Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND-HUIA Nordinsel 20. März 1995

Persönliche Daten:

1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Die Leute von Mutter's Seite kamen 1862 nach NZ und ich bin die 4.Generation. Einige von ihnen gingen zuerst nach Australien, kamen denn hierher. Von Vater's Seite wissen wir so gut wie nichts, er sprach nicht darüber! Klar ist das Ursprungsland England. Europa habe ich nie besucht; es interessiert mich nicht. Mich reizen mehr der pazifische Raum. Ich bin mit Leib und Seele Neuseeländer!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Ich bin in Auckland geboren und aufgewachsen, immer hier gewesen! Die Atmosphäre in meinem Elternhaus war streng, also sehr viel Disziplin, was ich nicht immer mochte. Meine Eltern hatten Werte wie Ehrlichkeit, Pünkt- lichkeit, Versprechen zu halten etc. Auch mußten wir Kinder jeden Sonntag zum Gottes- dienst, obwohl die Eltern nicht immer gingen! Als Kind fand ich das irritierend. Wir waren 3 Kinder, 2 Jungens und 1 Mädchen, ich bin in der Mitte. Der Altersunterschied ist erheblich, zum Teil 6 Jahre und wir konnten erst später etwas miteinander anfangen. Wir haben uns nicht gegen elterliche Autorität aufgelehnt; das war nicht üblich. Außerdem waren harte Zeiten in NZ und in der Welt durch den 2.Weltkrieg. Mein Vater wurde nicht eingezogen, da er körperlich nicht fit war. Es gab weniger Arbeitsplätze, also weniger Geld und weniger zu Essen, weniger Kleidung ... Da waren wir keine Ausnahme, es hat viele Familien getroffen. Wir Kinder konnten die Situation nicht nachvollziehen, hatten keine Ahnung von der großen Weltpolitik! Jedenfalls arbeiteten die Eltern hart, um uns aufzuziehen. Vater hatte mit einem Partner eine Autolackiererei, aber die Auftragslage war natürlich schlecht in dieser Zeit. In die Schule bin ich nicht gerne gegangen - ich habe sie gehasst! Das Stillsitzen, immer nur zuhören ...; Kunst und Werken fand ich gut. Ich habe mich nirgends besonders hervorgetan. Vater wollte, dass ich Automechaniker werde, als gute Ergänzung zu der Lackiererei, und in die Firma komme. Dazu hatte ich keine Lust, ich wollte Drucker werden! So machte ich dann nach der Schule eine 5-jährige Ausbildung und war mit 21 fertig. Dann wechselte ich die Firma, um neue Erfahrungen zu sammeln. Da hatte ich die neusten Maschinen zur Verfügung und das war toll. Auch war mein Chef interessiert, seine Angestellten zu fördern. Weiterbildung wollte er nicht bezahlen, er stellte jedoch einen besseren Job in Aussicht, wenn Leute sich weiter qualifizierten. Das fand ich ok, besuchte dann noch 5 Jahre die Abendschule, machte eine Management-Ausbildung. Das Lernen machte Spaß, bis auf die Buchhaltung! Das habe ich abgewählt, lieber Kochen gelernt und einen Autoreperaturkurs gemacht. Der Chef hat Wort gehalten - ich wurde Vormann, dann stellvertretender Geschäftsführer und Verkaufsleiter. Seit 41 Jahren ar- beite ich in diesem Betrieb mit Hoch's und Tiefs! Ich habe es nie bereut geblieben zu sein, fand es gut, gefördert zu werden. Pat, meine Frau habe ich mit 20 kennen gelernt. Ein Freund von mir spielte in einer Akkordeon-Band und sie spielte mit. Einmal hatten sie ein längeres Engagement in Rotorua und ich ging mit. Wir fuhren und lebten in einem Touringwagen, einem Bus, der dort auf dem Campingplatz stand. Unglücklicher Weise bekam ich eine schmerzhafte Halsentzündung und mußte das Bett hüten, während die anderen sich amüsierten! Pat blieb bei mir, leistete mir Gesellschaft! Wir haben uns dann weiter in Auckland ge- troffen, nach einer Weile verlobt. Da wir nicht das Geld hatten einen Hausstand und eine Familie zu gründen, haben wir 3 Jahre gewartet, bis wir geheiratet haben. Das kam uns sehr lang vor - wir haben die Hochzeit herbeigesehnt!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Rückwirkend habe ich eine andere Einstellung zu den Werten und Idealen meiner Eltern. Vieles konnte ich damals nicht verstehen, habe jedoch einiges in mein Leben übernommen, z. B. den starken Familiensinn. Auch sehe ich heute mit anderen Augen ihre Leistung uns in der schweren Zeit durchzubringen. Pat's Eltern waren eine große Bereicherung für mein Leben; prima Leute! Speziell ihr Vater, mit dem ich über alles reden konnte. Wir haben einige angenehme Urlaube zusammen verbracht. Dann mein 2.Chef, der mich persönlich und beruflich so stark gefördert, mir die Chance gegeben hat weiterzukommen - eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit; er ist jetzt leider gestorben.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Ich freue mich auf meine Pensionierung. Da bin ich sauer auf unsere Regierung, die kürzlich einfach die Altersgrenze von 60 auf 65 hochgesetzt hat! Es ist eine flexible Sache, so muss ich nun bis 62 arbeiten, Pat bis 65. Für mich hat die Regierung damit einen Vertrag gebrochen und seitdem traue ich ihr nicht mehr! Nun, also ich freue mich auf die Zeit. Wir haben das Haus für unser Alter gebaut, an diesem schönen Ort. Wir wollen wandern und fischen, den Garten pflegen. Unsere Kinder wohnen alle hier in der Umgebung und der Kontakt ist uns ganz wichtig. Wir sind gerade zum 1.Mal Großeltern geworden und können unsere Enkelin genießen! Der Sohn hat eine kleine Gärtnerei und auch da wollen wir dann ab und zu mithelfen. Reisen macht uns auch Freude und dann eben gute Kontakte zu unseren Nachbarn pflegen. Mit unserem Leben hier sind wir sehr zufrieden!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Einige Maori leben hier, die auch in den Fischerei-Club kommen, unser soziales Zentrum hier am Ort. Auch lebt hier neuerdings eine indische Familie, die aus Südafrika nach NZ eingewandert ist; er ist eine exzellenter Fischer! Wir vertragen uns alle gut, leben wie eine große Familie zusammen. Dann am Arbeitsplatz, wo ich schon mit einem Philipino und einem Samoan an der Maschine gearbeitet habe - sehr freundliche, familienbezogene Menschen und gute Kollegen. Eine Tochter hat eine Zeit lang für eine chinesische Familie gearbeitet. Bevor sie angestellt wurde, wollten ihre Arbeitgeber uns Eltern kennen lernen. Das fanden wir gut - sehr verantwortungsvolle Leute. Ich habe insgesamt sehr gute Erfahrungen. Es kommt immer darauf an, ob Menschen für einander offen sind - ich bin es und bekomme die Offenheit auch zurück!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich sehe sie positiv! Die meisten Neuseeländer sind doch zufrieden, auch die Maori. Ich mag mich da nicht von einer Minderheit beeinflussen lassen. Sicher, da sind einige Dinge in der Vergangenheit unseres Landes nicht gut gelaufen. Die sind jedoch meiner Ansicht nach auch mit Geld nicht immer gut zu machen ...

Es muss weiter verhandelt werden, eine Einigung erzielt werden. Lösungen müssen gefunden werden, mit denen wir in Frieden leben können. Das ist es, was ansteht zwisch- en Maori und uns "Weißen". Und ich bin sicher, dass uns das gelingt, denn es arbeiten auf "beiden Seiten" viele interessierte Menschen daran!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen