Kaufrückhaltung - Kaufverweigerung
,,Kaufrückhaltung"
sollte
unbedingt zum Unwort des Jahres erhoben werden. Sicherlich
streikt Ihr automatischer Rechtschreibpilot bei dessen
Rechtschreibung ebenso, wie Ihr Duden oder gar Ihr Lexikon.
Dieses offensichtlich neu kreierte, allenfalls der Ökonomie
entsprungene Wort ist sicherlich
eine von Politik und Wirtschaft erwünschte Schöpfung, um passend zur
(Un-)Zeit einen elementaren Sachverhalt nicht nur verschleiernd
auszudrücken, sondern um damit vor allem auch eine
aktivierende Wirkung beim anvisierten Adressaten zu erzielen, die dazu
dient, Handlungsweisen von vorgeblich emanzipierten Bürgern
des Landes grundlegend über deren Unterbewußtsein auf der
Ebene von Schuldgefühlen zu
steuern. Oder haben Sie nicht auch das Gefühl, etwas
Anrüchiges, gesellschaftlich gar Schändliches zu tun, wenn Sie unserer
abnehmend sozialen Wirtschaftsgemeinschaft Kaufkraft vorenthalten,
weil Sie sich nicht ausgedehnt und/oder ausreichend genug dem
Kaufrausch hingeben, um so mittels Ihrer <Geldkreislaufpumpe> in
Gestalt von
EUROs unsere Wirtschaft und damit auch gleich die
Steuereinnahmen unseres Staates zur Freude des Finanzministers
und dessen ihm nahestehenden Freunde aus Politik und Ökonomie anzutörnen. Einige Wirtschaftsvertreter der direkten Sorte neigen
zwischenzeitlich ja sogar dazu, die Sache in der Verwendung
des Begriffs ,,Kaufverweigerung" eindeutiger beim Namen
zu nennen, der sozial eindeutig negativ konnotiert ist und
unmissverständlich ausdrückt, dass da Ungeheuerliches
gewagt wird, wenn Sie Ihr sauer verdientes Geld als Kaufkraft
nicht augenblicklich wieder in den Wirtschaftskreislauf
hineinpumpen. Dies sind Repräsentanten jener Spezies, deren
Weltbild von der Erwartung geprägt ist, dass ein Mensch in
einer Zivilisation grundsätzlich Kaufkraft entwickeln muss.
Nur unter dieser ökonomisch bestimmten Reduktion des Wertes eines
Menschen, ist der Begriff ,,Kaufrückhaltung", auch ,,Kaufkraftrückhaltung"
oder gar ,,Kaufverweigerung" als willkürliche
Disposition zu verstehen.
Stellen wir diese doch recht eindeutige
Aufforderung zur Umsetzung einer erwünschten
Verhaltensdisposition mit verdeckter Androhung sozialer Sanktionen,
wie z.B. den Verlust
von Arbeitsplätzen und der globalen Verlagerung von
Produktionsanlagen an günstigere Standorte, in einen Kontext
mit unseren nicht gerade unendlichen irdischen Resourcen, für
die eine Überproduktion an Konsumartikeln geradezu kontraproduktiv
ist, dann zeigt sich eindeutig die Unsinnigkeit eines Systems,
welches nur durch Verschwendung und Vorratsvernichtung
existieren kann, was uns allen letztlich irgend wann insgesamt
endgültig den Gar ausmachen
wird. Aber an diese naturgegebene Endlichkeit glauben
unsere Wirtschaftsführer zumindest offiziell schon längst
nicht mehr und verlegen desto trotz gleichzeitig recht verschwiegen ihre
eigenen Wohnsitze in die letzten noch einigermaßen
unberührten Überlebens- und nicht nur Steueroasen dieser
Welt.
Natürlich liefert die oben genannte
Begrifflichkeit der ,,Kaufrückhaltung" unter den
vorgegebenen Absichten auch gleich eine Analyse der Ursachen
dieser Verweigerung des wirtschaftlich angeblich zwingend
notwendigen <Konsums>. Die Kaufkraft - Zurückhalter fühlen
sich vorgeblich verunsichert und/oder wollen gar die <Politik(er)> abstrafen oder womöglich gar ihrem Sozialneid
gegenüber den bedauernswerten Wirtschaftskapitänen und den
von Leben und System Bevorzugten huldigen. In dieser
Anschauung mag ein Quentchen Wahrheit stecken, doch
die Basis für das konstatierte Phänomen der vorgeblichen sozialen
Verweigerung stellt diese Ursachenfestlegung sicherlich nicht
dar. Wahr ist, dass zunehmend Bürger dieses Landes
verarmen, dass sich Armut stetig ausbreitet. Hierzu tragen
globalisierungs- und missmanagementtechnische Arbeitsplatzverluste ebenso bei, wie die
erdrückenden finanziellen
Schulden, welche sich Menschen aufgeladen haben, im Glauben an
die Versprechungen eigennütziger Konsumprediger, dass Kaufen
und Besitzen glückse(e)lig mache und individuelle und soziale
Problem grundlegend löse und oft auch an der persönlichen
Unfähigkeit vieler, vor allem einfacher Bürger überlegt mit Geld umgehen und den
schillernden Verkaufsversprechungen der manipulativen <Werbung>
widerstehen zu können. So hat sich mancher arme Tropf schon
frühzeitig finanziell übernommen und muss noch auf Jahre hinaus
Geld für Schuldzinsen und -tilgung entrichten, so dass jetzt
kein weiteres Vermögen für kontinuierlich fortgesetzten
Konsum mehr zur Verfügung steht. Gerade die älteren Menschen
haben kraft ihrer Lebenserfahrungen erkannt, dass Konsum
nicht wirklich glückselig machen kann. Schon die Erkenntnis, dass
nicht Quantität sondern die Qualität eines Produkts über
dessen wahre Nützlichkeit entscheidet, und dass diese
Qualität in der Regel einen Preis hat, der für
Ottonormalverbraucher nicht erschwinglich ist, obwohl er
dafür sein Leben lang gebuckelt hat, reicht aus, um sich
selbst dem Wettlauf der dazu gedrillten Schnäppchenjäger
frustriert zu entziehen, solange noch ein kleiner Funke von
Verstand in dem vom Konsumterror Enttäuschten steckt. Die
Diskrepanz zwischen dem Versprechen (Nutzen) eines Produkts
und seiner wirklichen Gebrauchsfähigkeit führt angesichts
knapper Haushaltskassen zum schlichten Konsumverzicht und
nicht zur kämpferischen Kaufkraftverweigerung in Form einer
Kaufrückhaltung.
Erst hier setzt dann schließlich
wirklich der so genannte Sozialneid ein, der in Wirklichkeit
ein Verlust an Glaube an Ehrlich-, an Wahr- und
Wahrhaftigkeit, an Recht und Ordnung ist. Da schafft und
werkelt ein Mensch aufrichtig, ehrfürchtig und ehrerbietig
sein ganzes Leben lang im Glauben an die Verantwortlichkeit
derer, die sich da aus welchen Gründen auch immer zu Führern aufschwingen, um
endlich zu
erkennen, dass ihm noch nicht einmal auf dem Totenacker
Gerechtigkeit und soziale Achtung erwächst, während die so genannten Oberen (Zehntausend) sich als heuchlerisch
windige, rücksichts-, ja sogar gewissen- und skrupellose, der
Egomanie und Machtgeilheit verschriebene Karrieristen entpuppen, die vor keinem moralischen,
humanitären Gesetz halt
machen, von keinem juristischen Gesetz zur Rechenschaft
gezogen werden, weil es eben dieses Gesetz schlicht und
einfach nicht gibt, gar nicht geben kann, weil es doch von
genau jenen Karrieristen erst noch geschaffen werden müsste,
die sicherlich nicht freiwillig am eigene Ast sägen (werden).
Alle diese komplexen Zusammenhänge sind
vermutlich nicht allen Bürgern unseres Landes in gleicher
Weise eindeutig erkennbar bewusst, aber im Unterbewussten
rumoren dennoch die Gefühle aus der Summation der empfundenen
Demütigungen und Zurückweisungen, der erfahrenen
Vorenthaltungen und Verweigerungen. Folglich ist es nicht
verwunderlich, dass letztlich niemanden mehr daran
interessiert ist, wie es unserem Land geht, sondern dass nur
noch der Eigennutz wuchert, so wie er von jenen gewissenlosen
Mandatsträgern und vorgegebenen Wirtschaftsspezialisten
vorgelebt wird.
Die Flucht in die Schaffung solcher
pseudoökonomischer Erhobene -
Zeigefinger - Wörter wie ,,Kaufrückhaltung"
zur vorbestimmten Lösung system- und Egoismen bedingter
Problemen wird zum fortschreitenden Kulturverlust führen, der
uns die niedrigsten Niederungen menschlicher Exzesse bescheren
wird. Manipulation und Indoktrination sind ebenso
kulturschädlich wie Raff- und Habgier, wie Unersättlichkeit
und unsozialer Eigennutz.
Nachtrag:
Wie rasch die Zeiten sich doch ändern - vor
kurzem noch war vom bösen Konsumenten die Rede, doch kaum dass
sich der politische, sprich wirtschaftliche Wind gedreht hat,
da können wir (un)willigen Kaufmaschinen verständige Worte aus
dem Munde der Meinungsvervielfacher vernehmen, die wie
Seelenbalsam auf dem wunden Herzen eines jeden
kaufpflichtbewussten Deutschen wirken:
„Der deutsche Konsument macht genau das
Richtige". Ist das nicht fantastisch? Haben wir
also doch alles richtig gemacht, indem wir nicht mit
umgestülptem Eurobeutel die Anbetungshallen des Konsums
gestürmt haben - oder sind unsere Geldtaschen etwa gar nicht
so entleert wie vermutet?
„Die Deutschen sind
sparsamer geworden, so viel steht fest. Doch die vielen
Horrormeldungen von mangelnder Konsumlaune oder gar Kaufstreik
führen in die Irre. Die Deutschen sind einfach vernünftiger,
als mancher Händler es gern hätte", wer hätte Anfang
2005 noch mit solch behutsamer Einfühlung gerechnet?
Dies alles wird bald nur noch eine böse
Ahnung der Erinnerung an Vergangenheit sein, dann können wir
uns endlich wieder dem wahren Leben zuwenden, welches uns
besagter Artikel der StZ (280/2005 S. 13) mit folgendem
Szenarium aus der schönen heilen Konsumerlebniswelt natürlich
auch gleich nahe bringt: „Menschenmassen
schieben sich durch die [.]straße, ganze Trauben von Männern
und Frauen, beladen mit Taschen und Einkaufstüten, drängeln
aneinander vorbei. Ab und zu bleibt jemand stehen, reckt den
Kopf und versucht, nach Luft zu schnappen wie ein Fisch auf
dem Trocknen. Doch die Menge will keine Pause, kein
Verschnaufen. Unermüdlich wird von hinten, von rechts und
links geschubst, immer neue Köpfe tauchen aus den Tiefen [..]
empor. [Die halbe Stadt], so scheint es, befand sich am
vergangenen Samstag im Weihnachtskaufrausch."

lesen Sie hierzu auch
<Vermögensverhältnisse
in Deutschland>
siehe auch:
Asozial,
Antiamerikanismus, Faschismus,
Gerechtigkeit,
Kaufrückhalt,
Neid, Verschwörung
© peter bechen
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