Jahren geheiratet. Er kam von den Nine-Islands und da er schon länger in NZ war, kannte er sich auch besser aus. Meine Familie war über unsere Beziehung nicht sehr begeistert. Er kam von einer anderen Insel und da sie schlechte Erfahrungen mit Menschen von dort hatten, waren sie skeptisch. Außerdem war er ihnen zu modern! Er hatte ein Motorrad und wenn wir aus gingen, sass ich hinten drauf - sehr ungehörig nach unserem Wertesystem!

Ich beschloss aus- und in eine Frauenwohngemeinschaft mit 4 weiteren Frauen einzuziehen. Meine Familie war auch darüber nicht begeistert; für mich war es jedoch wichtig, mich abzunabeln. In der WG haben auch Frauen europäischen Ursprungs gewohnt und das war dann mein erster privater Kontakt mit "Weißen". Eine sehr wichtige Zeit für mich, in der ich viel gelernt habe: Menschkenntnis, kochen, mein Geld zu verwalten, mich selbst zu organisieren, also meinen Alltag alleine zu bewältigen und vieles mehr. Ich fühlte mich außerordentlich wohl und wundervoll lebendig! In dieser Zeit fing ich auch an, in kirchlichen Kindergruppen mit zu arbeiten, ehrenamtliche kommunale Arbeit zu machen. Mein Freund hatte zu Kirchengruppen von den Islands in Hamilton Kontakt und wir beschlos-sen dann zu heiraten, nach Hamilton zu ziehen. Er war zuerst Busfahrer und stieg dann in das Taxiuntenehmen seines Onkels ein. Er und ich fuhren dann 15 Jahre in Hamilton ein eigenes Taxi. Das war prima und hat uns Spaß gemacht. Paralell dazu bauten wir unseren Haushalt auf, bekamen die Kinder. Für mich war das alles aufregend und spannend! Wir 2 haben uns sehr gut verstanden - waren ein spitze Team. Er hat mich immer ermuntert neue Dinge anzufangen und unterstützt, mir auch viel praktisch geholfen. Wir haben beide in H. auch kommunale Arbeit in der Kirche gemacht, vorallem ich. Auch das war ein sehr gutes Lernfeld und wir haben dadurch auch unsere Nachbarn viel schneller kennen gelernt. Ich habe z. B eine Elterninitiative mit begründet, um bessere Schulbedingungen für die Kinder zu erreichen. Auch in Frauengruppen habe ich mitgearbeitet; das war sehr wichtig für mich, es hat mich mehr für die Situation von uns Frauen sensibili-siert. Wir haben dann das Taxiunternehmen verkauft und 2 Jahre einen Schnellimbiss gemacht. Dieser Arbeitsalltag erwies sich jedoch als schwierig mit dem Familienleben zu verein-baren. So stiegen wir aus, kauften wieder ein Taxi, das mein Mann fuhr. Ich bekam einen Job in der Beratungsstelle und habe Berufs- und Arbeitsplatzberatung für junge Islander-Innen gemacht. Da konnte ich gut meine Erfahrungen aus der kirchlichen Jugendarbeit einbringen.Mein Mann fühlte sich gesundheitlich nicht gut, war Asthmatiker, mußte viele Medikamente nehmen und vor einem Jahr fanden die Ärzte heraus, daß er Krebs hatte und sterben würde. Er war wunderbar, sprach mit uns über seine Krankheit, nahm alles ge-lassen und besprach vor seinem Tod alles Wichtige mit uns! Das hat uns geholfen seine Krankheit und seinen Tod zu akzeptieren, mit Freude weiter zu leben. Trotzdem vermissen wir ihn oft schmerzlich. Er war ein so liebenswerter Mensch. Vor seinem Tod habe ich mit 50 Jahren einen neuen Job als Entwicklungshelferin im Ministerium für Pazifische-Insel-Angelegenheiten angenommen. Die wollten mich unbedingt haben, fanden meine persönliche und berufliche Biografie genau richtig für die Stelle! Ich war geschmeichelt, aber auch unsicher, ob ich die Arbeit schaffen würde. Mein Mann hat mir zugeredet, Mut gemacht. Heute bin ich in Vollzeit beschäftigt, fahre einen Geschäftswagen, berate und betreue Menschen von den polyne-sischen Inseln und mache auch Schulungen. So bin ich im Alter tatsächlich noch eine Lehrerin geworden! So schließt sich der Kreis, das ist schön und befriedigend für mich.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Mein Elternhaus - die Eltern, die mir die Lebensbasis gegeben haben, offen und aktiv mein Leben anzugehen. Dieses Glück haben nicht alle Kinder! Für mich ist das Leben immer noch ein wundervolles Abenteuer ...

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte sehr gerne mal Paris in Frankreich besuchen! Mein Name PARI hat damit etwas zu tun und die Stadt muss zauberhaft sein ... Dann ist ein längerfristiges Ziel auf dem Land meiner Eltern, auf den Cook-Islands ein Haus zu bauen, im Alter dorthin zurückzukehren. Ich möchte damit meinen Kindern und Enkelkindern Land und den Platz erhalten. Jetzt möchte ich noch eine Weile weiterarbeiten, jedoch nicht zu viel, sondern auch mehr Zeit für mich haben. Vielleicht wieder heiraten oder mit einem Lebenspartner zusammen leben, wenn ich den Richtigen treffe, der mich liebt, wie ich bin! Für neue Erfahrungen bin ich offen.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit andereren ethnischen Gruppen?

Mit allen verschiedenen Gruppierungen, die es in NZ gibt! Ich liebe Menschen, respektiere ihre Kulturen und ihre Wertesysteme - das ist für mich sehr wichtig. So ist es dann auch vergnüglich, mit verschiedenen Menschen zusammen zu sein! Für mich ist da ein klarer Zusammenhang von Selbstrespekt und Respekt vor Anderen. In meiner Familie mischen sich nun auch alle. Ich habe eine Maori-Schwiegertochter und die Nächste steht mir ins Haus, eine Mischung aus Maori-Jugoslawien und Irland!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Das ein Zusammenleben gut gehen kann, haben viele durch ihr persönliches Verhalten bewiesen. Konflikte zwischen Menschen wird es jedoch immer wieder geben, das ist normal; es ist für mich eine Frage, wie damit umgegangen wird. Von Regierungsseite sehe ich, daß da Wege beschritten werden, um speziellen ethnischen Gruppen zu helfen sich zum Beispiel hier in NZ einzu-leben, eine Ausbildung zu bekommen, einen Arbeitsplatz. Das finde ich sehr gut. Ich bin hoffnungsvoll und optimistisch für die Zukunft NZ´s. Es läuft, im Vergleich zu anderen Ländern, wirklich nicht schlecht! Klar, immer kann was besser gemacht werden. Notwendig ist meiner Ansicht nach, dass alle Menschen sich aktiv in diesen Prozess einbringen.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen