Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview KAIKOURA Südinsel 8.Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Meine Zwillingsschwester Lesley und ich sind adoptiert, haben das mit 7 von unseren Adoptiveltern erfahren. Sie waren und sind liebevolle Eltern, auch deren große Verwandtschaft hat uns verwöhnt und liebevoll umsorgt. Die Adoptivmutter ist die 3. Generation von EinwandernInnen aus England. Über unsere leibliche Mutter haben wir erst viel spä-ter erfahren; genauer gesagt haben wir sie an dem Tag gefunden, als sie starb! Das war traurig, aber immerhin haben wir sie und unsere Geschwister ausfindig gemacht. Ja, wie haben noch 3 Schwestern, darunter ein weiteres Zwillingspaar! Zuerst waren unsere Ur-sprungseltern für uns nicht wichtig; wir waren ja beide mit unserem Leben sehr zufrieden. Als Lesley jedoch heiratete und Kinder haben wollte, fing unsere Herkunft sie an zu interessieren. Sie hat Nachforschungen angestellt und alles herausgefunden! Wir waren 32, als alles klar war. Unser Vater war zu diesem Zeitpunkt schon tot. L. fand immerhin heraus, dass wir eine finnische, französische, kanadische, "Mischung" sind. In der wie-vierten Generation in NZ wissen wir nicht. Wir sind beide davon überzeugt, dass unsere Mutter das Richtige tat, uns zur Adoption zu geben. Sie selbst war nicht in der Lage Kinder zu erziehen. Ihr Leben und ihre Männerfreundschaften waren zu unruhig und zu unbeständig. Übrigens haben wir Kinder alle verschiedene Väter ... Leider war ich bis jetzt noch nicht in Europa, um mir meine "Wurzelländer" an zuschauen!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig, z. B. warum ich so bin, wie ich bin ... Deswegen fand ich später aufregend, mehr über meine Mutter und meine Schwestern zu erfahren. Von Vater wissen wir leider nichts, außer das er nicht mehr lebt! Meine Adop-tiveltern haben mich und mein Wertesystem stark und positiv geprägt. Sie waren sehr gläubig und haben immer einer höheren Macht vertraut. Das begleitet mich bis heute - positiv dem Leben gegenüber zu stehen. Auch die Familie meines Mannes und mein Mann sind Wurzeln für mich. Sie kommen aus Holland und leben in der 2.Generation in NZ. Wir verstehen uns alle gut. Ich habe auch eine deutsche Schwägerin, also eine mul-tikulturelle Familie!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Erst mal meine Familiengeschichte und wie wichtig und schön es für mich und meine Zwillingsschwester war, gemeinsam aufzuwachsen! Dann unsere Adoptiveltern - ihre liebevolle, menschliche Art und Weise uns zu erziehen. Das hat uns viel Lebenssicherheit/Stabilität gegeben, hat uns stark gemacht. Was auch wichtig für mich und meinen Mann war herauszufinden, dass wir keine Kinder haben können. Das war zuerst sehr schmerzlich - wir hatten uns eine große Familie gewünscht! Nun haben wir uns damit abgefunden, nachdem wir zuerst eine Adoption in Erwägung zogen und uns dagegen entschieden, die Situation so akzeptiert, wie sie ist. Das war ein jahrelanger Prozess, bis wir zu dieser Entscheidung kamen. Jetzt haben wir unser Leben ohne Kinder eingerichtet und sind zufrieden. Rückblickend auf meine schulische Erziehung muss ich sagen, dass mir erst mal alles offenstand. Ich war gut in der Schule, hatte Spaß am Lernen. Was ich beruflich machen wollte war jedoch nicht klar. Unter keinen Umständen wollte ich eine lange Ausbildung machen, studieren ... Ich fühlte mich zu jung für langfristige, berufliche Entscheidungen. Mit 18 habe ich schon geheiratet und genoss erst mal ein Heim aufzubauen, einen Garten anzulegen und Zeit für uns zu haben, uns besser kennen zu lernen.

Nach einer Weile war es doch zu einsam und eintönig auf dem Land und wir zogen hier her, machten einen Schnellimbiss auf. Es hat Spaß gemacht, alles mit aufzubauen und mitzuarbeiten. Nach 4 Jahren haben wir erfolgreich verkauft; der Imbiss existiert heute noch! Dann habe ich 5 Jahre als Verkaufsleiterin in einer Firma gearbeitet. Unser Schwa-ger fragte uns dann, ob wir nicht in seiner Firma einsteigen wollen. Es ist ein Touristik-unternehmen, betreut Touristen auf Ausflügen. Wir haben ja gesagt, sind nun an der Firma beteiligt und arbeiten beide mit. Nebenbei mache ich 1-2 mal in der Woche für meine "alte" Firma Verwaltungsarbeiten. So habe ich nie eine Ausbildung vermisst. Ich habe bei jedem Job viel gelernt, bin offen für Neues. Nebenbei habe ich einige Kurse über Buchhaltung, Organisation und Management belegt. Das fand ich hilfreich und hat Spaß gemacht. Ich fühle mich mit meinem Alter und meiner Lebenserfahrung sehr wohl.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Vielleicht später mal hier am Ort ein Reisebüro aufmachen! Ich lasse mir Zeit für solche Entscheidungen - das ist wichtig. Dann mehr Zeit für meinen Mann und mich zu haben, auch um Freundschaften zu pflegen. Arbeiten macht Freude, Erfolg zu haben ist gut, jedoch nicht alles im Leben ...

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Hier am Ort mit Maori einen guten Kontakt als Geschäftsleute und Nachbarn. Privat in der Familie und am Arbeitsplatz überwiegend mit Menschen aus Europa. Ich finde es interessant und spannend, vor allem unterschiedliche Wertesysteme! Da kann ich Toleranz üben ...

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ´s im Zusammenleben?

Ich habe wirklich eine Faszination für andere Kulturen, andere Menschen. Offen sein für den Austausch, dazu lernen, sich inspirieren lassen ... Wenn Andere das auch wollen und mitmachen, kann das prima sein! Hautfarben und Rassen spielen für mich keine Rolle. Um auf Maori und Pakeha zu kommen - hier finde ich wichtig, nicht immer nur über die Vergangenheit zu sprechen, sondern auch über das Jetzt und die Zukunft. Ich meine, es ist auch wichtig Unterschiede zu akzeptieren und zu schauen, was zusammen lebbar ist. In jedem Fall ödet es mich an, wenn Leute destruktiv und nicht bereit sind, ihren Teil dazu beizutragen. Ich finde Neuseeland toll - wir haben viel Gutes hier. Ich liebe "mein" Land!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen