S i l v i o - G e s e l l


gesell.gif (2562 Byte)geboren  am 17. 3. 1862 in St. Vith, Malmédy, gestorben am  11. 3. 1930 in Eden bei Oranienburg. Der Argentinier deutscher Abstammung war  Geldreformer und hierdurch auch Begründer der Freiwirtschaftslehre. Er forderte eine Marktwirtschaft mit vollständiger Wettbewerbsfreiheit, ohne Staatseingriffe und kaufkraftbeständiges Geld auf der Basis einer Indexwährung.

(soweit die lexikalische Definition)

Der in St. Vith geborene Sozialreformer Silvio Gesell (1862-1930), der als junger Kaufmann in Argentinien mit wachen Augen das Auf und Ab der Wirtschaft beobachtete und analysierte, [...] forderte, das Geld so vergänglich zu machen wie die Waren. Um dem Geld die Hortbarkeit zu nehmen und seinen Jokervorteil zu neutralisieren, schlug er vor, Kassenhaltung mit Kosten zu verknüpfen, das Geld auf diese Weise unter Angebotsdruck zu setzen, ihm "Beine zu machen". Wie die Standgebühr bei Gütenvaggons würde eine solche Liquiditätsabgabe den stetigen Geldumlauf sichern und den Grundzins verschwinden lassen.

(aus Christen für gerechte Wirtschaftsordnung:
Damit Geld dient und nicht regiert; ISBN 3-9806271)

Ein Stück Lebensgeschichte soll
das Wirken von Silvio Gesell verdeutlichen:

Im politischen Vakuum der Nachkaiserzeit im Herbst 1918 übernahmen in vielen Teilen Deutschlands sich bildende Arbeiter- und Soldatenräte die Macht infolge einer Demokratisierungswelle. Ihre Gegenspieler wurden die sich aus den Parteien bildenden Landesregierungen.

In dieser Zeit ist Silvio Gesell zum Volksbeauftragten für Finanzen der Räterepublik Bayern ernannt worden.

In Bayern war Kurt Eisner von der Unabhängigen SPD Ministerpräsident geworden, der versucht hat, Elemente der Räterdemokratie mit denen der repräsentativen Demokratie zu vereinen. Er wurde durch ,,rechte" Kräfte ermordet. Es bildete sich die erste Bayrische Regierung der Volksbeauftragten, in der vorwiegend Vertreter des libertär- anarchistischen Flügels der Arbeiterbewegung mitwirkten. Die Regierung Hoffmann, Eisners unmittelbarer Nachfolger, floh unter dem Druck des revolutionären München nach Bamberg und zog von dort aus Reichswehr und Freikorps zusammen.

Der Rat beschloß Silvio Gesell als Volksbeauftragten der Finanzen zu berufen, denn die Mitglieder der Räteregierung kannten Silvio Gesells Vorschläge zur Neuordnung eines sozialen Geldwesens und hofften auf dessen Weg das Geld zum Regieren erwirtschaften zu können. Am 7. April 1918 nahm Gesell sein Amt an. Die Arbeit der Volksaufklärung übernahm der Jurist Prof. Karl Polenske, da Gesell diese Aufgabe als vordringlich empfand, um die geplanten Reformen durch eine verstehende Bevölkerung abzusichern. Entsprechend lautete seine erste Presseerklärung:

,,Der Volksbeauftragte für Finanzen Silvio Gesell hält es für dringend notwendig, die breiteste Öffentlichkeit stets aufs genaueste über alles das zu unterrichten, was im künftigen Geldwesen geschehen wird. Es darf nicht das Geringste geschehen, was nicht das ganze Volk klar übersehen kann, denn nur so ist es zu vermeiden, daß bei jeder öffentlichen Beunruhigung große Scharen aufgeregter Menschen sich vor den Schaltern der Banken drängen, um dort Geldpapier zu holen. Als wir vor Jahren voraussagten, daß Banknoten genauso würden gehamstert werden wie früher das liebe Gold, da wollte man es uns nicht glauben. Heute kann es jeder mit Händen greifen. Hätte rechtzeitig eine restlose Aufklärung des ganzen Volkes bis hinunter zum einfachen Arbeiter über Ziele und Methoden der staatlichen Geldverwaltung eingesetzt, dann wären solche kopflosen Handlungen ganz unmöglich."

Durch tägliche Presseartikel begann Prof. Polenske die Volksaufklärung.

Es wird auch angedeutet, daß es ,,zwischen [.] Kapitalismus [...] und [.] Marxschen Sozialismus [...] noch [...] die Freiwirtschaft [gibt]."

Bei der Schaffung eines kaufkraftstabilen Geldes erhielt er vom Rat der Volksbeauftragten Rückendeckung, der seinerseits zwischen der Regierung Hoffmann, die von Bamberg aus die Niederwerfung der Revolution vorantrieb und zwischen dem radikalen, kommunistischen Flügel der revolutionären Bewegung eingekeilt war, die ebenfalls den Sturz der libertär- anarchistischen Räteregierung anstrebte.

Die Gesell´schen Erlasse wurden mitunter in der Weitergabe zerstückelt, mißverstanden weitergegeben oder regelrecht verfälscht, wie z.B. das Telegramm an den Chef der Reichsbank:

"An das Reichsbankdirektorium, Berlin. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Räterepublik Bayern und der Reichsregierung stellt uns vor die Frage, ob wir auch in Bezug auf die Währung selbständig vorgehen sollen. Die Übertragung des diplomatischen Bruches auf das Geldwesen würde den Wiederanschluß in beklagenswerter Weise erschweren. Ich will mit durchgreifenden Mitteln die Währung sanieren, verlasse die Wege der systemlosen Papiergeldwirtschaft, gehe zur absoluten Währung über und bitte um Bekanntgabe Ihrer Stellungnahme.
Silvio Gesell
der Volksbeauftragte der Räterepublik Bayern für das Finanzwesen.
München, den 10. April 1919".

In vielen Zeitungen war der Satz: ,,Verlasse die Wege der systemlosen Papiergeldwirtschaft" einfach weggelassen, in anderen das Wort "Papiergeldwirtschaft" in "Bargeldwirtschaft" umgewandelt worden.

Die Fälschung der Gesellschen Depesche begünstigte die Inflation, denn das bayerische Volk verkannte dadurch, auf welche Weise Gesell Ordnung in das Geldwesen zu bringen versuchte, denn eine systemlose Papiergeldwirtschaft führte, ähnlich dem Beispiel des revolutionären Frankreich im 18. Jahrhundert, immer mehr in den Zusammenbruch einer wüsten Assignatenwirtschaft hinein. Durch seine Maßnahmen wären die Kreise derer gestört worden, die an dieser systemlosen Papiergeldwirtschaft schuld waren und ein Interesse daran hatten, da sie erst noch daraus ihre gewaltigen Differenzgewinne ziehen wollten.

In einem der ersten Aufklärungstexte wurden Grundfakten von Inflation und Deflation vermittelt und das Ziel der Festwährung und die Schwierigkeiten der Durchführung beschrieben :

"Es ist eine gestaffelte Vermögenssteuer vorgesehen, die so aufgeteilt wird, daß sie bei möglichst günstigem Ertrag eine möglichst gerechte Verteilung der Lasten schafft. Leider ist das vorerst dadurch sehr erschwert, daß uns keine brauchbare Vermögensstatistik zur Verfügung steht. Wir werden trotzdem mit möglichster Beschleunigung ein Projekt für die große Vermögensabgabe vorbereiten." Es wurde erklärt, daß dabei Alte, vermindert Arbeitsfähige, Kriegsbeschädigte und Hinterlassene gefallener Soldaten aufs beste versorgt werden sollen.

,,Was bedeutet "absolute" oder "feste" Währung? Jedermann, der nicht im Trüben fischen will, muß von der Währung seines Landes verlangen, daß die Kaufkraft des Geldes sich dauernd gleichbleibt, daß das Geld ,,währe". Ist das nicht der Fall, steigt oder fällt die Kaufkraft des Geldes von Zeit zu Zeit, so ist die Währung eine schwankende, eine relative. Bleibt sich dagegen die Kaufkraft des Geldes dauernd gleich, so ist die Währung eine feste, eine absolute.

Allerdringendste Aufgabe der Währungspolitik eines Staates ist es also, für eine feste oder absolute Währung zu sorgen. Eine solche Währung würde die meisten Unruhen, Sorgen und Hemmungen beseitigen, die die bisher schwankende Währung über unser Volk gebracht hat, insbesondere die völlig einsichtslose Währungspolitik der Regierungen vor dem Umsturz und nach dem Umsturz.
1. Absolute Währung würde für die Arbeiter und Festbesoldeten bedeuten, daß Löhne und Gehalt dauernd den gleichen Wert für den Bezieher behalten: er wird nicht, wie das bisher der Fall war, alle paar Monate nach Lohn und Gehaltserhöhung streben müssen, einzig aus dem Grunde, um für mehr Geld, als er bisher bekam, ebensoviel Wohnung, Kleidung, Vergnügen usw. zu bekommen wie bisher.

2. Ebenso würde für die Pensionäre und Rentner die absolute Währung bedeuten, daß Pensionen und Zinsertrag immer die gleichen Werte für sie behalten: sie würden also nicht, wie bisher, hilflos zusehen müssen, wie sie sich trotz gleichbleibender Geldeinnahmen von Jahr zu Jahr immer mehr einschränken müssen.

3. Für die Bauern bedeutet die absolute Währung, daß sie sowohl beim Einkauf wie beim Verkauf der in der Landwirtschaft erzeugten und benötigten Artikel in einer ganz anderen Weise als das bisher der Fall gewesen ist, dauernd mit festen Preisen rechnen und diese für alle Zukunft zur Grundlage ihrer Wirtschaft machen können.

4. Für die Unternehmer, Fabrikanten, Handwerker und Kaufleute bedeutet die absolute Währung, daß sie nicht bei jeder ihrer geschäftlichen Maßnahmen ständig unter dem Druck leben, daß durch das Schwanken der Währung, wie es bisher unvermeidlich war, ihre Berechnungen über den Haufen geworfen werden.

5. Demnach bedeutet für die Volkswirtschaft die Einführung der absoluten Währung eine wesentliche Voraussetzung für die Wiederkehr des wirtschaftlichen Vertrauens: ohne absolute Währung werden Landwirtschaft, Industrie und Handel nie zu freier und voller Schaffenskraft kommen.

6. Daher bedeutet das für den Volksbeauftragten für Finanzen, daß ohne Einführung der absoluten Währung die natürlichen Steuerquellen des Landes nie wieder so reich und leicht fließen werden, wie es die Erfüllung der Staatsaufgaben erfordert.

Noch mit der Einnahme der Stadt München durch Hoffmansche Reichswehr, wurden Gesell verhaftet, freigelassen und am 4. Mai für mehrere Wochen verhaftet. Der Staatsanwalt bereitete ein Standgerichtsverfahren gegen Gesell vor. Er wurde noch vorher gegen Kaution freigelassen, die von Freunden im In- und Ausland besorgt wurde. Es wurde ein Anwalt gefunden, der sich so in das Gedankengut Gesells einarbeitete, daß er überzeugend Gesell verteidigte, so daß dieser von der Anklage des Hochverrats freigesprochen wurde.

Zur folgenden Papiergeldpolitik der Reichsbank äußerte sich Gesell:

,,Über unseren Häuptern hängt der Papiergeldgtetscher von 40 Milliarden - der Gletscherbruch ist unvermeidlich, wenn nicht bald wirksame Maßnahmen ergriffen werden. [...] In der Volkswirtschaftslehre gelangt eine richtige Lehre erst dann zur Anerkennung, wenn sie den Interessen einer mächtigen Partei entspricht, und nur solange, als sie mächtig ist; wird eine andere mächtig, so gelangen auch die irrigsten Lehren wieder zu Ansehen, sobald sie den Interessen der Mächtigen zu dienen geeignet scheinen."

Zur Frage, warum er das ihm angetragene Amt übernahm, äußert sich Gesell:

,,... sollte ich nur an meine Sicherheit denken, nachdem mir die Pflicht den Weg zeigte, den ich ging? Wer solches von mir fordert, der hat sicherlich in seinem Leben noch niemals empfunden, was sittlich Pflicht ist, der hat keine Vorstellung von dem, was es heißt, vom Schicksal als Lastträger einer der Menschheit gehörenden Wahrheit erkoren oder besser gesagt, verurteilt worden zu sein und noch dazu einer Wahrheit von solcher Tragweite wie diese. Seit 3000 Jahren, seit Lykurg suchte man nach der Quelle des Zinses. Vergeblich. Mir gelang es, sie im herkömmlichen Geld festzustellen. Lange Jahre war ich in Sorge, daß ich verunglücken könnte, ehe ich meinen Fund seinem rechtmäßigen Eigentümer ausgehändigt hätte, ehe es mir gelänge, den Bann des Totschweigens zu brechen. Seit 30 Jahren bin ich ganz bestimmt nicht ein einziges Mal zu Bett gegangen, ohne mich zu fragen, was ich noch tun könnte, um meinen Schatz loszuwerden, ihn zum Gemeingut zu machen. Wahrhaftig, keinem Christophorus ist je ein so schweres Kind auf die Schulter gebürdet worden!

Und nun, da mich das Proletariat aufforderte, sollte ich mich, mein ganzes Leben verleugnen, sollte ich das Proletariat verraten?

Sie werden zugeben, daß das zuviel von mir verlangt wäre, und daß, wenn die Gesetze meine Handlung mißbilligen, in diesem Falle nicht ich, sondern das Gesetz mir zu weichen hat. Über allen Gesetzen, über dem Staat und seinen provisorischen Interessen steht das Ewige, der nach dem Kompaß des Gewissens handelnde Mensch. Weg mit den Gesetzen, die dem Menschen nicht gestatten, sich als Mensch zu gebärden. Der Mensch, nicht der Staat, ist das Maß aller Dinge,"

Gesell schließt seine Anklage gegen Staat, Wissenschaft und Reichsbank:

,,Ich greife den Zins wirksam an, ich habe die verwundbare Ferse des Kapitals entdeckt. Wenn Sie mich verurteilen, wird Shylock sein Wort wiederholen können: "Dies ist der närrische Gesell, der Geld umsonst auslieh. Acht auf ihn, Schließer!" (Kaufmann von Venedig) Sämtliche Börsenspieler und Wucherer, Schutzzöllner und Müßiggänger werden Ihnen begeistert zujubeln, und Sie werden sich der Liebkosungen des Gesindels nicht erwehren können. Sprechen Sie mich dagegen frei, so nehmen Sie Partei für den Finanzminister, für die besitzlose Arbeiterwelt, für die Bauern. Moses, Lykurg, Pythagoras, Licinius, die Kirchenväter werden Ihnen verständnisvoll zunicken, sich ein letztes Mal im Grabe herumdrehen und nun endlich die ewige Ruhe finden. ..... Erinnern Sie sich der Aussage Brentanos. Die Lehre vom Zins ist nicht nur eine Frucht wissenschaftlicher Forschung; sie ist das Scheidewasser für edle und unedle Geister, aber daneben auch, solange es noch Menschen gibt, die sich vom Zins, vom fremden Arbeitsertag nähren, politisches Gift, gefährlichster Korruptionsstoff. Und da möchte ich Ihnen, m. H., um Schaden von unserem Gerichtswesen abzuwenden, raten: Halten Sie sich fern von diesem Gift, tragen Sie es nicht in den Gerichtssaal hinein. Berühren Sie Silvio Gesell nicht. Er hat für Sie als Richter die Räude, ist aussätzig. Jeder Richter, der sich an diesem Manne vergreift, besudelt sich und seinen ganzen Stand. Heraus aus dem Gerichtssaal mit der Theorie des Zinses! Hände weg von Silvio Gesell."

Silvio Gesell wollte die Kriegslasten gerecht auf alle Vermögen umlegen. Zur Goldwährung zurückgekehrt lieferten Parteien, Regierungen und Reichsbank mit Beginn der zunächst in den USA ausgebrochenen Deflation (dort private Geldhortung als Folge eines bis auf die Rentabilitätsgrenze gefallenen Zinsfußes, wiederum Folge der guten Konjunktur, der sieben fetten Jahre von 1921-28, genannt Prosperity/Wohlstand) durch erneute Verpflichtung des Reiches auf die Goldeinlösung der Reichsmark (Youngplan), die Wirtschaft und den Staat den Gesetzen der Goldwährung aus und trieben das Reich in eine schwere Deflation.

Ausführlich über "Silvio Gesell in München 1919" hat Rolf Engert seine Erinnerungen niedergeschrieben, die nach dem Tode Engerts dessen Frau aus der DDR in die Bundesrepublik brachte und die 1986 vom Gauke Verlag veröffentlicht wurde.

(basierend auf Georg Ottos Artikel im INWO - Rundbrief Sommer 1999
[Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung e.V. Frankfurt])

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