Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview OKARITO Südinsel 9. Dezember 1994

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Von beiden Eltern habe ich irische und schottische Vorfahren, bin von beiden Seiten die 5.Generation in NZ. Bis jetzt war es für mich nicht so wichtig, diese Länder zu besuchen, vielleicht mal in der Zukunft.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Meine Familie ist für mich sehr wichtig. Sie ist die Basis und die einzige wahre Form der Kooperation, weil sie zusammen leben muss! Ich habe 5 Geschwister, 1 Brüder und 4 Schwestern. Mein Vater war Berufssoldat, das heißt, dass wir alle 3-4 Jahre umgezogen sind, die Häuser und die Schulen gewechselt haben. Für mich bedeutete es nur das Wechseln der Schuluniform, denn das Schulsystem war damals überall das Selbe. Mutter war das Zentrum der Familie, die alles organisiert und gemanagt hat; sie stand immer hinter meinem Vater, respektierte seinen Beruf. Vor ihrer Heirat, war sie einer der ersten Frauen Neuseeland's, die an einer amerikanischen Univer- sität Tanz studierte. Das lehrte sie auch noch bis vor kurzem. Sie hat also die Familie und ihren Beruf unter einen Hut gebracht! Wir waren eine sehr stabile Familie. Mit 17 habe ich die Schule verlassen und habe Soziologie studiert. Ich wusste da- mals noch nicht so recht, was ich werden wollte und das erschien mir reizvoll. Während den Semesterferien habe ich in einer Firma gearbeitet, die Fisch verarbeitet und exportiert hat. Ich brach dann das Studium ab, ging eine Weile nach Australien und habe rum gejobbt. Ich war erstaunt, wie ich einen Einberufungsbefehl der australischen Armee bekam! Der verschwand im Papierkorb, als aber der Zweite kam, wurde ich doch unruhig, rief meinen Vater an, was tun ... Er forderte mich auf, nach Hause zu kommen, es zu vergessen. So habe ich weder dort noch in NZ Wehrdienst geleistet, da ich nicht daran interessiert war. Ich ging auf die Südinsel und arbeitete 7 Jahre für eine Ölfirma. Häufig war ich mit einem Team in NZ, Australien und Asien unterwegs und haben Öl getestet; mein Dienstplan war 6 Wochen arbeiten, 2 Wochen frei. Das war persönlich und beruflich für mich eine interessante Zeit; ich bin viel gereist, habe viele Erfahrungen gesammelt. Unter anderen Ländern in Asien war ich auch in China. Das viele Unterwegssein tat meiner Ehe nicht gut. Mit 22 hatte ich geheiratet und meine Frau war auch berufstätig. Beide arbeiteten wir viel und verdienten viel Geld, waren beide berufs- und erfolgsorientiert, sehr materialis- tisch eingestellt. Das war zu dieser Zeit in westlichen Ländern allgemein üblich und wir waren da keine Ausnahme.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

In Asien die Armut und andere Wertesysteme zu erleben; speziell China hat mich fasziniert! Ein riesiges Land, viele Menschen und unruhige Zeiten durch die Kulturrevolution. Auch wie stoisch die Menschen mit den häufigen Wechseln umgingen, aber auch deren Werte: die Familie als Zentrum, ein Freund ist ein lebenslanger Freund u.s.w. Manchmal bekam ich einen Kulturschock, wenn ich diese Länder bereiste, aber auch bei meiner Rückkehr nach NZ! Mit 28 hatte ich eine spirituelle Krise - ich bezweifelte den Lebenssinn, die christliche Religion. Damals war das existenziell für mich, das alles zu hinterfragen. Das Ergebnis hat meine Sicht auf viele Dinge des Lebens stark verändert, z. B. zu materiellen Dingen. Danach habe ich sehr viel bewusster gelebt, andere Prioritäten im Leben gesetzt. Wie ich aus China zurück kam, trennten meine Frau und ich uns. Ich beschloss für 1 Jahr auf die Bibelschule in Auckland zu gehen, Missionsarbeit zu machen. Meine Eltern dachten, ich sei verrückt geworden! Dabei war diese Zeit für mich sehr wichtig und sie haben das dann auch eingesehen. Die Mission machte auch Entwicklungshilfe und ich fuhr mit einem derer Schiffe dann 3 Jahre zur See. So kam ich auch zum ersten mal nach Hawai. Dort hielt ich als Dozent einmal in der Woche an einem College Vorlesung, lernte Sue, meine spätere Frau kennen, die eine der Studentinnen war. Das war jedoch nur ein kurzer Kontakt, das besser Kennen- und Liebenlernen kam viel später ...

Da ich auf dem Schiff schon eine Führungsposition hatte, fragte mich der Kapitän, ob ich nicht noch die Nautik-Schule in Neuseeland besuchen wolle, um mein Wissen zu ver- tiefen. So habe ich die Schule absolviert und danach 6 Jahre für die Neuseeländische Regierung im Fischereiministerium gearbeitet. In der Zwischenzeit hatte ich Sue wiedergetroffen. Sie besuchte mich 2 mal in NZ und wir beschlossen zu heiraten. Seit 3 Jahren leben wir nun zusammen hier an der Westküste der Südinsel. Ebenfalls seit 3 Jahren bin ich beruflich selbständig, habe eine eigene Firma gegründet und verkaufe Fische für den Export. Mit den neuen Kommunikationsmitteln, wie Fax, Computer etc. ist es mir möglich, das Meiste hier von zu Hause zu erledigen. So kann ich Beruf und Familienleben miteinander verbinden; das ist mir heute sehr wichtig!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Wir bauen gerade ein 2.Haus an einem schönen See. Sue ist eine sehr gute Köchin und träumt davon, ein Hotel mit Restaurant zu führen. Die Idee finde ich gut, sie lässt sich realisieren. So können wir auch unsere beiden Jobs zusammenbringen. Kinder wollen wir auch haben. Wenn keine eigenen kommen, dann wollen wir welche adoptieren. Lange warten wollen wir nicht mehr, haben bereits zur einer Adoptionsvermittlung in Hongkong Kontakt aufgenommen, weil wir ein chinesisches Kind haben wollen. So ist bei uns im Moment vieles im Fluss und wird sich einrichten. Wir müssen halt schauen, wie wir es finanziell schaffen. Später wollen Sue und ich wieder aktive Mis- sionsarbeit machen, zusammen ins Ausland gehen.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Erst mal muss ich sagen, dass für mich solche Kontakte sehr wichtig sind. Ich liebe die Vielfalt unterschiedlicher Menschen und Rassen, das ist doch toll! Ich hatte und habe natürlich viele internationale Kontakte durch meine Arbeit, dann durch Sue und ihre Familie in Hawai. Für mich ist interessant z. B. die unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen von Deutschen und Franzosen zu beobachten und alle haben Vor- und Nachteile! Überall kann ich von dieser Vielfalt etwas lernen ...

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Erst mal zwei persönliche Dinge. Einige in meiner Familie fanden es nicht so gut, dass ich Sue geheiratet habe - eine Chinesin! Dabei sind ihre Leute schon in der 5.Generation Amerikaner. Ich verbat mir jegliche Einmischung und mehr Respekt vor meiner Entscheidung, denn das ist mein Leben! Was ich nicht mag, ist wenn Menschen nach NZ kommen und hier irgendwelche Kolonien bilden, sich hier im Land nicht einleben, nicht einfügen wollen! Das hat nichts damit zu tun, alte Traditionen mit zu übernehmen. Was die Situation hier im Moment mit den Maori und den Pakeha betrifft - die ist nicht gut, da hat sich was zum Negativen verändert. Ich denke, wir haben die Maori immer respektiert! Ihr ständiges Hin und Her mit der Wiedergutmachung vergangener Zeiten ...

Das macht Andere ungeduldig und der Respekt geht flöten. Das ist eine ungute Situation; da muss sich etwas ändern, und zwar zum Besseren. Die Maori sollten nun den Schritt tun, aber die streiten sich ja immer untereinander! Es ist zu viel Unruhe im Land, zu viel Konfrontation und keine stabile Situation. Meine Frau und ich arbeiten hart für unsere existenzielle Zukunft hier in Neuseeland. Andere sollten das auch tun - wir wollen uns hier wohl fühlen!

| start | home |

© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen