Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview AUCKLAND-HUIA Nordinsel 5. März 1995

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du die Länder mal besucht?

Vater's Seite kam aus England, da bin ich die 2.Generation. Sie siedelten sich in der damaligen Hauptstadt Neuseeland's, in Thames an. Übrigens brannte dieser Großvater mit dem Dienstmädchen durch ... Von Mutter's Seite kamen sie aus Irland. Der Großvater besass einen Billiardsalon. Auch hier bin ich die 2.Generation in NZ. Nächstes Jahr steht ein Besuch in England und Irland auf meinem Programm!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Ich habe noch viele Verwandte in England und Irland und eine große Verwandtschaft in Neuseeland. Meine Wurzeln liegen in der Nähe von Auckland, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Die Eltern hatten eine Farm und wir waren 10 Kinder, 4 Mädchen und 6 Jungen; ich war der Jüngste. Meine Kindheit war glücklich, denn wir sind behütet aufgewachsen, speziell ich als Nesthäckchen. Mutter nähte alle Kleider für uns und wir lebten vom Ertrag der Farm, dem Gemüse, dem Obst, dem Fleisch, der Milch. Wir waren arm, hatten aber genügend zu essen. Alle Kinder haben mitgearbeitet, hatten ihre Aufgaben. Wir bauen bis heute unser Gemüse selbst an ... Vor allem Mutter war religiös und so gingen wir natürlich jeden Sonntag in die Kirche. Meine Schulzeit war prima; ich ging sehr gerne in die Schule! Da waren die Freunde, der Sport und ich habe gerne gelernt. Wir habenRugby gespielt und sind auch gerudert. Sportligen gab es damals noch nicht; wir haben halt unsere eigenen Wettkämpfe veranstaltet, was immer aufregend und spannend war.

Als Junge wollte ich Soldat werden. Nach der Schule, mit 14, blieb ich erst mal auf der Farm und habe da mitgearbeitet. Mit 20 habe ich meine Frau getroffen und wir haben bald geheiratet. Mit 21 bin ich dann in dann in die Armee als Berufssoldat und Verwal- tungsoffizier. Wir sind viel umgezogen, haben in verschiedenen Orten NZ's gelebt, waren auch länger in Malaysia. Meine Frau hat meinen Beruf akzeptiert und immer alles organisiert; so hatten wir keine Schwierigkeiten in unserem Alltag, waren ein gutes Team. Für die Kinder habe ich mir immer Zeit genommen. Wir haben Ausflüge gemacht, viel zusammen gespielt. Ab und zu hatte ich noch Nebenjobs - 4 Kinder aufzuziehen kostet eine Menge Geld! Insgesamt war ich 27 Jahre Soldat, es war ein gutes Leben und das Einkommen war auch ok.. Nach der Armee haben wir einen Laden mit Schnellimbiss gekauft. Er lag gegen- über einer Thermalquelle und vor allem am Wochenende war da immer viel los. Dort fing ich an Pie's zu backen, obwohl ich das in meinem Leben noch nie gemacht hatte! Die fanden guten Absatz, also gründete wir in Auckland eine Fabrik, die bis zu 52 000 Pie's am Tag produziert hat. Meine Frau und ich haben das 7 Jahre gemacht, sehr viel gearbeitet, praktisch rund um die Uhr! Wir haben dann mit gutem Gewinn verkauft, ein Hotel gepachtet und das für die nächsten 7 Jahre geleitet. Das war ein ruhiger Job, der uns jedoch auch Spaß gemacht hat. Nebenbei habe ich andere Hotel's und Club's in Finanzdingen beraten. Mit 60 bin ich dann in Rente, ohne jemals Urlaub gemacht zu haben ... Meine Frau und ich gingen nun auf Reisen, nach Australien und Malaysia. Mit der Zeit haben wir den Winter in Queensland/Australien verbracht, weil die Wärme dort unseren Knochen gut tat. Wie ich 64 war, haben wir uns scheiden lassen, weil wir nur noch nebeneinander her lebten. Das war eine große Scheidungsschlacht und ich bin froh, dass ich das hinter mir habe, fühle mich als Single sehr wohl! Die Kinder waren zuerst mächtig sauer, konnten es nicht verstehen. Jetzt reise ich allein, miete mir einen Camper und fahre durch Australien, mei- nem Lieblingskontinent. Es ist phantastisch, niemand redet mir rein, kann mir die Laune verderben! Den Sommer über bin ich in NZ, fische viel, versorge meinen Gemüsegarten, genieße meinen Enkel.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Nun, die Armeezeit und dann beruflich noch einiges mit Erfolg ausprobiert zu haben! Ich bin durchaus zufrieden, wenn ich zurückschaue. Vor 5 Jahren hatte ich allerdings eine Herzoperation, nach einigen schweren Attacken. Alles verlief dann gut und der Arzt riet Körpertraining, regelmäßig zu laufen. Seitdem laufe ich täglich und fühle mich sehr wohl. Einmal im Jahr findet hier in Auckland ein Volkslauf statt, letzes Jahr mit 38 000 Leuten. Ich habe in meiner Altersgruppe mitgemacht und nicht schlecht abgeschnitten! Das macht mir Spaß.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Das Leben so wie jetzt weiterzuführen - es gefällt mir! Übrigens räuchere ich die Fische selbst, die ich fange und bereite sie auch zu, mache sehr gute Fischgerichte. Dann meine Europareise nächstes Jahr und natürlich gesund bleiben ...

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Von der Schulzeit viele Erfahrungen mit Maori; wir sind zum Teil bis heute befreundet! Dann natürlich in der Armee - Maori sind gute, disziplinierte Kämpfer und gute Kameraden, also auch da gute Erfahrungen. Hier in der Auckland-Region habe ich auch Kontakte mit Islandern. Die Meisten sind ok. Mir gefällt unsere "bunte" Mischung. Wenn alle ihre Fähigkeiten und Erfahrungen zusammen einbringen, kann nur Gutes dabei herauskommen! Minderheiten, wie Maori - Extremisten ignoriere ich, die sind für mich nicht maßgebend.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZL's im Zusammenleben?

Das Wort PAKEHA gefällt mir nicht! Ich empfinde es als Schimpfwort für Menschen europäischer Herkunft in NZ; das gab's früher nicht. Es gibt heute nur ganz wenige reinrassige Maori, die Meisten ha- ben auch europäisches Blut, europäische Vorfahren; sie sind für mich halb "weiß". Ich mag keine Generalisierung und keine Separierung. Dieser im Moment zugespitzte Landkonflikt zwischen beiden Gruppierungen hat die Regierung meiner Ansicht nach gefördert, weil sie sich auf Geldzahlungen eingelassen hat. Jetzt ist sie erpressbar und es geht immer weiter. Ich bin mit unserer Regierungspolitik im Moment nicht einverstanden! Für mich gibt es keinen Vertrag zwischen "Weißen" und Maori. 1840 wurde ein Vertrag nur mit Einigen von den Stämmen unterschrieben. 16 Jahre später wurde dann wieder um Land gekämpft. Eine unklare Situation; meiner Ansicht nach wurde der Vertrag gebrochen! Wenn Maori Land haben wollen, sollen sie es kaufen, wie andere Menschen auch. Eine andere Lösung ist nicht akzeptabel. Ich sehe nicht ein, dass die Regierung von Steuergeldern 1 Billion Dollar als Abfindung an alle Maori-Stämme zahlen soll! Ansonsten sehe ich unsere Zukunft in Neuseeland durchaus positiv. Es kann doch nicht an, dass eine Minderheit die Mehrheit im Land, die Atmosphäre so negativ bestimm!.

14 Tage nach dem Interview starb BADEN´S Hund an Altersschwäche und am 5. April 1995 starb BADEN an den Folgen eines Schlaganfalls, den er 3 Tage zuvor bei einem Volkslauf in Auckland erlitten hatte.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen