Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview KAIKOURA Südinsel 10. Januar1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Mutter's Seite kommt aus Irland, Vater's aus Schottland und von beiden Seiten bin ich die 4. Generation in NZ. Ich fühle mich als KIWI! Gerne möchte ich mit meiner Familie die zwei Länder besuchen. Das Jüngste ist noch zu klein, es steht jedoch auf unserem Plan.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Oh, die werden immer wichtiger für mich - früher war mein Interesse daran nicht so groß. Wie ich anfing darüber nachzudenken, was mich geprägt hat, war nicht nur mein Elternhaus, sondern auch der Familienstammbaum interessant! Ich bin in Blenheim auf der Südinsel, geboren und die ersten 3 Jahre aufge- wachsen. Dann zogen wir um nach Christchurch, wo ich bis zu meiner Heirat mit Mariona gelebt habe. Mit Christchurch fühle ich mich stark verbunden, da bin ich zur Schule ge- gangen, habe meine Ausbildung gemacht und gearbeitet. Meine Eltern und meine Bruder leben heute noch dort und ich habe im "Hinterkopf", von Kaikoura, Mariona's Heimatort, wieder dorthin zuziehen. Wir sind 4 Jungens, ich bin der Älteste. Meine Eltern hatten ein Hotel mit einem Pub, wo ich manchmal mitgeholfen habe. Vater war auch eine Zeit lang krank und Mutter war auf unsere Unterstützung mit angewiesen. Wir sind katholisch erzogen worden und gingen jeden Sonntag in die Kirche. Für mich war Religion allerdings nicht so wichtig in meinem Leben. Auch die Schule war nicht so wichtig! Ich bin sobald als möglich raus, wollte ar- beiten und Geld verdienen. Mit 16/17 Jahren fuhr ich eine Weile Trucks. Dann ging ich zur Eisenbahn, bekam eine Ausbildung als Lokführer und fuhr 17 Jahre. Ich war hier stationiert und hatte Schichtdienst, was sich für unser Familienleben als gut erwiesen hat. Da ich oft nachts gefahren bin, war ich tagsüber da und konnte mit den Kindern mehr als üblich unternehmen. Dann hatte ich Lust mich selbständig zu machen, baute einen Holz- handel auf. Das lief aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte! Ich verlor Geld und es war hart, den Misserfolg zu verkraften. Das ist jetzt 9 Monate her; seitdem bin ich zu Hause, arbeite als Hausmann und Erzieher der Kinder! Da Mariona's Gehalt als Ge- schäftsführerin im Moment für uns reicht, haben wir 2 so entschieden. Meine Frau habe ich über ihre Brüder, 2 Kollegen von mir, kennen gelernt. Schon in der Schule und dann später bei der Eisenbahn war ich häufig mit Maori zusammen, habe mich mit ihnen wohl gefühlt. Sie sind warmherzige, freundliche Menschen mit starkem Familiensinn, was mir sehr gefällt! Mariona und ich haben dann geheiratet und Kinder bekommen. Die zwei unterschiedlichen Kulturen und Hautfarben waren für uns kein Thema - alles war so selbstverständlich!

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen in Leben?

Ein Sporttrainer war wichtig für mich ein sehr positives Vorbild, persönlich und fachlich. Dann der Umzug von Christchurch hierher nach Kairkoura, wo auch die Familie meiner Frau seit langen Zeiten lebt. Am Anfang habe ich meine Familie, meine Freunde und die Stadt sehr vermisst! Mich in der neuen Umgebung zurecht zu finden, Freundschaften aufbauen und den Kontakt zu M.'s Familie, das war anfänglich viel und eine große Umstellung für mich! Und jetzt der Wechsel vom Vater außer Haus zum Vater im Haus! Da hat sich wirklich in kurzer Zeit meine Sichtweise in Bezug auf Hausarbeit und Kindererziehung sehr verändert. Was für eine Arbeit ..., manchmal bin ich Abends so müde, obwohl ich körperlich nicht viel gemacht habe! Es macht mir jedoch viel Spaß, vor allem mehr Zeit für die Kinder zu haben und ihnen mehr in ihrem Alltag helfen zu können. Es sind prima Kids und es ist mir eine Freude, mit ihnen zusammen zu sein. So finde ich das im Moment eine sehr gute Lösung für uns alle und erlebe es als befriedigende Aufgabe. Was die Nachbarn denken, weiß ich nicht - es spricht mich niemand darauf an! Ich denke, dass es für die Meisten ungewöhnlich ist, wenn der Mann zu Hause ist, kocht, die Wäsche aufhängt etc.. Für mich ist das jedoch nicht wichtig, was andere über mich denken, davon habe ich mich schon lange unabhängig gemacht.

Mit 25 war ich mit meinem Leben sehr unzufrieden, fühlte mich schlecht. Seit 13 Jahren mache ich nun Meditationen und Yoga. Das tut mir ausgesprochen gut und es hat mir geholfen, mein inneres Gleichgewicht zu finden und zu halten! Überhaupt mußte ich erst mal lernen, Lebenskrisen zu akzeptieren und sie in etwas für mich positives umzu- wandeln. Das ist mir und Mariona schon öfters gelungen und ich finde das großartig! Ich finde gut, dass meine Frau auch ein spirituelles Empfinden hat. Für sie als Frau und Maori war es allerdings sehr viel leichter, diese Seite auszuleben. Maori sind meist eine gute Mischung aus Herz und Verstand! Ich mußte erst mal mühsam lernen meine Gefühle zu zeigen und über sie zu sprechen, meine weiche Seite zu akzeptieren! Leider traf ich in Meditation- und Yogagruppen meist Frauen und nur sehr wenig Männer. Das fehlt mir und ich bin froh, dass ich über meine Erfahrungen und Erlebnisse mich auch mit einem Mann, einem meiner Bruder unterhalten kann .... Mit den meisten "weißen" Männern ist das leider nicht möglich.

4. Welche Ziele, Pläne, Wünsche hast Du für die Zukunft?

Im Moment sind meine Frau und ich am überlegen, was wir zukünftig machen wollen. Sie hat ein gutes Jobangebot aus Christchurch bekommen und wir liebäugeln sehr stark damit. Für sie würde es bedeuten, sich hier von ihrer Familie abzunabeln, für die Kinder in jedem Fall bessere Ausbildungschancen. Auch das ist uns ganz wichtig, denn sie sind gut in der Schule und eine Tochter besonders in Kunst. Da gibt es in Christchurch einfach viel mehr Möglich- keiten als hier. Wir brauchen jedoch noch mehr Zeit, um diese Entscheidung zu treffen, wollen das Dafür und Dagegen gut abwägen. Die Kinder haben hier die große Familie von M., die sich alle liebevoll um sie kümmern. Das wäre dann zum Beispiel ein großer Verlust für die Kinder! Wenn wir gehen, werde ich mich weiter um die Kinder und den Haushalt kümmern. Was ich unbedingt nebenbei machen möchte, ist ein Workshop "Wie man Kurzgeschichten schreibt". Das interessiert mich brennend! Ich dachte immer ich kann nicht schreiben, aber das stimmt nicht; nun will ich ein paar Techniken lernen. Mit meinem Alter und der Lebenserfahrung fühle ich mich wohl, bin offen für Neues.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Nun, meine Kontakte mit den Maori im Beruf und nun durch die Heirat mit zwei Kulturen in einer Familie! Insgesamt sehr gute Erfahrungen, auch am Arbeitsplatz! Maori sind aus meiner Erfahrung gute Kollegen, sie lassen sich nicht so schnell stressen, sind viel entspannter als wir Pakeha! Ich habe das nicht erlebt, dass sie nicht pünktlich zur Arbeit gekommen sind, sie gehen jedoch mit der Zeit anders um, viel gelassener. Das gefällt mir, da habe ich einiges von ihnen gelernt! Mit Islandern oder Asiaten haben ich so gut wie keinen Kontakt, die sind ja auch überwiegend auf der Nordinsel NZ's.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Die große Politik interessiert mich nicht so sehr - mehr das, was im Alltag passiert. Meine Frau und ich erziehen unsere Kinder so, dass sie stabil genug werden, um auf Diskriminierungen entsprechend zu reagieren und in der Lage sind, eigene Strategien zu entwickeln! Manchmal ist das gar nicht einfach zu klären, wo Rassismus anfängt, was das überhaupt ist - ein sehr komplexes Thema! Jedenfalls ist es wichtig für Kinder, starke Eltern zu haben, die klar mit sich selbst sind, um ihnen eine stabile Grundlage als Lebensbasis geben zu können.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen