Interview AUCKLAND Nordinsel 23.März 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal die Länder besucht?

Meine Eltern kamen von West-Samoa, wie viele Andere, nach NZ wegen der besseren Aus- bildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. Bezahlte und qualifizierte Arbeit ist in beiden Teilen Samoa's rar. Mutter's Leute stammen aus West- und USA-Samoa, Vater's Leute aus aus West-Samoa. Die Familien sind aus benannten Gründen überall verstreut - in NZ, in USA und in Australien. Natürlich haben wir auch noch Verwandte in Samoa. Ich habe Samoa 2 x besucht, 1 mal mit 4 Jahren und letztes Jahr. An den ersten Besuch kann ich mich allerdings wenig erinnern. Es ist schön dort; vieles ist mir jedoch fremd. Ich fühle mich mehr als Neuseeländerin ...

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Ich finde sie eher interessant! Wir haben deutsches, holländisches und chinesisches Blut in unseren Adern, also eine multikulturelle Mischung! Das hat sich im 18. Jahrhundert gemischt, als Seefahrer, Händler und Missionare nach Samoa kamen. Ich bin in der Nähe von Hamilton in NZ geboren, bald darauf nach Auck- land gezogen und dort aufgewachsen. Wir sind 3 Kinder, 2 Mädchen und 1 Junge. Ich bin die Jüngste und ein Nachzögling. Meine Schwester ist 10 und mein Bruder 8 Jahre älter. Beide haben auf mich aufgepasst, besonders mein Bruder - er war immer mein Beschüt-zer! Zu ihm habe ich eine besonders enge Beziehung. Für samoanische Familien sind wir un- typisch. Normaler Weise sind es Großfamilien, also mehr Kinder als wir. Wir sind nicht traditionell aufgewachsen, z. B. den Älteren zu dienen, strenge Ausgehregeln ..., bei uns ging es eher liberal zu. Das fand ich gut. Mit einer Ausnahme: wir mußten in die Kirche, ob wir wollten oder nicht! Beide Großväter sind Pfarrer der presbyterianischen Kirche; das ist also sozusagen bei uns Tradition in der Familie. Ich fand nicht gut, zum Kirchgang gezwungen zu werden! Mir hat auch nicht gefallen, dass wir immer Besuch von Ver-wandten hatten. Mir wurde das zu viel, weil meine Eltern dann zu wenig Zeit für mich hatten; auch war im Haus weniger Platz. Gute Erinnerungen habe ich an Ferien in Australien mit meinen Cousins! Das war prima. Die Schulzeit war für mich nicht beeindruckend. Als mittelmäßige Schülerin habe am liebsten Kunst gemacht und gemalt. Sport fand ich so zum Spaß ganz ok; das Reden mit FreundInnen war das Beste! In den ersten 2 Grundschulklassen hatte ich meine Mutter als Lehrerin, was mir einen seltsamen Status gab. Das mochte ich nicht, fand es unangenehm. Als Teenager wollte ich Schau-spielerin oder Sängerin werden. Nach der Schule habe ich jedoch mit 17 meinen ersten Job als Sekretärin in der Verwaltung einer Universität angenommen. Ich wollte endlich Geld verdienen! Das habe ich 1 Jahr gemacht und seit 2 Jahren bin ich hier bei einer Kirche angestellt, arbeite am Empfang, mache auch Verwaltungsarbeiten.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Mein Bruder - er war immer für mich da, hatte Zeit für mich. Und im Gegensatz zu früher, wo ich sogar manchmal die Kirche haßte, ist für mich heute Religion sehr interessant und etwas leben- diges. Da hat sich wirklich viel in mir geändert. Mit 14 war ich war ein unausstehlicher Teenager, fiel anderen mächtig auf die Nerven und hatte oft das Gefühl, keiner liebt mich; ich konnte mich ja selbst nicht leiden! In dieser Zeit bin ich mit meiner Schwester in eine andere Kirche zum Gottesdienst und in der Predigt sagte der Pfarrer: "Hier ist jemand, der Dich liebt". Das ging tief in meine Seele, hat mich glücklich gemacht. Seit dem hat Kirche und Religion für mich einen anderen Stellenwert. Dann meine beste Freundin, die ich mit 11 Jahren traf. Sie ist die Schwester meines Schwagers und anfänglich mochten wir uns nicht; die Freundschaft hat sich langsam entwickelt. Als sie vor 2 Jahren nach London ging, war ich sehr traurig - ich liebe sie wie meine Schwester!

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Ich möchte endlich schwim- men lernen. Jahrelang hatte ich große Angst davor, da ich mit 4 Jahren mal einen Asthma- anfall im Meer hatte und fast ertrunken bin! Das war ein Schockerlebnis. Jetzt merke ich, daß ich da etwas ändern will. Dann fliege ich tatsächlich in 2 Wochen für 1 Jahr nach London, bin von meiner Freundin eingeladen worden, in dieser Zeit bei ihr zu leben! Das finde ich toll und ich freue mich riesig auf die Freundin, auf London, auf Europa. Ich möchte unbedingt auch Italien besuchen, mit seinen schönen, alten Städten, wie Rom, Venedig, Florenz ... Jedenfalls bin ich mächtig aufgeregt! Heiraten, Kinder? Ja, vielleicht später; ich bin noch jung und zuerst möchte ich mich mal in der Welt umschauen!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

In der Schule meist mit "Weißen", am Arbeitsplatz, in der Familie, in den Freundschaften mit allen möglichen Menschen und Rassen. Meine Schwester hat einen Engländer geheiratet. Hier am Arbeitsplatz sind Menschen europäischen Ursprungs, Maori, aus Tonga, aus Sa- moa und viele unterschiedliche BesucherInnen, Du zum Beispiel! Das gefällt mir. Zwi-schen Islandern und Maori gibt es eine Hassliebe ... Sie konkurrieren untereinander - wer schöner ist, welches Familienleben besser ist etc. Ich nehme das nicht so ernst!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich liebe Neuseeland - es ist für mich der Himmel auf Erden! Wenn ich NZ mit anderen Ländern vergleiche, was ich so höre, lese, sehe. Ich jedenfalls fühle mich sehr wohl hier. Allerdings ist eben Auckland nicht ganz Neuseeland! In Christchurch wurde ich auf einer Urlaubsreise wegen meiner Hautfarbe übel angemacht; das fand ich unmöglich! Der alte Maori-Pakeha Landkonflikt - da sympathisiere ich mit den Maori; meiner Ansicht nach ist mit radikalen Aktionen kein Fortschritt zu erzielen. Ich bin für friedliche Lösungen, für sozialen Frieden in NZ.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen