( E
u r o p ä i s c h e r ) B i n n e n ma r k t
| Auslegung: Der flexible Binnenmarkt
aus
,Alle Macht den Konzernen'
ro ro ro, ISBN 3 499 22486 0;
mit freundlicher Genehmigung des Autors
<Dr. Johann Günther König> entnommen.
Die von der <Kommission>
als ,größtes Deregulierungsprojekt in der Geschichte' gefeierte Herstellung des
gemeinsamen Binnenmarktes ist gelungen. Alles fließt nun wie von den Konzernen gewünscht
- grenzenlos und flexibel zu den wirtschaftlich rentabelsten Bereichen. Zugleich sorgte
der Binnenmarkt gleichsam aus dem Stegreif für eine bis heute rauschende Firmen -
Fusionswelle und nicht zuletzt dafür, daß die größeren Unternehmen ihre zersplitterten
Produktions- und Vertriebsstätten ,konsolidieren' konnten, indem sie sie gezielt auf
wenige und strategisch günstig gelegene Standorte konzentrierten. Martin Bangemann,
Vize-Präsident der Kommission, betonte 1993 denn auch ganz im Sinne seiner
Industrieklientel:
,Dem steigenden Wettbewerbsdruck müssen die europäischen
Unternehmen mit einem wachsenden Kostenbewußtsein begegnen, damit sie auch weiterhin im
Markt Erfolg haben. Dabei genügt es nicht mehr, sich nur an europäischen Maßstäben zu
messen. (...) Die internationale Wettbewerbsfähigkeit hängt zunehmend von der Fähigkeit
ab, die Fertigungsprozesse zu optimieren. Dabei liegen die größten
Produktivitätsreserven in einer verbesserten Arbeits- und Ablauforganisation. Der
Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg liegt heute nicht mehr nur im Erfindungsreichtum,
sondern auch in der Fähigkeit, diesen schneller und besser als die Konkurrenz in eine
serienmäßige Fertigung umzusetzen. Dazu gehören flexible Herstellungsverfahren sowie
eine engere Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern' (Kommission 1993).
Die Folge des Deregulierungsprojekts waren deutlich
größere Produktionsvolumina, eine höhere Arbeitsproduktivität sowie eine bessere
Auslastung der Kapazitäten. Europas größter Konsumgüterkonzern Unilever (Becel, Du
darfst, Rama, Lux, Omo, Vim, Signal, Elisabeth Arden etc.) unterhielt zum
Beispiel Anfang der 1980er Jahre noch 13 Werke in 13 verschiedenen europäischen Ländern.
1989 hatte der <Konzern> im Hinblick auf die Vollendung des Binnenmarktes die Fertigung
bereits auf lediglich vier Länder konzentriert. Einmal abgesehen von den damit erzielten
Kosteneinsparungen führte die Schließung der Unilever-Werke in den anderen neun
europäischen Ländern zum ersatzlosen Wegfall der dort angesiedelten Arbeitsplätze. |
Enzyclopädische Definition
Alle <Märkte> einer
Volkswirtschaft zusammengefasst, auf denen Güter für den inländischen Verbrauch
gehandelt werden, nennen wir Binnenmarkt. Dabei ist es unerheblich, ob diese Güter
im Inland oder im Ausland produziert und von dort importiert werden. Somit ist
verständlich, dass zwischen dem Binnenmarkt des jeweiligen Landes und dem Weltmarkt die
unterschiedlichsten wechselseitigen Abhängigkeiten bestehen.
Durch den
Zusammenschluß der einzelnen nationalen Märkte der zwölf Mitgliedsstaaten der
Europäischen Gemeinschaft (EG) am 01. Januar 1993
zum gemeinsamen Europäischen Binnenmarkt, erhält dieser Begriff eine über die einzelnen
Volkswirtschaften hinausgehende Bedeutung.
Ziel der Europäischen Union ist ein Raum ohne Binnengrenzen, der den freien Verkehr von Waren,
Dienstleistungen, Personen und Kapital gewährleistet. Dies soll die Möglichkeit der
protektionistischen Außenwirtschaftspolitik einzelner Staaten verhindern, die durch
importhemmende Zölle Importgüter zum Schutz der inländischen Wirtschaft und deren
Produkte verteuern.
Unter einem Gut
wiederum verstehe ich ein Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Hierbei
interessieren uns im wesentlichen die wirtschaftlichen Gütern, die in der
Regel knapp = begrenzt sind, da sie ja erst hergestellt und darauffolgend zu einem
vereinbarten Preis auf dem <Markt> gehandelt werden
müssen, im Gegensatz zu den freien Gütern, die praktisch unbegrenzt vorhanden,
z. B. Sonnenlicht, jedenfalls heute noch, denn viele ehemals freie Güter
entwickelten sich mit der Zeit durch übermäßigen Verbrauch zu knappen, wirtschaftlichen
Gütern (z.B. Trinkwasser), aber auch durch Monopolisierung (Land) und
Umweltverschmutzung (Luft, Wasser). Da Güter sowohl materiell als auch immateriell
sind, lassen sich wirtschaftliche Güter als Sachgüter und Dienstleistungen
oder Rechte u.s.w. unterscheiden.
Die Gesamtheit aller
pro Jahr in einer Volkswirtschaft hergestellten Güter ergeben das Bruttosozialprodukt.
Nach Abzug aller Güter von Bruttosozialprodukt, die das im Produktionsprozess
verschlissene Realkapital (beispielsweise Maschinen) ersetzen, erhält man das
Nettosozialprodukt oder Volkseinkommen.
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| Seit
der Öffnung des Binnenmarktes werden jedenfalls mit wachsender Begeisterung
,Betriebsstätten mit nachhaltig ungüstigen Bedingungen' im Zuge von
Konzentrationsstrategien geschlossen. Die Unternehmen gebieten schließlich ,über
vielfältige Optionen, um auf bestimmte Standortvor- und -nachteile wirtschaftlich und
flexibel reagieren zu können' (Voßschulte 1992). Wie flexibel die Konzernleitungen
mittlerweile auf den Binnenmarkt reagieren, hat sich europaweit herumgesprochen. Bereits
der kleinste Hinweis auf irgend einen ,Standort-Nachteil' zwingt inzwischen vielerorts die Beschäftigten auf das Nagelbrett
schmerzhafter Lohn- und Leistungskürzungen oder gleich in eine ungewisse Zukunft als <Zeitarbeitskräfte> und Erwerbslose. "Deutsche" <Konzerne> beherrschen diese Klaviatur übrigens nicht nur im Inland, wie
ein Blick in die Zeitung zeigt: ,[... hatte] Bernd
Pietschetsrieder [...] der Vorstandsvorsitzende von BMW einer Delegation von drei
englischen Gewerkschaften ein Zugeständnis abgetrotzt, das die Arbeitervertreter hart
schlucken ließ: In Zukunft können im Werk Longbridge der britischen BMW-Tochter Rover
wie auch in Deutschland Autos an sechs Tagen der Woche gefertigt werden. Die Arbeiter
gehen im Schnitt vier Tage zur Arbeit, jeweils neun Stunden. Samstagsarbeit und
Überstunden werden nicht mehr mit Zuschlägen bezahlt... Die eigens in die
BMW-Konzernzentrale nach München gebetenen Gewerkschafter hatten kaum eine Wahl. In
seinem bayerisch gefärbten Englisch hatte der... Konzernchef den Briten klargemacht, daß
das Rover-Werk bei Birmingham mit 13000 Beschäftigten sonst dicht gemacht werde"
(SZ, 30.11.1998).'
Müßig zu erwähnen, daß rund 5000 Rover-Beschäftigte
die Produktivitätssteigerung mit dem vorgezogenen Ruhestand bzw. der Arbeitslosigkeit
bezahlen. Gleich "dicht gemacht" wurde 1998 im nordenglischen Newcastle die
brandneue, vielfältig subventionierte und 1997 von Königin Elisabeth II.
höchstpersönlich eingeweihte Chip-Fabrik von Siemens. Damit gehen der ohnehin arg
gebeutelten Region mehr als tausend angeblich zukunftssichere High-Tech-Arbeitsplätze
verloren. Mit der ,harten Entscheidung', wie Vorstandsmitglied Ulrich Schumacher fast
schon einfühlsam formulierte, reagierte Siemens auf die Absatzprobleme im
Halbleiter-Markt. (Andere Hersteller übrigens auch: Fujitsu schloß inzwischen eine
gleich nebenan gelegene Fabrik und Hyundai stornierte die Pläne für eine
Chip-Produktionsstätte in Schottland.)
Die englische Presse zeigte sich wenig erbaut und
schlußfolgerte, daß Siemens wohl lieber die Fabrik in Newcastle als das Chip-Werk in
Dresden schließt: "Da besinnt sich eine multinationale Firma auf ihre nationalen
Wurzeln", hieß es. Inzwischen hat Siemens durch die Ankündigung, die
Halbleiter-Sparte in eine eigene Gesellschaft auszugliedern und an die amerikanische
Börse Nasdaq zu bringen, diese Unterstellung wohl entkräftet. Vorstand Schumacher
betonte denn auch: "Ich sehe keinen Vorteil darin, eine deutsche AG zu sein" -
er hält nämlich die deutschen Tarifstrukturen "für hinderlich" (FR,
13.11.1998).
Des einen Freud' ist des anderen Leid, können wir
angesichts der Tatsache schlußfolgern, daß in irgendeinem Unionsland Arbeitsplätze -
und damit ein Stückchen Wohlstand - zunächst erhalten bleiben, während andere
europäische Arbeitnehmer (und die betroffenen Kommunen) das Nachsehen haben. Freilich
laufen die uns antrainierten nationalen Schuldzuweisungen schon deshalb ins Leere, weil
der auf Rationalisierungs- und Konzentrationsprozesse gestützte europäische Binnenmarkt
ja den Banken und Konzernen zunutze sein soll - und die sind bekanntlich dazu da, ihren
Eigentümern Gewinne zu erwirtschaften.[...]
Die Globalisierung der Weltmärkte fest im Blick, setzten
die europäischen Regierungspolitiker 1987 die Einheitliche Europäische Akte (EEA) in
Kraft und machten so die im <Weißbuch>
der Kommission vorgesehenen Maßnahmen zum verbindlichen europäischen Gesetz. Die
Einheitliche Europäische Akte besiegelte den Erlaß hunderter Rechts- und
Verwaltungsvorschriften (Richtlinien), die mittlerweile auch überwiegend in nationales
Recht umgesetzt worden sind. Nur die einstmals angestrebte Steuerharmonisierung läßt
noch viele Wünsche offen. So weisen zum Beispiel Mehrwertsteuersätze, Verbrauchssteuern,
Einkommens- und Unternehmenssteuern der Mitgliedstaaten immer noch erhebliche Spannbreiten
auf und begünstigen einen Steuerwettlauf nach unten, der Arbeitsplätze kostet." |
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