Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview OKARITO Südinsel 9. Dezember 1994

Persönliche Daten:

 


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren? Hast Du die Länder mal besucht?

Großmutter mütterlicherseits stammt aus England, Großvater kam wahrscheinlich aus Deutschland - er wollte nicht darüber sprechen! Von dieser Seite bin ich die 4. Generation in NZ. Vom Vater weiß ich nur, dass seine Leute aus England kamen. Einige waren wohl in früheren Zeiten "Orangemen", Männer der Queensguard. Auch hier bin ich die 4.Gene- ration. Vor 4 Jahren war in Auckland ein großes Familientreffen von Vater's Seite. Es waren ca. 400 Leute da; auch England war vertreten! Ich kenne aber niemand von denen, bin auch nicht interessiert nach England zu gehen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Nicht wichtig! Allerdings eine Ausnahme - eine meiner 3 Schwestern ist mir wichtig. Wir schreiben uns, telefonieren, wollen wissen, wie es uns geht. Die Anderen sind mir alle egal. Ich hatte ein beschissenes Familienleben, keine guten Erinnerungen! Mein Vater war Pachtfarmer = Contracter und wir sind in meiner Kindheit dauernd von einer Farm zur anderen gezogen. Ich habe 35 mal die Schulen gewechselt, oft bei Verwandten oder Fremden gelebt. Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen. Um zu überleben, habe ich mir Freunde gesucht; die waren mein Fa- milienersatz.

In der Schule habe ich außer Sport nicht viel gemacht. Sport war irre wichtig. Ich konnte nie genug bekommen von Rugby, Tennis, Cricket, Softball, Boxen - das waren meine Favoriten! Wie ich 14 war, wollte ich die Schule verlassen und Boxprofi werden. Es gab zu Hause einen Riesenkrach mit meinem Vater - da flogen die Fetzen! Er wollte seine Zu- stimmung nicht geben und da bin ich endgültig abgehauen. Ich hing dann 4 Monate in Auckland auf der Straße herum; geboxt habe ich weiter in meinem alten Verein. Ich war NZ-Jugendmeister und oft im Trainingslager.

Kein zu Hause zu haben, das hat mich angeödet; so bin ich einfach in ein Armeebüro und habe nach Arbeit gefragt. Der Mann dort forderte mich auf 100 Liegestützen zu machen und ich fing gleich an, habe es geschafft! Da hat er mich genommen und ich konnte dort auch eine Ausbildung zum Schreiner machen. Das bedeutete 35 Stunden in der Werkstatt und 35 Stunden Militärausbildung in der Woche, also 70 Stunden - ein hartes Leben, das viel Disziplin von mir abverlangte. Ich habe das 2 Jahre gemacht, dann bin ich gegangen. Die Zivilisation hatte mich wieder! Auch während der Militärzeit habe ich weiter geboxt.

Mit 17 habe ich dann eine 27-Jährige geheiratet, die schon einen Sohn hatte. Sie war in einer Gang, führte ein Leben, das mich faszinierte. Wir fuhren Motorrad, nahmen harte Drogen, feierten Party's, ließen uns tätowieren, auch Schlägereien, Straßenkämpfe - viel Gewalt! Ich boxte nicht mehr, die Straße war jetzt mein Feld und die Gang meine Familie. "Sex, Drogs und Rock and Roll" - das traf damals wirklich auf mein Leben zu. Natürlich hatte ich es auch mit der Polizei zu tun, kam vor Gericht, wurde 3 mal zum Entzug ver- urteilt. Ich hatte auch mehrere Motorradunfälle; damals war mir wirklich egal, ob ich lebe oder nicht! Irgendwie mußte das sein.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Jemanden zu treffen, der ehrlich mit einem ist, einen liebt, sich um einen sorgt - das war ANNE! Sie ist so süß, eine wunderbare Frau. Ich liebe sie, sie ist meine beste Freundin! Wir verließen Auckland mit einem alten Bus, hatten die Nase voll von dieser Stadt. 3 Monate vorher hatten wir uns getroffen und beschlossen uns zusammenzutun. Ich finde das gut, dass wir fort gegangen sind! Nach 10 Jahren rum gammeln habe ich die Kurve wieder gekriegt. Ich bin sehr glücklich darüber. Mit dem Bus sind wir dann ein halbes Jahr durch NZ gefahren, haben gejobbt. Irgendwann sind wir dann an diesem schönen Ort gelandet, haben beschlossen hier sesshaft zu werden, zu bleiben. Wir haben vom Staat ein Stück Land gepachtet und unseren Bus mitten im Busch auf einen Hügel gestellt. Seit 5 Jahren leben Anne und ich nun hier. Wir nehmen uns die Freiheit zu leben so wie wir wollen, vorwiegend als Selbstversorger mit viel Kräutern, Gemüse, Fisch, Fleisch. Ich habe mich wieder in das System integriert - gehe arbeiten, verdiene Geld, zahle Steuern und fühle mich wohl dabei. Drogen brauche ich keine mehr. Ich berausche mich an Anne, an der schönen Natur; einfach am Meer zu sitzen und sehen, hören - das ist toll! Im nächst größeren Ort habe ich mit Anne einen Boxclub gegründet und aufgebaut. Das läuft prima; im Moment sind 15 Jungens dabei. Die Gemeinde hat uns Räume und Geld zur Verfügung gestellt. So kann ich hier Fachwissen und Lebenserfahrung einbringen, weitergeben.

Meine Söhne? Einen habe ich nur kurz direkt nach der Geburt gesehen. Die Frau war verheiratet und wir wollten die Beziehung nicht weiter leben. So kenne ich ihn nicht; ob er weiß, dass ich sein Vater bin? Der gemeinsame Sohn aus meiner geschiedenen Ehe vermisse ich sehr. Ich habe ihn damals bei seiner Mutter gelassen, weil er dort sein zu Hause, seine Freunde und die Schule hat, wollte ihn da nicht herausreißen. Trotzdem schmerzt mich das immer noch, macht mich traurig! Ich habe ihn in 5 Jahren nur 1 mal gesehen, bekomme von seiner Entwicklung nichts mit. Im letzten Jahr hat er noch nicht mal meine Briefe beantwortet! Ich hoffe, dass unsere Beziehung sich verbessert, schreibe weiter ...

Der große Wechsel kam mit Anne. Dann weg von der Stadt auf's Land, weg von der Nordinsel und auf die Südinsel und dazubleiben. Beruflich bin ich wieder als Schreiner und Häuserbauer eingestiegen. In der Zwischenzeit habe ich mir hier einen guten Namen gemacht - das ist mir jetzt wichtig. Eine Familie mit Anne und 2 Hunden habe ich auch!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Anne und ich wollen anbauen - zuerst eine Werkstatt für mich, dann ein kleines Cafe. Wir wollen auch Kinder und üben fleißig! Ich finde es schön, dass Anne auch Kinder haben will; das ist ja zu erst mal "ihre Sache". Wenn Kinder kommen, möchten wir beide zu Hause arbeiten, um mehr Zeit für sie zu haben. Wir wollen uns beide kümmern. Für mich ist es sehr wichtig, mehr von der Entwicklung der Kinder mitzukriegen - das habe ich ja vorher vermisst. Anne will dann nach ihrer Ausbildung zur Heilpraktikerin auch zu Hause arbeiten. Ja, mit Anne hat's in meinem Leben Klick gemacht!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Gute Erfahrungen mit Maori; sie sind sehr familienorientiert und das gefällt mir. Die Meisten meiner früheren Freunde waren Maori - sehr freundliche, warme Menschen. Hier im Westen der Südinsel sind leider nicht viele. Mit Islandern habe ich in Auckland nicht immer so gute Erfahrungen gemacht.

6. Wie siehst Du die Zukunft in NZ im Zusammenleben?

Ich habe kein gutes Gefühl. Nach NZ kommen zu viele Asiaten und Islander, bringen neue Probleme mit; mir würden die Maori und Pakeha reichen! Die Meisten wollen nur Geld verdienen, sind am Land wenig interessiert. Das verändert meiner Ansicht nach NZ negativ. Ich habe das miese Gefühl, überhaupt nichts dagegen tun zu können! Neuseeland ist so schön, es braucht Menschen, die sich wirklich engagieren, die darauf achten, dass die Natur geschützt wird. Ich will auch nicht, dass "mein Land" an Fremde verkauft wird, die hier mit Land spekulieren! Ich wünsche mir eine Regierung, die in diesen 2 Bereichen eine klarere, nationale Politik macht.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen