Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview OKARITO Südinsel 9.Dezember 1994

Persönliche Daten:


1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Mutter hat irische, schottische und norwegische Vorfahren; über die norwegische Seite ist allerdings wenig bekannt. Hier bin ich die 4.Generation in NZ. Mein Vater kam erst mit 40 Jahren her; von seiner Seite bin ich also die 2.Generation. Er will nächstes Jahr seine Heimatstadt Belfast in Nordirland besuchen. Wenn ich genug Geld habe, fahre ich mit! Die anderen Länder interessieren mich natürlich auch, da möchte ich auch gerne mal hin.

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Von Mutter's Seite habe ich eine große Familie hier - wir sehen uns jedoch kaum. Auch zu meiner Ursprungsfamilie habe ich wenig Kontakt. Unser Familienleben war nicht gerade schön und wir sind uns eher fremd. Meine Eltern haben einen Altersunterschied von 20 Jahren - sie haben sich in ihrer Ehe nicht gut verstanden und dann scheiden lassen, da war ich 8 und mein Bruder 5. Wenn ich an meine Eltern und meine Kindheit denke, habe ich gemischte Gefühle. Für mich hat es nie ein richtiges Familienleben gegeben. Gerne erinnere ich mich jedoch an einen Großvater, der ein sehr guter Holzschnitzer war und den ich mochte. Die anderen Großeltern habe ich nie kennen gelernt, die sind vor meiner Geburt gestorben. Meine Familie waren und sind meine Freunde und Freundinnen, die ich mir raus gesucht habe und seit 5 Jahren auch die Leute hier im Dorf. Wir haben sehr gute Kontakte, eine gute Nachbarschaft. Und natürlich bedeutet Ian für mich Familie - wir sind ja schon seit 5 Jahren zusammen! Das sind für mich auch Wurzeln. Anfänglich ging ich gerne in die Schule, später fand ich es eher langweilig. Die LehrerInnen haben sich meist nur mit den Kindern abgegeben, die gut drauf waren oder deren Eltern Geld hatten. Bei 35 Kindern fühlte ich mich vernachlässigt und nicht gefördert! Am liebsten habe ich Englisch gemacht. Ich habe mir damals viel von der Seele geschrieben; das hat mir geholfen zu überleben. Heute schreibe ich meist Gedichte - schreiben ist für mich ein sehr gutes und wichtiges Kommunikationsmittel! Eine Ausbildung habe ich nicht. Ich habe mein Leben selbst in die Hand genommen, mir selbst geholfen. So probierte ich viel aus, las viel, hörte/sah anderen Menschen zu und dabei lernte ich viel. Unabhängigkeit ist für mich wichtig, z. B. ein Feuer zu machen, Fische zu fangen, ein Badehaus zu bauen, Gemüse anzubauen und Kräuter zuziehen, Vieh zum eigenen Verbrauch züchten, Wäsche im Bach zu waschen ... So hat das Leben mich ausgebildet und viel praktischer als die Schule, in der ich viel Mist gelernt habe! Im Moment verdiene ich mein Geld und zahle Steuern mit meiner Arbeit als Köchin in einem Restaurant im nächsten Touristenort. Ich organisiere die Küche und manage alles, habe 2 Frauen, die mir zuarbeiten. Es ist harte Arbeit, aber sie macht mir Spaß, vor allem das Kochen mit speziellen Gewürzen und Kräutern.

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Ich bin in Auckland geboren und aufgewachsen. Mit 14 wurde ich richtig depressiv, fühlte mich beschissen. Die Stadt hat mich angeödet und ausgelaugt. Da traf ich Ian; wir taten uns zusammen und beschlossen die Stadt zu verlassen und durch's Land zu fahren. Wir kauften einen alten Bus, mit dem wir kreuz und quer durch NZ zogen. So sind wir dann hier gelandet und da es uns gleich sehr gut gefallen hat, beschlossen wir zu bleiben, uns anzusiedeln. Vor 5 Jahren pachteten wir vom Staat Land und stellten unseren Bus auf den Hügel hier mitten im Busch. Im Tal fließt ein Bach und wir fühlen uns hier ausgesprochen wohl - es ist sehr schön. Wir leben, wie wir wollen, versorgen uns selbst mit Gemüse und Fleisch, haben kein Telefon, keine Elektrizität!

Es geht mir jetzt sehr gut - ich bin zufrieden und glücklich, lebe das Leben, das mir gefällt. Nicht in einer anonymen, schmutzigen Stadt, wo sich Keiner kümmert! Und alle abhängig sind von irgend welchen Systemen ... Auf's Land zu ziehen war eine sehr gute Entscheidung, auch mich mit Ian zusammen zu tun. Das hat mein Leben von Grund auf positiv verändert! Übrigens ist meine Familie sehr christlich und trotzdem lief so viel Schitt!!! Ich bin in keiner Kirche, habe meine eigene Philosophie - glaube an eine höhere Macht - respektiere mich und die Natur. Im Vergleich mit anderen in meinem Alter kom-me ich mir sehr alt vor, an Lebenserfahrung durch meine persönliche Entwicklung.

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte mit Ian Kinder haben. Da wir nicht verhüten, können sie kommen, wann sie wollen - zu ihrer Zeit. Kinder sind für mich und Ian wichtig - wir wollen eine eigene Familie aufbauen, die Kinder so erziehen wie wir es für richtig halten, ihnen eine bessere Basis geben, als wir sie hatten. Wir empfinden uns als Team, wollen auch die Kinder gemeinsam erziehen, zu Hause leben und arbeiten. Dann will ich unbedingt noch eine Ausbildung machen und fange jetzt damit an, in einem 2-jährigen Fernlehrgang mich zur Heilpraktikerin auszubilden. Mit Menschen und Kräutern zu arbeiten interessiert mich, auch die Psyche der Menschen. Wenn ich fertig bin, möchte ich eine eigene Praxis aufmachen. Die Ausbildung finanziere ich selbst, weil der Staat für mich, in meiner Situation, kein Geld dazu gibt. Aber irgendwie werde ich es schaffen! Ian möchte hier eine Werkstatt aufbauen, er ist Schreiner und Häuser-bauer. Beide interessieren wir uns auch für alte Möbel; wir wollen diese restaurieren und später noch bei uns ein Cafe eröffnen. Ich habe, im Gegensatz zu früher, viele Pläne und das Leben macht mir großen Spaß!

5. Welche Erfahrungen/Kontakte hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Hier wohnen überwiegend Pakeha, leider. Ich treffe auf Touristen aus aller Welt. In der Schule hatte ich viele Kontakte mit Maori und Isländern - in unserer Gegend in Auckland waren wir "Weißen" oft eine Minderheit! Ich hatte nie Berührungsängste, im Gegenteil, ich liebe die Maori, ihr Familienleben, ihre Freundlichkeit, Wärme und Herzlichkeit, ihre Achtung vor der Natur! Also ein sehr guter Draht! Für sie war ich eine Exotin, mit meinen blauen Augen und blonden Haaren, der blassen Haut ... Ich mag eine bunte Mischung von Menschen und Energien, eine große Chance dazu zu lernen. Ich fürchte mich nicht vor Menschen mit anderer Hautfarbe und anderen Wertevorstellungen!

6. Wie siehst Du die Zukunft NZL's im Zusammenleben?

Ich habe die Hoffnung, dass Maori und Pakeha und das sind die 2 wichtigsten Gruppen in NZ, die schlechten Gefühle zueinander aufarbeiten. Das ist für mich sehr wichtig - eine bessere, bzw. eine gute Be-ziehung zu einander zu haben! NZ ist so schön, hier läßt es sich doch gut zusammen leben. Im Moment gibt es zwar noch viele Konflikte. Ich meine jedoch, wir "Weißen" müssen lernen Maori mit ihrer Kultur, ihrem Lebensstil, ihren Wertevorstellungen zu akzeptieren und zu respektieren. Maori sollten lernen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Eine gemeinsame Zukunft ja - wir Jungen können helfen sie zu verwirklichen! Ich sehe da aber auch Tendenzen in NZ, wie die Neonazi's und Skinheads. Ja, die gibt es bei uns auch, speziell hier auf der Südinsel! Ich finde diese Entwicklung ganz gefährlich. Wenn ich mit denen rede - ja, das tue ich und ich finde das ganz wichtig. Oft stelle ich fest, dass sie nicht wissen, wen sie da verehren, welche Symbole sie verwenden in ihrem Alltag. Sie wissen meist nicht, dass Hitler unter dem Zeichen des Hakenkreuzes Menschen anderer Rassen und Andersdenkende, Homosexuelle umbringen ließ ... Das macht mich wütend und ärgerlich und ich zeige ihnen meine Gefühle. Nach meiner Philosophie muss ich mich in die Gemeinschaft einbringen, so ehrlich und offen als möglich! Wir müssen uns vertra-gen, respektieren lernen. Kia tau te rangimarie - let peace reign - lasst Frieden regieren!

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen