Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview WANGANUI Nordinsel 17. November 1994

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Ich bin in Amsterdam/Holland geboren und mit 21 Jahren nach Neuseeland gekommen. Nach meiner Heirat mit Rob, Neuseeländer englischer Herkunft, habe ich die NZ-Staats-bürgerschaft angenommen, um meine neuen Wurzeln hier zu dokumentieren. Ich wollte eine "englische" Familie haben und so haben wir dann mit unseren Kindern englisch gesprochen. Ich bin eine holländische Neuseeländerin! Großvater von Vater's Seite kam aus Deutschland, machte eine Ausbildung in Amsterdam an einer Hotelfachschule und lernte in dieser Zeit meine Mutter kennen. Er blieb in Holland, sie heirateten und hatten 2 Söhne. Da er sich nie um die holländische Staatsbürgerschaft gekümmert hat, war er noch Deutscher. Er sollte dann im 2. Weltkrieg für die deutsche Armee kämpfen. Das kam für ihn und die Familie überraschend; sie hatten nicht im Traum an so was gedacht! Er verweigerte dann den Wehrdienst und sie gingen eine Zeit lang mit Erfolg in den Unter-grund ... Mutter kommt aus einer alten, holländischen Familie, die immer in Amsterdam gelebt hat.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig! Ich habe 2 Wurzeln, eine ist in Holland und ich habe seit langem ein holländisches Monatsmagazin abonniert, spreche noch fließend die Sprache. Vor 14 Jahren besuchte ich mit der Tochter die alte Heimat und Verwandte; ich zeigte ihr auch Amsterdam. Das war schön, aber auch wieder ein gutes Gefühl, in die neue Heimat zurückzukommen, zu meinen neuen Wurzeln! Bevor ich nach NZ kam, habe ich 2 Jahre in England als Au-Pair gearbeitet. Dort verlobte ich mich mit einem Engländer, der nach NZ auswandern und eine Farm kaufen wollte. Er fuhr voraus und mit 21 folgte ich ihm nach. Wir vertrugen uns dann nicht mehr und ich löste die Verlobung. Meine Eltern waren darüber nicht begeistert! Für sie hat damals mehr die soziale Sicherheit gezählt, als mein Glück. Ich beschloss zu bleiben, eine 4-jährige Schwesternausbildung in Auckland zu machen. Auf einer Urlaubsreise wollte ich mir die Südinsel näher anschauen. Da ich wenig Geld hatte, beschloss ich zu trampen. Das war zu dieser Zeit unüblich in NZ, wie auch die Jeans, die ich trug! Ich besuchte Freunde in Christchurch und traf dort meinen späteren Mann, der mit mir Stadt und Region zeigte. Er machte mir einen Heiratsantrag. Da ich ihn mochte - er war nicht so geschniegelt wie andere Männer, war spontan und direkt - sagte ich JA und habe es nie bereut!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben? Ganz klar meinen Mann zu treffen! Das hat mein Leben stark verändert. Ich gab meine Ausbildung auf und wir zogen auf eine Farm, die er für seine Tante bewirtschaftete. Ich entschied mich auch bewusst für eine große Familie, stellte meine Ausbildung und meine Malerei in den Hintergrund. Für mich waren Kinder immer sehr wichtig und es hat mir Freude gemacht, meine groß zu ziehen. Die Hausarbeit und der große Garten, die vielen Tiere - auch das hat mir gefallen. Wir hatten ein gutes Leben. Zum Malen kam ich allerdings selten, mußte mir oft mühsam was von der Zeit abknapsen. Insgesamt also zufrieden; es war schön bei uns, die Kinder waren unproblematisch und zu essen hatten wir auch immer genug. Ein wichtiges Erlebnis war für mich im Hospital durchzusetzen, dass Rob bei der Geburt der Kinder dabei sein konnte - damals ungewöhnlich in NZ. Der Arzt erklärte sich nach eini-gem Zögern einverstanden, mit dem Hinweis auf die Marotten der Ausländer! Das sind Erlebnisse, die wir nicht missen möchten. Auch habe ich das Reklamieren eingeführt, wenn ich mit einer Ware nicht zufrieden war. Das hat hier damals niemand gemacht. Natürlich stieß ich erst mal nicht auf "Gegenliebe", ließ jedoch nicht locker! Heute ist das normal, gibt es einen Verbraucherschutz. Die nächste Umstellung war unfreiwillig. Rob's Tante starb und es gab Erbstreitereien wegen der Farm. Letzt endlich verkauften wir all unsere Sachen, zogen in die Stadt. Die Kinder waren ja aus dem Gröbsten raus.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Rob und ich haben gerade das Haus hier verkauft, nachdem wir eine Weile in W. gelebt haben. Wir werden wieder auf's Land ziehen, in die Nähe der Tochter. Rob ist sehr krank, hat Krebs und da tut es gut, wenn die Familie zusammenrückt. Wir kennen den kleinen Ort; es ist dort lange nicht so anonym wie in der Stadt, eine sehr gute Nachbarschaft, eine schöne Umgebung. Rob und ich genießen unseren Ruhestand sehr - morgens in aller Ruhe im Bett eine Tasse Tee zu trinken, die Zeitung zu lesen! Das war früher nicht möglich. Ich male immer noch gerne, mache gerne Patchwork-Decken und helfe in der Gemeinde manchmal aus, wenn andere Menschen in Not sind. Rob restauriert mit Spaß alte Möbel. Nicht zu vergessen unsere Enkelkinder, die oft zu Besuch kommen; das ist uns wichtig, hält uns jung.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Kaum, denn es ist nicht so leicht, in einer großen Stadt mit Menschen in Kontakt zu kommen! Früher, auf der Farm, hatten wir Maori-Schaafscherer. Die waren gut, wir kamen klar. Ich bin immer stark an anderen Kulturen, Religionen, Philosophien interessiert gewesen, an Menschen überhaupt, auch offen für Neues. Ein Sohn ist mit einer Maori verheiratet, zu der ich leider keinen guten Kontakt habe. Das ist eine persönliche Geschichte, hat nichts mit der Herkunft zu tun. Ein anderer Sohn ist mit einer Amerikanerin verheiratet; sie le- ben in Australien. Mit ihr komme ich prima klar. Es gehören immer 2 Menschen, um sich zu verstehen, egal welche Rasse und Hautfarbe. Manchmal klappt es, manchmal nicht!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Na, es bleibt nicht aus - alle werden sich mischen. Ob es gut geht, liegt an den Menschen! Für mich ist es nicht wichtig, ob nur "Weiße" in der Nachbarschaft wohnen. Die Nachbarn sind nun hier fast alle "weiß" und ich habe zu niemandem richtig Kontakt. Hier in Wanganui gibt es ein sehr schönes Viertel, in dem überwiegend Maori wohnen. Da sind die Grundstücke und Häuser deswegen billiger - eine respektlose Abwertung!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen