Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND-HUIA Nordinsel 28. März 1995

Persönliche Daten:


1. Seit wann lebst Du in NZ, wo kamen Deine Vorfahren her und hast Du das Land mal wieder besucht?

Ich bin Deutsche aus Oberschlesien, dem heutigen Polen, und in der Nähe von Krakau geboren und aufgewachsen. Im 2.Weltkrieg mußte meine Familie und ich nach Westdeutschland fliehen. Über England kam ich mit 28 Jahren nach Neu- seeland. Dort habe ich John, einen Schotten geheiratet. Wir haben 3 Kinder, die hier ge- boren sind und damit automatisch die neuseeländische Staatsangehörigkeit haben. John hatte nie die Tendenz, die Staatsbürgerschaft für sich zu beantragen, er war mit Leib und Seele Schotte! Ich möchte jetzt die Staatsbürgerschaft haben, also offiziell Neuseeländerin werden. Meine neuen Wurzeln haben hier in diesem Land Fuß gefasst und ich möchte in keinem Fall auf Dauer wieder nach Deutschland zurück. Vor 15 Jahren besuchte ich mit den Kindern, auf ihren Wunsch, Schottland und Deutschland; sie wollten etwas über ihre Wurzeln erfahren. Alle 3 waren übrigens seit dem öfter in Europa.... John hatte nie Lust nach Schottland zurück zu gehen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Auch meine Eltern stammen aus Oberschlesien und aus großen Familien. Die Großeltern mütterlicher Seit's betrieben einen Laden mit Kleidern, Stoffen und Kurzwaren. Das fand ich als Kind spannend. Wir waren 5 Kinder in meiner Ursprungsfamilie, 4 Mädchen und 1 Junge; ich bin die Zweite. Das kam mir sehr gelegen, denn ich wollte nie die Erste sein, wollte nie auffallen! Wir lebten in einem kleinen Ort, im eigenen Haus am Flüsschen "Hotzenplotz". Für uns Kinder war es herrlich da zu spielen. Gegenüber hatten Verwandte eine Mühle und da waren wir natürlich auch! Als kleines Kind wäre ich 3 mal fast ertrunken, das Wasser hatte eine große Anziehungskraft für mich, zum Schrecken meiner Leute! Überhaupt war ich wie ein Junge, streunte meist außen herum, genoss die Freiheit! Ich erinnere mich auch an die Beerdigung 2er Onkel, die kurz hintereinander starben und mich als kleines Kind sehr beeindruckt hat. Der ganze Ort war zur Beerdigung unterwegs und ein großer Leichenschmaus wurde abgehalten ...Vater war Schlosser und arbeitete in einer Papierfabrik. Er fuhr mit dem Rad, damals ein Luxus in unserem Ort. Es gab Fuhrwerke, aber noch keine Auto's! Er bekam Schwierigkeiten, weil er nicht in die nationalsozialistische Partei eintreten wollte. Dann bekamen Hitler's Leute heraus, dass auch Juden in unserer Familie waren und sie ließen ihn in Ruhe. Da er in der Fabrik gebraucht wurde, mußte er im 2.Weltkrieg erst später an die Front. Wir hatten eine gute Kindheit, die Eltern waren nicht streng, ließen uns Freiheiten. Jeder von uns hatte bestimmte Aufgaben zu erledigen, ohne geschlechtsspezifische Rollenzuteilung. In die Schule bin ich nur 2 Jahre gegangen, dann wurden wir ausgebombt, lebten 2 Monate dort im Lager. Vater war Soldat, als unser Ort von der deutschen Armee geräumt wurde und der Rest der Familie "Hals über Kopf" und mitten in der Nacht Richtung Westen fliehen mußte. Unsere Gruppe bestand aus meiner Mutter, meiner 75-jährigen Großmutter, uns 5 Kindern - mein Bruder war 6 Monate alt - und einer Tante. Damit begannen unsere schlimmen 4 Jahre, in denen wir schon in der ersten Nacht getrennt wurden und uns dann durch Zufall in Leipzig in einem Lager wieder fanden! Trotz allem Elend, was wir erlebt haben, hatten wir Glück, denn niemand aus der Familie ging verloren, niemand starb, wie es sonst auf der Flucht damals oft passiert ist. Sogar Vater überlebte und fand uns nach dem Krieg über das Rote Kreuz wieder!

Unsere Familiengruppe landete in der Nähe von Göttingen, in Westdeutschland auf einem Bauernhof, wo uns 2 Zimmer zur Verfügung gestellt wurden. Dort lebten wir dann 2 Jahre so etwas wie Alltagsleben und ich ging mit 12, nach 4 Jahren "Pause", wieder zur Schule. Vater kam dann, wie viele Soldaten, krank aus dem Krieg, mußte erst mal für längere Zeit ins Krankenhaus. Danach bekam er bei dem Zweigwerk seiner "alten" Papierfabrik in Mannheim wieder eine Stelle als Schlosser. Wir zogen um und von da an führten wir wieder ein normales Familienleben, ging es aufwärts! Mit 14 fing ich eine Bürolehre in Vater's Betrieb an, arbeitet eine Weile da. Dann wurde es für mich immer wichtiger, "nach Hause" zu fahren, mir die alte Heimat noch einmal anzuschauen. Nach 10 Jahren gelang es mir, nach dem 2.Anlauf, endlich ein Visum für Polen zu bekommen. Mit einer Gruppe, die von der Polnischen Botschaft zusammen gestellt wurde, fuhr ich 3 Tage mit dem Zug, bis ich endlich wieder da war! Vieles war mir vertraut und doch war alles ganz anders! Die Atmosphäre war total verändert und sehr ärmlich, im Gegensatz zum zunehmenden Wohlstand in Westdeutschland. Nach meiner Rückkehr war ich fertig, habe im Schlaf die ganze Nacht geweint ... Das war nicht mehr meine Heimat! Ich beschloss Nonne zu werden, trat in einen Orden ein und machte dort eine Pflegeausbildung, um dann in einer Missionsstation in Afrika zu arbeiten. Die politische Situation änderte sich dann und ich mußte diesen Plan aufgeben. Da ich auch englisch gelernt hatte, beschloss ich mein 3. Ausbildungsjahr in England zu machen und verließ den Orden ohne Bedauern. In England schaffte ich, trotz der Sprachbarrieren, das Examen und machte noch eine zusätzliche Hebammenausbildung in Edinburgh/Schottland. In dieser Zeit hingen dort überall Plakate herum, die Krankenschwestern aufforderten nach Neuseeland zu kommen. Die Überfahrt wurde bezahlt, bei freier Unterkunft und Gehalt und man mußte sich für 2 Jahre verpflichten. Das hat mich gereizt und ich bewarb mich mit Erfolg. Vor meiner Abfahrt besuchte ich nochmal meine Familie in Deutschland. Die Eltern waren nicht sehr erfreut über meinen Entschluss ...

Mit 28 Jahren kam ich in Wellington an und wurde gleich weiter auf die Südinsel geschickt, da dort mehr Bedarf für eine Krankenschwester mit Hebammenausbildung war. So landetete ich dann für kurze Zeit in Dunedin, um weiter für 1 Jahr nach Roxbourgh zu gehen. Dort habe ich mich wohl gefühlt, machte mit meinem blauen VW-Käfer, auf den ich riesig stolz war, Erkundungsfahrten durch den Otago-Distrikt. Weiter ging es dann nach Auckland, wo ich eine Weile im größten Krankenhaus arbeitete. Einige neuseeländische Kolleginnen hatten die Idee nach Australien zu gehen, um dort zu arbeiten und sie fragten mich, ob ich nicht mitkommen wolle. In der Zwischenzeit bekam ich jedoch ein Angebot vom Krankenhaus in Opotiki, an die Bay of Plenty. Da ich unbedingt aus der Stadt raus auf's Land wollte, nahm ich das Angebot an. Dort habe ich meinen Mann kennen gelernt, der in einer Zwergschule als einziger Lehrer Maori-Kinder unterrichtete. John stammt aus Schottland, war damals 7 Jahre in NZ. Nach 8 Monaten haben wir geheiratet. Von da ab zogen wir umher, da er öfters von einer Schule zur anderen versetzt wurde und ich gab meinen Beruf vorerst auf. Zuerst gingen wir hoch in Norden nach Kaitaia, ans "Ende der Welt", als einzige Pakeha unter Maori und blieben fast 4 Jahre. In dieser Zeit bekam ich 2 Kinder, die nach ihrer Geburt keinen Arzt mehr sahen, nicht geimpft wurden und denen es blendend ging! Wir verbrachten die meiste Zeit im Freien am Strand und fischten uns unsere Mahlzeiten. Wir hatten kein Wasser und keine Elektrizität im Haus und trotzdem haben wir uns wohl gefühlt und nie gelangweilt ... Dann wurde diese Schule geschlossen und wir zogen weiter nach Pataua, in der Nähe von Whangarei, wo John ausschließlich weiße Farmkinder in der Schule hatte. Auch das war gut, hat ihm gefallen. Jedoch auch diese Schule wurde nach eine Weile mangels Kindern geschlossen und wir kehrten zurück ans East Cape, nach Torere, in der Nähe von Opotiki. Dort nahm ich dann meinen Job im Krankenhaus wieder auf, da es mir da gefallen hatte. John war auf Dauer nicht so zufrieden mit seinen Arbeitsbedingungen, wollte eine neue Herausforderung und die Kinder - inzwischen 3 - sollten auf weiterführende Schulen. So entschlossen wir uns nach Auckland zu gehen, uns dort ein Haus zu kaufen und endlich sesshaft zu werden! 18 Jahre sind wir geblieben ... John arbeitete als Lehrer in einer Grundschule, ich als Schwester und Hebamme wieder im Hospital, leitet eine große Abteilung. Am Ende meines Arbeitslebens war ich auch 4 Jahre in einem Altenheim als Pflegerin. John war nun schon Rentner und wir wollten die Stadt verlassen, wieder in's Grüne zu ziehen, haben dieses Haus gekauft, in das wir gerade einziehen! Ich kündigte, machte 1 Jahr Arbeitspause. bzw. übernahm eine Privatpflege für 3 Monate auf Hawai. Kurz bevor ich zurück kam, starb John ganz unerwartet an einem Herzanfall!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Die Kriegsjahre in Deutschland und das Zusammenfinden unserer Familie. Die Rückkehr meines Vaters, den wir Kinder nicht erkannten. Seine Enttäuschung, als wir vor ihm davonrannten, weil er uns Angst machte, so wir er aussah - abgerissen, von einem Herzleiden aufgeschwemmt. Die für mich positiven Frauenvorbilder, die ich in meiner tapferen Mutter, Großmutter und in meiner Tante hatte. Der Entschluss, mir noch einmal meine alte Heimat anzuschauen und damit "abzuschlies- sen". Der Entschluss nach England und Neuseeland zu gehen, der mein Leben nachhaltig zum Guten verändert hat. John kennen und lieben zu lernen, ihn als Freund und Ver- trauten zu gewinnen. Unser gemeinsames Leben und die Kinder ... Meinen Beruf - meine Berufung! Ich bin ein spiritueller Mensch, aber nicht religiös. Eine bestimmte Religion oder ein bestimmtes Ritual in der Kirche ist für mich nicht so wichtig.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Durch den plötzlichen Tod meines Mannes muss ich mich nun umstellen. Wir hatten so viele, gemeinsame Pläne ... In jedem Fall in das neue Haus ziehen, eine Tochter hilft mir gerade beim Umzug. Dann werde ich wahrscheinlich wieder arbeiten, vielleicht in Teilzeit. Alles Andere wird sich finden ...

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Sehr viele Erfahrungen mit Maori auf dem Land. Sie sind Gruppenmenschen, teilen alles mit- einander, helfen sich gegenseitig. Gutwillige Menschen, die das Leben unproblematisch- er angehen als wir "Weißen". Nachteile: z. B. wenn jemand einen Traktor hat, wird er von allen benutzt, aber niemand fühlt sich zuständig für Reparaturen etc. Entscheidungen dauern natürlich auch länger als bei uns, da alles gemeinsam beredet wird und das kostet Zeit. Hat jemand ein Auto, und die Anderen nicht, werden die mit dem Auto rumgefahren ... So ist es zumindest noch in ländlichen Gebieten! Leider sterben die alten, starken Maori-Persönlichkeiten aus. Die Jungen, die nach kommen, sind oft nicht mehr in der Lage, klare Richtungen vorzugeben, anzuleiten. Aus meiner Berufstätigkeit habe ich auch viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Islandern, auch als Vorgesetzte. Da habe ich viel aus meinen Fehlern gelernt und die macht man unweigerlich, wenn einem deren Kultur, deren Spielregeln nicht vertraut sind! Z. B. haben sie alle traditionsgemäß großen Respekt vor älteren Menschen und Vorgesetzten. Deren Sache ist es dann, die Jüngeren anzusprechen, Fragen zu stellen ... So kann das in einem gemeinsamen Alltag zu Missverständnissen und Konflikten führen. Unser Island-Informationszentrum hat darüber eine Broschüre herausgegeben, um einen konfliktfreieren Umgang miteinander zu erleichtern. Im Privatleben habe ich eine japanische Schwägerin, mein Bruder lebt mit ihr in Kobe/Japan. Mich selbst nicht zu vergessen, die lange mit einem Schotten verheiratet war!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Die Zukunft in NZ wird nicht so einfach, glaube ich! Extremistische Bewegungen werden meiner Ansicht nach noch zunehmen, bis tatsächlich eine Wende kommt. Die kann ich jedoch noch nicht sehen, speziell im Konflikt zwischen Maori und Pakeha. Zu oft werden Schuldzuweisungen von den Maori auf die "Weißen" abgewälzt. Ich finde es auch eine Schuld, nicht zu reagieren, nicht zu handeln! Und das haben Maori lange Zeit nicht getan ... Dann kommen auch viele Asiaten nach NZ, die Geld mitbringen und Land aufkaufen, mit dem Land spekulieren, die Grundstückspreise hochtreiben; im Moment speziell die Japaner. Das finde ich nicht gut.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen