Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview HICKS BAY Nordinsel 30. Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Ich bin von beiden Seiten die 4. Generation in NZ - Mutter's Leute kamen aus Skandinavien, Schottland und Irland; Vater's aus England. Ich selbst bin stark mit NZ verbunden, das ist meine Heimat! Meine Großeltern hatten hier in der Region das erste Walboot und den ersten Shop, wo man wirklich alles kaufen konnte, auch Seife, die Großmutter selbst her-stellte. Meine Leute bauten auch Boote und die Plätze sind heute noch zu sehen! Ich war nie in Europa. Natürlich interessiert mich das - Don und ich wollen bald hinfahren.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln? Ganz, ganz wichtig!

Ich habe eine sehr große Familie, die in meiner Kindheit alle hier oben, am East Cape der Nordinsel lebten. Wir wohnten dicht beieinander und haben zusammen gearbeitet und die Ferien zusammen ver- bracht. Unser "Clan" ist heute noch in der ganzen Gegend bekannt! Wir Kinder waren eine richtige Gang, gingen jagen und fischen. In meiner Ursprungsfamilie waren wir 4 Kinder, 3 Mädchen und 1 Junge; ich war die Älteste. Geschlechtsspezifische Rollenteilung gab es nicht, wir Kinder machten auf unserer Farm alle Arbeiten. Ich war immer gerne in der Natur, bin ein Erdmensch. So bin ich mit dem Vater raus auf's Feld, bin Traktor gefahren und habe pflügen und säen gelernt, Zäune reparieren. Ein Onkel baute Steinhäuser, Mau- ern und Schwimmbäder und er brachte uns Kindern bei, wie man Zement mischt etc. Dieses Lernen in unserem Alltag war eine sehr gute Lebensgrundlage für später! Von der Mutter lernte ich kochen, nähen, spinnen und Seife machen. Ah, sie machte so gute Seife aus Kräutern, wie z. B. Lavendel, die sie auch selbst sammelte. Unsere Familie hält auch heute noch stark zusammen, wir sind 60 Leute und die Meisten leben immer noch hier. Natürlich sind wir christlich erzogen worden und jeden Sonntag zur Kirche mit einem alten Ford gefahren. Vater betrieb nebenbei noch eine Sägemühle und auch da konnten wir Kinder spielen. So hatte ich eine friedliche Kindheit, viel Platz und Freiheit, viele Spielkameraden. Wir Kinder sind auch praktisch auf Pferderücken aufgewachsen, konnten alle reiten wie der Teufel, schwammen und tauchten selbstverständlich auch. Wir haben hier als eine "weiße" Minderheit unter Maori gelebt und tun es immer noch. Es gab keine Probleme zwischen uns und ich habe immer ihre Liebe und den Respekt zur Natur geteilt. Meine Aufgaben zu Hause waren die Kühe melken, was ich sehr gerne machte. Dann Eier einsammeln, das Feuerholz sammeln und Gartenarbeit, denn wir waren Selbstversorger mit Gemüse und Obst. Rückblickend habe ich die ganze technische Entwicklung hier erlebt: vom Holzfeuer, Kerzen als Beleuchtung, dann Petroleum- und Kerosinlampen und später einen eigenen Stromgenerator! In der Schule hat mich der Unterricht nicht so interessiert, sondern die anderen Kinder und der Sport, speziell Basketball! Da war ich im Schulteam und reiste auch zu Wettkämpfen in andere Landesteile. Das war spannend und Mutter hat dafür immer neue Kleider genäht! Tierarzt war mein Berufswunsch, ich wollte jedoch für ein Studium nicht von zu Hause weg. So habe ich halt meine praktischen Erfahrungen mit Tieren aus dem Alltag angewandt und bin hier geblieben, bin nie weg ge- gangen! Nach der Schule bin ich hier für 2 Jahre auf die Abendschule und habe Schrei- nerin gelernt. So habe ich auch das Haus hier mit gebaut!

Meinen Mann habe ich beim Badmington/Federballspiel kennen gelernt, er hat sich in meine selbstgebackenen Pie's verliebt! Mit 18 habe ich ihn getroffen und wir haben dann bald darauf geheiratet. Don hatte eine Milchfarm und da habe ich dann mitgearbeitet, den Haushalt gemanagt, die Kinder aufgezogen. Alles, was ich in der Kindheit und später ge- lernt hatte, konnte ich hier anwenden, das hat Spaß gemacht! Auch ich habe, wie Mutter, für die Kinder alles selbst genäht, Wolle gesponnen und gestrickt. Von einer Tante, die in einer Bäckerei gearbeitet hat, habe ich abgeschaut, wie Torten gebacken werden. So ist eine Leidenschaft von mir Festtagstorten backen; ich nehme auch Aufträge aus der Nach- barschaft an für Hochzeiten, Geburtstage etc. In der Zwischenzeit habe ich eine ganze Kollektion mit Photo's von diesen Tortenkreationen!

Don und ich haben dann die Farm aufgegeben und hatten 7 Jahre ein Fuhrunternehmen. Wir fuhren große Truck's, transportierten Wolle, Vieh, Bulldozer ... hier in der Region, manchmal sogar Viehtransporte bis nach Auckland. Danach haben wir 2 in Team-Arbeit für Andere 3 Jahre Zäune gebaut. Dann hat Don als Busfahrer gearbeitet und ich habe von einer Frau, die das 33 Jahre gemacht hat, die Poststelle übernommen. Nebenbei habe ich auch noch in einem Motel gekocht. Ja, so schön es bei uns ist, der tägliche Existenz- kampf ist einfach da. Es gibt in der Region NZ's zu wenig bezahlte Arbeit und viele Menschen haben mehrere Jobs, um sich "über Wasser zu halten". Die Alternative ist weg zu gehen, in die Städte. Das wollen jedoch die Meisten nicht, weil sie hier verwurzelt sind! Unsere Töchter wurden während der Arbeit von der Familie mit betreut. Später gingen sie ins Internat - Don und ich wollten, dass sie eine gute Erziehung bekommen. 1987 hat die Regierung 803 Poststellen geschlossen und ich verlor meinen Postjob, ebenso wie Don, da auch viele Busstrecken gestrichen wurden. In dieser Zeit waren hier schon Touristen unterwegs und es gab nur den Campingplatz und das Motel. So starteten Don und ich 1989 die erste Back-Packer Lodge an der Ostküste! Ich manage das Meiste, Don hilft mit und baut noch Zäune nebenbei, denn alleine von den Touristen könnten wir nicht leben, weil es ein Saisongeschäft ist. Wir sind im Moment sehr zu- frieden mit unserem Leben! Der Platz hier ist sehr schön und mit Menschen umzugehen hat uns auch schon immer Spaß gemacht. Wir brauchen eigentlich nicht selbst zu reisen, dann "die ganze Welt" kommt zu uns! Du bist ja auch bei uns gelandet ... Die Menschen, die hier her kommen, werden von uns wie Familienmitglieder behandelt. Wir wollen, dass unsere Gäste sich wohl fühlen, geben Tips, machen Ausflüge zusammen.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Wie ich aufgewachsen bin, das Leben hier am East Cape, das mich geprägt hat und wo ich gerne weiter leben möchte! Und das Kinderbuch HEIDI von Johanna Spoeri, der Schweizerin! Das hat mich in meiner Kindheit sehr beeindruckt, denn HEIDI hat alles ausprobiert, war sehr mutig! Ein sehr gutes Vorbild für mich als Mädchen; das Buch war übrigens Pflichtlektüre in unserer Schule ...

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Mit Don zusammen nach Europa reisen! Mehr Gesundheit für Don, er muss auf sich aufpassen. Und eventuell diesen Platz hier ausbauen, ein Restaurant aufmachen - wir werden sehen. Auch ist mir und Don daran gelegen, dass sich die Region hier weiter entwickelt. Wir arbeiten zusammen mit Anderen an einem Konzept, überlegen was wir verändern wollen und was nicht! Wir Älteren wollen nicht, dass die Jungen wegen der Arbeit in die Stadt gehen müssen und da vielleicht vor die "Hunde" gehen! Wir wollen hier neue Arbeits- plätze schaffen, z. B. im Touristikbereich, ohne das die Region ihre Eigenheit verliert.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Na, die Touristen, das ist natürlich spannend, weil sie alle unterschiedlich sind. Islander, Asiaten wohnen hier nicht, die Mehrheit der Menschen sind hier Maori. Wir hatten immer eine sehr gute Nachbarschaft und kennen unsere Familiengeschichten, laden uns zu Familien- festen gegenseitig ein. Unterschiede gibt es in der Zeitdauer der Festlichkeiten, bei den Maori dauert alles viel länger, z. B. Hochzeiten, Beerdigungen ... Die Maori greifen hier auch noch oft auf alte Heilkräuter zurück; da habe ich viel von ihnen gelernt. Dann haben sie ihre eigene Rituale und Zeremonien, die wir nicht leben, jedoch respektieren. Sie re- spektieren ja auch uns, mit unseren Traditionen! Ja, es ist ein gutes Zusammenleben.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Hier vor Ort prima, keine Probleme. An anderen Orten wohl, wie der Landkonflikt zwischen den Pakeha und Maori. Am East Cape haben viele Maori nie ihr Land verloren, leben seit "ewigen" Zeiten da. Sie hatten schon sehr früh einen für sie sehr wichtigen Maori-Mann im Parlament, der das für sie durchgesetzt hat. Übrigens, die Bezeichnung PAKEHA = Fremder oder Weißer, das Wort wurde früher nicht gebraucht, das kam erst in den letzten Jahren mehr im Alltags- sprachgebrauch auf! Wenn ich mir so die Probleme von Auckland im Fernsehen anschaue, als multikulturelle Stadt mit vielen Islandern und Leuten aus asiatischen Ländern - das ist weit weg von uns. Da habe ich manchmal Schwierigkeiten, das nach zu vollziehen. Ich denke, je mehr unterschiedliche Menschen zusammen leben, je größer die Gefahr für Kon- flikte. Und mit Sicherheit sind Konfliktlösungen in großen Städten schwieriger als auf dem Land, wo es nicht so anonym zugeht. Ich bin der Meinung, dass es mit gutem Willen von allen Seiten möglich ist, alle unter "einen Hut" zu bekommen. Wir hier am East Cape leben das vor!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen