Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview TAMARO BAY Nordinsel 24. Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Die Leute von Mutter's Seite kamen aus England mit einem "Merino-Schiff" - sie brachten ihre Schafe zum züchten mit und siedelten auf der Südinsel, bauten eine Farm auf. Hier bin ich die 4. Generation. Von Vaters' Seite ist der Ursprung schottisch und da bin ich schon die 5. Generation in NZ. Ich bin mit Leib und Seele Neuseeländerin! Bis jetzt war ich noch nicht in England und Schottland, möchte jedoch gerne bald einen Besuch mach- en. Eine Tochter von mir lebt in England.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Nun, die "alte Welt" ist nicht so wichtig für mich. Hier, Neuseeland, das ist wichtig für mein Leben. Ich habe eine große Verwandtschaft; alle sind jedoch über die 2 Inseln verstreut und wir sehen uns leider viel zu wenig. Ich bin in Gisborne an der Ostküste der Nordinsel geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist Katholik, meine Mutter Protestantin, also eine überkonfessionelle Heirat. Das gab ja früher in manchen Familien Ärger, so eine Heirat! Nicht bei meinen Eltern, für die Reli-gion keine so zentrale Rolle in ihrem Leben spielte. Aufgewachsen sind wir Kinder katholisch; für Mutter war das kein Problem. Ich habe 2 jüngere Brüder. Der Jüngste ist 14 Jahre jünger als ich - den habe ich oft betreut, war seine 2. Mutter. Sonst gibt's über meine Familie nichts besonderes zu berichten - wir waren wie die Anderen, ganz normal! Nun sind meine Eltern seit 10 Jahren geschieden, was mich traurig macht. Ich ging auf eine katholische Schule und war eher mittelmäßig, hatte keine großen Ambi-tionen. Sport habe ich gerne gemacht, wie Squash und Basketball und da spielte ich auch im Schulteam. Als Teenager wollte ich Friseurin werden und habe mich zum Schulende auch auf eine Stelle beworben, die aber nicht bekommen und ich habe aufgegeben. Dann hatte ich verschiedene Stellen als Verkäuferin und mit 20 habe ich geheiratet. Nach und nach kamen die Kinder und auch dann habe ich in Teilzeit gejobbt. Mein Mann war Drucker und wir brauchten mein Geld für den Alltag, weil er nicht genügend ver- diente. Da gab es viel zu organisieren - die Kinder, den Haushalt, den Mann! Eigenes Geld war mir jedoch wichtig und auch die Kontakte zur "Außenwelt". Nach meiner Scheidung, über die ich nicht sprechen will, habe ich fast rund um die Uhr gearbeitet, mit Babysittern, um die Hälfte des Hauses meinem ehemaligen Mann abzukaufen. Das war ja unser zu Hause! Es war hart, aber ich habe es geschafft. Dann übernahm ich einen kleinen Lebens- mittelladen und war zum ersten Mal beruflich selbständig. Ich hatte einige Verkaufser- fahrung, die Lebenserfahrung nicht zu vergessen! Jedenfalls habe ich auch da viel gelernt und für den Anfang war es gut, dass es ein kleiner Laden war. Nach und nach lief er und ich konnte den Kindern endlich Sachen wie Fahrräder kaufen, was vorher nicht möglich war - ein guter Moment. Ich verkaufte dann das Geschäft an 2 junge Frauen - es war mir langweilig geworden - und arbeitete dann für eine Weile in einer Bank. Dort kam ich mehr mit Immobilien in Kontakt und hörte von dem Objekt hier, der Tankstelle mit Camping- platz. Die Kinder und ich fuhren hin, schauten uns alles an. Der Platz und der Ort gefielen uns; so habe ich unser Haus in Gisborne verkauft und wir zogen um. Seit 6 Jahren leben wir nun hier - ja, das gehört alles uns! Die Leute im Ort, überwiegend Maori, haben uns freundlich aufgenommen - es ist ein sehr friedlicher Platz. Allerdings bin ich hier als Pakeha und allein erziehende Mutter eine Ausnahme, vor allem als Single manchen Frauen im Ort ein Dorn im Auge, weil sie Angst um ihre Männer haben! Ich kümmere mich nicht darum, bin zu allen freundlich. Zurückschauend bin ich sehr stolz darauf, wie und was ich alles geschafft habe. Es ist allerdings sehr viel Arbeit, da ich auch noch die Buchhaltung selbst mache. So habe ich in Teilzeit 3 Maori angestellt und trotzdem habe ich zu wenig Zeit für mich, und zu wenig um Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Ich wollte es jedoch allein schaffen, nicht von Anderen oder vom Staat abhängig sein. So hat alles im Leben hat seinen Preis!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Nun, manches war hart, z. B. die Scheidung, aber das geht ja nicht nur mir so! Rückblickend war nichts so schlimm, dass ich nicht wieder aus "dem Loch" herausgekommen bin. Ich bin eine Person, die eher nach vorne schaut. Insgesamt bin ich gelassener geworden, plane nicht mehr soweit im voraus. Wichtig finde ich allerdings klare Ziele zu haben, das reicht meiner Ansicht nach aus, einen vorwärts zu bringen; ich jedenfalls habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Eine Frauenrechtlerin bin ich nicht - ich bin eher eine Lesley-Rechtlerin! Mit meiner Philosophie Menschen zu trauen, bin ich bis jetzt nicht schlecht gefahren. Hier steht alles offen und noch nie was gestohlen worden! Ansonsten verlasse ich mich auf meinen Über- lebensinstinkt, der gut ausgebildet ist, mich rechtzeitig warnt.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Ich werde bald Großmutter und das wird mein Leben verändern. Diese Tochter lebt in der Nähe und ich werde mich mit um das Kleine kümmern. Dann möchte ich endlich auch mehr Zeit für mich haben. Das bedeutet, den Laden hier zu verkaufen - ich warte gerade auf ein günstiges Angebot. Dann reisen - das wollte ich schon immer! Vielleicht wie Du, ein ganzes Jahr unterwegs sein! Nächsten Monat fliege ich für 3 Wochen nach Südafrika, treffe dort meine Tochter aus England. Was weiter wird, weiß ich noch nicht, das wird sich geben. Ich bin eine aktive Person, die gerade aus ist; mir wird nie langweilig. Vielleicht gehe ich dann auf die Südinsel - zum Fischen an die Westküste ...

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

In Gisborne, in der Schule und in der Nachbarschaft mit Maori. Gisborne ist übrigens die einzige Stadt in NZ mit einer 50% Maori- und 50% Pakeha-Mischung, ein gutes Gleichgewicht, meiner Ansicht nach! An meine Kindheit und Jugend, im Zusammenhang mit Deiner Frage, habe ich gute Erinnerungen, keine Probleme. Hier bin ich als Pakeha eine Minorität und eine Fremde von außerhalb. Trotzdem sind die Maori sehr freundlich und herz- lich, liebevolle Familienmenschen. Alles geht hier ohne Stress, alle nehmen sich Zeit für einander. Äußerlichkeiten sind für Maori nicht so wichtig, wie für uns. Ob die Häuser frisch gestrichen sind oder nicht, oder die Gärten perfekt - Zeit für Menschen ist ihnen wichtiger! Am Anfang habe ich mich daran gestört; das ging jedoch schnell vorbei, weil die Gemeinschaft so gut ist. Es sind andere Wertesysteme als bei uns Pakeha und ich lebe damit gut! Zu anderen Gruppen, wie Islander oder Asiaten habe ich keine näheren Kontakte, die sind hier allenfalls auf der Durchreise.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Die Zeiten haben sich gerän- dert. Dieser Landstreit zwischen den Gruppen war noch nie so akut wie heute. Ich verstehe das nicht so recht, immerhin ist der Vertrag zwischen den "Weißen" und den Maori 150 Jahre alt, warum das erst jetzt so entflammt? Hoffentlich ist bald ein Ende, er bringt viel Unruhe über's Land! Persönlich bekomme ich hier am Ort wenig mit; die Maori am East Cape haben ja ihr Land nicht verloren, leben seit fast 1000 Jahren hier! Die Kinder sind mit Maori befreundet und der Vater meines zukünftigen Enkelkindes ist Maori. Es mischt sich alles und das ist gut so.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen