| Auslegung: Schon die
alten Mediziner benutzten ihr Latein zur
Abschottung ihrer eigentlichen Intensionen.
In
der gleichen Tradition dient auch der Begriff
,Globalisierung' der Benennung einer moralisch
zwiespältigen, wirtschaftlich forcierten
gesellschaftlichen Entwicklung, deren
folgenschweren Verschiebungen im sozialen
Machtgefüge der Nationen, und der einzelnen
Gesellschaftsschichten untereinander,
verschleiert werden. Er suggeriert technische
Omnipotenz, zielt aber auf Isolierung des
gemeinen Individuums. Über seine retorisch
geschliffene Anwendung wird dem Nichtinformierten
auf der Basis des Mißverständnisses Akzeptanz
abgeluchst. Er ist in seiner Bedeutung keineswegs
harmlos.
Der
amerikanische <Professor
Chalmers Johnson> erhellt der
Grundbedeutung dieses Schlagwortes:
,,Das Bündnissystem der Vereinigten Staaten
umfaßte fast den ganzen Rest der Welt -
Regionen, in denen die USA Verantwortung für die
Aufrechterhaltung einer nicht näher definierten
»günstigen militärischen Situation«
übernahmen (heute spricht das Pentagon statt
dessen lieber von »Stabilität«) und auf freien
Zugang für multinationale amerikanische
Unternehmen und amerikanische Investoren
bestanden (amerikanische Volkswirtschaftler
nennen das heute »Globalisierung«)."
|
Enzyklopädische
Definition:
.
| Der Begriff ,Globalisierung'
ist ein Schlagwort der Politik, Ökonomie
und Soziologie zur Bezeichnung
transnationaler vernetzter Systeme,
Gesellschaften und Märkte. Wirtschaftstheoretisch
bedeutet Globalisierung den Aufbau
weltweiter Finanzmärkte für Aktien,
ermöglicht durch die neuen
Informationstechniken.
Die soziologische Definition
legt ihren Schwerpunkt auf das gemeinsame
Handeln, Zusammenleben über Distanzen
hinweg. Dies schafft Orte ohne
Gemeinschaft und Gemeinschaften ohne Ort
(ein globales Dorf ohne reale
Identität).
Wesentliches Merkmal von
Globalisierung ist der Verlust der an
Souveränität der Nationalstaat (bislang
jedoch noch allerdings mit der Ausnahme
der USA). Die finanziellen Ressourcen,
die politische Gestaltungsmacht, die
Möglichkeiten der Informations- und
Kulturpolitik der ursprünglich
individuellen Nationen schwinden im
gleichen Maß wie die Identifikation
ihrer Bürger.
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|
Diese
Sichtweise wird durch Johann - Günther König's
,Alle Macht den Konzernen' (ro ro ro, ISBN 3 499
22486 0) erweitert:
,,«Vergeßt
alles, was ihr über [.] Globalisierung gehört
habt», bedeutete 1997 das Wall Street Journal
seinen Lesern. «Was wirklich passiert, ist die
Amerikanisierung.» Und aus der Zentrale
des deutschen Bundesverbandes der
Unternehmensberater war zu hören: «Machen wir
uns nichts vor. Es ist ein amerikanisches
Geschäft» (Capital 12/1997). Daran besteht seit
der breiten Einführung des Shareholder - value -
Konzepts und anderer betriebswirtschaftlicher
Theorien «made in USA» kein Zweifel. Es spricht
freilich viel dafür, daß die «amerikanischen
Methoden» schlicht die derzeit effektivsten
kapitalistischen Gestaltungsmittel sind.
Gesellschaftlich folgenlos bleiben sie
bekanntlich nicht: Der fortschreitende Zerfall
der US-Gesellschaft in Reich und Arm ist genau
dieser Methodik geschuldet, und wir
Kontinentaleuropäer müssen nur in unsere
Geschichtsbücher schauen, um festzustellen, daß
ein radikaler Manchesterkapitalismus durchaus
keine Erfindung der Amerikaner ist. Im übrigen
reicht ein Blick in das von Lady Thatcher
«harvardisierte» EU - Land Großbritannien, um
die Auswirkungen eines von sozialen Skrupeln
befreiten Kapitalismus vor Augen zu haben. Unter
den frühindustrialisierten Nationen ist
Großbritannien diejenige mit der höchsten
Armut.Das Unbehagen [...] an dem vom
internationalen Kapital rasant vorangetriebenen
Umbau der Industrie- und
Dienstleistungsunternehmen zu rein
renditegetriebenen Entitäten nimmt zu."
.
Peter
Köpf spricht in diesem Zusammenhang von der ,,Karriere
eines Kampfbegriffs".
Als
nähere Definition formuliert er:
,,Technologische
Entwicklungen und politische Entscheidungen haben
seit Anfang der achtziger Jahre [...] eine
wachsende Verflechtung der nationalen
Volkswirtschaften ermöglicht. [...] Eine »Welt
ohne Grenzen« soll es bald nicht nur für
Güter, sondern auch für Personen,
Dienstleistungen und Kapital geben. Freier
Handel, so ist die Überzeugung des
Theoriekonzepts, das dieser Politik zugrunde
liegt, soll zum größtmöglichen Wohlstand aller
Völker führen. [...] (siehe <Neoliberalismus>)
Grundlegend
kennzeichnen fünf Faktoren die
Internationalisierung der Wirtschaft:
- Der Austausch findet auch
bei mobiler gewordenen
Produktionsfaktoren statt.
- Dienstleistungen können
zunehmend standortungebunden angeboten
werden.
- Die internationalen
Finanzströme sind exorbitant
angeschwollen.
- Die Zahl der lukrativen und
zugleich »sicheren« Standorte hat
zugenommen.
- Über das Internet erreichen
auch Kleinstfirmen heute internationale,
weitentfernte Markte.
[...]
Der grenzenlose Markt taucht auf am Horizont, er
birgt Chancen und Risiken. Das Schlagwort, mit
dem diese Entwicklung beschrieben wird, heißt
Globalisierung [... die] grenzenlose[.] Welt,
[... das ] »globale[.] Dorf«. [...]
Auf
Grund der bereits heute erkennbaren Auswirkungen
der Globalisierung, wie Arbeitslosigkeit,
Sozialabbau und verschärfe internationale
Konkurrenz, insbesondere aus Asien [und gut
getarnt aus den USA (Anm. P.B.], gibt es
genügend Gründe, sich Sorgen vor einer
globalisierten Welt zu machen: Bisher
hochsubventionierte Branchen werden wohl im
Wettbewerb mit günstigeren Anbietern endgültig
unterliegen. [...]
Tatsächlich
ist es so: Wer seine Kosten bei der Beschaffung
von Kapital, bei Löhnen und Gehältern, für die
Nutzung der Infrastruktur und der Umwelt
verkürzt, erwirbt im globalen Wettbewerb
Vorteile. Wer die Exportwirtschaft protegiert und
keine freien Gewerkschaften zuläßt, ist
attraktiv für Investoren (China, Südkorea,
Singapur, Indonesien). In Indonesien etwa wurde
eine Arbeiterin, die einen Streik plante,
gefoltert und ermordet, ebenso ein
thailändischer Gewerkschafter. Und in China
werden Strafgefangene zu Zwangsarbeit
verpflichtet: ein repressives, häufig korruptes
Polizeisystem unterdrückt jegliches Streben nach
höheren Löhnen oder mehr Gerechtigkeit. Die
Sicherheitsnormen sind auch in den 47.000
chinesischen Betrieben ausländischer Investoren
so locker, daß es immer wieder zu Unfällen
kommt. 1993 wurden rund 20.000 Arbeitnehmer bei
Industrieunfällen getötet. Rund 200 Millionen
Kinder arbeiten weltweit.
Aus
Pakistan wird von fünfjährigen Kindern
berichtet, die von sechs Uhr morgens bis sieben
Uhr abends für 20 Cents pro Tag schuften. Wer
beim Schlafen ertappt wird, dem wird ein Bußgeld
von 60 Dollar auferlegt.
So
zynisch es klingt: All das sind für die
Ökonomie Standortvorteile [die auch als
Druckmittel] gegen die Belegschaft im Stammland
eingesetzt werden kann und wird.
In
einer grenzenlosen Welt prallen zwei Kulturen
aufeinander, die bisher getrennt waren. Der
Kulturkampf zwischen individualistischer
westlicher und fundamentalistischer östlicher
Welt = Christen gegen Moslems oder MCWorld versus
Dschidad."
Die
aktuellen Entwicklungen bestätigen bereits
eindrucksvoll die Richtigkeit der Köpf 'schen
Analyse.
Textzitate
aus: aus Peter Köpf, Stichwort Globalisierung,
ISBN 3-453-14851-7
Lesen Sie hierzu auch <Transnationale Konzerne> und
<Konzerne:
Geschichte - Methoden - Macht - MAI>
Für denjenigen, der hierzu
basisorientierte Informationen sucht und dabei
auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen
möchte, empfiehlt sich ein Blick auf die Seiten
von
http://www.attac-netzwerk.de
http://www.indymedia.de/globalisierung
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