Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND - HUIA 24. Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Ich bin die 1.Generation in NZ! Meine Eltern sind vor 23 Jahren mit uns von England eingewandert. Wir sind direkt nach Auckland und haben eine Weile im Motel gewohnt, bis meine Eltern ein Haus und eine geeignete Schulen gefunden hatten. Für uns Kinder war alles sehr spannend - wir fanden es ok auszuwandern! Die Eltern beschlossen England zu verlassen, weil es in NZ mehr Platz für uns Kinder gab und das Klima nicht so rau ist wie in England. Viel Verwandtschaft hatten wir in England nicht - Mutter und Vater waren Einzelkinder. Alle stammten aus London, Mittelschicht. Eine Großmutter, zu der ich einen besonders guten Draht habe, kam mit uns. Das war für uns alle wichtig, weil wir sie sehr schätzen. Meine Eltern waren übrigens die Ersten aus der Familie, die auf's Land zogen, es in der Riesenstadt London nicht mehr aushielten. Den Entschluss nach NZ zu gehen, haben wir nie bereut. Wir fühlen uns hier alle sehr wohl, wollen nicht zurück.

2.Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Meine Heimat ist jetzt hier. Allerdings ist es für mich wichtig zu wissen, woher ich stamme, wer meine Vorfahren sind. Großmutter kann davon erzählen und ich finde es spannend ihr zuzuhören, wenn sie von früheren Zeiten berichtet. Wir sind 3 Mädchen, ich bin die Älteste. Wir hatten viel Freiheit und eine sehr glückliche Kindheit! Unsere Eltern haben uns immer vertraut, z. B. gab es abends keine Zeitangabe, wenn wir ausgingen. Wir kamen trotzdem nicht spät heim und haben immer viel zusammen unternommen; an Wochenenden sind wir wandern gegangen, haben Picknik gemacht und das war schön. Auch als Teenager sind wir noch gerne mit und das will was heißen! Gäste waren bei uns auch immer da, denn es war gemütlich, alle fühlten sich wohl. In die Schule war ich gerne. Es gab viel Spaß mit Freunden und Freundinnen und gut war ich auch. Da ich ehrgeizig war, hat mich natürlich auch ein Lob gefreut und motiviert. Einen speziellen Berufswunsch hatte ich nicht. Allerdings war für mich schon früh klar, dass ich unbedingt heiraten und eine große Familie haben wollte. Während der Ferien hatte ich ab und zu in Mutter's Firma im Büro ausgeholfen. Ich habe alles schnell begriffen - Dinge wie planen, organisieren, der gute Umgang mit Zeit liegen mir im Blut. Ich wurde gefragt, ob ich dort nach der Schule eine Ausbildung anfangen wolle. So habe ich mit 16 als Lehrling im Büro, später als Buchhalterin und zuletzt 8 Jahre in einer Bank am Schalter gearbeitet. Mit 22 habe ich Peter kennen gelernt und ihn mit 24 geheiratet. Das mit Peter ist eine tolle Geschichte! Ich hatte gerade eine nicht sehr befriedigende Beziehung beendet und wollte nichts von Männern wissen, hatte die Idee für eine Weile nach Europa zu gehen. Da meinte eine Freundin, sie hätte den Richtigen für mich, ich müsse ihn unbedingt treffen ... Ziemlich unlustig ließ ich mich zu diesem "Blind Date" überreden und wir mochten uns tatsächlich! Da wir beide etwas Geld gespart hatten, beschlossen wir unsere Jobs an den Nagel zu hängen, kauften einen alten Bus und zogen 1 Jahr auf der Südinsel NZ´s umher. Wir lebten wie Hippie's, haben hie und da mal bei der Ernte geholfen, ein bisschen Geld verdient. Unsere Eltern standen Kopf! Wir fanden es jedoch gut und haben uns in dieser Zeit noch besser kennen und lieben gelernt. Wir kamen dann zurück und da ich von meinen Großeltern in England Geld geerbt hatte, beschlossen wir ein Haus zu kaufen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Seit dem leben wir in der Nähe von Auckland an einer sehr schöne Bucht, mit viel Platz für Kinder und Tiere! Unser Haus ist nichts besonderes, wir wollten uns jedoch nicht verschulden und haben es nicht bereut. Übrigens Peter kommt auch aus England! Mit 7 Jahren kam er mit seinen Eltern über Australien nach NZ. So sind wir beide ziemlich "junge" Neuseeländer! Nach der Heirat habe ich noch 2 Jahre als Geschäftsassistentin gearbeitet, bis 2 Wochen vor der Geburt meines 1.Kindes. Es gab ein paar Kollegen, die meinen dicken Bauch im Geschäftsleben ungehörig fanden! Da habe ich mir nichts daraus gemacht, das war deren Problem ...Wie der erste Sohn da war, habe ich zwischen durch immer mal wieder stundenweise gejobt. Für mich und Peter war vorher klar, dass ich die Kinder überwiegend erziehe. Das bedeutet für uns auch genügend Zeit für sie zu haben und Peter verdient genug - wir können und wollen uns das leisten. Hätten wir Schulden gehabt, wäre das nicht gegangen! Nach 2 Jahren kam unser 2.Sohn. Nachdem er nach 9 Monaten noch nicht sitzen konnte, wurde ich unruhig, da ich den Vergleich mit dem 1. Kind hatte. Ich sprach erst mit der Hebamme, die ihn auf die Welt gebracht hat, dann mit unserem Arzt und beide meinten, dass alle Kinder in der Entwicklung unterschiedlich seien, ich solle mich nicht beunruhigen. Ich fühlte mich jedoch nicht ernst genommen, war frustriert. Ich wollte ihn bei der staatlichen Gesundheitsfürsorge "Childs Help" untersuch-en lassen, aber die hatten eine Warteliste von fast 16 Monaten! So beschlossen Peter und ich einen privaten Spezialisten zu konsultieren.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Großmutter ging dann mit mir zum Arzt. Dieser konnte mir nach 5 Minuten sagen, was das Kind hat - eine zerebrale Lähmung in den Beinen (Cerebral Palsy)! Das bedeutete, dass er nicht würde laufen können ... Er sagte mir zum Trost, durch spezielle Übungen und entsprechende Gymnastik sei heute einiges zu machen. Ich war schockiert, konnte zuerst nur weinen und bin aus dem Zimmer raus. Die Großmutter fragte entsetzt und dann sassen wir im Auto und weinten beide! Wegen der Untersuchung hatten wir bei meiner Mutter in der Stadt übernachtet. Der Arzt rief mich dort am nächsten Morgen an und fragte wie es mir ginge, er habe sich Sorgen gemacht. Das fand ich ganz prima, sehr menschlich! Ich hatte mich gerade wieder etwas gefangen, war im Grunde froh zu wissen, was der Junge hat, und welche Behandlung er benötigte. Das waren "schwarze" Tage in unserer Familie, denn am selben Morgen kam ein Anruf aus einem Krankenhaus, in das mein Mann in der Nacht mit einer Virus-Menegitis eingeliefert worden war! Ich wurde gefragt, ob ich ihn nicht endlich besuchen wolle ... Das war der 2. Schock innerhalb von 2 Tagen. Wie ich ins Krankenhaus kam, ging es ihm Gott sei Dank schon etwas besser. Zuerst wollte ich ihm in seinem Zustand nichts vom Untersuchungsergebnis erzählen. Ich war jedoch so fertig und mußte weinen, habe alles berichtet. Er hat ganz gelassen reagiert, mich sogar noch getröstet! Nun hat sich unser Leben eingespielt - wir versuchen den 2. Sohn nicht als Ausnahme zu behandeln, was ihm gut bekommt. Er ist eine freundliches, gutwilliges Kind und geht mit seiner Behinderung gelassen um. Da er viel Zeit und Zuwendung benötigt, müssen wir halt aufpassen, dass der ältere Bruder nicht zu kurz kommt. Peter und ich verstehen uns nach wie vor gut, ziehen an einem Strang. Das ist nicht so selbstverständlich - viele Ehen gehen an so was kaputt. Die Atmosphäre bei uns ist gut und taucht ein Problem auf gibt es mit Sicherheit eine Lösung! Mit Darren's Entwicklung sind wir unter diesen Umständen zufrieden, er macht Fortschritte, muss allerdings viel üben und hat manchmal keine Lust mehr. Das ist ok, denn er strengt sich wirklich sehr an. Seit einem Jahr geht er mit "normalen" Kindern in einen privaten Kindergarten. Gott sei Dank gibt es hier in der Umgebung ein große Auswahl an verschiedenen Kindergärten! Die personelle Besetzung ist gut und es ist immer jemand da, wenn er Hilfe braucht. Er fühlt sich dort wohl und ist ein fröhliches Kind. Ich habe jetzt morgens wieder Zeit für mich, was schön ist. Rund um die Uhr jemanden zu betreuen strengt doch sehr an. Insgesamt bin ich zufrieden. Durch die verschiedenen Therapien habe ich mehr Kontakt mit alternativer Medizin und alternativen Heilmethoden bekommen. Ich finde das alles interessant, habe Lust darüber mehr zu lernen. Auch setze ich mich zunehmend mit spirituellen Energien auseinander. Da ist meine Freundin für mich sehr wichtig, mit der ich über das reden und mich austauschen kann.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Nun, das bei uns alles so gut weiter geht wie bisher. Dann überlegen wir jetzt, auf welche Schule wir Darren schicken wollen - in die Selbe wie sein Bruder oder eine Spezialschule. Wir schauen uns Schulen an, sprechen mit den Leitungen. Mal wieder eine Situation, die nicht einfach ist, da eine schwerwiegende Entscheidung! Für mich persönlich möchte ich nach und nach wieder mehr Zeit haben, z. B. um Tai Chi zu lernen, zu meditieren. Auch möchte ich gerne wieder Theater spielen, das macht mir Spaß! Wenn Darren in der Schule ist, möchte ich beruflich halbtags einsteigen, um den Kontakt zur Außenwelt nicht ganz zu verlieren!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Hier in unserem Ort leben meist Leute europäischer Herkunft, z. B. Holländer, Deutsche etc. Auch dieser Austausch ist spannend und interessant für mich, da alle ein bisschen anders drauf sind! Mit Maori, Islandern und Asiaten hatte ich bis jetzt wenig zu tun, denn in meiner Schule waren nicht viele. Ich interessiere mich auch für indische Philosophie und habe dadurch zum 1.Mal Kontakt mit InderInnen, die in der Umgebung von Auckland leben. Das finde ich beeindruckend und aufregend!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Von den Eltern bin ich liberal erzogen worden - also andere Menschen, egal welche Hautfarbe, zu akzeptieren und zu respektieren! Die momentane Situation in NZ mit den Maori und dem Landkonflikt ist für mich verwirrend, da ich zu wenig über die Vorgeschichte weiß, um mir ein realistisches Bild machen zu können. Ich weiß nur, dass es keine schnelle Lösung geben kann, dazu ist der Konflikt zu alt und zu komplex. Aber mit Wohlwollen auf beiden Seiten sollten Lösungen möglich sein! In unserer Familie bekommen wir jetzt Zuwachs! Meine Schwester heiratet einen Mann irisch/malaischer Herkunft und alle freuen sich mit finden das gut.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen