Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview HAMILTON Nordinsel 8. Februar 1995

Persönliche Daten:

1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Von Mutter's Seite geht unsere Geschichte auf die ersten Waka's = Kanu's zurück, die in Aotearoa gelandet sind - das war vor ca. 1000 Jahren! Ein Großvater von dieser Seite ist halb Maori, halb Englisch. Er war Farmer und hat das Kaori = Land seiner Frau bewirtschaftet - die Farm ist heute noch in Familienbesitz! Es gab viele KünstlerInnen in ihrer Familie, wie Schnitzer, Weberinnen, aber auch Händler. Heute vermitteln Mitglieder meines Stammes in Rotorua TouristenInnen alte Maori-Kultur. Das Geld, das eingenommen wird, geht immer in die Stammeskasse und kommt allen von uns zu gute; davon werden die Ausbildungen der Kinder finanziert, Häuser gebaut ...Von Vater's Seite kommen die Leute aus dem Norden. Es gab Buschmänner, Händler und Farmer. Auch hier ist ein Großvater Engländer. Die Maori-Seite geht ebenfalls weit zurück. Die Familie hat nie ihr Land verloren, lebt seit Generationen dort. Europa und England habe ich schon besucht; es war gut für mich, diese Seite meiner Wurzeln kennen zu lernen! In Polynesien, dem Ursprungsraum der Maori, war ich bis jetzt noch nicht, möchte mich jedoch auch da umschauen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr wichtig! Zu wissen aus welchen Familien ich stamme, welches Blut ich in mir habe, welche Kultur mich geprägt hat ... Es ist mir auch wichtig an meine Kinder dieses Wissen weiter zu geben! Ich finde ebenfalls wichtig, dass sie wissen und akzeptieren, auch europäische Wurzeln zu haben und stolz darauf sind. Ich bin bei Tante und Onkel im Norden aufgewachsen, meinen Adoptiveltern. Das ist bei Maori nichts ungewöhnliches. Meine "Mutter" ist Maori, mein "Vater" ist englischer Her-kunft. Sie hatten 2 Söhne, konnten keine Kinder mehr bekommen und so haben sie mich adoptiert. Ich wusste das lange nicht. Erst mit 9 Jahren haben sie mir gesagt, dass sie nicht meine Ursprungseltern sind. Meine Mutter war nach meiner Geburt krank und so haben sie mich auf genommen. Die Eltern und 7 Geschwister kamen 1 mal im Jahr von Rotorua in den Norden zu uns zu Besuch und zuerst dachte ich immer, sie wären meine Verwandten ... In meiner Ersatzfamilie war ich glücklich, fühlte mich gut aufgehoben. Meine "Eltern" haben mich wunderbar erzogen, mir den Freiraum gelassen, den ich gebraucht habe. Sie hatten immer Zeit für mich, gaben mir gute Ratschläge, die mir bis heute helfen. Dass sie nicht meine richtigen Eltern waren, hat mich nie gestört - ich hatte eine sehr enges Verhältnis zu ihnen. Meine Ursprungsfamilie hat mich erst später interes-siert. Wie ich 14 war, wollte ich mehr wissen und habe sie besucht. Ich glaube, meine "Eltern" hatten damals Angst mich zu verlieren, haben mich jedoch ziehen lassen. Das fand ich gut! Ich bin auf einer Milchfarm aufgewachsen und wir Kinder hatten alle unsere Aufgaben = Mithilfe auf der Farm. Trotzdem blieb genug Zeit zu spielen. Zu Hause ging es mehr europäisch zu; wenn ich mit "Mutter" ins Marae = Versammlungshaus ging, zu unseren Maori-Verwandten, war es laut und herzlich; Disziplin hat da weniger eine Rolle gespielt. Auch lief dort die Zeit irgendwie anders! Es gab auch Unterschiede im religiösen Alltag. Zu Hause und in der Schule war eine traditionelle, protestantische Erziehung und Atmosphäre, im Marae bei den Maori spielten auch spirituelle Energien eine große Rolle. Zeremonien z. B. Weihnachten, Hochzeiten und Beerdigungen waren anders, dauerten viel länger. Das hat mich nie verwirrt, im Gegenteil, ich fand es spannend und habe beide "Seiten" für mich in eine gute Balance bekommen! Außer uns sprangen bei uns noch viele andere Kinder von Nachbarn und Verwandten herum - meine "Mutter" hatte ein großes Herz. In die Schule bin ich gerne, war gut im Lernen und hatte prima LehrerInnen. Das hat mir dann in der Highschool geholfen, denn die Kinder von den anderen Schulen waren nicht so gut drauf. Zuerst wollte ich Lehrerin werden, bei einem Workshop hatte ich jedoch die Gelegenheit mich besser über Berufe zu informieren und dann habe ich mich umorientiert. Mit 15 ging ich von zu Hause weg und auf das Politechnikum nach Auckland. Meine Eltern waren darüber nicht begeistert, hielten mich jedoch nicht ab. Zuerst hatte ich fürchterliches Heimweh! Dann lernte ich immer mehr Leute kennen; ich fing an die Stadt zu entdecken und das Business-Studium hat mir Spaß gemacht. Nach dem Studium fing ich bei Telecom an, habe verschiedene Abteilungen durchlaufen und zum Teil auch Schichtdienst gemacht. Dort war ich insgesamt 10 Jahre und habe in dieser Zeit auch neue KollegenInnen geschult.

Mit 21 traf ich Andy, meinen späteren Freund und Vater meiner Kinder - mit englischen Vorfahren. Er arbeitete auch bei der Telecom und wir verliebten uns, zogen zusammen, wussten jedoch nicht, ob wir heiraten wollten. Mit einer Freundin machte ich dann zuerst mal 3-monatige Europareise und besuchte unter anderen Ländern auch England. Die Reise hat mir sehr gut gefallen und gut getan - ich habe viel dabei gelernt. Wie ich zurück kam, wurde ich mit 25 schwanger und Andy und ich kauften ein Haus. Natürlich erwarteten unsere Familien jetzt, dass wir heiraten; das war für uns jedoch nicht so wichtig. Wir bekamen noch einen Sohn und lebten insgesamt 10 Jahre zusammen. Dann kam die Trennung - irgendwie ging es zwischen uns beiden nicht mehr gut. Wir verkauften alles und ich ging mit den Kindern wieder zu meiner "Familie" in den Norden, wollte ein paar Streicheleinheiten. Das klappte leider nicht! Alle waren eher irritiert über mich als unverheiratete, alleinerziehende Mutter ..., konnten damit nicht umgehen. Ich fühlte mich nicht akzeptiert mit meinen Entscheidungen. Das war keine gute Zeit, aber sehr lehrreich für mich. Es hat mir die Augen über unser gesellschaftliches Moralsystem geöffnet!

Ich beschloss mit den Kindern zu meiner Ursprungsfamilie nach Rotorua zu ziehen. Das war ein guter Entschluß und seit 5 Jahren leben wir da. Für mich gab es viel zu entdecken - ich lerne bis heute immer noch "neue" Verwandte kennen - meine Familie ist riesig! Ich denke, daß es da an der Zeit für mich war, zu diesen Ursprüngen zurückzukehren. Wir fühlen uns wohl, besonders mit den alten Maori-Sitten, die hier mehr gepflegt werden. Das ist mir auch für meine Söhne sehr wichtig. Denen gefällt es gut, manchmal vermissen sie jedoch ihren Vater. Beruflich habe ich nach der Geburt der Kinder immer nur kurz pausiert. Es ist hier relativ leicht für Frauen wieder einzusteigen - wir haben in NZ Ganztagesschulen. In Rotorua habe ich dann erst mal gejobt, war auch mal arbeitslos. Jetzt mache ich die Woche über in Hamilton einen 2-jährigen Computerlehrgang, der mir als alleinstehende Mutter vom Staat finanziert wird. Das finde ich gut! Die Kinder werden von Verwandten versorgt; an den Wochenenden fahre ich heim, schaue nach ihnen. Wochentags lebe ich hier im YMCA für Frauen, wo wir uns kennengelernt haben! Wenn ich fertig bin, in 1 1/2 Jahren, habe ich sehr gute Aussichten auf eine qualifizierte, gut bezahlte Stelle als Operator in der Datenverarbeitung. Das ist wichtig für mich und die Kinder, ökonomisch unabhängig zu sein, uns eine gute Zukunft zu sichern!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Adoptiveltern gaben mir eine liebevolle, gute Lebensgrundlage. Dann natürlich vom Land in die Stadt zu kommen, diese Lebensart zu entdecken. Auch meine Europareise war eindrucksvoll und lehrreich, hat meine Sichtweisen verändert. Andy und die Kinder sind mir wichtig. Und zu entdecken, daß Frauen weltweit, egal welche Rasse, doppelt und dreifach diskriminiert werden!

Es regt mich auf und ärgert mich höllisch, als allein erziehende Frau und Mutter oft wie Dreck behandelt zu werden! Ja und natürlich meine Ursprungsfamilie zu entdecken, mich mit meinen Wurzeln auseinander zusetzen, nach Rotorua zu ziehen ...

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Meine Ausbildung fertig machen und dann wieder in den Norden ziehen! Ich möchte dort Frauen mein Fachwissen weiter vermitteln, in der Erwachsenenbildung als Lehrerin arbeiten und ihnen Mut machen ihre ei-genen Wege zu gehen. Schauen, dass meine Kinder sich weiter gut entwickeln, eine gute Balance zwischen beiden Kulturen hier in Aotearoa/Neuseeland bekommen.

5. Welche Erfahrungen/Kontakte hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Ich bin immer mit zwei Kulturen aufgewachsen, bin offen und neugierig auf andere Kulturen und Wertesysteme. So habe ich Freundschaften mit Pakeha, Islandern, eine chinesische Freun-din. Alle haben so ihre Eigenarten und das finde ich reizvoll, manchmal auch kompliziert mit programmierten Missverständnissen ... Mit Goodwill, Respekt und Toleranz ist jedoch alles möglich!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Na, Rassismus und Diskriminierungen gibt es ja nun tatsächlich immer wieder und überall auf der Welt, leider. Wir alle müssen aufpassen, denke ich und bei uns selbst anfangen. Hier in NZ läuft es nicht so schlecht, im Vergleich mit anderen Ländern! Wir haben hier diesen speziellen und alten Landkonflikt zwischen Pakeha und Maori, ein Konflikt, der 150 Jahre alt ist. Das bringt immer mehr Unruhe, weil wir Maori uns nicht mehr alles gefallen lassen und heute auch sehr gut ausgebildet sind, mit anderen "Waffen" kämpfen als früher! Ich denke, die Menschen hier werden sich einigen müssen, um eine für beide Seiten annehmbare, gemeinsame Zukunft zu haben! Viele Menschen arbeiten an Lösungen, ich trage auch dazu bei.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen