Interview AUCKLAND - HUIA Nordinsel 5.März 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal die Länder besucht?

Von Mutter's Seite bin ich die 3. Generation, ihre Leute kamen aus England. Mein Vater kommt aus Norwegen und da bin ich die 2. Generation in NZ. Ich bin sehr stolz Neusee- länderin zu sein! Bis jetzt war ich noch nicht in diesen Ursprungsländern, habe jedoch Lust hin zugehen. Mit meiner norwegischen Nachbarin kann ich mich über Norwegen unterhalten. Das ist besonders interessant für mich, denn Vater's Familie habe ich ja nie kennen gelernt und über das Land weiß ich nur sehr wenig.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Ich bin in Auckland geboren, habe noch 4 ältere Schwestern. Von Vater's Seite habe ich noch 2 Stiefbrüder aus einer früheren Ehe, zu denen wir jedoch keinen Kontakt hatten und haben. Vater verließ uns nach meiner Geburt und so zog Mutter uns 4 alleine auf. Sie war für uns Kinder die zentrale Person der Familie! Damals gab es für allein erziehende Mütter noch keine Unterstützung vom Staat und sie mußte das aus eigener Kraft leisten ... Sie hatte zu Hause eine Wäscherei, hat für den Flughafen Aufträge erledigt. So war sie immer zu Hause und für uns da, wenn wir sie brauchten. Mitgeholfen haben wir auch; die Arbeit hielt sich jedoch in Grenzen - jedenfalls kommt es mir jetzt so vor. Mutter war eine auf Unabhängigkeit bedachte Frau und in diesem Sinn hat sie uns auch erzogen. Das mit der Selbständigkeit war so eine Sache - oft waren wir überfordert, hatten keine unbefangene Kindheit; es ging jedoch nicht anders! Geburtstage jedoch waren bei uns immer etwas ganz besonderes und ich erinnere mich noch gerne an meine Geburtstagsparty's. Insgesamt fühlten wir uns alle gut aufgehoben und Nachbarn halfen uns auch, vom Metzger oder Gemüseladen bekamen wir oft etwas geschenkt. Was ich als unangenehm empfand, war die Pflicht der Mutter zu sagen, wohin wir gingen! Wir Kinder fanden das zu kompliziert und so spielten die anderen Kinder meist bei uns. In die Schule bin ich gern gegangen. Allerdings waren wir eine "halbe" Familie ohne Vater, damals eine nicht sehr angenehme Erfahrung! Wir hatten kein Auto wie die Meisten, bei Schulfesten war unser Vater nicht dabei ... Im Schwimmen und Hürdenlaufen war ich gut, machte jedoch keine Wettkämpfe; es war zum Spaß und zur Abwechslung. Meist war ich glücklich und guter Laune, fand es jedoch einmal hart, dass ein Lehrer mich nicht mochte, ohne zu wissen warum!

Ich wollte immer Tierärztin werden, habe Tiere geliebt, einen besonderen Draht zu ihnen gehabt und einen guten Instinkt für ihre Bedürfnisse; zu Hause gab es Katzen und einen Hund. Für ein Studium hatte ich jedoch bessere Noten in Mathe gebraucht, also aus mit dem "Traum" ... Ich habe dann mit 16 nach der Schule erst mal meine Schwester in Neu Guinea besucht und blieb 2 Monate da. Sie war mit einem Gefängnisbeamten europäischer Herkunft verheiratet und ich habe ich in der Verwaltung Schreibarbeiten erledigt. Ich hatte 2 Chef's, einen Holländer und einen Deutschen. Natürlich war alles aufregend, die fremde und faszinierende Kultur, die vielen, neuen Menschen, mein Arbeitsalltag in der Gefäng- nisverwaltung und die Gefangenen mit ihren Familien. Da ich blond und blauäugig bin, wurde ich natürlich von den Einheimischen angestarrt, manchmal auch angefasst, weil das ungewöhnlich für sie war.

Danach bin ich nach NZ/Auckland zurück und habe zuerst als Sekretärin für einen Wirt- schaftsprüfer gearbeitet. Darauf folgte ein für mich interessanterer Job bei einer Tier-schutzorganisation. In deren Auftrag bin ich in Schulen und habe mit Kindern und Jugend- lichen über den notwendigen Tierschutz gesprochen, ihnen Informationen zum Thema gegeben. Diese Arbeit hat mir viel Spaß gemacht! Später bin ich zum Fernsehen und habe dort als Nachrichtenassistentin gearbeitet. Ich war für die Nachrichtenproduktion verant- wortlich, habe später auch neue KollegenInnen trainiert und eingearbeitet. Das war nun ganz anders, als meine vorherigen Jobs; ich hatte zuerst nicht gedacht dort eine Chance zu haben. Ich wurde jedoch genommen! Diese Arbeit habe ich dann 8 Jahre mit Freude gemacht, bis mein 1. Kind auf die Welt kam; da war ich 32.

Meinen späteren Mann kannte ich schon länger, bevor wir zusammen zogen und dann später heirateten. Ich hatte eine kurze erfolgs- und kinderlose Ehe hinter mir und er war auch schon mal verheiratet. Wie ich 24 war, beschlossen wir miteinander zu leben - Neil liebt Tiere genauso wie ich! Schon während meiner 1.Ehe habe ich zu Hause Tiere gepflegt und versorgt und wir beide machen das immer noch! Alle Leute bringen kranke oder verletzte Tiere zu uns, so z. B. heute morgen einen Pinguin, der in der Dusche sitzt! Seit meine Kinder auf der Welt sind, war ich zu Hause, und versorgte sie und 2 Nachbarskinder, die Tiere. Neil hat sich nun als Anwalt selbständig gemacht. Seit kurzem helfe ich 3 Tage in der Woche in der Kanzlei, mache Büroorganisation und Buchhaltung. Er arbeitet in verschiedenen Tierschutzkomitee's mit, berät die Regierung in Rechtsfragen. In der Zukunft möchte ich gerne wieder mehr in die Tierschutzarbeit einsteigen. Die Zeit mit den Kindern war jedoch schön und wichtig für mich. Ich möchte immer alles gut "unter einen Hut" bringen und so gibt es für mich immer viel zu organisieren, brauche ein sehr gutes Timing!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Meine Mutter mit ihrem starken Willen! Dann hatte eine meiner Schwestern einen älteren Freund, der bei uns ein bisschen die Vaterrolle übernommen hat, uns "bevatert" hat. Mir tat das besonders gut, denn er war wirklich mal ein positives, männliches Vorbild. Auch eine Tante, bei der ich öfters meine Ferien verbrachte. Sie war wirklich speziell, denn bei ihr habe ich klas- sische Musik kennen und lieben gelernt - das kannte ich von zu Hause nicht! Sie hat mich richtig verwöhnt! Obwohl ich auch Heimweh hatte, war ich sehr gerne bei ihr. Als Abendritual und zum Trost gab es immer "Crunch", eine besondere Süßigkeit ... Mein Großvater, der auf einer Farm in Norden lebte, war für mich auch wichtig. Auch da verbrachte ich Ferien und wenn er uns besuchen kam, schlief er mit in meinem Zimmer, aß abends immer Rosinen! Bevor er starb, lag er lange im Krankenhaus. Es ging ihm sehr schlecht und das hat mich traurig gemacht; sein Tod war ein großer Verlust für mich!

Gerne hätte ich noch die Abendschule besucht, um mir Computerfachwissen anzueignen. Leider hat meine Zeit und Energie dafür bis jetzt nicht gereicht; die Familie und die Tiere waren mir wichtiger! Rückblickend bin ich insgesamt sehr zufrieden, fühl mich ohl.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Im Moment lebe ich mehr von Woche zu Woche, als langfristige Pläne zu machen! Wichtig ist für mich, dass meine Kinder behütet aufwachsen, dass ich Zeit und Kraft für sie habe. Schritt für Schritt werde ich mich beruflich wieder mehr engagieren. Zu Hause wollen wir auch noch weiter aus-bauen. Wir haben eh das Meiste selbst gebaut und so dauert es halt länger, bis alles fertig ist. Ja, einfach alles gut in Balance zu halten, die Regeneration nicht vergessen - also im Moment eher kurzfristige Ziele und Planungen!

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Eine Tante von mir betreute tagsüber chinesische Kinder, mit denen wir spielten. Sie waren für mich Kinder und keine Chinesen, davon wussten wir nichts! Leider haben wir den Kon- takt verloren, wie sie in die Schule kamen. In meiner Klasse waren auch Maori und beim Großvater oben im Norden natürlich auch, da waren sie die Mehrheit. Mit Islandern kam ich beim Fernsehen mehr in Kontakt. Generell bin ich offen für andere Menschen und Kulturen, finde es auch interessant Ver- gleiche anzustellen. Durch die Tierschutzarbeit habe ich herausgefunden, dass Islander z. B. ihre Schweine auf den jeweiligen Inseln unterschiedlich schlachten! Die Art des Tötens ist nicht immer tiergerecht, oft eine Quälerei! Da halte ich meine Meinung nicht zurück, halte Aufklärungsarbeit für notwendig.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Wenn ich an den Maori-Pakeha Konflikt denke, bin ich der Meinung, dass die Uhr nicht zurück gedreht werden kann. Es ist fest zustellen, dass Fehler gemacht wurden; das halte ich für wichtig! Wir sollten lernen uns zu verzeihen, aber auch nicht vergessen was in der Geschichte geschehen ist, so dass sich das nicht wiederholen kann. Wir müssen lernen, besser zusammen zu leben. Alle haben wir dafür zu sorgen, dass das Land, die Natur geschützt wird und das wir sorgfältig miteinander umgehen!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen