Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview MANUTUKE Nordinsel 20. Januar 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Die Großmutter von Mutter's Seite ist in England geboren, hatte einen holländischen Vater. Der Großvater kommt von Tiararo, der Nordinsel NZ's, er war halb Englisch/halb Maori und 52 Jahre lang ein anglikanischer Pfarrer. Vor diesem Großvater hatten wir Kinder im- mer besonders Respekt, wegen seiner Kirchenkleider und weil er ein "heiliger" Mann war. Er ritt damals noch mit dem Pferd zum Gottesdienst! Beide Großeltern von Mutter's Seite habe ich noch erlebt. Der Großvater von Vater's Seite kam von Dublin/Irland und war Protestant. Er kam mit 18 über Australien nach NZ, landete an der Ostküste der Nordinsel und heiratete meine Großmutter, eine Frau von Tikitiki. Ihr Vater kam von Brasilien, war Portu- giese und heiratete eine halb Maori/ und halb/Spanierin! Du siehst, in meiner Familie ist fast alles vertreten und manches noch unklar, wie deutsche und jüdische Vorfahren ... Von Mutter's und Vater's europäischer Seite bin ich die 3. Generation in NZ, von der Maori-Seite die .., na fast 1000 Jahre hier in NZ. Bis jetzt habe ich keines der europäischen Länder besucht. Gerne möchte ich mal hin, die Länder der Vorfahren anschauen und die mir bekannten Verwandten besuchen.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Sehr, sehr wichtig! Wer bin ich - das war für mich notwendig heraus zu bekommen, wenn ich mich manchmal anders fühlte, als Andere hier. Das hat dann manches für mich erklärt! Zu Hause waren wir 9 Kinder, 5 Mädchen und 3 Jungens. Unsere Eltern waren sehr liebevoll mit uns. Beide sind sehr familienbewusst und protestantisch erzogen; diese Werte haben sie uns weiter vermittelt. Sie hatten immer Zeit für uns, beide tranken und rauchten nicht, arbeiteten hart. Da auch die Großeltern bei uns wohnten und uns mit erzogen, waren wir gut aufgehoben. Meine Schulzeit war ok - ich wusste Bildung ist wichtig! Ich bekam dann Typhusfieber und konnte 1 Jahr nicht in die Schule gehen. So verlor ich den Anschluss, hörte auf und fing zu Hause auf der Milchfarm an mit zuarbeiten. Wir produzierten damals die ganze Butter für die Ostküste. Ich blieb die nächsten 10 Jahre. Von Kindheit an habe ich Rugby gespielt, war dann in der Liga und kam aus meinem Dorf heraus, lernte Neuseeland kennen! Das war natürlich toll, obwohl mir zu Hause nie lang- weilig war. Wir arbeiteten jeden Tag hart; am Sonntag ging es in die Kirche und in der Freizeit gingen wir fischen, haben den Busch entdeckt. Das war meine Kindheit und Jugend. Nach den 10 Jahren Mitarbeit auf der Farm meinten meine Eltern, dass es an der Zeit wäre, mal von zu Hause weg zukommen! So ging ich nach Gisborne zu Verwandten, lebte dort und arbeitete zu erst bei Straßenarbeiten mit, dann als Busfahrer. Ich habe Tour- isten herumgefahren und ihnen einiges über die Geschichte der Region erzählt. Das hat mir Freude gemacht und die Leute mochten mich. In der Zwischenzeit hatte ich meine spätere Frau Phyllis kennen gelernt. Wir waren beide sehr sportlich - sie war Kapitän des Frauenhockey-Team's und ich Kapitän des Rugby-Team's! Beide sind wir auch während unserer Ehe immer sportlich aktiv gewesen und hatten da natürlich viel Verständnis für einander. Wir haben gute Jahre zusammen erlebt; Phyllis ist die Hauptperson in unserer Familie, der Mittelpunkt! Mit unseren Kindern haben wir gute Erfahrungen gemacht und viel mit ihnen gelernt. P. konnte nach dem ersten Sohn keine Kinder mehr bekommen und so haben wir uns ent- schlossen einen zweiten Jungen zu adoptieren, es nie bereut! Nach und nach wurden Busfahrer nicht mehr so gebraucht und wie ich 52 war, bekam ich die Kündigung. Das kam nicht überraschend, die Entwicklung war abzusehen. Ich hatte jedoch keine neue Arbeit und da mein Bruder schwer krank in Auckland im Krankenhaus lag, ging ich hin und pflegte ihn mit, bis er starb. Als ich zurück kam, bewarb ich mich als Verkaufsfahrer. Ich habe trotz meines Alter's den Job bekommen, weil ich guten Mutes war und mich zudem sehr gut in der Region auskannte! Das mache ich bis heute und mit Erfolg, denn wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig ... Ich konnte nach und nach die Verkaufszahlen erhöhen, weil ich die Kunden gut kannte - mit ihnen ein Schwätzchen hielt, immer freundlich und gut gelaunt war. Die Menschen spüren es, wenn der Job einem Spaß macht!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Eltern haben mich stark beeindruckt und beeinflusst mit ihrer klaren Lebensweise. Wenn ich zurückschaue, habe ich mit meiner Familie ein riesen Gluck gehabt, sie hat mich stabil gemacht. Wenn ich da andere Familien sehe ..., kein Wunder, dass die Kinder unsicher und labil sind. Da habe ich um mich herum einiges Negative erlebt. Meine Eltern haben die Grund- lage für mein zufriedenes, gutes Leben gelegt! Auch mein Großvater war mit seiner Philo- sophie prägend für mich. Er hatte einen Laden und gab den Menschen auch dann die gewünschten Waren, wenn sie nicht gleich bezahlen konnten, ohne anzuschreiben! Er vertraute ihnen und sie brachten später immer das Geld ... Andere Leute konnten sein Verhalten oft nicht verstehen, er blieb sich jedoch selbst treu. Das fand ich großartig und hat mich sehr beeindruckt. So baue ich auch auf die Ehrlichkeit der Menschen und ich bekomme dieses Vertrauen zurück.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Ich möchte das machen, was Du machst! Ich möchte mir die Welt anschauen, reisen! Das reizt mich - zusammen mit Phyllis möchte ich los ziehen ... Dann will ich hier die Gemeindearbeit weiter machen. Auch das macht mir Spaß, z. B. mit P. zusammen eine Rugby-Liga und ein Sport-Zentrum auf zu bauen, um die Jugendlichen von der Straße weg zu bekommen. In meinem Job möchte ich der beste Verkaufsfahrer werden! Dann meine Familie - schauen, dass es uns weiter so gut geht. Bei uns geht es manchmal lebhaft zu. Die Söhne leben ja noch zu Hause, P. ist Lehrerin und noch aktiv im Schuldienst und so haben wir oft hitzige Debatten! Das ist gut so, wir lernen voneinander und das hält uns lebendig.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Nun, mit Maori und Pakeha jeden Tag durch meinen Job, nun auch mehr mit Menschen indischer und asiatischer Herkunft. Das ist interessant, denn sie sind wirklich anders vom Lebensstil und ihren Wertesystemen! Zwischen uns läuft es jedoch prima; ich bin neugierig und wissensdurstig und die Menschen auf die ich treffe, meist auch! So tauschen wir unsere Erfahrungen und Meinungen aus, respektieren unsere Andersartigkeit! Eine gemeinsame Kultur wird sich mit der Zeit entwickeln. Rassismus gibt es bei uns in NZ leider auch. Ich bin sicher, dass Kinder das von Erwachsenen übernehmen, von sich aus nicht auf die Idee kämen, andere Kinder wegen ihrer Rasse abzulehnen! Da sollten Erwachsene positivere Vorbilder sein.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Die Situation im Moment, zwischen Maori und Pakeha, ist sehr unruhig durch den Vertrag von Waitangi, die alten Landrechte, die immer wieder umstritten sind. Da ist keine Harmonie; ich wünsche mir sehr, dass sich dieser nicht einfache Konflikt bald klärt!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen