Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview WHAKAANGIANGI Nordinsel 2.Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Meine Maori-Vorfahren leben hier seit ich zurückdenken kann, an diesem Platz, in diesem Tal. Sie kamen vor ca. 1000 Jahren mit den ersten Kanu's nach Aotearoa aus dem südpazifischen Raum. Ich habe auch europäische Vorfahren, die vor ca. 170 Jahren nach NZ kamen und hier siedelten. Auf Vater's Seite sind Polen und Engländer. Wir hatten sogar englische Offiziere in unserer Familie! Ein Onkel von mir besuchte letztes Jahr England. Mich interessieren der Familienstammbaum und meine Wurzeln sehr, trotzdem mag ich von hier nicht weg, mag nicht auf Reisen gehen! Mein Vater kam ursprünglich um 1920 aus der Gegend von Auckland, von einem anderen Maori-Stamm. Er wurde von seinem Vater hergeschickt, um die Tochter eines Ngati Porou Sprechers zu heiraten, mit dem sein Vater zu dieser Zeit im neuseeländischen Parlament sass. Dieser hat übrigens damals erkämpft, dass die Maori hier an der Ostküste der Nordinsel ihr Land behalten konnten, nicht von der Britischen Krone enteignet wurden. Das hat den Stämmen viel Leid erspart. Sie konnten weiter auf ihrem traditionellen Land leben, müssen jetzt nicht vor Gericht kämpfen! Mein Vater hat im Übrigen nicht "die" Tochter, sondern eine andere junge Frau geheiratet - er hatte sich in meine Mutter verliebt!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Oh, sehr wichtig; ich kann immer auf meinen Familienstammbaum zurückgreifen. Das ich mich hier in den Fußstapfen meiner Vor- fahren zu bewegen, das ist für mich überlebenswichtig! Wo du hier hinschaust ist Fami- lienland. Früher waren wir Jäger. Wie die Pakeha kamen, fingen auch Maori mit Farm- arbeit an und machen das bis heute. Alle Familienmitglieder, die hier wohnen, leben überwiegend vom Ertrag unseres Landes. Das hat uns immer ernähren können; es ist hier sehr fruchtbar. Da wir traditionsgemäß sehr naturverbunden sind, liegt uns dieses Leben mehr, als in einer Stadt zu wohnen und zu leben. Wir waren 10 Kinder in meiner Ur- sprungsfamilie, 2 Mädchen und 8 Jungen und ich war der Älteste. Wir wurden von allen Familienmitgliedern beaufsichtig und sie kümmerten sich liebevoll um uns; wir wohnen ja alle sehr nah beisammen. Wir sind protestantisch aufgewachsen, meine Mutter und Großmutter waren sehr religiös, gingen immer zur Kirche. Unsere Kindheit war glück- lich! Wir alle hatten Aufgaben auf der Farm, arbeiteten mit; ich war für die Kühe zuständig. In unserer Freizeit gingen wir fischen, jagen, reiten und schwimmen im Fluss. Langweilig war uns nie! Die Familie ist sehr groß - Einige leben hier, Andere sind in die Städte, haben studiert, sind Rechtsanwälte. An Feiertagen kommen jedoch alle immer wieder zurück zu ihren Wurzeln. Wir feiern unsere Feste gemeinsam, haben einen starken Familienzusammenhalt!

Die Schulzeit war ok. Leider habe ich 2 Jahre nicht viel gelernt, weil der Lehrer nicht so gut war. Das mußte ich später alles nachholen! Mein Lieblingssport war Tennis und ich habe fast jeden Abend gespielt. An Biologie war ich am Meisten interessiert, die ganzen Zusammenhänge in der Natur und Menschen. Das finde ich auch heute noch fas- zinierend, glaube unbedingt an höhere Kräfte und spirituelle Energien. Wir Menschen sind so klein und unvollkommen ... Zu Hause wurde Maori gesprochen, in der Schule Eng-lisch; Maori war verboten! Ich kann immer noch beide Sprachen. Heute lernen die Kinder wieder Maori und ich helfe ihnen dabei.

Nach der Schule bin ich 5 Jahre in der Region herum gewandert, habe als Zäunebauer gearbeitet, auf anderen Farmen gejobbt. Ich hatte aber solches Heimweh, dass ich zurück kam und nie mehr fort bin! Gegen Städte bin ich ganz allergisch, da halte ich es nicht aus. Ich habe ja nie geheiratet, denn wie ich nach Hause zurück kam, waren alle jungen Frauen schon vergeben! So habe ich meine große Familie und 4 Kinder von verschiedenen Frauen, die ich unterwegs getroffen hatte; die Kinder lebten immer bei ihren Müttern. Ab und zu habe ich sie gesehen und 3 Enkelkinder habe ich auch.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Ich machte hier dann verschiedene Jobs, als Fischer, Forstarbeiter, Bus- und Taxifahrer. Mit 50 hatte ich einen schweren Motorradunfall und seit dem habe ich sieben Operationen an meiner Hüfte gehabt, kann nur an Krücken gehen. Das war am Anfang schwer für mich, nicht mehr so laufen und arbeiten zu können, wie früher! Ich bin ein aktiver Mensch und dieser Unfall hat eine große Veränderung in mein Leben gebracht! Da ich mich nicht gehen lassen und depressiv werden wollte, habe ich das Beste aus der Situation gemacht.

Seit Jahren erziehe ich meine Nichten und Neffen mit. Die Kinder machen mir Freude, sie lieben mich und vertrauen mir und ich liebe sie! Es ist eine gute, wichtige Arbeit; die Kinder sind unsere Zukunft! Andere Arbeiten kann ich natürlich auch machen, es ist halt jetzt überwiegend auf's Haus und die nähere Umgebung beschränkt. Ich bin davon über-zeugt, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und steuern kann!

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Schauen, dass die Kinder eine gute Ausbildung bekommen und nicht auf der Straße in Gangs landen! Das ist schrecklich, wenn Jugendliche Drogen nehmen, klauen, sich selbst umbringen; das pas- siert mit Maori-Jugendlichen in den Städten häufig. Ich halte ein gutes Familienleben und eine gute Ausbildung heute für ganz wichtig! Dann natürlich das Land, die Familie zu- sammenhalten, auch ein sehr wichtiges Ziel.

5. Welche Kontakte /Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Hier an der Ostküste der Nordinsel sind wir Maori ja in der Mehrheit, Weiße europäischer Her- kunft eine Minderheit. Heute ist die Atmosphäre gut, wir sind zusammengewachsen, ha- ben uns gemischt. Früher war das nicht immer so! Ich kann mich erinnern, dass wir Maori als schmutzig und faul bezeichnet wurden und die Weißen unter sich blieben, z. B. beim Tanz. Wir haben sie immer zu uns eingeladen, aber früher kamen sie nicht. Das hat sich im Laufe der Zeit zum Besseren verändert und ich finde es gut.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich halte nichts von radikalen, extremen Maori-Gruppen und Gangs. Ich bin ein friedlicher Mensch, der vor Gewalt zurückschreckt! Hier gibt es genügend Platz für alle, die in Neuseeland leben wollen, ob die Leute aus Europa, Asien oder den polynesischen Inseln kommen. Heute tätowieren oder malen sich die Mitglieder extremer Maori-Gruppen die Gesichter mit den Muku´s, den alten Stammeszeichen an, die sie sich nicht verdient haben! Früher haben das nur Maori getragen, die sich das durch ihr Verhalten als Krieger verdient haben, oder die Stammeshierarchie aufgezeigt haben. Ich finde das nicht in Ordnung! Ich halte es für wichtig, unsere Traditionen zu respektieren, wie die Muku's, unsere Sprache, unsere Kunst, den Respekt vor den Alten, den Respekt vor der Natur. Ich finde auch wichtig, dass wir andere Kulturen und andere Menschen genau so respektieren. Dann kann ein Zusammenleben gut gehen!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen