Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND-HUIA Nordinsel 6.April 1995

Persönliche Daten:

1. Seit wann lebst Du hier, woher kamen Deine Vorfahren, hast Du das Land wieder mal besucht?

Ich kam 1973 mit 26 Jahren nach NZ und lebe hier mit einigen Unterbrechungen, will auch weiter hier bleiben! Ich habe eine Daueraufenthaltsgenehmigung und weiß noch nicht, ob ich die Staatsbürgerschaft beantragen will. Am Anfang wollte ich kein KIWI sein; ich fühlte mich nun mal Englisch. Mit den Jahren hat sich das geändert; ich fühle mich hier in Neuseeland eindeutig am wohlsten, bin heimisch geworden. Meine Vorfahren sind "rein" Englisch. Die Eltern kommen aus der Region Gloucester, in der Nähe von Bristol, wo auch ich geboren und aufgewachsen bin. Einer meiner Onkel er-stellte einen Familienstammbaum, der bis in's Jahr 1500 zurück reicht!

Ja, ich habe England seither öfter besucht; einmal, um kurz, um für einen Freund zu arbeiten und dann, um meine Eltern zu besuchen. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, für länger wieder dort zu leben. Meiner Ansicht nach hat sich nicht sehr viel verändert; das Gesellschaftssystem ist immer noch sehr starr, unflexibel. Das war einer der Gründe, warum ich weggegangen bin, aber auch die Masse Mensch. Hier kann ich mich als Individium fühlen, dort habe ich klaustrophobische Zustände entwickelt! In NZ ist alles offener, optimistischer und flexibler. Ich habe damals England richtig gehasst!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Vom Informationswert über meine Herkunft sind sie schon wichtig für mich. Und natürlich hat mich mein Elternhaus geprägt. Ich bin das einzige Kind, kam auf die Welt, als Mutter schon 44 war und niemand mehr mit mir rechnete! Sie verwöhnten mich, überschütteten mich mit ihrer Liebe, erdrückten mich manchmal. Vater war ein leidenschaftlicher Sozialist. Er dachte, wenn die Leute hart arbeiten und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, würde sich eine humanere Gesellschaft entwickeln. Natürlich war er frustriert, wie sich politisch nichts änderte! Sein Einfluss auf mich war stark und ich habe einige Denkweisen von ihm übernommen. Meine Eltern waren wohl nicht glücklich miteinander, sie stritten oft und die Atmosphäre war ernst, oft geladen. Bei guten Freunden, die ich als Kind zu Hause besucht habe, fiel mir der Unterschied in der Atmosphäre auf.

Die Schule war ein Greuel für mich! Die ersten Jahre gingen noch, da fand ich es toll, Spielkameraden zu haben. Dann, so ab 10, habe ich sie gehasst! Die strikte Disziplin, mit den Schuluniformen - ich rebellierte dauernd dagegen, hasse heute noch die Farbe grün ... Sport fand ich ok, vorallem Leichtathletik hat mir Spass gemacht.

Ich hatte zuerst keine Ahnung, was ich werden wollte. Mit dem Wort "Karriere" konnte ich nichts anfangen; klar war, dass ich irgendwann arbeiten und Geld verdienen würde! Mutter hatte sehr hohe Erwartungen an mich, sie sah mich als Arzt oder Anwalt; sie war ein absoluter Snob ... Da ich gut im technischen Bereich war, hatte ich die Idee Drucker zu werden. Vater meinte jedoch, Schreiner hatte mehr Zukunft und suchte eine Lehrstelle. Mit 16 ging ich von der Schule und fing in einer kleinen Schreinerei an. Der Meister war menschlich und fachlich spitze! Er brachte mich dazu, Disziplin zu akzeptieren und handwerklich lernte ich viel. 3 Jahre blieb ich, ging, weil ich mehr Geld verdienen wollte.

Meine 1. Frau traf ich mit 16. Wir "gingen" 3 Jahre zusammen, haben uns verlobt. Sie wurde dann schwanger und wir heirateten, als ich 20 war. Das war damals in England normal. Wir kauften einen großen Wohnwagen, wohnten 2 Jahre darin, waren mobil. Auch das war damals in England nichts ungewöhnliches. Dann kauften wir ein Haus. Beruflich war ich nach dem Schreinerjob eine Weile Verkaufsfahrer und habe gut verdient. Der Job hat mir Spass gemacht und ich war ganz zufrieden. Meine Freizeit verbrachte ich mit aufregenden Dingen. Ich lernte tauchen und traf einen Stuntman, der eine Gruppe leitete, die an Wochenenden spezielle Autoshow's abzog. Da machte ich 3 Jahre mit, kam viel herum und lernte eigenverantwortlich meine Autonummern alleine zu planen, das Risiko zu kalkulieren und die Action zu machen. Dabei habe ich viel gelernt, konnte einiges hinterher in meinem weiteren Arbeitsalltag verwenden! In dieser Zeit lernte ich den Abteilungsleiter eines großen Ingenieurbüro's kennen und der brachte mich da als Drucker dort unter. Ich machte eine Art Praktikum im ganzen Betrieb und bekam so meine Chance! Ich fand gut, doch noch den Einstieg in meinen "Wunschberuf" zu bekommen. Nach einigen Jahren konnten wir dann unser Haus mit hohem Gewinn verkaufen und das war "die Chance", um endlich aus England abzuhauen! Meine Frau hatte auch Lust dazu und so beschlossen wir erst mal mit einem Camper 3 Monate durch Europa zu touren, bevor es dann weiter nach Neuseeland ging. Das war toll und hat uns Spaß gemacht. Auch hatten wir uns für die Seereise nach NZ entschieden, da komfortabler. So kamen wir dann nach 5 Wochen in Auckland an, besuchten erst mal Freunde in Wellington. Sie hatten uns praktisch den"Floh" mit NZ in's Ohr gesetzt. Alles war hier so, wie wir es erwartet hatten: viel Platz, eine schöne Umgebung, klasse Wetter und freundliche, offene Menschen! Wir beschlossen uns in Auckland anzusiedeln, mieteten ein Haus und ich bekam schnell eine gute Stelle als Techniker in einem Ingenieurbüro; zu dieser Zeit gab es in NZ viele offene Stellen. Nach 3 Jahren wechselte ich in ein anderes Ingenieurbüro, blieb 2 Jahre. Dann ging ich zu einem großen Betrieb, der optische Feingeräte für die Nuklearindustrie herstellt. Dort arbeite ich bis heute, jetzt als Inspektor, und bin für die Kundenbetreuung verantwortlich. Es gefällt mir und ich habe ein Spitzengehalt. In der Zwischenzeit war meine 1.Ehe geschieden, wir hatten uns auseinandergelebt. Der Sohn blieb bei der Mutter. Wir sehen uns manchmal, haben Kontakt bis heute. Meine 2.Frau Ruth lernte ich bei uns im Betrieb kennen. Wir lebten ziemlich lang zusammen, bevor wir heirateten. Wir reisen beide gerne und mit ihr habe ich mehrere Male Griechenland besucht, auch ihre Verwandten kennen gelernt. Wir haben sogar mal 2 Jahre eine griechische Ferienanlage zusammen gemanagt. Sie ging auch für 13 Monate mit nach England. Dort half ich einem Freund seinen Betrieb mit aufbauen. Nachdem wir zurück in NZ waren, haben wir dieses Land gekauft und das Haus gebaut. Im Moment fühlen wir uns mit unseren Lebensumständen wohl ...

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Mein Vater, dann mein 1.Chef und der Stuntman, der mich anheuerte ... Auch meine Schwiegermutter, die mich wie einen Sohn in ihre große Familie aufnahm und wo ich zum ersten Mal ein richtiges Familienleben genossen habe. Dann die Entscheidung England zu verlassen, nach NZ zu gehen. Das war ein guter Entschluss; hier konnte ich mich freier entwickeln.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Noch mehr reisen! Ich habe Lust nach Osteuropa und Russland zu gehen, Ruth zieht es im Moment mehr in den Fernen Osten; wir werden einen Kompromiss finden ... Dann beruflich weniger arbeiten, mehr Zeit für mich haben. Hier im Haus und auf dem Grundstück gibt es einiges zu tun. Das muss ich nur noch mit meiner Firma aushandeln.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Zwischen Ruth und mir gibt es keine Probleme, obwohl wir aus einem anderen Kulturkreis kommen. Die Gründe, warum wir unsere Länder verlassen haben sind ja sehr ähnlich. Ansonsten glaube ich, dass Kulturen nicht so unterschiedlich sind! Wenn man genauer hinschaut, gibt es viele Gemeinsamkeiten, halt mit Zeitsprüngen und verschiedenen Ent-wicklungsstufen. Am Arbeitsplatz habe ich gute Erfahrungen; das sind jedoch eher ober-flächliche Kontakte mit allen möglichen Rassen.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich finde, dass es ein guter Platz ist zum Leben! Gemeinsam mit anderen ja, wenn gemeinsame Interessen da sind. Ist das nicht gegeben, läuft es mehr auf ein Nebeneinander heraus. Das finde ich ok, solange wir freundlich zueinander sind, uns respektieren. Ich bin da generell optimistisch für NZ. Der Maori-Landkonflikt wird mit Sicherheit noch weitergehen, bis er sich auflöst. Ich weiss nicht viel über diese Geschichte NZ's, hoffe jedoch, dass das in's Reine kommt.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen