Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview DUNEDIN Südinsel 27.Dezember 1994

 

Sorry, dass kein Photo von Marie dabei ist.

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Das war einer der 2 Filme, den die Kamera nicht transportiert hat!

Persönliche Daten:
  • MARIE, Neuseeländerin
  • 63 Jahre
  • seit 37 Jahren verheiratet mit Clark/Maori
  • 3 Töchter von 32 - 35 Jahren, 1 Enkeltochter

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1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Meine Vorfahren von Mutter's Seite kommen aus England und ich bin hier die 4.Generation in NZ. Vater's Leute kommen aus Schottland und Irland; da bin ich ebenfalls die 4.Ge- neration im Land. Über die irische Seite wissen wir am Meisten. Leider kam ich bis jetzt nie dazu, diese Länder in Europa zu besuchen!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Ich habe einen sehr engen Kontakt zu meiner Familie, sie ist wichtig für mich. Ich war das 2.Kind von 5, habe 2 Schwestern und 2 Brüder und bin hier auf der Südinsel geboren und aufgewachsen. Mein Vater starb an einer Kriegsverletzung, wir ich 12 war. Mutter war mit 38 Witwe mit 5 Kindern und hat nie wieder geheiratet. Sie musste schwer arbeiten, um uns Kinder durchzubringen. Unsere Verwandten lebten zu weit weg, um praktisch helfen zu können. Das jüngste Kind nahm sie immer mit zur Arbeit in ein Hotel, wo sie die Wäsche wusch. Den Rest holte sie dann vom Schulbus ab. Wir Kinder haben Vater schmerzlich vermisst. Nach seinem Tod waren wir nach traditionellem Denken keine Familie mehr! Ich ging in die Konventschule, wurde von Nonnen erzogen. Was immer sie damals gesagt oder getan haben, es war richtig - ich habe nie ihre Autorität in Frage gestellt! Während der Schulzeit habe ich schon mit 12 Jahren in einem Hospital gearbeitet, das Essen mit zubereitet und den Kranken gebracht. Nach der Schule arbeitete ich eine Weile in einer Fabrik, in der Speiseeis hergestellt wurde und in unsere Nähe war. Mit 16 zog ich mit meiner älteren Schwester nach Dunedin, um dort eine Stelle zu finden. Wir hatten 1 Zimmer, mit einem gemeinsamen Bett und haben dann im Krankenhaus einen Putzjob bekommen. Nachdem meine Schwester geheiratet hatte, ging ich nach Nelson und habe dort in einer Klinik als Pflegerin gearbeitet. Auf diese Weise kam ich auch nach Christchurch und später auf die Nordinsel, nach Auckland und Rotorua, habe überall als Pflegerin gearbeitet. In R. konnte ich dann endlich die Ausbildung zur Krankenschwester machen. Mit 21 lernte ich dort auch meinen späteren Mann bei einem Tanz kennen. Einige Kolleginnen waren Maori und stellten mir Clark vor, auch Maori. Ich fühlte mich immer sehr wohl mit ihnen, hatte gute Freundinnen. Mit 24 habe ich mich verlobt. Clark, der ursprünglich von der Nordinsel stammte, ging dann für 1 Jahr zu seinen Leuten zurück; wir sahen das als Bedenkzeit für unsere Beziehung. Danach waren wir beide sicher, dass wir heiraten und eine Familie gründen wollten. So war die Hochzeit und wir zogen nach Dunedin. C. hatte dort an der Uni einen Job als Schreiner und gab auch Maori-Sprachunterricht. 1 Jahr später war unsere erste Tochter da und ich habe aufgehört im Hospital zu arbeiten. Schon vor der Ehe hatten C. und ich uns über eine mögliche Kindererziehung unterhalten, z. B. über die Religion, denn C. war in der Maori-Rata- nakirche und ich war katholisch. Wir beschlossen katholisch zu heiraten und die Kinder so zu erziehen, ihnen Maori-Namen zu geben. Alles lief gut zwischen uns - wir haben immer über alles gesprochen, uns respektiert und toleriert. Ich bin mit den Kindern in den Maori-Klub; wir sind alle Mitglieder. Ich bin sogar eine der Sprecherinnen dort und die Arbeit hat mir immer Freude gemacht! Da mein Mann und ich unsere "gemischte" Heirat sehr selbstverständlich lebten, hatten unsere Töchter auch keine Schwierigkeiten mit ihren 2 verschiedenen Wurzeln. Für sie war klar, das ist Mutter's Anteil und das Vater's ...

Sie haben sich von beiden Seiten das Beste geholt! Übrigens gab es mit unseren Familien wegen unserer Heirat nie Probleme, wir kamen immer gut zusammen klar. Unsere Mäd- chen waren in der Schule eine Minderheit. Die Nonnen hatten jedoch unser Vertrauen und sie haben ihre Sache gut gemacht, die Kinder integriert und gefördert.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Der Tod des Vaters und die "halbe" Familie ... Dann Clark zu treffen, mit ihm eine Familie zu gründen! Die weltoffene und tolerante Erziehung meiner Mutter hat es leicht gemacht, mich auf diese Heirat und Ehe einzulassen, ohne Ängste, mit viel Vertrauen in uns zwei. Deswegen hat es mich besonders traurig gemacht, dass eine Tochter von uns, die einen Maori geheiratet hat, sich nach 2 Jahren hat scheiden lassen. Für C. und mich bedeutet die Ehe, bis zum Tod zusammen zu bleiben. Dann hat eine Arbeitskollegin und beste Freundin von mir meinen Bruder geheiratet. Sie und ich, wir hatten eine besondere Beziehung zu- einander. So wussten wir, ohne uns zu schreiben oder zu telefonieren, wenn es uns nicht gut ging! Sie ist vor einiger Zeit sehr schnell an Krebs gestorben und ich merkte, das etwas nicht stimmte. Es war ein schlimmer Verlust für mich, sie zu verlieren. Beruflich bin ich nach 12 Jahren wieder eingestiegen, habe überwiegend Nacht- dienst gemacht. Das hat sich gut mit der Arbeit von C. und mit den Kindern vereinbaren lassen. Zum Einen hat es mir Freude gemacht, wieder in meinem Beruf zu sein, zum Anderen brauchten wir auch das Geld für die Ausbildung der Mädchen. Ich bin sicher, dass ich nach meiner Eheerfahrung und der als Mutter eine bessere Krankenschwester war! Mit 60 bin ich pensioniert worden.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte meine ehrenamtliche Arbeit als Sprecherin und Generalsekretärin des Maori-Klubs weiterführen. Sie macht mir Freude; ich komme viel herum, treffe interessante Leute, muss manchmal Reden halten - also eine ganz andere Arbeit als mein Beruf. Dann helfe ich ab und zu in der Nachbarschaft, betreue z. B. einen allein stehenden, alten Mann. Ja, und da ist meine Enkeltochter, die viel Zeit bei uns verbringt und mit der ich einiges zusammen unter- nehme. Das alles ist eine gute Mischung und ich bin sehr zufrieden damit. Wegziehen will ich hier nicht, außer Clark zieht es wieder in den Norden ...

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Vielfältige, wie die aus dem Privatleben, die aus der Nachbarschaft mit Islandern und Maori, die aus meinem Beruf und aus der ehrenamtlichen Arbeit. Sehr gute Erfahrungen, da ich offen und ehrlich zu den Menschen bin, alle respektiere.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

In unserer Familie kommen zwei Kulturen erfolgreich zusammen; es geht gut, wenn alle Beteiligten wollen! Respekt, Toleranz und Goodwill sind die Eigenschaften, die dazu erforderlich sind. So liegt es an den Menschen, wie die Zukunft in Neuseeland aussehen wird. Das ist im Übrigen jetzt natürlich auch Sache der Jugend, den Wechsel zu vollziehen, Veränderungen, die im Gange sind, z. B. zwischen Maori und Pakeha, zum Guten zu wenden.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen