Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND Nordinsel 12. März 1995

Persönliche Daten:

1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren?

Meine Vorfahren kommen alle aus Tonga, dem Königreich im Südpazifik. Wir haben kein fremdes Blut in der Familie. Tonga war nie eine Kolonie, wie viele andere Inseln im Pazifik - wir waren immer unabhängig! Bei uns ist es für Fremde nicht erlaubt, Land zu erwerben und zu besitzen. Das Land gehört uns! Seit 12 Jahren lebe ich nun in Neuseeland. Ich kam mit 14 Jahren hier her zu meinem Bruder und meiner Schwester, die schon da waren, um bessere Chancen für eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz zu bekommen. Beides ist rar in Tonga, deswegen sind viele Tongalesen in den USA, in Australien und hier. Ich habe meine Leute in der Zwischenzeit 8 oder 9 mal besucht, möchte irgend wann mal für immer zurückgehen!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

In Tonga haben wir grosse Familien, richtige Clans, aber wir gehören keinem Stamm an, wie die Maori hier in NZ. Meine Familie ist sehr gross - das ganze Dorf, wo ich geboren und aufgewachsen bin, ist miteinander verwandt! Meine Eltern und mein ältester Bruder leben immer noch da. Wir sind 11 Kinder, 7 Jungens und 4 Mädchen, ich bin der Zweitjüngste. Mein ältester Bruder ist schon 48, wir haben also große Altersunterschiede bei den Geschwistern. Die Eltern haben uns erzogen: niemand von uns wurde adoptiert, wie so oft bei den Maori. Natürlich hat das ganze Dorf auf uns mit aufgepasst ... In unserem Dorf und auf Tonga sind alle religiös - die Kirche ist wichtig für uns. Ich bin auf der Farm der Eltern aufgewachsen, mit viel Liebe, also einem warmen Nest! Bei uns wird hauptsächlich Landwirtschaft betrieben. Wir haben wenig Industrie auf den Inseln. Als ich mit 14 weg bin, hatte ich zuerst schreckliches Heimweh, hab alles so vermisst. Heute denke ich mit Liebe und Zuneigung an mein Land und meine Leute - weiss, dass ich zurückgehen werde!

In die Schule bin ich gerne gegangen. Die Freunde, das Lernen hat Spass gemacht. Sport habe ich auch gerne gemacht, besonders Rugby, das spiele ich bis heute! Für meine Eltern war es wichtig, dass wir alle eine gute Ausbildung bekamen. Da nie viel Geld da war, ist es bei uns in Tonga üblich, dass die älteren Geschwister, speziell die Brüder, für die Anderen mitsorgen und Geld zur Ausbildung dazugeben. Auch ich schicke immer wieder Geld nach Hause. Eine gute Sache - wir können uns immer auf unsere Familie verlassen!

Wie ich nach NZ kam, musste ich viel lernen. Erstens war für mich neu in der Stadt zu leben, dann gleich Auckland und Englisch als Fremdsprache! Auch wurde ich mit vielen Menschen anderer Kulturen konfrontiert, mit Europäern, mit Asiaten, mit anderen Isländern und mit Maori. Und dann das Gymnasium, die neue Schule! Auf der einen Seite war das aufregend, auf der anderen Seite war ich überfordert, fand alles zuviel. Manchmal war es auch gefährlich! Ich habe gute und schlechte Sachen gelernt, wie Alkohol trinken, Straßenkämpfe mit Gangs und manchmal zu klauen.. Auch hier spielte ich Rugby, reiste mit dem Team umher und war auch schon Teamchef. Nach der Schule bin ich auf das Polytechnikum in Auckland und habe ein Ingenieur-Studium angefangen, mußte jedoch mit 21 aufhören, weil das Geld ausging. So habe ich nur den ersten Abschluß der Aus-bildung. In dieser Zeit habe ich Myra, meine Frau kennengelernt. Wir hatten ein Rugby-Match gegen ein Samoa-Team und hinterher haben wir zusammen gefeiert; da war auch M. dabei. Ihre Eltern waren über unsere Heirat nicht begeistert. Lieber wäre ihnen gewesen, wenn sie einen Samoan geheiratet hätte; sie haben mich nie akzeptiert; unser Verhältnis ist schlecht. Ich finde das hart und ungerecht - es macht mich, meine Frau und meine Kinder unglücklich! So hängt Myra "zwischen 2 Stühlen", denn ihre Familie ist ihr natürlich auch wichtig. Das stört unsere Ehe sehr und wir wissen nicht, ob wir zusammen bleiben. Ein paar Mal haben wir uns schon getrennt und waren dann wieder zusammen ...

Nach der Uni habe ich 4 Jahre in einer Lederfabrik gearbeitet, erst als Arbeiter, dann als Vormann. Es hat mich gefreut, mehr Verantwortung zu bekommen - dass meine Arbeit und mein Können anerkannt wurden! Ich bin ehrgeizig und möchte alles gut machen ... Klar war für mich immer, dass ich das Studium fertig machen werde. So mache ich im Moment Zeitarbeit, um dann im Herbst mit dem 2.Diplom den Abschluss zu haben. Der Staat zahlt etwas zu den Kosten, das muss ich jedoch hinterher zurückzahlen. Meine Chancen sind dann gut, eine Stelle als Ingenieur zu bekommen.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Familie - der Zusammenhalt, die Wärme. Wir arbeiten alle viel und sind stolz darauf, Erfolg zu haben! Ich fühle mich immer noch als Tonga-Mann, bin stolz auf mein Land. Der Wechsel von Tonga nach Neuseeland hat natürlich mein Leben stark verändert, zum Guten denke ich. Meine 2 Töchter, die ich sehr liebe - sie sind wichtig für mich, z. B. dass sie behütet aufwachsen, eine gute Ausbildung bekommen ...

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Das mit unserer Ehe und Myra beunruhigt mich, macht mich traurig. Auch was mit den Kindern wird, ist unklar. Ich weiss nur, dass ich sie nicht aufgeben werde, weiter engen Kontakt mit ihnen haben will. Dann das Studium fertigmachen und in andere Länder gehen, arbeiten und reisen! Ich hatte schon in der Lederfabrik die Chance nach Europa zu gehen, aber da war Myra schwanger ... Im Urlaub war ich schon in Australien; ich kann mir vorstellen auch da zu leben.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Überwiegend mit anderen Islandern. Einige sind gute Freunde von mir, auch Samoan's. Und dann natürlich zwangsläufig mit den "Weißen"; Neuseeland ist eine "weiße" Gesellschaft! Mit Maori weniger, die sind mir nicht so nah; sie sind anders als wir Islander, zumindest Maori, die hier in der Stadt leben. Andere kenne ich nicht. Wir sind alle unterschiedlich und das ist ok! Ich finde es nicht gut, wegen der Rasse, der Nationalität abgelehnt zu werden. Meine Tonga-Familie hat z. B. Myra freundlich aufgenommen, obwohl sie Samoan ist ...

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich sehe schon, dass es hier für alle Chancen gibt. Wir "Farbigen" müssen halt besser ausgebildet sein, um qualifizierte Arbeitsplätze zu bekommen! Politik finde ich langweilig. Das interessiert mich nicht. Ich hätte am liebsten keine Grenzen, so dass ich da leben und arbeiten kann, wo ich will. Das wäre viel menschlicher! Die Maori mit dem Kampf um "ihr" Land - warum haben sie sich das wegnehmen lassen? Das ist alles schon so lange her ... Den alten Zustand wieder herstellen - völlig unrealistisch! Das ist doch Vergangenheit und die Situation ist jetzt eben anders. Sie sollten lernen, sich umzustellen. Das ist meine Meinung.

Das Interview mit Fili und Myra war als "übergreifende Heirat" zwischen einer Neuseeländerin, mit Ursprungland Samoa, und einem Tongalesen geplant. Myra's Interview kam leider nicht zustande, weil die beiden sich trennten und der Kontakt zu ihr abbrach. Da die Problematik der verschiedenen ethnischen Volksgruppen in NZ auch Thema des Buches ist, entschied ich mich, Fili's Interview trotzdem im Buch zu lassen, obwohl er nicht die neuseeländische Staatsbürgerschaft hat.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen