gerecht, Gerechtigkeit


"Gerechtigkeit" ...

... ist wieder in aller Munde, mal ideologisch, mal idealistisch, von allen Seiten benutzt, immer passend zum jeweiligen Weltbild.

So auch dieser Tage in einer renommierten Hamburger Wochenzeitung. Im Kontext mit Studiengebühren war zu lesen, dass es gegenüber weniger Gebildeten, also gegenüber den Handwerkern und Einfachberuflern ungerecht sei, wenn diese über Steuern die "kostenlose" Bildung der Studierenden finanzieren, während sie gleichzeitig weniger verdienen, als später die bis dahin dann Hochgebildeten, die durch das gewissermaßen geschenkte Studium in höher qualifizierte Berufe mit höherem Einkommen gelangen. Das einfache Volk finanziere also das Studium derer, die vom Leben bevorzugt seien, denn die Mehrzahl der Studenten rekrutiere sich aus Häusern einkommensstarker Familien. Die zukünftig erhobene Studiengebühr würde demgemäß für einen gerechten Ausgleich sorgen. In den längst vergangenen und für viele heute Lebenden auch schon unbekannten Zeiten der Wirtschaftswunderjahre, als damals händeringend nach Bildungsnachwuchs für die Wirtschaft im Konkurrenzkampf des Kalten Krieges gesucht wurde, galt es hingegen als ungerecht, wenn Arbeiterkinder sich aus Mangel an monetärem Vermögen im Elternhaus kein Studium leisten konnten, weil Studiengebühren erhoben wurden. So erschließt sich auch hier der Wandel des Begriffs "Gerechtigkeit" in der öffentlichen Wahrnehmung und wohl auch Indoktrination. Nebenbei bemerkt, auch in Zeiten der Erhebung von Studiengebühren profitieren vor allem solche Familien, welche die Politik in unserem Lande zu beeinflussen vermögen; wie sonst ist zu verstehen, dass ein Großverdienender durch sein "ewiges Kind" als Langzeitstudent über den Steuerjahresausgleich prozentual mehr von der Gemeinschaft zu ernten vermag, als ein Wenigverdiener, der mit kargem, mühsam erwirtschafteten Einkommen seinem "verspäteten Kind" ein Studium mit Hängen und Würgen möglichst noch auf die Schnelle als Quereinsteiger ermöglicht?
 

Opus justitiae pax *
 Resultat der Gerechtigkeit sei Friede


Unser sozialdemokratischer Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt erhob bereits im Jahr 1998 in seinem Buch "Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral" die Begriffe "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität" zu drei wichtigen deutschen Leitworten/werten (siehe hierzu Seite 175 ff, ISBN 3-421-05150-X), um nur wenige Zeilen weiter sein Suspekt gegenüber der Gleichheit unter Menschen zum Ausdruck zu bringen. Steckt hinter diesem Ressentiment etwa der innere Konflikt, dass doch nicht jeder Mensch gleich sein kann - soll - darf? Also doch nur Chancengleichheit, die in unseren Tagen politisch so schön schönfärberisch mit "Teilhabe" umschrieben wird? Ist nicht etwa jeder Gestrauchelte selbst schuld, dass er nichts aus sich macht bzw. gemacht hat - oder etwa doch nicht? Bereits eine Seite danach zitiert Helmut Schmidt unter dem Aspekt "Moral" das Grundgesetz, genauer dessen erster Artikel: Die Würde des Menschen sei unantastbar - macht das doch einmal einem unter einer Brücke oder auf einer Parkbank nächtigenden Obdachlosen klar (siehe hierzu auch George Orwell:
Down and Out in Paris and London (Erledigt in Paris und London)), oder auf der Gegenseite einem eleganten Mitglied unserer feinen, kulturbeflissenen Gesellschaft (siehe hierzu auch Kunst bei marktlex.de), welches sich gerade eben diskret über solche leidige, weil auch unberechenbare Kreaturen mokiert.

Zwischen geschriebenem Recht und Moral klafft augenscheinlich eine unüberbrückbare Kluft. Da es doch aber so unendlich schwer ist, sich in den Himmel der humanitären Ideale eines Gutmenschen zu erheben, oder aber auch ganz einfach sich einmal mit dem Neue Testament, genauer mit dem von Selbstlosigkeit geprägten liebevollen Weltbild eines Jesus Christus eingehender zu beschäftigen, der seine Lebensformel nicht auf die materialistisch ausgelegten Gesetze des Alten Testaments reduziert, vergewaltigen wir nur zu gern die tiefe Bedeutung von Gerechtigkeit. Eigentlich meinen wir zwar nicht die ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffs, die sich nur auf die Regelung gesellschaftlichen Zusammenlebens durch Rechtsformeln bezieht, sondern dessen moralisch ethische Komponente und benutzen diese mit gleichzeitig versteckt erhobenem Zeigefinger zur Durchsetzung eigener Ansprüche gegen die eines anderen mit dem Druckmittel so genannter Anständigkeit.

Justiz
(lat. justitia = die Gerechtigkeit, von justus = gerecht, rechtlich, gesetzlich)

 
Eigentlich steckt in diesem Begriff zuerst einmal doch nur die Bedeutung "dem Recht gemäß". Das Recht, das sind die "Buchstaben des Gesetzes", ein von Menschen geschaffenes Regelwerk, das im Verlauf der Geschichte der Menschheit vor allem von Hierarchiespitzen geschaffen worden ist, um mit Hilfe der Paragraphenkonstrukte Pfründe gegenüber erstarkenden einstmals Unterprivilegierten abzusichern. Als mystisch magische Funktionsgarantie haben sich solche Herrschaften dazu meist auch gleich noch den göttlichen Segen mit dazu geben lassen. So hat das Recht den von Gottes Gnaden seit ewigen Zeiten schon bevorzugten bei aus humanitärer Sicht unmoralischen Absichten gedient und war somit eher als moralisch ungerecht(fertigt) einzustufen.

Doch was ist in Gottes Welt schon gerecht? Was können kleine Tiere dafür, dass sie als unbedeutend gelten, obwohl sie existenziell sind, und deshalb von größeren gefressen werden (können)? Ist gerecht, dass ein Mensch früh sterben muss und der andere dagegen uralt wird? Ist gerecht, dass die einen immerzu nehmen, aber andere dafür bluten müssen? Gottesgläubige neigen an dieser Stelle auf die Verschiebung des Sinnes in ein anderes SeelenLeben in einer anderen Welt zu verweisen, wodurch Gerechtigkeit erst dann eine scheinbar ewig währende Bedeutung erhält. Jedoch, eine solche Welt mag zwar erahnbar sein, unabdingbar zwangsläufig ist sie aber eben doch nicht.

Kann sich Gerechtigkeit also nur im Hier und Jetzt erfüllen? Ein hier im Westen viele Jahre lang nur hinter vorgehaltener Hand diskutierter materialistisch geprägter Ökonom definierte die Formel, dass die Geschichte der Menschheit die Geschichte des Klassenkampfes sei. Wäre es nicht verständlicher gewesen, dieser Mann hätte auf die Wirkung der beiden Lebensprinzipien aufmerksam gemacht, die das Überleben und die Lebensgestaltung aller Lebewesen bestimmen - das Raubtierprinzip und das Herdentierprinzip. Weniger zoologisch verhängnisvoll ausgedrückt ist hier von so genannten "Starken" und "Schwachen" die Rede. Der alte Rockefeller soll einmal geäußert haben, dass er es für gotteslästerlich halte, wenn Schwachen geholfen werde, denn schließlich habe Gott ja Starke und eben auch Schwache geschaffen und damit deren Schicksal bestimmt. Aber Gott hat auch dafür gesorgt, dass niemand und nichts für immer stark sein mag - allein schon Altern und Krankheit schaffen schicksalhafte Grenzen. Unter "Stark" ist ja auch nicht körperliche Stärke zu verstehen, sondern die psychische Fähigkeit, ohne Skrupel den Schaden eines anderen zur Durchsetzung egozentrischer Interessen in Kauf nehmen zu können. Die körperlichen Kräfte leihen in hierarchischen Systemen bekanntermaßen die Unterprivilegierten ohne nachhaltigen eigenen Nutzen und ohne eigene (Er-)Kenntnis des Gesamtzusammenhangs.

Ausschließlich in einer von moralischer Intelligenz durchdrungenen, ethisch hoch entwickelten Welt ist möglich, sich über die von Gott dem Primitiven gesetzte Grenzen hinauszuwachsen, sich unanmaßend zu erheben, um der eigentlichen, der [nichtstaatsrechtlichen (s. Def. u.)] moralischen Komponente des göttlichen Begriffs "Gerechtigkeit" nahe zu kommen. Diese Art von Erwachsen werden fordert die allmächtige Dynamik Gott von uns Menschen, wenn er verlangt, seine Erde untertan zu machen, wer oder was auch immer Gott sein mag. Wer sich mit der Gleichheit eines Menschen schwer tut, ist vom Göttlichen, ist von der unantastbaren Würde lebensweit entfernt. Noch bedeutsamer und unendlich schwerer ist, diese Lebensphilosophie auf alles Lebendige auszudehnen.

Moral ebenso wie Gerechtigkeit kann keinesfalls Mittel zur Definition eines Standpunktes sein, sie ist Entscheidung für ein Lebensprinzip, das auf Nächstenliebe gründet.
 

Gerechtigkeit = gemäß dem Recht, möglicherweise also ohne moralische Grundlage. Das Recht aber ist vom Prinzip her der Wahrheit verpflichtet = Wahrhaftigkeit, und

diese wiederum gewinnt ihre Bedeutung aus der Moral = Überlebenssicherung als Gemeinschaft nicht als "Wolf".
Die Gemeinschaft allerdings ist zuweilen schwer zu ertragen, weil sie eben nicht unbedingt immer und/oder ausschließlich auf der Basis der Weisheit letztem Schluss beruht, wodurch eben gerade vorgebliche Gerechtigkeit zur puren Vorteilsbeschaffung (=korrupt) transformiert wird.
 

Was wir Menschen real aus Gerechtigkeit in unserer Menschenwelt machen, für welchen Weg und welches Lebensprinzip wir uns tagtäglich entschieden, ist für sensible Menschen allgegenwärtig deutlich sicht- und spürbar.

peter bechen


Für Sie gelesen:

  • [irdische] Gerechtigkeit ist ein Grundwert des menschlichen Zusammenlebens ...
     
    ... Zustände, Ordnungen, Handeln von Menschen, das an ethisch-sittlichen Normen ausgerichtet ist ...
     
    Eine klare und eindeutige Definition des Begriffs Gerechtigkeit' ist bis heute nicht gefunden worden und sie wird wohl auch nie gefunden werden können.
     
    Es ist keinem Menschen gegeben, „das Wesen der Gerechtigkeit [voll] zu erfassen ...
     
    ...und [...]die Frage nach der Herkunft des [irdischen] Rechts zu beantworten.
     
    Das Wort Gerechtigkeit wird häufig mit einem Zusatz versehen, [...] z. B. soziale Gerechtigkeit, Preis- oder Lohngerechtigkeit etc.
     
    ... ergibt sich, [...] ob etwas gerecht oder ungerecht ist, [.] von den [.] (veränderlichen) Wertvorstellungen und Wertordnungen [.] und auch beim Handeln im Rahmen der Gesetze, also des Rechts die Möglichkeit besteht, mit der Idee der Gerechtigkeit in Widerspruch zu geraten, da [..] Gesetze geschaffen werden können, die [..] ungerecht sind, und [... andere], die [...] anfänglich gerecht sind, durch Veränderung der ursprünglichen Verhältnisse zu [..] Ungerechtigkeit werden können.


  •  
  • Ideal [...] das der Idee entsprechende Musterbild, Vorbild.
     

  • Ideologie [...] „Ideenlehre" [...] Bezeichnung für sakrosankte Lehrsysteme oder Lehrgebäude verwendet, deren Voraussetzungen und Konsequenzen diskussionslos und ohne Zweifelsäußerung angenommen werden [...] durch bloße Bejahung. Typisch für ideologisches Denken ist [...] Zielorientiertheit, [...] elitäre[r] Wahrheitsanspruch[. ...] Mono-Erklärungen ([.] Patentlösungen) [...] dass Ziele ohne Rücksicht [.] auf [.] Opfer angestrebt werden.
    [...]
    Man kann Ideologien als strategische Mittel und als Mittel zur Ausübung von Macht benutzen.
     

  • Moral [ ausschließlich aus der Sicht eines Staatsrechtlers = ]  sittliche Grundhaltung, Gesinnung, Sittlichkeit, Sittenlehre ... [.] hat ordnende Aufgaben [...] üb[t ...] auf den einzelnen subjektiven Druck aus, der von der Ausbildung seines Gewissens abhängt und in diesem Maße bindend wirkt. [...] eine strenge Scheidung von Rechts- und Moralordnung ist nicht möglich. Der Einfluss der Moral auf die Rechtsordnung ist groß. Gleichwohl ist das Recht, das allenfalls vom Durchschnittsgeist' ausgehen kann, viel bescheidener und genügsamer als die Moral. Es gibt sich mit einem ethischen Minimum' zufrieden und knüpft damit an der unteren Grenze dessen an, was moralisch zu fordern ist [...] Eine „Kombination" von Rechts- und Sozialethik versucht man [...] recht erfolgreich mit der Schaffung und dem systematischen Ausbau des Rechts- und Sozialstaats. Es gibt nur eine Moral und keine doppelte. D. h. für angebliche oder wirklich „geniale" oder außergewöhnliche Menschen („Führernaturen") darf es in der Politik und im Geschäftsleben, auch nicht im Kulturbereich eine andere oder besondere Moral geben. „Was moralisch falsch ist, kann politisch niemals richtig sein"

aus:

Albert Aschl
Staats- und verfassungsrechtliches Lexikon
ISBN 3-8029-7189-2

incl. die mit * markierten Zitate

 

Eine kleine Anmerkung zum Schluss:

Ein Beispiel für soziale Gerechtigkeit

Strafmandate, Energiekosten, Eintrittspreise in öffentliche Gebäude, wie z.B. Museen etc., Krankenhaus- und Arzt- und Wiederherstellungs- Honorare werden prozentual nach dem Einkommen vor Steuer des Betreffenden oder noch besser nach dessen jeweiliger Wohnung, bzw. dessen Wohnungen berechnet, z.B. ein Mensch mit vielen Wohnsitzen wird das Sechsfache, einem Villenbewohner das Fünffache, einem Normalhausbewohner das Vierfache, einem Miethausbewohner das Dreifache, einem Mietwohnungsgast in ruhiger, gehobener Umgebung das Zweifache, einem Mieter an einer lauten Strasse der Einfache und einem Sozialhilfeempfänger der 0.5 fache Hebesatz usw. zu allen Grundkosten berechnet.

Es bleibt zu vermuten, dass gerade bei Vermögenden diese Vorstellung nicht auf besondere Gegenliebe stößt, da diese großen und kleinen Welten(be)Herrscher sich ja schon so von der ach so ungerechten Steuerprogression ausgenommen fühlen, die bekanntlich in Schweden wesentlich progressiver ausfällt, als bei uns in Deutschland. Aber das sind natürlich sozialistische Tendenzen aus Gesellschaftsversuchen, die zwischenzeitlich an genau den Egoismen zugrunde gegangen sind, die kapitalistische Wirtschaften scheinbar blühen lassen. Mit sozialer Gerechtigkeit hat der unbeschränkte Kapitalismus freilich nichts am Hut, sozialen Frieden gibt es bei ihm nur durch die Ausbeutung der Schätze der Natur (siehe Goethe's Trick bei Faust mit der Schaffung von Geld als Optionsscheine auf ungehobene Schätze, um dem König Vorteile, sprich Bequemlichkeiten für die ausschweifende Lebensführung zu verschaffen), unter Verschwendung der Option auf Zukunft.  

die Vermögensverhältnisse in unserem Land und anderswo

lesen Sie hierzu auch
<Vermögensverhältnisse in Deutschland>


siehe auch:

Asozial, Antiamerikanismus, Faschismus, Gerechtigkeit, Kaufrückhalt, Neid, Verschwörung

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