Regine Rau:
MENSCHEN in AOTEAROA - NEUSEELAND

Interview KAIKOURA Südinsel 16. Januar 1995

Persönliche Daten:

1. Wann und woher kamen Deine Vorfahren, hast Du mal deren Länder besucht?

Mein Vater kam vor dem 2.Weltkrieg nach NZ/Wellington und holte dann später meine Mutter nach. Beide stammen aus China, der Region Kanton. Von Vater's Seite waren vor ihm schon Verwandte da. Die Eltern haben keinen Kontakt mehr zu Verwandten in China. Vater hat nie lesen und schreiben gelernt, weil es keine Schule da gab. Mutter kam aus einem anderen Dorf, konnte beides. Meine Geschwister und ich sind in NZ geboren und aufgewachsen. So haben wir durch Geburt automatisch die neuseeländische Staatsangehörigkeit. China habe ich bereits 2 mal besucht! Unter Anderem war ich auch in Vater's Dorf ... Du fragst, wie ich mich gefühlt habe, zum ersten Mal nicht ein Exot zu sein, sondern wie die Anderen auszusehen. Ich habe mich trotzdem "anders" gefühlt! Die Leute dort nennen uns Chinesen, die im westlichen Ausland leben, "Banana's" - innen weiß und außen gelb und da ist was dran. Ich fühle mich zwar als Chinese, habe jedoch "weiße", neuseeländische Wertevorstellungen übernommen. Das ist der Unterschied!

2. Wie wichtig sind Deine Wurzeln?

Immer wichtiger, je älter ich werde! Ich habe Lust, einen Familienstammbaum anzulegen. Die Wurzeln sind doch sehr prägend - und ich habe 2, chinesische und neuseeländische! Meine Verwandten hier sind über ganz NZ verstreut; leider habe ich zu den Meisten keinen Kontakt. Bei einer Hochzeit letztes Jahr habe ich einige meiner Cousinen und Cousin's zum ersten Mal getroffen! Meine Eltern waren zu arm um zu reisen. Sie hatten nie ein eigenes Geschäft, haben für einen geringen Stundenlohn immer hart gearbeitet, um uns 4 Kinder zu ernähren. Das ist z. B eine starke Kindheitserinnerung, dass wir nie hungern mußten, immer genug zu essen hatten! Auch war den Eltern wichtig für uns eine gute Ausbildung bekommen, speziell meine Mutter hat das sehr forciert. Sie war überhaupt diejenige, die alles Wichtige in der Familie entschieden hat, mit der wir über alles sprachen. Übrigens haben meine Eltern nie richtig Englisch sprechen und schreiben gelernt. Dafür hatten sie in ihrem Alltag einfach keine Zeit. Ich komme aus einer Familie mit der Philosophie/Religion des chinesischen TAO. In der Schule wurden wir christlich erzogen. So habe ich einige Werte aus dem TAO übernommen, und einige aus dem Christentum. Zu Hause wurde Chinesisch gesprochen - die Eltern hatten "nur" chinesische Bekannte/Freunde. In der Schule hatten wir auch KIWI-Freunde, sprachen englisch. Wir waren sehr, sehr arm. Ich erinnere mich, dass Mutter oft müde war, nach der Arbeit noch den Haushalt machte, sich um uns kümmerte ... Für sie und meinen Vater war jedoch auf Grund von TAO klar - das Leben ist kein Vergnügen, sondern harte Arbeit. Beide sind heute tot. Meine Geschwister und ich arbeiten auch hart, wir wollen jedoch unser Leben auch genießen, mehr Lebensqualität haben! Das ist der westliche Einfluss, das Weiße der Banane ...

3. Deine stärksten Eindrücke/Wechsel der Sichtweisen im Leben?

Wie hart meine Eltern arbeitenden, um uns großzuziehen, eine gute Ausbildung zu geben! Unsere bescheidene Erziehung, die mir später weiterhalf mein Leben zu meistern. Der Tod meiner Mutter, ein schmerzlicher Verlust, weil sie die Hauptperson in unserer Familie war. Oft denke ich, ich hätte ein besserer Sohn sein können ... Sie hat sich immer gewünscht, dass ich eine Chinesin heirate und sich auf Enkelkinder gefreut. Nach TAO ist die Seele unserer Verwandten unter uns und Ihre Seele ist sehr stark!

Mit 18 bin ich auf die Uni in Wellington und studierte Betriebswirtschaft (Accountency). Anfänglich war alles neu und aufregend - ich habe wirklich nicht viel gelernt, sondern lieber Sport gemacht, am liebsten Cricket! Dann habe ich mich umbesonnen und zügig das Studium zu Ende gebracht. Ich hatte mehrere Jobs im Finanzwesen und es gab Chancen in's Ausland zu gehen; dann wurde Mutter krank und ich blieb da. Alles waren große Betriebe und so konnte ich viele Erfahrungen sammeln. 2 mal war ich auch arbeitslos, weil die Firmen pleite machten! Eine dieser Situationen nutzte ich und machte eine viermonatige Weltreise. Der Entschluss, mein Geld in die Reise zu investieren war gut. Ich habe dabei viel über mich, andere Länder und Sitten gelernt! Irgendwann war ich beruflich in einem Loch, wusste nicht wie es weiter gehen sollte. Da kam mir die Idee, mein theoretisches, ökonomisches Wissen und meine praktischen Lebens- und Berufser-fahrungen anders einzubringen. Ich fragte meinen Bruder, ob er nicht Lust habe, mit mir einen chinesischen Schnellimbiss auf zu machen. Er fand die Idee gut und wir suchten lange nach einem geeigneten Standort. So landeten wir hier in K., einem Touristenort. Wir wurden freundlich aufgenommen, da wir am Ort eine Marktlücke abdeckten. Die Erfahr-ung der Selbständigkeit ist interessant - viel und harte Arbeit, oft ein anderer Ablauf, als die Theorie es lehrt - jedoch insgesamt eine erfolgreiche und gute Lernerfahrung!

4. Deine Ziele, Pläne, Wünsche für die Zukunft?

Mein Bruder und ich wollen jetzt den Schellimbiss verkaufen und was anderes machen. Speziell ich möchte nun endlich ins Ausland, das nachholen, was ich an früheren Zielen hatte. Das heißt zuerst Australien, später Asien, vielleicht China ... Auch wieder mal Cricket spielen, das vermisse ich sehr. Neben dem Geschäft blieb ja keine Zeit für Sport oder Freundschaften! Vielleicht die Frau finden, möglichst auch eine Chinesin aus NZ mit gleichem Background, um eine Familie zu gründen. Kinder möchte ich auch haben; das ist wichtig für mich.

5. Welche Kontakte/Erfahrungen hast Du mit anderen ethnischen Gruppen?

Die meisten meiner Freunde sind Pakeha und Chinesen. Zu anderen habe ich wenig private Kontakte, eher im Arbeitsbereich und da meist mit Touristen. Ich bin neugierig und offen für einen Austausch, sehe es als Lernen.

6. Wie siehst Du die Zukunft NZ's im Zusammenleben?

Ich bin dafür Unterschiede zu leben, die bei Menschen verschiedener Herkunft und Rassen da sind. Das heißt nicht, dass ein Zusammenleben nicht möglich ist. Ich fühle mich ja auch als Chinese und Neuseeländer, kann beides vereinbaren. Über "meinen" Weg bin ich sensibel geworden, respektiere andere Menschen und deren unterschiedliche Wertesysteme. So habe ich mit einer multikulturellen Gesellschaft keine Schwierigkeiten - ich fühle mich hier zu Hause.

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© by Regine Rau; layouted by Peter Bechen