Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview RAGLAN Nordinsel 13. Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Die starke Wurzel von Mutter's Seite ist Maori, ihr Vater kam von Irland, also ein Seitenstrang in Europa. Waikato, das Königsland, ist die Region auf der Nordinsel, wo meine weibliche Linie herstammt. Meine Großmutter hatte um den Mund noch eine Tätowierung, das Muku. Diese Vorfahren kamen mit dem ersten Kanu aus dem polynesischen Raum vor ca. 1000 Jahren nach Aotearoa. Vater's Wurzeln von Maori-Seite sind auch in der Waikato-Region. Auch er hat einen Seitenstrang in Europa; sein Großvater kam von England. Ja, ich war schon in beiden europäischen Ländern, denn mit 18 Jahren habe ich eine Tournee mit einem Chor nach England und Irland gemacht. Ich hatte da allerdings wenig Zeit, mich privat umzusehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch nur wenige Informationen über diese Seite der Familie. Die liegen jetzt vor und natürlich habe ich Lust, die Ursprungsorte zu besuchen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Nun, das europäische "Loch" ist da und ich möchte in jedem Fall noch mehr raus bekommen! Es ist wichtig für mich. Über meine Maori-Wurzeln habe ich ein umfangreiches Wissen, habe eine sehr große Familie hier. Wir treffen uns oft, haben einen engen Kontakt. Das ist für uns Maori ganz wichtig, der Stammbaum und die Familie! Meine Eltern sind nun tot und meine Geschwister und ich sind jetzt die Ältesten. Meine Ursprungsfamilie lebt in der Nähe von Whanganui. Vater war Schreiner und Häuserbauer, Mutter organisierte den Haushalt, erzog die Kinder und bestellte den Gemüsegarten. Sie waren beide sehr religiös und christlich erzogen, pflegten jedoch auch die alten Maori-Zeremonien, wie bei Heiraten, Beerdigungen ...Wir waren 8 Kinder, 6 Mädchen und 2 Jungen; ich bin die Älteste. Nur 3 Kinder blieben bei meinen Eltern, die Anderen wurden von Verwandten adoptiert und aufgezogen. Das ist bei Maori nichts ungewöhnliches und wurde, bzw. wird aus verschiedenen Gründen praktiziert: Kinderlosigkeit, zu wenig Kinder, Krankheit oder Tod der Mutter. Bei traditionellen Maori-Stämmen auf dem Land schauen auch alle nach den Kindern, fühlen sich mit verantwortlich. Mein Elternhaus war gut. Von Mutter lernte ich alles Wichtige im Haus und im Garten. Wir Kinder haben immer assistiert, auch bei unseren Tieren, wie der Kuh, dem Geflügel. Vater war interessiert an Musik, hatte ein sehr gutes Gehör. Mit ihm sangen wir traditionelle Maori-Lieder; von ihm habe ich die Liebe zur Musik. Zu Hause wurde Maori gesprochen. Wir zogen dann nach Ratana, einem speziellen Platz/Ort, der nach dem Gründer benannt war, einem christlichen Maori-Religionsphilosophen. Er hatte Heiler-gaben und entwickelte eine spezielle Lebensform, eine Philosophie des Zusammenlebens. Ratana war ein autonomes Städtchen, mit eigener Post und Schule. Aus ganz NZ kamen Menschen, auch "Weiße", um gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Vater baute mit anderen die Häuser und wir lebten auch im Ort. Das Leben dort hat mich sehr beeindruckt, ich kann mich noch gut erinnern! Es war eine sehr enge Gemeinschaft, die z. B. alle anstehenden Probleme gemeinsam löste, wo alle Menschen füreinander da waren. In Ratana habe ich 3 Jahre verbracht, ging zum ersten mal in die Schule, habe dort auch Englisch gelernt. Es lebten auch anglikanische Pfarrer in der Gemeinschaft und einer von ihnen, ein Australier, wurde mein Ersatzvater. Er hat dort einen gemischten Chor ge-gründet - damals außergewöhnlich, das Maori verschiedener Stämme gemeinsam lebten und sangen!

Ich war das jüngste Mitglied des Chors und mit 10 Jahren ging ich zum 1.Mal auf eine Tournee in NZ, verließ praktisch meine Ursprungsfamilie. Meine Eltern stimmten dem nur unter der Bedingung zu, dass ich eine spezielle, weibliche Begleitung bekam - am Anfang eine Cousine, später eine Diakonisse - und privaten Unterricht. Der Chorleiter war insgesamt für mich verantwortlich. Von da reiste ich mit dem Chor im Land herum. Dann besuchte ich 3 Jahre ein methodistisches Mädchencollege und danach, mit 16, ging ich für 1 Jahr nach Auckland auf eine Haushaltungsschule - das war meine formale Erziehung. Nach dieser Zeit sang ich wieder im Chor mit und machte Tourneen; dieses Mal nach Australien und Europa. In England wurden wir der königlichen Familie vorgestellt, die ersten Fernsehaufnahmen wurden gemacht. Das war ein aufregendes, aber auch an- strengendes Leben und manches mal hatte ich Heimweh. Ich liebte jedoch Musik und sang mit Leidenschaft; das war mein Beruf! Nach der Europatournee löste sich der Chor auf. Für mich war das in Ordnung - keine schlechten Gefühle, denn es war eine schöne, lehrreiche Zeit. Ich habe dann eine Weile ohne Ausbildung als Krankenpflegerin gearbeitet, eine ganz neue Lebens- und Berufserfahrung. Nebenbei waren ab und zu Soloauftritte, auch im Rundfunk.

Meinen Mann habe ich in Wellington in einem Club kennen gelernt. Er hat österreichische, englische und italienische Vorfahren und war damals erst kurz in NZ. Ihn hat meine Selbstsicherheit und Selbständigkeit beeindruckt und nach 9 Monaten haben wir geheiratet. Wir haben eine Weile in Wellington gelebt und in dieser Zeit war ich zu Hause, habe eine kleine Nichte betreut. Später zogen wir nach Waikato/Hamilton und nach und nach kamen unsere Kinder. Es waren die Kriegszeiten und wir waren froh, über die Runden zu kommen. James und ich betreuten in dieser Zeit als Hausmeisterehepaar Häuser.

Alle unsere Kinder haben einen Maori-Namen und einen europäischen Namen. Mir war sehr wichtig, dass sie mit der Maori-Kultur vertraut wurden. Mein Mann und ich waren uns einig bei der Erziehung und es gab da nie Probleme. Einige unserer Kinder sind auch musikalisch, spielen Instrumente und eine Tochter singt. Heute sind sie über die ganze Welt zerstreut, einige leben in USA, Australien und Eng land. Wir beschlossen dann nach Auckland zu ziehen, da ich dort bessere Arbeitsmöglichkeiten als Sängerin hatte. Zu dieser Zeit sang ich in einem Familientrio, mit einer Schwester und meiner Tochter zusammen, Maori-Volkslieder im Rundfunk und auf Schallplatten. Einige Lieder habe ich auch selbst komponiert. Ein Freund von uns arbeitet damals in einem neuseeländisch-chinesischen Kulturkreis und so bekam unser Trio eine Einladung zu einem Festival nach China! Das war eine beeindruckende Reise für mich, der starke Kollektivgedanke der Chinesen, das riesige Land und die vielen Menschen, die Tai Chi - Übungen der Men- schen morgens in den Park's. Mein erster Besuch dauerte 3 Wochen, 2 weitere, längere Be- suche folgten nach 10 und 11 Jahren. So habe ich im Reich der Mitte die ganzen Veränderungen mit bekommen ...

Nach meiner Rückkehr von der 1.Reise wurde ich in Auckland von Maori gefragt, ob ich nicht als Lehrerin die Maori-Sprache vermitteln wolle. Damals wurden gezielt alte Maori gesucht, die die fast vergessene Sprache gelernt hatten und noch sprechen konnten. Ich hatte ein Interview im Lehrerkolleg, wurde mit 56 Jahren genommen und habe 1 Jahr Lerntechniken studiert. Auch diese, für mich sehr sinnvolle Aufgabe, macht mir großen Spaß und ich übe ihn bis heute aus! Überhaupt machen mir Sprachen Freude - das hat auch was mit Musik und Taktgefühl zu tun; ich spreche leidlich Französisch und Chi- nesisch, beschäftige mich mit der polynesischen Sprache. In den letzten Jahren habe ich auch Klavier spielen gelernt und gebe Unterricht. Ich male auch mit Leidenschaft und konnte schon einige Bilder verkaufen! Mein letzter Auftritt mit unserer Familiengruppe war vor 3 Jahren im Fernsehen im Programm "Wie der Haka (Maori-Kriegstanz) zum Boogie wurde...". Da kannst Du die geschichtliche Zeitspanne sehen, die ich gelebt habe!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Dazu lernen, das finde ich bis heute aufregend! Es gibt so viel interessantes Wissen und mich reizt alles, die Entstehung der Welt, der Kreislauf des Lebens, und Menschen.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Weiter als Lehrerin arbeiten zu kön- nen, mit Maori-Sprache und Klavierunterricht. Malen und kommunale Arbeit machen, so gut ich kann; das war und ist mir auch in Zukunft wichtig! Vor 10 Jahren sind J. und ich von Auckland hier her gezogen, an diesen schönen Platz und wollen unser Alter hier verleben.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Nun, meine Familie ist nun wirklich multikulturell! Also ganz praktische Erfahrungen aus unserem Alltag. Das ist aufregend im positiven Sinn und auch Lernen voneinander. Insgesamt sehr gute Erfahrungen.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Neuseeland ist ein guter Platz zum Leben! Konflikte gibt es bei Menschen immer mal wieder, das ist normal. Nur eine Frage der Lösungen ... Für Maori, die zum Teil bis heute um ihr enteignetes Land kämpfen, habe ich großes Verständnis. Wenn Unrecht geschehen ist, muss die Regierung das wieder gut machen! Ich hoffe sehr, dass die Konflikte bald gelöst werden.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen