Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND Nordinsel 16. März 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal die Länder besucht?

Vater's Seite ist ein Mischung zwischen Deutsch und Englisch. Der deutschte Name wurde im 2. Weltkrieg in eine englische Version abgeändert, es war damals nicht so angenehm Deutscher zu sein! Die englische Seite kam schon 1830 nach Neuseeland und da bin ich die 6.Generation. Eine Tante ist sehr sachkundig in diesen Dingen und wenn ich etwas wissen will, kann ich sie fragen. Wie lange Mutter's Leute aus England hier sind, ist nicht so klar. Die Familie ist riesig! Da bin ich wahrscheinlich die 4.Generation. Bei uns wurde immer mehr über Vater's Familie gesprochen. Deutschland kenne ich nicht; in England war nur mal kurz geschäftlich. Wenn ich überhaupt mal die Plätze der Vorfahren besuche, dann die in Deutschland - das reizt mich mehr! Irgendwie ist es exotischer, deutsche Vorfahren als englische zu haben; die hat ja hier in NZ jeder ... Ich definiere mich aus tiefstem Herzen als Neuseeländer!

2. Wie wichtig sind Dein Wurzeln?

Es ist gut für mich zu wissen, woher ich komme, wer ich bin. In meiner Ursprungsfamilie bin ich das einzige Kind, habe alle Vor- und Nachteile diese Status erlebt; speziell an Regentagen mit niemandem zu Hause spielen zu können ... Ich war auch schüchtern, sobald ich mich unter Menschen außerhalb des Hauses befand. Natürlich auch in der Schule, was ich jedoch gekonnt durch Munterkeit, Gag's und Grimassen überspielt habe. So hat niemand gemerkt, dass ich scheu war. Auckland ist meine Geburtsstadt und hier bin ich auch aufgewachsen. Ich liebe diese Stadt! Meine Eltern waren zu erst normale, christliche Presbyterianer - das bedeutete auch für mich, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen. Es war das übliche Ritual und wir haben es gemacht, weil Alle es gemacht haben! Die Eltern wurden dann praktizierende Christen und dadurch hat sich auch die Atmosphäre zu Hause spürbar zum Guten verändert. In die Schule bin ich gerne gegangen und lernte gut. Dort fing ich mit 10 Jahren an Gitarre zu spielen, hatte einen sehr guten Maori-Lehrer, der mich förderte. So wurde Musik ein zentraler Punkt in meiner Jugend. 2 weitere Lehrerinnen, Leiterinnen der Schulband, waren auch wichtig für mich. Ich habe mitgespielt und auch sie waren meine Förderinnen. Eine prima Zeit für mich! Sport war nicht mein Element, die Mannschaftspiele, wie Rugby oder Cricket, waren mit körperlich zu eng, zu ungewohnt. Erst viel später habe ich ein besseres Körpergefühl entwickelt und Spaß an solchen Spielen bekommen. Ich wollte unbedingt Pilot werden und nahm schon während der Schule Flugstunden. Mein Plan war, zur Armee zu gehen und dort zu fliegen, später dann zur einer Airline. Nach dem ersten Gespräch habe ich mich jedoch umorientiert - ich wollte kein Befehls-empfänger sein! Die private Finanzierung der Flugausbildung war zu teuer und so gab ich diesen Wunsch auf. Auf die Uni wollte ich auch nicht und so bin ich nach der Schule erst mal zu einer Bank und habe da 1 Jahr unter Anderem auch am Schalter gearbeitet. Es tat mir gut, neue Eindrücke zu sammeln. Nach und nach bekam ich Lust auf ein Pädagogik-studium und ging dann hier in Auckland 1 Jahr auf's Lehrer-Kolleg. Ich konnte mir jedoch nicht vorstellen vor einer Schulklasse zu stehen! So wechselte ich nach Christchurch über und habe ich mich auf Sprache und Logopädie spezialisiert, noch 3 Jahre studiert. 2 Jahre arbeitete dann als Sprachtherapeut für das lokale Schulamt, in dessen Auftrag eine Schule betreut und mit sprachbehinderten Kindern gearbeitet. Das hat mir viel Freude gemacht. Trotzdem habe ich nochmals die Richtung gewechselt. Ein christlicher Radio-Sender in Auckland suchte Sprecher und die Leute um mich herum meinten, ich würde da keine Chance haben. Ich bewarb mich trotzdem und habe mit 24 eine Zusage bekommen! Es war nicht leicht, die andere Tätigkeit aufzugeben, der Reiz des Neuen war jedoch größer! Zuerst machte ich eine sehr gute Ausbildung, ging später im "Austausch" nach Australien und England zu Radiosendern, produzierte auch Sendungen und habe auch neue KollegenInnen geschult. Das habe ich insgesamt 5 Jahre gemacht. Beim Sender habe ich meine Frau getroffen. Ein Kollege kam eines Tages herein und sagte: "He, wir bekommen eine Neue aus Tonga, sie ist Rechtsanwältin und Single!" Das ist in NZ so üblich, da werden immer Anspielungen gemacht ... Jedenfalls war Rere als Neue in meinem Training und da habe ich sie besser kennen gelernt. Wir "gingen" 1 Jahr miteinander, trennten uns dann. Nach meinem Australienaufenthalt trafen wir uns wieder und heirateten. Unser Altersunterschied - ich bin ja jünger - ist für uns kein Problem. Auch unsere Familien haben sich weder daran, noch an der anderen Rasse gestört. Das ist schön für uns und nicht immer so selbstverständlich! Ein Onkel von mir hat eine Maori geheiratet, so war ich also auch nicht der Erste ... Nach unserer Heirat sind Rere und ich für 1 Jahr auf das Bibelkolleg nach Wellington. Danach wollten wir für eine Weile nach Tonga und da Radio machen. Nach dem Studienjahr kam jedoch jemand aus meiner Kirche auf mich zu und fragte, ob ich nicht die Jugendarbeit in der Kirche weiter aufbauen wolle. Er wusste, dass ich 10 Jahre Erfahrung in der Jugendarbeit hatte, im Aufbau von Jugendgruppen und sozialen Programmen. Ich fand die Aufgabe reizvoll, sagte zu und bin seit dem Jugendpastor in Auckland, leite auch das Jugendbüro. Eine sehr befriedigende Arbeit, denn auch unser Team hier ist spitze und es macht Spaß, miteinander zu arbeiten.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Mit 11 Jahren hatte ich in einem Jugendcamp ein Schlüsselerlebnis. Einer der Jugendleiter diskutierte mit uns "Christ sein". In diesem Zusammenhang forderte er uns auf, uns über Religion eine eigene Meinung zu bilden und eigene Entscheidungen zu treffen, unabhängig von unserem El- ternhaus. Das hat mich sehr beeindruckt, dass ich meine eigene Entscheidung treffen sollte - ob ich ein aktiver Christ sein will oder nicht! Und es hat mein Leben in eine bestimmte Richtung verändert, die ich heute noch weiter gehe. Weitere wichtige Menschen in meinem Leben - mein Maori-Musiklehrer und die Leiterinnen der Schulband. Rere, meine Frau, eine wichtige Beziehung für mich. Wir sind jetzt 5 Jahre verheiratet und was für eine Entwicklung! Und unser Sohn, seine Entwicklung mit zu erleben ... Auch erinnere ich mich an eine wichtige Begebenheit in Christchurch, während meines Studiums. An-fänglich fühlte ich mich furchtbar allein, hatte Heimweh. Natürlich war ich wieder schüchtern unter vielen, neuen Menschen. Einige fand ich sympathisch und Einen be-sonders angenehm. Ich konnte über meine Unsicherheit nicht sprechen, überspielte mal wieder, spielte den Clown. Dabei fühlte ich mich miserabel! Bei einem Gottesdienst, den ich auf der Gitarre begleitete, forderte uns die Pfarrerin auf, den Menschen unsere Zunei- gung, unsere Liebe mitzuteilen. Ich erinnere mich noch gut, denn sie hatte wirklich eine schreckliche Stimme und trotzdem drang dieser Satz zu mir durch! Ich wusste, nach dem Gottesdienst gehe ich zu dem jungen Mann und sage ihm, dass ich ihn liebe ... Ich fuhr mit dem Motorrad hin, klopfte an die Tür und war sprachlos. Er kam mir entgegen und sagte "Ich liebe Dich!" Phänomenal. Im Griechischen ist das übrigens viel einfacher, da gibt es 5 verschiedene Erklärungen für unser Wort "Liebe": die brüderliche/schwester- liche Liebe, die Liebe der Familie, die freundschaftliche und die erotische Liebe. So gibt es kein Missverständnis - davor hatte ich mich mit meiner brüderlichen Liebe gefürchtet.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Mehr Kinder haben; Rere und ich haben uns entschlossen, noch Kinder zu adoptieren. Dann irgend wann ein Haus bauen ... Beruflich wurde mir signalisiert, in der Kirche Chancen zu haben, in der Hierarchie auf- zusteigen. Daran bin ich im Moment nicht interessiert, denn meine Arbeit gefällt mir sehr gut. Später möchte ich erst mal mit der Familie ins Ausland und dort eine Kirche aufbauen, vielleicht in England, Deutschland oder Indien. Dann den schlechten Ruf meiner "Lieblingsstadt" Auckland als kriminelle, arrogante, heimliche Hauptstadt versuchen zu verbessern. Das ist mir auch ganz wichtig!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Auckland und Umgebung ist der Schmelztiegel NZ's - hier leben 160 verschiedene ethnische Gruppierungen aus aller Welt! Aufgewachsen bin ich in einer "europäischen" Umgebung, hatte jedoch schon früher Maori und Islander als Freunde. Einer meiner Besten ist von den Cook-Islands und ich kenne ihn seit meiner Schulzeit. Ich erinnere mich, dass ihn mal jemand als "Neger" bezeichnet hat! Oh, war ich wütend auf die Person. Meine Freunde waren Menschen, ich habe nie eine unterschiedliche Rasse in ihnen gesehen. Die Gegend meiner Kindheit ist nun noch "weißer" geworden; ich könnte da nicht mehr leben, weil es nicht meiner tatsächlichen Alltagssituation hier entspricht! Durch meine Arbeit habe ich zu allen Kontakt und liebe die Vielfalt. Das ist sehr aufregend und ein großes Abenteuer!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Es fällt mir schwer für Neuseeland zu sprechen, da ich immer stark in Auckland eingebunden war. Die regionale Situation in dieser Beziehung ist sehr unterschiedlich. Hier in A. ist wirklich eine multi- kulturelle Mischung gegeben. Anders ist die Situation für Maori, die hier auf den 2 Hauptinseln Neuseeland's vor allen Anderen da waren. So kann ich verstehen, dass sie sich zum Teil zu den späteren Emigranten abgrenzen. Ich bin der Meinung, dass NZ ein spezieller Platz auf der Welt ist, um eine gemeinsame Zukunft auf zubauen! Hier sind zwar in der Vergangenheit auch Dinge mit den "Eingeborenen" passiert, die kein Ruh- mesblatt für unsere britische Vergangenheit sind. Verglichen mit dem Rest der Welt läuft es jedoch hier nicht schlecht. Ich behaupte, dass die große Mehrheit in NZ zufrieden ist, obwohl es immer etwas zu verbessern gibt ...

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen