Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview KAIKOURA Südinsel 16.Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Von Vater's Seite bin ich die 4. oder 5.Generation, das ist nicht so ganz klar! Seine Leute kamen aus Irland und England. Von Mutter's Seite bin ich die 3. oder 4.Generation, also auch hier Unklarheiten. Ihre Leute kamen aus England und Schottland. Vater's Geschichte ist in einem Buch dokumentiert, unter anderem mit Bildern des Hauses seiner Vorfahren in Irland ... Leider war ich noch nie in den Ländern, bin jedoch entschlossen hin zufahren.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sie sind wichtig und interessant! Zum Beispiel höre ich gerne Geschichten über die Siedlungszeit in NZ. Eine Großmutter ritt auf dem Pferd in die Schule. Die Andere erzog mit 17 Jahren, nach dem Tod der Mutter, 9 Geschwister! Eine Urgroßmutter war Bäuerin und Hebamme, schrieb ein Tagebuch über ihren Alltag ... Ich bin auf einer Farm aufgewachsen, auf der Südinsel NZ's, ganz oben im Norden. Wir waren 3 Schwestern und ich bin die Jüngste. Da es keine Brüder gab, haben wir Mädchen halt alles gemacht, was so an Arbeit anfiel und notwendig war. Ich habe damals nicht dar-über nachgedacht, ob das jungens- oder mädchentypisch ist, darüber wusste ich nichts! So habe ich natürlich viel gelernt, was mir heute noch zu gute kommt. Wir hatten unglaublich viel Freiheit, Platz jede Menge. Da wir weit ab vom nächsten Dorf wohnten, wie ich mich dort im Straßenverkehr verhalten sollte!

In die Schule bin ich gerne. Ich hatte LehrerInnen, die mich sehr gefördert haben mit mei-nem Wissensdurst. Das war deshalb wichtig, weil von Eltern's Seite wenig intellektuelle Förderung kam. An Tieren und Pflanzen war ich schon früh interessiert, speziell für die Dinge am Strand und im Meer; auch gelesen habe ich immer viel. Klar war dann für mich und meine LehrerInnen, dass ich studieren würde und habe mich für Meeresbiologie entschieden. Zum Studium bin ich nach Christchurch. Das war natürlich abenteuerlich - zum ersten Mal weg vom Land in der Stadt, viele neue Menschen, viel Neues zum lernen! Heimweh hatte ich keines, dazu war alles zu aufregend! Außerdem sind einige Schul-kameradenInnen auf die selbe Uni und das war für mich Heimat genug. Ich habe die Studienzeit sehr genossen! Übrigens hatte ich an der Uni auch Frauenstudien belegt und war zuerst über "unsere" Frauengeschichte schockiert. Es was mir vorher nicht bewusst, wie schwer Frauen für das Wahlrecht gekämpft haben, für das Recht zu studieren! Ich bin stolz darauf, dass NZ das erste Land der Welt war, in dem Frauen vor 102 Jahren das Wahlrecht bekamen! Durch mein Studium lernte ich dann auch den Ort Kaikoura an der Ostküste der Südinsel kennen. Ich verbrachte hier 1 Studienjahr in einer Spezialabteilung der Uni. Es hat mir gleich gut gefallen und in dieser Zeit lernte ich auch tauchen. So bin ich mit 22 nach dem Studium zurückgekommen, lebe seitdem hier. Ich habe 3 Jobs, unter anderem in einem chinesischen Takeaway, wo Du und ich uns kennen gelernt haben. Dieses Leben gefällt mir gerade sehr gut und ich genieße es.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Freund-schaften, meine LehrerInnen in der Schule, die mich intellektuell und im Sport gefördert haben. Die Beziehung zu meinen Eltern, die leider heute geschieden sind. Speziell mein Vater hat mich positiv beeinflusst, in dem er mich Dinge auf der Farm lehrte, die sonst nur Jungens lernen. Trotzdem gab es bei uns zu Hause ein Kommunikationsloch; es wurde nicht viel ge-sprochen; speziell meine Mutter blockte oft ab. Das hat mir später in meinen Beziehungen zuerst erhebliche Schwierigkeiten bereitet! In der Zwischenzeit fällt es mir leichter zu reden, mich auszudrücken.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Immer noch das Leben genießen, tauchen und surfen, Leute treffen, die ich mag. Dann will ich nach Übersee und reisen, Eindrücke sammeln. Heiraten und Kinder - das kann ich mir im Moment nicht vorstellen!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Während meines Studiums mit allen möglichen Leuten. Im Moment sind 2 meiner Vorgesetzten Chinesen, die in NZ geboren sind. Wir verstehen uns prima. Dann treffe ich im Takeaway Touristen aus aller Welt. Unter den Einwohnern hier gibt es unter anderen auch Leute aus Holland und Deutsche. Ein Onkel von mir ist Polynesier von den Fiji und eine Schwester von mir hat einen Maori vom East Cape auf der Nordinsel NZ's geheiratet. Sie lebt dort in seiner Großfamilie, ist Lehrerin an der Dorfschule und hat die Maori-Sprache gelernt. Wir waren alle zur Hochzeit dort - das war ein seltsames Gefühl eine "weiße" Minderheit zu sein! Die Hochzeit wurde im Marae gefeiert und wir haben alle auch da geschlafen. Das war alles sehr ungewohnt und neu für mich - sehr beeindruckend! Ich war schüchtern, da vieles fremd war; es hat mir jedoch sehr gut gefallen. Ich meine, dass wir in NZ eine gute "Mischung" sind. Ich habe davon jedenfalls profitieren können, vieles dazugelernt!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich finde unsere Unterschiede sehr wichtig, diese machen mein Leben sehr interessant! Da Kultur und Identität zusam-men gehören, ist das mit einer gemeinsamen Kultur so eine Sache. Sicher vermischt sich manches oder hat sich schon vermischt, jedoch find ich es auch wichtig, Unterschiede zu sehen und zu respektieren! Sie sind kulturell ein Teil unserer Wurzeln, werden somit auch unsere Handlungen in der Gegenwart und in der Zukunft mitbestimmen.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen