Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview HAMILTON Nordinsel 9.Februar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Meine Mutter ist Tochter indischer Eltern, hier in NZ geboren. Ihre Eltern sind Bramin und aus Indien eingewandert. Ich bin die dritte Generation, die hier lebt. Mein Vater ist ebenfalls indischer Abstammung, auf Fiji geboren. Seine Leute sind von Indien nach dort ausgewandert, wie viele InderInnen. Er war die 3. Generation auf Fiji, ging dann nach NZ, wo er meine Mutter traf. Von seiner Seite bin ich hier also die 2.Generation. 30 meiner Familie leben in NZ; einige sind noch auf Fiji, andere leben in Australien. Leider kenne ich Indien nicht, auch nicht Fiji. Beides reizt mich sehr, vor allem Indien, dieses riesige Land mit seinen alten Kulturen. Was ich allerdings nicht mag, sind Kastensysteme. Ich identifiziere mich stark als Inder - in diesem Fall bin ich jedoch Neuseeländer, denn ich habe etwas dagegen, wenn Menschen unterschiedlich behandelt werden!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Wichtig! Meine Herkunft hat mich doch stark ge- prägt. Schau mich an, Du kannst meine indische Herkunft sehen ... In meiner Familie sind wir 6 Kinder, 4 Jungens und 2 Mädchen; ich bin der Jüngste. Wir hatten gute und schlechte Zeiten. Mein Vater hatte Alkoholprobleme - darunter haben wir alle gelitten. Mein Verhältnis zur Mutter war viel enger, sie war überhaupt der Mittelpunkt der Fami-lie! Sie starb, als ich 17 war und das war schlimm für uns. Sie hinterließ ein großes Loch. Ich bin jedoch im christlichen Glauben der Zeugen Jehova's aufgewachsen. und glaube an die Seelen der Verstorbenen ... So ist sie immer bei mir. Meine jüngste Schwester Laxme ist für mich so eine Art Mutter- und Familienersatz. Sie ist verheiratet, hat 3 Kinder und bei ihr fühle ich mich besonders wohl! Mit L. kann ich wie mit Mutter über alles reden, zu ihr habe ich großes Vertrauen. Die Schulzeit war für mich nicht so erfreulich; ich bin nicht gerne in die Schule gegangen. Das Beste waren meine Freunde und Freundinnen, Maori, Isländer, Pakeha ... Das Lernen fand ich nicht so wichtig, allerdings hatte ich einmal einen Lehrer, der wichtig für mich war - ein positives Rollenvorbild. In dieser Zeit habe ich mit Leidenschaft Te Kwando betrieben und hatte auch einen NZ-Titel in dieser Sportart. Nach der Schule wollte ich erst Geld verdienen und hatte verschiedene Jobs bei der Eisenbahn, im Verleihcenter für Maschinen, dann im Verkauf für Maschinenteile. Später habe ich mich entschlossen, eine Ausbildung als Grundstücksmakler zu machen. Die läuft jetzt seit 2 Jahren und in 2 Monaten bin ich fertig. Verliebt habe ich mich auch zwischendurch und habe sogar eine Tochter! Nur zusammen leben wollte meine Freundin, eine Maori und ich nicht, das konnten wir uns nicht vorstellen.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Der Tod der Mutter hat mich eine Weile aus der Bahn geworfen, - das war ein starker Einschnitt in meinem Leben, hat mich stark geprägt. Der eigene Entschluss wieder lernen zu wollen, freiwillig auf eine Schule zu gehen und Erfolg zu haben; das ist ein großartiges Gefühl!!! Es hat mich positiv verändert und alle Menschen um mich herum haben es gemerkt ... Dann meine Tochter, die ich sehr liebe. Gott sei Dank lebt sie mit ihrer Mutter in der Nähe und ich kann sie oft sehen. Es ist mir wichtig, dass sie weiß, wer ihr Vater ist, woher ich komme. Sie liebt mich auch, freut sich riesig, wenn ich komme und das ist schön!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Mich beruflich etablieren, Erfolg haben und zufrieden sein! Die Liebe meiner Familie und meiner Tochter ... Später mal heiraten - möglichst eine Inderin, die in NZ geboren und aufgewachsen ist. Das gibt weniger Konflikte mit unterschiedlichen Wertesystemen, wie z. B Religion, Esskultur, Erziehungsfragen ... Ich möchte auch gerne mehr Kinder haben. Nach Fiji und Indien reisen, nach Australien gehen und meine Cousins und Cousinen besuchen.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Na mit den Leuten, die hier leben, in der Schule, in der Nachbarschaft. Hamilton ist eine multi-kulturelle Stadt; das ist toll. Ich fühle mich hier sehr wohl - es läuft prima zwischen den Menschen! Ich mache keine Unterschiede zwischen Hautfarben, in meinem Freundeskreis sind ALLE vertreten! Kürzlich habe ich jedoch einen Schock bekommen, weil ich nicht darauf gefasst war, wegen meiner Hautfarbe, meines Äußeren so diskriminiert zu werden, wie mir das während einer Urlaubsreise auf der Südinsel NZ's passiert ist. In Kaikoura war es prima, da laufen eh Leute aus aller Welt herum. Aber Christchurch, das war der Hammer! Und zwar vom blöd anstarren, bis anfassen, sich umdrehen und dann waren da auch Skinheads, die eine körperliche Gewalt ausgestrahlt haben ... Mir war ganz schlecht, ich kenne so was nicht, bin es nicht gewohnt - also furchtbar! Da könnte ich nicht leben. Ich wusste vor dieser Reise nicht, wie unterschiedlich das in NZ sein kann. Die Leute da sind nicht an "farbige" Menschen gewöhnt wie wir hier in Hamilton oder in Auckland.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich sehe für mich Zukunft hier auf der Nordinsel. Viele Chancen, Offenheit und Respekt untereinander - es geht also, das Zusammenleben, wenn alle es wollen! Von meinem Gefühl her bin ich ein indischer Neu-seeländer und stolz darauf! Auch die Maori, die ich hier in Hamilton kenne, sind in den letzten Jahren stolzer geworden und das finde ich gut. Wurzeln zu verleugnen tut nicht gut - das macht einen schwach. Ich finde unsere Mischung spannend und erfrischend!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen