Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview KAIKOURA Südinsel 8. Januar 1995

Persönliche Daten:

1 Katze


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal die Länder besucht?

Einer meiner Bruder kümmert sich um unseren Familienstammbaum und ich bin ihm dankbar dafür. Unser Maori-Stammbaum geht bis in das Jahr 980 zurück! So ist nicht mehr nach zu vollziehen, die wievielte Generation ich hier in Neuseeland bin. Aus der Familienge- schichte der Mutterseite ist bekannt, dass es viele Naturheilkundige gab, besonders die Frauen in der Familie. Das Wissen ging bei uns Maori immer von der Ältesten auf die Älteste über. Diese Tradition brach nach der Christianisierung meines Stammes leider ab! Über den Ursprung von uns Maori gibt es verschiedene Versionen. Ich tendiere zur poly- nesischen Version. Leider hab ich dort noch keine der Inseln besucht.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Für mich ist es wichtig zu wissen, woher ich stamme. Mein Stamm ist wichtig für mich, meine Ursprungsfamilie halte ich jedoch für noch wichtiger. Die macht mich entweder stark oder schwach! Ich respektiere meine Vorfahren und deren Geschichte, sie hat mich mit geprägt. Auch Respekt vor der Natur - ich fühle mich als Teil von ihr.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Arbeit als Geschäftsführerin hier in K., in einer Maori-Firma, einem gemeinnützigen Unterneh- men, das vom Stamm hier finanziert und gegründet wurde. Ich war vom Start mit dabei, also seit 4 Jahren und bin für das Büromanagement zuständig. Im Betrieb arbeiten über 30 Leute mit einer Mischung 2/3 Maori und 1/3 Pakeha. Unser Team ist prima und es war ein spannender Aufbau. Beim Start gab es viele negative Stimmen von Pakeha's Seite zu unserer Idee, die jedoch nach und nach verstummt sind! Es war halt ungewöhnlich, dass Maori eine Firma gründeten und sogar Pakeha beschäftigen! Da wir spezielle Ausflüge mit Touristen aus aller Welt unternehmen, ist die Erfahrung auch mit diesen Menschen sehr interessant - der Umgang miteinander, die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Reaktionen ... Dann meine Heirat mit Brian. Ich habe ihn bei meinen Brüdern getroffen, die Arbeitskollegen waren. Wir haben nach 2 Jahren geheiratet, ohne vorher groß über Er- ziehung von Kindern oder verschiedene Wertesysteme von Rassen zu diskutieren. Für Brian war es schwer, sich hier sich zurechtzufinden. Er kam aus einer anderen Stadt, aus einer kleinen Familie und wurde hier in K. mit meiner Großfamilie konfrontiert. Meine Familie steht für mich immer an erster Stelle! Ich habe 9 Geschwister - wir sind 8 Jungens, ich das einziges Mädchen und natürlich zahllose Nichten, Neffen, Tanten, Onkel! Es fiel Brian besonders schwer zu akzeptieren, dass er an zweiter Stelle kommt ... Für mich war die Heirat nicht so eine große Umstel- lung. Mein Stamm lebt ja hier seit Hunderten von Jahren und alles ist mir vertraut! Unsere beiden Familien haben übrigens unsere Heirat akzeptiert und respektiert. Mutter hätte zwar lieber einen Maori-Schwiegersohn gehabt - nun, sie mußte halt umdenken. Unsere Kinder werden in einer katholischen Schule erzogen; wir sind beide auch katholisch und finden diese Erziehung gut. Die Namensgebung für unsere Kinder haben wir uns sorg-fältig überlegt und entschieden, als Erstnamen einen Englischen, als Zweitnamen einen Maori-Namen zu wählen. So haben sie, unserer Meinung nach, bessere Zukunftschancen in Neuseeland! Unsere Kinder haben erst in der Schule bemerkt, dass sie anders als die Anderen waren; die Schule manifestiert Unterschiede. Vorher war ihnen das nicht bewusst! In dieser Situation ist natürlich das Verhalten der Lehrer und Lehrerinnen ausschlaggebend. Hier bei uns in K. handhaben sie diese Situation gut, Brian und ich sind zufrieden! Wir unter- stützen die Kinder, indem wir sie dazu erziehen, stolz zu sein auf ihre 2 verschiedenen Wurzeln, stolz zu sein, mit 2 Kulturen aufzuwachsen! Rückblickend auf meine Entwicklung stelle ich fest, dass ich immer neugierig, wis- sensdurstig und offen war für Neues. Zu studieren hat mich jedoch nie interessiert, das war mir zu viel und zu lange nur Theorie! Ich wollte aus den Alltagserfahrungen lernen, und nicht in eine bestimmte Denkrichtung gezwungen werden, wie das im westlichen, traditionellen Schulsystem oft der Fall ist. So hatte ich als erste Maori hier am Ort, nach der Schule einen Bürojob. Ich habe das 3 Jahre gemacht und alles ging prima; die Atmosphäre war ok und ich habe was gelernt, hatte Spaß daran. Dann kam meine Heirat und die Kinder; ich blieb erst mal 8 Jahre "im Haus". Ich bekam dann wieder Lust mehr raus zugehen. Dann kam das Angebot, die Maori-Firma mit auf zubauen. Nachdem Brian mit der Holzfirma pleite ging, haben wir praktisch die Rollen getauscht und es läuft alles Bestens! Nun habe ich ein interessantes Angebot aus Chistchurch bekommen. Es reizt mich sehr und wir überlegen uns gerade, ob wir den Umzug machen wollen. Vor allem für die Kinder und mich würde das einen großen Wechsel vom Familienhintergrund her bedeuten. So wägen wir reiflich ab...

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Im Moment ist alles offen. Brian und ich haben klare Wertevorstellungen und Ziele in Bezug auf unsere Familie - beruflich ist alles Mögliche drin, auch für Brian, denke ich! Was mich mehr und mehr interessiert ist meine spirituelle Seite; da möchte ich für mich mehr tun, mehr auspro- bieren! Gott sei Dank ist B. auch offen für diese Kräfte und wir können unsere Interessen und Erfahrungen austauschen. Daraus hat sich eine andere und für uns bessere Lebens- qualität entwickelt! Noch mehr Zeit für mich haben - habe schon angefangen zu kürzen. Ich empfinde das Lebensjahrzehnt zwischen 30 und 40 als Zeit der Besinnung und der Überlegung, wie meine/unsere Zukunft privat und beruflich aussehen soll. Ich weiß, dass ich das selbst bestimmen kann!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen? Nun, unser multikultureller Mix in der Ehe und der Familie ist schon sehr spannend, ein großer Lernprozess für alle in Akzeptanz und Toleranz! Dann sind wir Maori hier am Ort eine Minderheit, also viele übergreifende Kontakte und Erfahrungen mit Pakeha's, weniger mit anderen Gruppierungen hier auf der Südinsel. Insgesamt laufen die Kontakte gut.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ`s im Zusammenleben?

Gut! Für mich ist es z. B. nicht so wichtig, ob ich Maori sprechen kann oder nicht. Es gibt außer der Sprache noch viele andere kulturelle Verknüpfungspunkte, auch in der menschlichen Kommunikation. Ich finde es außerordentlich wichtig, Kinder zu erziehen, die über ihre Herkunft Bescheid wissen, diese akzeptieren und stolz darauf sind. Das gibt meiner Ansicht nach stabile Menschen, die in der Lage sind, ihr Leben zu meistern und andere Menschen, andere Wertesysteme respektieren, weil sie sich selbst respektieren! Das ist ein guter Lern- prozess, an dem alle Menschen teilnehmen können, wenn sie wollen. Auch finde ich es für Maori und Pakeha wichtig, mit der Vergangenheit abzuschließen und jetzt und in Zukunft zusammen zu leben. Für uns Maori ist Geld zwar wichtig, um existieren zu kön-nen, wir leben ja jetzt in einer Geldwertgesellschaft! Geld vergeht jedoch, kann falsch investiert werden, Land bleibt, sollte in den Händen der Einwohner Neuseeland's bleiben.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen