Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

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Nachwort -Anmerkung / Resümee

Die aktuelle, politische Situation ...

... in Neuseeland während meiner Rundreise 1993 und meines weiteren Arbeitsaufenthaltes vom November 1994 - April 1995.

Mitte November startete ich mit meinen Interview's. Dann, kurz vor Weihnachten 1994, machte die Regierung allen MAORI-Stämmen im Land das Angebot, 1 Billion NZ $ (= 1 Billion DM) als einmalige Abfindung für das Unrecht der Landenteignungen in den letzten 150 Jahren zu bezahlen. Die MAORI sagten NEIN, bestanden weiterhin auf der Rückgabe "ihres" Landes. Die Emotionen auf beiden Seiten - Pakeha und Maori - wogten im ganzen Land hoch! Die Pakeha, Nachfahren der europäischen EinwanderInnen fanden das Angebot entweder ganz unmöglich oder aber zu hoch. Die Maori fanden es meist zu niedrig, sofern es für sie überhaupt möglich schien, die Vergangenheit mit Geld abzugelten. Ich beschloss, keine politischen Maori-AktivistenInnen zu interviewen, da ich der Fairness halber "alle Seiten" hätte befragen müssen. Auch wäre es dann ein anderes Buch geworden.

Dieser aufbrechende Konflikt kam für mich unerwartet. Es hat Disziplin erfordert, mich nicht von der emotional geladenen Atmosphäre anstecken zu lassen. Oft konnte ich "beide Seiten" verstehen - deren Argumente "dafür oder dagegen" nachvollziehen. Die Gefahr zu verurteilen war jedoch zeitweise gegeben und so zog ich mich auf die Position der Beobachterin zurück. Mein Interesse am Umgang mit Konflikten und unterschiedlichen Wertesystemen hat enorm geholfen, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Auch das Sammeln von Informationen und Fakten - wie es zu dieser Situation hatte kommen können - war hilfreich. Sicher ist, dass sich der Konflikt nach dem Angebot der Regierung an die Maori zugespitzt hat. So war die Atmosphäre in Neuseeland eine total andere, als vor 2 Jahren bei meinem ersten Besuch!

Am 6. Februar 1995, dem Jahrestag des Vertrages von Waitangi, der den Maori ihre Land-rechte garantiert und ein Feiertag in Neuseeland ist, wurden die Proteste einiger Maori-Gruppierungen zunehmend radikaler. Es waren jedoch auch mäßigende Stimmen zu hören. Die Stimmung war aufgeheizt und die Presse trug ihren Teil durch "schreiende" Überschriften bei, über den im großen und ganzen sachlich berichtenden Artikeln. Seit Anfang des Jahres 1995 fanden bei allen Maori-Stämmen im Land fortlaufend Versammlungen = Hui's statt, um eine einheitliche Linie der Regierung gegenüber zu finden und ihre Forderungen für die Vergangenheit und die Zukunft zu vertreten. Das Ministerium für Maori-Angelegenheiten führte parallel dazu Workshops zum "Vertrag von Waitangi" durch, um die Entscheidungsfindung zu erleichtern. Es verging kein Tag, an dem nicht Artikel in der Zeitung, Berichte in den Nachrichten, im Fernsehen zu diesem Thema kam - also spannungsgeladene Zeiten in Neuseeland, von denen Menschen in Deutschland, auf Grund mangelnder Berichterstattung, wenig oder nichts mitbekamen!

Diese Stimmungslage spiegelt sich in den Interview's über MENSCHEN IN AOTEAROA-NEUSEELAND und so sind sie auch ein Zeitdokument geworden.

Die Kooperationsbereitschaft der Menschen zum Entstehen des Buches ...

... Die Mehrheit reagierte positiv auf mein Buchprojekt, fand es interessant endlich mal so ein Buch über Neuseeland zu haben, anstatt "nur" Gegenden und Sehenswürdigkeiten in Reiseführern/Prospekten aufzuzeigen ... Niemand fragte mich, warum ich das Buch machen wollte, jedoch kam einige Male die Frage "Warum gerade in Neuseeland ?" Meistens reagierten die Menschen spontan, halfen mir Kontakte herzustellen und zu organisieren. Ich bekam viele Einladungen in Privathäuser, wurde überall außerordentlich gast-freundlich aufgenommen. Auf diese Weise lernte ich natürlich weitere Familienmitglieder, Freunde und Bekannte kennen. Diese familiäre Atmosphäre während meiner langen Reise hat mir geholfen, kurze Anwandlungen von Heimweh oder Einsamkeit schnell zu überwinden. Ich habe mich also überwiegend wohl gefühlt! Mit KIWI'S oder PAKEHA´S, den NeuseeländerInnen europäischen Ursprungs, hätte ich mehr Interview's machen können. Viele hatten Lust mitzumachen, einige waren beleidigt, weil ich sie nicht interviewt habe, wenige lehnten aus unterschiedlichen Gründen ab. Eine kurze Erklärung des Buchprojektes und der Interviewfragebogen reichten aus, um bei gezielter Anfrage (Alter, Geschlecht, Volksgruppenzugehörigkeit, Region) schnelle Zu- oder Absagen zu bekommen. Die Termine kamen ebenfalls schnell zustande. Für MAORI, ISLÄNDER (Menschen von den polynesischen Inseln) und ASIATEN/INNEN, also den Minderheiten im Land, brauchte ich mehr Zeit. So dauerte es zum Beispiel eine Weile bis ich heraus fand, warum keine Interview's zustande kamen! Die erste Kontaktaufnahme lief immer gut, die Leute waren freundlich und interessiert. Dann verlief alles "im Sande" ... Warum? Sie waren zum Teil schüchtern und oder zu höflich NEIN zu sagen, speziell wenn es um die Veröffentlichungen ging. Besonders bei Maori war das der Fall, von denen einige schon schlechte Erfahrungen mit Medien gemacht hatten. Das wurde durch die politische Situation noch verstärkt und manches Mal schlug mir da als "Schreiberin" generelles Misstrauen entgegen. Ich fand auch heraus, dass besonders auf dem Land Maori nicht gewohnt waren für sich als Individium zu sprechen, sondern nach alten Wertesystemen das WIR noch gültig war. Das offizielle Sprechen stand dann nur dem Sprecher des Stammes zu. Alle 3 angesprochenen Gruppierungen fanden mein Vorgehen zu schnell, wollten sich mit mir vorher länger unterhalten. Sie wollten wissen wer ICH bin, aus welchem Land ich komme, wie es da zugeht usw. ... Auch fanden sie den Interviewfragebogen nicht wichtig, wollten lieber, dass ich ihnen alles persönlich erkläre. Insgesamt wurden mir hier viel mehr Fragen gestellt. Ich habe das nicht als unangenehm, sondern als starkes Interesse empfunden und so war es auch. Ihr Wissensdurst über andere Kulturen war groß und so hatten wir eine wichtige Gemeinsamkeit, konnten uns austauschen und voneinander lernen! Diese Fragen habe ich übrigens bei den "Weißen" meist vermisst! Auffallend war bei Maori und Isländern, dass sie keine Scheu vor Körperkontakten hatten, im Gegensatz zu Kiwi's und AsiatenInnen. Umarmungen, knuddeln, lachen, laut singen waren für sie das Normalste der Welt, was ich sehr schön fand. Ich habe mich in dieser Wärme und Herzlichkeit gerade zu "gesuhlt"! Da die Begleitumstände freundlich waren, hat mir meine Arbeit großen Spaß gemacht. Ich lernte mehr Zeit einzuplanen, mich persönlicher und differenzierter vorzustellen, siehe meine Biografie - Stamm der Mutter, Stamm des Vater´s mit Unterschieden ... = Vorstellungszeremonie der Maori und von mir aus mehr über "mein" Land Deutschland zu erzählen, meine Scheu abzulegen, laut mit zu singen! Erstaunlicher- und erfreulicherweise habe ich, bis auf eine Erfahrung, keinen aufgestauten Unmut = Aggressionen wegen ihres Minderheitenstatus "abbekommen". Im Gegenteil, die Gastfreundschaft, die Herzlichkeit und Wärme waren überwältigend. Ich fühlte mich gut aufgehoben und als Individuum akzeptiert und respektiert. Am East Cape wurde ich als Ehrengast in einer "Zwergschule" empfangen; es wurde gesungen, Reden gehalten und die Kinder fragten mich wohl vorbereitet über Deutschland aus! Auch hatten sie Lust ein deutsches Lied zu lernen und wir sangen gemeinsam "Wachet auf, wachet auf, es krähet der Hahn, die Sonne geht auf ihre güldene Bahn", hatten viel Spaß mit einander. In Manutuke wurde ich von den ansässigen Maori zu einem Hui - einer Versammlung oder Workshop über ihre Zukunft eingeladen. Mit einer Maori-Kollegin, bei der ich wohnte und die den Workshop leitete, hatte ich einen interessanten, fachlichen Austausch. Ich habe 14 Tage bei ihrer Familie verbracht, wichtige Informationen erhalten und sehr viel gelernt. Auch in Kaikoura hatte ich intensiven Kontakt mit Maori vor Ort. Im gastfreundlichen und sehr schön gestalteten Marae, das tatsächlich die wenigsten "weißen" Einwohner von K. kannten!, fanden gute Gespräche statt und ich wurde eingeladen dort zu übernachten. Ich hatte mir vorgenommen 50 Interview´s zu machen, um tatsächlich Impressionen über den multikulturellen Mix in Neuseeland zu bekommen. Nun sind es "nur" 47 geworden! In Auckland versuchte ich über einen Zeitraum von 8 Wochen 2 Interview's mit einer/einem Maori in der Altersgruppe zwischen 40-50 Jahren zu bekommen. Trotz wiederholter Kontakte mit Marae's und Privatpersonen ist mir das nicht gelungen. Auch hätte ich gerne noch 1 Interview mit einer Inderin gemacht, einer Volksgruppe, die in und um Auckland besonders stark vertreten ist; ich kam jedoch nicht voran, jegliche Ansätze führten ins's "Leere". Überhaupt war es besonders schwierig in die "geschlossenen" Zirkel der AsiatenInnen vorzudringen. 1 Interview kam nicht zustande, weil sich das Paar nach der 1. Kontaktaufnahme trennte. Sorry, mir ist dann die Energie ausgegangen! Ich bin jedoch überzeugt, dass auch die 47 Interview's Ihnen einen guten Eindruck über "Menschen in Aotearoa - Neuseeland" vermitteln und das wollte ich mit diesem Buch erreichen.

Insgesamt also sehr unterschiedliche und gute Erfahrungen mit den Menschen in Aotearoa - Neuseeland. Allerdings haben mir die regional sehr unterschiedlichen Atmosphären einige Male doch zu schaffen gemacht. Es war z. B. ein Kulturschock für mich, von Wanganui mit vielen Maori in der Stadt, am selben Tag über Wellington mit der Fähre auf die Südinsel in eine "weiße" Welt überzusetzen. Oder von Napier nach Gisborne zu kommen und weiter am East Cape lang zu fahren - 2 Welten, mit zu krassen Gegensätzen.

Der Interview-Verlauf

Menschen europäischen Ursprungs wussten über ihre Ursprungsländer und ihre Vorfahren besser Bescheid, als ich angenommen hatte, auch wenn sie zum Teil nur wenig Informationen hatten. Maori hatten im Vergleich meist detaillierte Familienstammbäume vorliegen und mit einer Ausnahme ein sehr gutes Wissen über ihre Vorfahren. Dann meine Entscheidung beim Start, "nur" Interview's mit Neuseeländischen StaatsbürgerInnen zu machen. Ausnahmen: die "gemischten" Heiraten, da die andere Nationalität dabei meist ihre Staatsbürgerschaft verliert, wenn sie die Neuseeländische annimmt, z. B. bei Deutschen. Diese InterviewpartnerInnen zogen alle eine Daueraufenthaltsgenehmigung für Neuseeland vor. Die brachte ihnen die selben Rechte, wie bei wählen zu können oder gewählt zu werden. Nachteil war, bei kriminellen Vergehen des Landes verwiesen zu werden und nicht "automatisch" in Commonwealth-Ländern arbeiten zu können.

Wird bei den Interview's die Kindheit nicht oder nur wenig angesprochen, war das die Entscheidung der/des InterviewpartnersIn. Beide, Frauen und Männer waren sehr ehrlich, sprachen offen über ihre Gefühle. Das ist bei "weißen" Männer nicht selbstverständlich! Frauen gingen in der Regel mehr auf Details ein, haben bei Paar-Interview's oder bei "gemischten" Heiraten zum Teil andere Prioritäten als ihre Männer gesetzt.. Auch wurden gemeinsam erlebte Situationen teilweise unterschiedlich wiedergegeben. Bei Lebenskrisen war auffallend und ähnlich wie in Deutschland, dass Menschen, die ihre Gefühle zuließen und eine Reflektion, Aufarbeitung und Akzeptanz des Geschehenen erfolgt war, gestärkter aus der Lebenskrise kamen, in der Lage waren, neue und klare Ziele zu entwickeln!

Sollten bei den Interview's die Photo's fehlen, lag das an mir, bzw. an der Technik. Von 9 Filmen haben 2 in der Kamera nicht transportiert, also leider keine Photo's! Da ich die Interview's deswegen nicht "verlieren" wollte, bat ich diese Personen, mir noch ein Photo zu schicken, was nicht bei allen geklappt hat. Alle waren mit der Veröffentlichung ihrer Interview's und Photo's einverstanden.

Mein mobiles Büro, die Art meines Reisens, der restliche Aufenthalt

Bei meiner Ankunft in Neuseeland kaufte ich einen alten Gebrauchtwagen, genoss den Luxus, viel Platz für mich und mein Gepäck zu haben! Die Mobilität war wohltuend und notwendig für mein Vorhaben, um flexibel zu sein. Mein mobiles Büro befand sich in einem Lebensmittelkarton = Aktenordner, Arbeitsliteratur, Papier, Stifte etc., mein Aufnahmegerät und Kassetten. Die Photoausrüstung war in einem extra Koffer. Übernachtet und gearbeitet habe ich in alten Stadthotel's, in Motel's (selten, da zu teuer für mein Budget), in Backpacker's und Jugendherbergen, in Cabin's auf Campingplätzen, auf Farmen mit "Bed & Breakfast und Privat. Von meiner 1. Reise wusste ich von den guten und preiswerten Übernachtungsmöglichkeiten im Land, also sehr viel besser als in Deutsch-land und vielseitiger! An dieser Stelle hierfür ein großes Lob an Neuseeland. In Backpacker's und Jugendherbergen bin ich, wenn ich selbst kochen oder aber mal wieder Deutsch sprechen wollte. Hier war ich sicher, Deutsche, SchweizerInnen oder ÖsterreicherInnen zu treffen; ein "Schwätz" in meiner Heimatsprache tat mir ab und zu sehr gut. Der "Gipfel" war, wenn ich mit SchwäbenInnen meinen Dialekt sprechen konnte!

Nach 3 1/2 Monaten kreuz und quer durch Neuseeland, kam ich Mitte Februar nach Auckland zurück, stark beeindruckt von einer phantastischen Reise! Für den Rest meines Aufenthaltes mietete ich mir ein festes Quartier in Auckland-Huia, an einer schönen Bucht mit Strand und wurde sesshaft! Hier, in einer preiswerten, möbilierten Wohnung, machte ich die Feinarbeiten für das Buch. Ich versuchte einen Labtop mit der Software zu mieten, was sich als umständlich und teuer herausstellte! Ich brauchte "ewig ", bis für das entsprechende, technische Equipment, um endlich meine Interview's in den Computer einzugeben ... Das hat viel Zeit und Nerven gekostet - mehr als erwartet in einem westlichen Land wie Neuseeland. In Deutschland war das zu dieser Zeit kein Problem. Versöhnt hat mich der Blick aus meinem "Büro" auf die sehr schöne Westküste der Region Auckland`s, mit zahlreichen schönen Stränden und Buchten, Naturschutzgebieten mit vielfältiger Vegitation und zahlreichen Vogelarten. So hatte ich eine gute Mischung zwischen Arbeit und Regeneration, konnte mir den technischen Frust mit Computer und erneuten Autopannen von der Seele laufen und schwimmen. Menschen munterten mich auf und halfen. In den letzten Wochen klappte dann alles und ich hatte eine gute Arbeitsatmosphäre, wurde trotz knapper Zeit fertig mit dem Buch!

Kritische Situationen

Mit dem alten Wagen hatte ich mehrere, unter Anderem auch kostspielige Pannen (Motor und Kühlung) und hing des öfteren fest, Göttin sei Dank immer in der Nähe von hilfsbereiten Menschen! Ihr Humor hat geholfen, mich nicht zu sehr zu ärgern, gelassen zu bleiben. Trotz allem ist der Wagenkauf preiswerter im Vergleich zur Wagenmiete für den selben Zeitraum und hat sich gelohnt. Das Straßennetz in Neuseeland ist gut ausgebaut; die Strassen sind meist in gutem Zustand und da viel weniger Verkehr ist, als in Deutsch-land, war es vergnüglich Auto zu fahren! Manchmal gab es Sprachprobleme. Meine Englischkenntnisse waren für den Alltag ausreichend, in komplizierten Situationen, z. B. dem Autokauf, den Autopannen, Erstkontakten am Telefon, dem Computer-Trouble fand ich es schwierig und frustrierend, mich nicht wie gewohnt ausdrücken zu können! Die meisten Menschen nahmen sich jedoch Zeit und hatten Geduld, halfen mir auch in schwierigen Sprachsituationen. Da ich mich zum 1.Mal länger in einem fremdsprachigen Land aufhielt, mit einer Mischung aus Studienreise und Arbeit, wurden mir die Sprachbarrieren auch mehr bewusst. Diese Erfahrung hat mich mit Sicherheit Menschen gegenüber sensibilisiert, die in der selben Situation sind. Die Interview's dagegen liefen erstaunlich gut - das war auch mein vertrautes Arbeitsfeld - und wenn ich etwas nicht verstand, konnte ich nachfragen, mit dem Lexikon arbeiten.

Wirklich unangenehme Erlebnisse hatte ich mit "weißen", gestörten Männern! Das Übelste hatte ich mit einem Exhibitionisten morgens um 7 Uhr in einem Stadthotel. Er stand in der Küchentür und produzierte sich - ich machte mir in der Küche gerade mein Frühstück! Hartnäckig tauchte er wieder auf, nachdem ich ihn in seiner Zimmer geschupst hatte. So forderte ich einen vorbeigehenden Hotelgast auf, von Mann zu Mann mit ihm zu reden; dieser lachte nur über die Situation und ging einfach weiter!!! Da auch das "Management" nicht greifbar war, rief ich vom Flurtelefon die Polizei (kostenlos), die sehr schnell kam und ihn mitnahm. Die 2 jungen Polizisten waren ausserordentlich höflich, bedauerten die peinliche Situation für mich als Gast in Neuseeland. Leider oder Gott sei Dank ist das keine neuseeländische "Spezialität"! Zurück in Deutschland fand ich einen Brief in der Post mit der Information, der Täter sei in die Psychatrie eingeliefert worden. Dann traf ich auf dem Land in einer Kneipe 2 Männer, die so erbost waren, dass ich als Frau allein unterwegs war und mir das Recht nahm, an der Bar zu stehen. Sie "mussten" ihre Frustration laut brüllend und drohend an mir auslassen. Auch Andere in den Pup's hatten damit Schwierigkeiten, sprachen mich auf "meinen Mann" an = bin ich frei, ja oder nein? Das dritte unangenehme Erlebnis war ein angetrunkener, junger Mann, der demonstrativ neben mich hinpinkelte!, weil ich in "seinem Revier" auf der Wiese saß, wo er mit der Freundin schmusen wollte! Was würde wohl in Neuseeland passieren, wenn sich "Farbige" so verhalten würden? Gerechtigkeitshalber muss ich erwähnen, dass auch Frauen oder Familien oft ungläubig bis bewundernd reagierten, wenn sie von meinem Solotrip hörten und auch da manche Verwirrung auslöste, wenn auch aus anderen Gründen! In westlichen Ländern waren solche Reaktionen für mich erstaunlich, denn ich bin mit Sicherheit nicht die einzige Frau, die Urlaubs- und Geschäftsreisen allein unternimmt. Kritische Situationen gab es auch mit einigen Kiwi´s im privaten Gespräch oder bei den Interview's, die von Christus oder Gott erleuchtet wurden. Das ist in Neuseeland sehr ausgeprägt; es gibt viele Varianten christlicher Kirchen, ähnlich wie in den USA, die sehr aktiv sind und guten Zulauf haben. Meine Toleranzgrenze wurde arg strapaziert, wenn Leute mich überzeugen wollten, dass ihr Glaube der einzige Wahre sei. In diesem Fall grenzte ich mich ab - dass ich ihren Glauben respektiere, er jedoch nicht mein Glaube sei, ich auch Respekt im umgekehrten Fall erwarte! Mein Verhalten löste Überraschung aus, denn Kiwi' sind in der Regel nicht so direkt - die Maori schon. Übrigens habe ich nicht klären können, was "praktizierende Christen" sind; das taucht ja in den Interview's auch immer mal wieder auf.

Persönlicher Vergleich NEUSEELAND - DEUTSCHLAND

P O SI T I V E S

  • Die Möglichkeit der Daueraufenthaltsgenehmigung
  • Im Land geborene Kinder haben automatisch die NZ-Staatsangehörigkeit
  • Überall Hinweisschilder auf saubere und kostenlose Toiletten!
  • Preiswertere und vielseitigere Unterkünfte
  • Offenheit, spontanere Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, auch größere Offenheit für neue Ideen und Ermunterung, diese umzusetzen
  • Mehr Mobilität und Flexibilität im Alltagsleben, z.B. kommen Geschäftstermine schneller zustande, beim Hauskauf/Verkauf, Umzug, viele Arbeitsplatzwechsel, nicht so dip-lomfixiert und trotzdem Aufstiegsmöglichkeiten, einheitliche Schulsysteme im Land, die Umzüge erleichtern...
  • Genügend Kindergartenplätze und überall Ganztagesschulen, mehr Kinderfreundlichkeit 2 - 3 Kinder sind normal in einer Familie
  • Noch sehr gute, nachbarschaftliche Netzwerke im ländlichen Bereich
  • Weniger agressive Menschen und Hunde = mehr Platz, nicht soviel Zeitstress
  • Die Sauberkeit in den Städten und Dörfern, an den Stränden, saubere Luft, sauberes Wasser = weniger Industrie ...
  • Der starke Familienzusammenhalt bei Maori, Islandern und Aisaten

N E G A T I V E S

  • Viele waldlose, abgeholzte und "verwüstete" Gegenden auf beiden Inseln - ein Jammer!
  • Zunehmende Scheidungsraten auch bei den "Kiwi"s"
  • Zunehmend mehr diplomfixiert (Kiwi´s)
  • Zunehmend mehr Zeitstress und Workoholic's bei den "Kiwi"s in den Städten
  • Menschen gehen bei laufendem Motor einkaufen ...
  • Auf dem Land Autowrack's "mitten" in der Landschaft ...
  • Mehr Zeit- und Energieaufwand in organisatorischen Dinge, z. B. bei Autoreperaturen, Computer leasen etc.
  • An manchen Touristenorten zunehmde Abstumpfung der "GastgeberInnen"
  • Die alten Frauen - und Männerspielchen = Anmache zum Selbstzweck = Bestätigung des "weiblichen/männlichen" Ego's ...
  • Auch in NZ halten Männer Frauen in technischen Dingen für blöd ...
  • Die Kiwi's haben immer noch Minderwertigkeitskomplexe in Bezug auf ihre Kultur = Geschichte, Kunst und Geschlecht u.s.w.
  • Bei den Weißen/Kiwi's der "alte", konfliktscheue Umgang mit Krisensituationen
  • Die Ignoranz, Arroganz und Respektlosigkeit der Kiwi´s gegenüber Maori

Einwanderung nach Neuseeland - JA/NEIN?

Am Ende meines halbjährigen Aufenthaltes in Neuseeland war klar, dass ich für diese Entscheidung noch Zeit brauchte. Also erst mal weiter reisen; nach Rückkehr verarbeiten der vielen Eindrücke und Geschehnisse von unterwegs. Immerhin habe ich mich in Auckland bei einer Beratungstelle über meine Chancen als Einwanderin mit dem Punktesystem informiert - ja, mit Geld im "Rücken" könne ich kommen! Sonst im Moment nur Junge ...

Nach einem Jahr Weltreise und dem langen Aufenhalt in NZ war ich wieder neugierig auf "mein" Land, hatte, wie nach jeder Reise in's Ausland, einen veränderten und geschärften Blick auf "meine" Gesellschaft. Vielleicht doch eine Entscheidung für Deutschland, einem Land mit derzeit vielen schwierigen, ungelösten sozialen und wirtschaftlichen Problemen? In jedem Fall würde bei einer Auswanderung für mich auch eine Rolle spielen, ob ich die deutsche StaatsbürgerInnenschaft behalten kann. Nicht um eine Rückkehr offen zu halten, sondern um einen Teil meiner Wurzeln zu dokumentieren. So wären 2 StaatsbürgerInnenschaften ideal = alte und neue Wurzeln. In Deutschland ist eine Gesetzesänderung im Gespräch, die USA hat vor 2 Jahren ihre Bestimmungen in dieser Hinsicht bereits geändert.

Einwanderung hin oder her, es fiel mir schwer, von Aotearoa-Neuseeland Abschied zu nehmen. Beeindruckt haben mich Menschen und Landschaften, die ich nicht vergessen werde. Kontakte und Einladung habe ich viele - warum nicht ein 3. Besuch?

KIA ORA Aotearoa - Land der großen, weißen Wolke, alles Gute Neuseeland - alles Gute den Menschen, die sich entschlossen haben hier zu leben!

 

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